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Muckenich's Reden und Thaten

Julius Stettenheim: Muckenich's Reden und Thaten - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMuckenich's Reden und Thaten
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag vbon Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleMuckenich's Reden und Thaten
pages140
created20090106
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Carnevalsfest-Bericht.

Mündlich erstattet am Stammtisch.

Ick bin im Jrunde keen Verjnügling, denn ick bin über die Jahre 'raus, wo man nich jenug Walzer kriejen kann. Aber dann und wann bin ick denn doch nich so, un denn halten mir keene zehn Pferde. Nämlich im Carneval, wenn dieser Prinz den höchsten Jrad erreicht hat, denn tanze ick jerne mal in den Tag hinein. Ick war also janz froh, wie ick jestern meinen ollen Freund Starkow treffe, der zu mir sagt: Muckenich, komme heute uf det Carnevalsfest in unser Stammlokal, nämlich in die lustige Beule, Du wirst Dir wie'n Schneekönig amüsiren, so wahr ick Maßmann heeße. Schön, sage ick, lieber Schnake, ick weeß zwar nich, wie sich Schneekönige amüsiren, aber wenn Du meenst, denn komme ick. Un so jing Schlaberg weg un sagt noch: Du wirst anjerissen kommen, Muckenich, denn wird's aber faul. Deine Frau lasse zu Hause, et sind Damen 4 in Menge vorhanden, un Maske brauchst Du ooch nich. Et is zwar ne Maskerade, aber wer so was an hat, der hat Unanjenehmes zu erwarten, indem det Jehaue leicht in Thätlichkeiten ausartet, was persönlich verletzt. Un so trennten wir uns, nämlich Malkow un ick.

Jejen Abend werfe ick mir also in Ballcostüm, det heeßt: ick bürste meine olle jelbe Weste, kloppe meinen Hut aus, hole meinen Leibrock vom Boden, lasse meine Frau zu Hause und jehe in die lustige Beule. Wie ick ankomme, dreht das Orchester schon den neuen Walzer aus Nanon, und et wird schon scharf jetanzt. Der Saal sah feenhaft aus und war theils mit Bogenpetroleum, theils mit Jlühstearin erleuchtet. Von Damentoilette verstehe ick nischt, dajejen hatten die Männer meist schon ihre Röcke in der Jarderobe abjejeben, so daß man nich sehen konnte, ob sie keenen Frack oder keenen Jehrock anhatten. Unser oller un jernjesehener Freund Mummicke trug 'n einfaches Jlas Punsch, während sein Mund mit 'ner jlänzenden Sechsercijarre jeziert war. Appel war wie jewöhnlich der Liebling der Damen, joß ihnen Bier uf die Kleider und klatschte ihnen dann Beifall uf'n Nacken zu. Er hatte das einfache Costüm seines ältesten Bruders anjelegt, weshalb er ooch wie'n Tafeldecker aussah.

Wie ick nu so durch den Salon schlendere, sehe 5 ick Starkow unter irjend einem Tisch liejen. Ick sage also zu ihm: Du hast jesagt, ick werde anjerissen kommen, Du bist ooch so'n Mahdi, denn ick bin so nüchtern wie möglich, während Du Dir schon 'nen jehörigen Urmenschen anjedrunken hast. Wie kannst Du mir Mahdi nennen! sagt er. Wenn ick unter'n Tisch rauskomme, denn wirst Du was erleben. Et folgte nu ne etwas peinliche Scene, indem sechs Mann über Eenen herfielen, während ick dieser Eene war. Dabei schrien sie, was mir infiele, wie ick den Ball stören un Starkow Mahdi nennen könnte. Kerl, sage ick zu Malkow, det nennst Du, ick werde mir wie'n Schneekönig amüsiren? Ja, sagten die sechs Mann hoch, so amüsirt sich 'n Schneekönig! un ehe ick noch uf de Straße war, flog ick aus det Lokal raus. Nu jing ick natürlich wieder rin und erklärte ihnen, wat denn eejentlich Mahdi bedeutet. Mahdi, sagte ick, is der falsche Prophet in Ejipten. Det hatten sie nich gewußt. Warum ick det nich jleich jesagt hätte. So nahmen sie mir die janze Jeschichte nich weiter übel, un der Ball nahm seinen Fortjang.

Jejen Mitternacht trat 'ne Pause ein, weil die meisten Damen in die Küche jejangen waren un Bleiwasser uflegten. Die Herren hatten nämlich die leidige Jewohnheit, in Stiefeln zu tanzen, was nich jeder Damenfuß vertragen kann. Nu konnte ick die 6 Jesellschaft in Ruhe mustern. Et war wirklich keene Maske erschienen. Bloß Herr Oelkopp jing mit 'nem Strick in der Hand herum un sagte, er wäre als Richter von Zalamea jekommen. Det jefiel sehr, denn dann un wann legte er einem Balljast den Strick um den Hals un zog zu, was denn alljemeine Heiterkeit hervorrief. Hier un da kriegte der Richter von Zalamea ooch meist 'ne Ohrfeige, wodurch denn det Jelächter den sojenannten Höhepunkt erreichte. Un nu erfuhr ick denn endlich, daß det Fest »Der Ball der Schneekönige« hieß, bloß wußte Keener, was denn eejentlich 'n Schneekönig is. Mir konnte man dodtschlagen, ick wußte et nich.

Um zwee Uhr bejann der Ball wieder, nachdem der Schutzmann Ruhe jestiftet hatte. Ick habe nämlich verjessen zu berichten, det eine furchtbare Differenz ausjebrochen war, indem der Richter von Zalamea doch endlich zu komisch wurde un nach der Charité befördert werden mußte. Im Uebrigen verlief det schöne Carnevalsfest unjestört, un erst in der vierten Morjenstunde bejaben sich die letzten Jäste nach der benachbarten Sanitätswache, um sich den ersten Verband anlejen zu lassen.

Meine Herren, die Schneekönige sollen leben!

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