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Karl (Leberecht) Immermann: Münchhausen - Kapitel 111
Quellenangabe
typefiction
booktitleMünchhausen
authorKarl Immermann
year1977
publisherCarl Hanser Verlag
addressMünchen
isbn3-446-12435-7
titleMünchhausen
pages3-788
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1839
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Dreizehntes Kapitel

Der einzige praktische Charakter dieses Buches erreicht seinen Zweck

Die letzten Verhandlungen zwischen dem Schriftsteller und Semilasson waren ohne einen anderen Zeugen als den schlafenden Helden, um dessen Ruhestatt die Ereignisse sich in so stürmischem Wirbel drehten, vor sich gegangen. Der alte Baron war nämlich noch vor dem Scheiden der Interessenten stillschwärmend aus der Stube gewankt, mit den Fingern vor sich hin gestikulierend, die Söllertreppe hinauf. Sein altes Gehirn stand dem vereinten Angriffe so vieler Abenteuer nicht länger, es wich und gab der Zerstörung nach. Oben auf der Gerichtsstube begann er ein gefährliches Werk, unbemerkt, denn in dem Schlosse achtete jetzt keiner auf den anderen.

Karl Buttervogel hatte sich dagegen, als die Interessenten an Münchhausen und der Bürgermeister sich zum Kampfe rüsteten, in dieser Aufregung und Verwirrung leise hinter dem Bette empor und in das Fenster geschwungen, wo die Leiter von den drei Unbefriedigten her noch angelehnt stand. Katzengeschwinde setzte er seine Füße auf dieses erwünschte Fluchtmittel und klomm darauf mit ungemeiner Schnelligkeit draußen hinunter, festen Willens, das Schloß, in welchem er so trübe Erfahrungen gemacht hatte, nie wieder zu betreten. Auch in ihm war während der vorangegangenen drangvollen Momente eine große Veränderung geschehen. Die Ohrfeige, welche er zum Segen empfangen, und dann der angedrohte Pistolenkolben hatten ihn gänzlich hergestellt und in die ihm gewiesenen Schranken zurückgeführt. Karl Buttervogel war ein durchaus praktischer Charakter; die Täuschungen des Gefühls und der Einbildungskraft konnten ihn auch wohl eine Zeitlang mitnehmen, aber die Wirklichkeit blieb seine Lehrerin und Freundin.

Sein Streben ging jetzt nach dem Gartenhause auf dem Schneckenberge, aber die größte Furcht hatte er, dem Fräulein zu begegnen. Denn alle Gedanken an eine Verbindung mit ihr, an seine Fürstenwürde und an Hechelkram waren aus ihm herausgeohrfeigt worden und selbst auf fernerweite gute Verköstigung wollte er lieber verzichten, als immer einem Manne gegenüberstehen, der auf eine so schmerzliche Art sich weigerte, ihm Vater zu werden.

Der Himmel hilft dem, der mit Ernst sich vorsetzt ein neues Leben zu beginnen. – Als er von der Seite in den Garten lugte, sah er den Schneckenberg von seiner Geliebten unbesetzt. Sie war in ihrer ungeduldigen Erwartung auf die Entscheidungen aus dem Schlosse aufgestanden, hatte den Berg verlassen und ging unten im Garten zwischen den ausgewachsenen Taxuswänden mit großen Schritten hin und her, immerdar die ersten beiden Verse ihres Schicksalsliedes singend.

Karl Buttervogel schlich, um ganz sicher zu verfahren, entlängs der Hecke außen durch die Dornen, kroch abermals durch das Loch in der Hecke, rutschte, um nicht gesehen zu werden, auf dem Bauche den Schneckenberg hinan, fand zu seiner größten Freude oben den Sauerbraten unversehrt, nahm ihn eiligst und schlüpfte damit schleunigst in sein Gartenhäuslein. Dort geborgen dankte er zuvörderst Gott, daß ihm in dem Schiffbruche seiner Hoffnungen wenigstens dieser Tröster geblieben sei. Dann aber faßte er den Entschluß, der ihm wie durch eine Erleuchtung von oben kam. Er beschloß nämlich, die Verbindung mit dem Freiherrn, die zu seinem Naturell und Wesen ihm immer unpassender zu werden schien, zu lösen, mit anderen Worten, unverweilt und auf der Stelle ganz und gar fortzulaufen. Es gibt Orte, an welchen die Leute, wie in der Höhle des Trophonius, erhabenen Wahnsinn zu sprechen anfangen, wenn sie dieselben betreten; dieses Gartenhaus schien dagegen bestimmt zu sein, die Insassen zur gesunden Vernunft zurückzubringen. Der Schulmeister Agesel hatte darin einst sich und seinen Verstand gefunden, Karl war der zweite, dem zwischen diesen Wänden ein Licht über seine eigentliche Lage aufging.

Er entsagte der Aussicht auf die technische Mitdirektorschaft und fühlte bloß, daß er ein Bedienter sei, dem sein Herr vor wenigen Tagen den Lohn vollaus bezahlt habe, und der ein Paar Stiefeln von jenem in Verwahrung führe, die ihm für das seitdem Verfallene Bezahlung seien. Rasch seine Siebensachen zusammenpackend, den Tornister auf den Rücken hängend, die Stiefeln Münchhausens darüber geschnallt, den Sauerbraten nicht vergessend, sondern ihn in die Serviette stürzend, erspähte er den Augenblick, wo Emerentia zwischen den Taxuswänden dem Gebirge Taygetus den Rücken wendete. Jetzt sprang er mit Tornister, Stiefeln und Sauerbraten zum Gartenhause hinaus, das Gebirge hinunter, kroch wiederum, nun aber zum letzten Male durch das Heckenloch, fühlte sich im Freien und frei, hielt sich aber nicht auf, sondern lief was er laufen konnte durch Dornen, Disteln und Gesträuch, bis er atmend eine freie Anhöhe erreichte, auf der er stillstehend sich umblickte. Er sah niemand in der Nähe und beschloß daher die Wanderung nun gemütlicher fortzusetzen, vorher aber sich durch eine Mahlzeit zu stärken.

Es war die Anhöhe, auf welcher die weiland Luftfabrik zu stehen kommen sollte. Jetzt setzte sich Karl Buttervogel darauf nieder und aß dort seinen Sauerbraten, der keine Luftgestalt war. So hatte dieser praktische Mensch einen wahren und reellen Vorteil aus dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr davongetragen, an dem Tage, an welchem den übrigen, die mit großen Erwartungen in dasselbe einzogen, dort nur Verfehlung, Enttäuschung, Schmerz über den großen Mann, der vor ihren Augen zwar nicht zum Himmel aber doch zu Hofe emporgehoben wurde, aufging. – Nachdem er den Sauerbraten verzehrt hatte, dankte er abermals Gott und ging dann, sich der ersten Herrschaft, die er auf seinem Wege finden möchte, als einen treuen und geschickten Menschen, der auch mit Pferden umzugehen wisse, anzubieten. Unterweges trug er sich nach seiner Manier wohl an die hundert Gründe vor, warum er weglaufe; genügend erschien schon der einzige, daß er sich vor ferneren Prügeln im Schlosse fürchtete.

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