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Morton oder die große Tour

Charles Sealsfield: Morton oder die große Tour - Kapitel 9
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleMorton oder die große Tour
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zweiter Teil

I.
Der Geldmann.

(London.)

Gerade drei Monate fünf Tage nach der Abfahrt des Swiftfoot, um vier Uhr zwanzig Minuten nachmittags, waren Seine Herrlichkeit Lord Arbuthnot im Begriffe, ein kleines Gäßchen zu durchsegeln, das von Broadstreet buildings tiefer hinein in das Labyrinth von –street führt.

Seine Herrlichkeit hatten Ihren Wagen am Eingange von Broadstreet buildings vor einem der sogenannten achtbaren Handlungshäuser stehen gelassen und bemühten sich soeben nach Kräften, das Ziel Ihrer Reise zu erreichen; ein Vorhaben, das für Ihre Herrlichkeit mit einiger Schwierigkeit verbunden war, da Ihre Herrlichkeit bereits dreimal in diesem fatalen Jahre einen Gewaltangriff vom Zipperlein auszustehen gehabt hatten; eine Folge der übeln Gewohnheit, behaupteten Seine Herrlichkeit, die gediegenen englischen Weine mit allzuviel Kognak zu versetzen, welche Behauptung aber Seine Herrlichkeit eigentlich von Sir Halford zu entlehnen beliebten, welch genannter Sir Halford in diesem sowie in vielen anderen Punkten Ihre Autorität war. Seine Herrlichkeit beeilten sich auch um so mehr, zu dem Ziele Ihrer Wünsche zu gelangen, als eine unheilschwangere Wolke sich über dem Haupte Seiner Herrlichkeit zeigte, die Ihre Herrlichkeit zu durchnässen drohte.

Ein Lakai mit einem vollkommen zwei und einen halben Yard langen goldbeknopften spanischen Rohre hatte Seine Herrlichkeit ins Schlepptau genommen, und es war nicht ohne einige Schwierigkeiten, versicherten sie, daß es ihnen allmählich gelang, sich in die Querwindungen dieses heillosen Labyrinthes hinein zu finden; ein Umstand, der um so verdrießlicher war, als die ganze hohe Bemühung nur eine Visite zum Zwecke hatte; eine Angelegenheit, die Seine Herrlichkeit Ihren Getreuen zu überlassen um so mehr gesonnen gewesen waren, als der Gegenstand dieser Aufmerksamkeit ein bloßer Amerikaner war, dem aber einige Attention zu bezeigen Seine Herrlichkeit wieder um so mehr bewogen wurden, als derselbe von hoher Familie, mit einigen der ältesten Pairsgeschlechter in Verbindung stand, auch bereits mehrere Lords, Viscounts und selbst Marquis das Exempel eines solchen exzeptionellen Besuches statuiert, auch Seine Herrlichkeit noch einen besonderen Beweggrund zu diesem Besuche hatten. Seine Herrlichkeit waren nämlich von jener großherzigen Partei, die die schwere Bürde, das Volk der drei Königreiche zu beglücken, auf ihre Schultern geladen hatte. Sie waren eigentlich nicht selbst im geheimen Rate, aber Sie hatten die Anwartschaft auf einen der wichtigsten Posten, die in diesem glücklichen Lande der Freiheit Sinecures genannt werden, und Seine Herrlichkeit hatten daher, um Seine Gnaden den regierenden Herzog zu verbinden, sich sehr gerne herbeigelassen, diesem jungen, stolzen Republikaner um so mehr die Ehre einer Präliminarvisite zu erzeigen, als es hieß, daß derselbe auf eine ganz besonders ausgezeichnete Weise vom Präsidenten dieser fatalen Republik berücksichtigt werde; einem wirklich recht fatalen Manne, geruhten Seine Gnaden, der regierende Herzog, und mit ihm, als einer sehr respektablen Autorität, die ganze Peerage zu sagen; einem recht fatalen Manne, der von seinen inkonvenanten Gesinnungen gegen die Hauptmacht der fünf großen Mächte nur zu eklatante Beweise gegeben hatte.

Der junge Amerikaner war, so hieß es ferner im John Bull und der Morning-Post, zwei bekanntlich sehr respektablen, zuverlässigen Blättern, in einer der prachtvollsten Fregatten der jungen Republik herübergekommen, und man wisperte sich gleichzeitig in die Ohren – in einer sehr epineusen Angelegenheit herübergekommen.

Nun hatte es mit der Fregatte zwar seine Richtigkeit, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß es nicht der junge Amerikaner, sondern von seiner Regierung abgesandte Depeschen gewesen, die auf diese Weise in das alte England befördert worden waren.

Die Voraussendung dieser Umstände dürfte notwendig sein, um dem Leser die Unwahrscheinlichkeit wahrscheinlich zu machen, daß zwei Marquis, vier Earls, sechs Viscounts und sieben Barone oder, wie sie schlechthin genannt werden, Lords, einem unserer Mitbürger in London und, was noch weit mehr sagen will, in einem der entlegensten Gäßchen der City, nicht sehr weit von Smithfield, selbst eigene Besuche abgestattet haben sollten.

Seine Herrlichkeit waren nun das Gäßchen durchgesegelt und aus diesem in jenes Chaos trostloser Backsteingebäude gelangt, das sich von Broadstreetbuildings nördlich und nordwestlich hinaufzieht; eine wahre Wüste von Mauermassen, aus denen der belebende Geist des Menschen gewichen und nur das Haben und Soll zurückgeblieben zu sein scheint, wo eine ewige Grabesstille herrscht, die nur selten durch den bedächtigen Tritt eines Bankdieners oder den ächzenden Keuchhusten einer lahmen Haushälterin unterbrochen wird. Selbst der in Gold vergrabene Handelsmann, der hier einen Teil seiner Tageszeit verbringt, kommt hier nicht im raschen Kabriolett angefahren, er schleicht mit zur Erde gesenktem Blicke, als wollte er durch diese quasi Parade von Ökonomie lauernden Rivalen seine Kreditwürdigkeit recht anschaulich vor Augen bringen.

Der Lakai Seiner Herrlichkeit Lord Arbuthnots hatte bereits vor zehn Häusern gehalten und an die trostlos erblindeten Fenster hinaufgestiert, vergebens bemüht, ihre inneren Bewohner zu erspähen. Kein Kopf war zu sehen in den Fenstern, keine Stimme zu hören in der Straße. Kein Schornstein, aus dem der Rauch sich heimlich in das blaue Himmelszelt hinaufringelte. Die Drücker an den Türen waren vom Grünspan angefressen, die Fenster gebrochen oder erblindet. Dem dienstbaren Geiste Seiner Herrlichkeit schien bei hellem Tage unheimlich zu werden in diesem gruftartigen Viertel. Er war im Begriffe zu verzweifeln, als er auf einmal, wie der Matrose an der Spitze des Mittelmastes, laut aufschrie: »Wir haben es gefunden, Herrlichkeit!«

Und Seine Herrlichkeit kamen mit einem leise gemurmelten » d–n that yankee« heran und schauten empor zu den Fenstern, hinter deren hohen Brüstungen, die den Zeiten Karls II. angehören mußten, weiß- und rotseidene Vorhänge auf einigermaßen christliche Appartements schließen ließen, wie Seine Herrlichkeit bemerkte.

Fünf bis sechs rasende Schläge mit dem Klopfer kündigten den vornehmen Besuch an. Die Haustüre wurde durch ein seltsames Gesicht eröffnet.

» Mister Morton of Mortonhall zu Hause?« fragte der Lakai.

»Er ist«, war die Antwort, und dabei deutete das Wesen, das die Haustüre geöffnet hatte, auf die ersten Flügeltüren des Korridors und wandte Herrn und Diener den Rücken. Und während der Lord den Türsteher mit einem befremdeten Blick anschaute, öffnete der Diener die Flügeltüre.

Es war ein sonderbares Gesicht, dieses Türstehergesicht. Die Farbe war nicht grau und war nicht grün, und nicht rot und auch gelb nicht; aber es war ein Schmelz von allen Farben, etwas zauberartig Unheimliches war in dieser Farbe. Am meisten ähnelte sie dem drei Jahre im Salzwasser gelegenen Heringe, mit dessen Form auch die des Subjektes viele Ähnlichkeit hatte. Eine scharfe, lange Adlernase, die so spitzig auslief, daß man in Versuchung kam, sie für nachgemacht zu halten, wenn die rot glänzenden Punkte an der Spitze nicht ihre Verbindung mit der übrigen Persönlichkeit des Mannes dargetan hätten. Über dieser Nase war eine Stirne, die sich fuchs- und wieder löwenartig zusammenzog und ausbreitete, und darunter ein paar Augen, die ursprünglich graugrün gewesen sein mochten, aber nun ins Rötliche schillerten, entsetzlich schillerten. Diese Augen schienen ruhig in ihren Kreisen zu liegen, aber bei näherer Besichtigung hatte man Ursache, diese Ruhe der des Tigers zu vergleichen, der, zusammengerollt in einen Knäuel, auf die herannahende Beute lauert. Vom Munde war alle Sinnlichkeit gewichen, denn die Lippen waren ein bloßer Strich, höchstens von der Breite einer Linie. Kinn und Wangen waren ausgetrocknet, von einer seltsamen Form. Das ganze Wesen des Mannes hatte etwas eigentümlich Unheimliches. Er hatte sich zwischen die Türe in den Korridor hineingestellt, offenbar mit der Absicht, den zurückgebliebenen Diener aus dieser hinauszuschieben und dann die Türe zu verschließen; doch dieser behauptete seinen Posten mit echt englischer Dickköpfigkeit und stand, den Rohrstock mit dem Goldknopfe vor sich hingepflanzt, den Alten eine Weile vom Kopf bis zu den Füßen besehend, worauf er ihm den Rücken wandte.

Dieser schoß einen giftigen Blick auf den dickköpfigen Jungen und zog sich dann in die Tiefe des Korridors zurück.

»Seid der Portier?« fragte der goldbordierte Junge nach einer Weile, indem er mit dem Kopfe eine rückwerfende Bewegung machte und die Lippen schnauzenartig verlängerte, dem Alten jedoch fortwährend den Rücken zuwandte.

»Jetzt, ja«, sprach der Mann.

»Muß ein wunderbarer Kauz sein, der Amerikaner. Man sagt, er sei ein Gentleman? Hier zu wohnen? Kein Gentleman wohnt in der City, bloß das Volk.«

Der Alte gab keine Antwort.

»Hat er Geld?« fragte der Junge.

»Beiläufig vierzigtausend per annum.«

»Vierzigtausend? Wißt Ihr auch, was vierzigtausend sind? Viel Geld ist's, Mann. Mehr als Ihr und ich je zusammen haben werden«, schnarrte der Junge. »Mein Herr, der Viscount Arbuthnot, hat nur zehntausend –«

»Schilling«, versetzte der Alte. »Seht Ihr, Maulaffe, da den Franzosen?« fuhr der quasi Portier in zischendem Tone fort, auf einen zweiten Livreebedienten deutend, der soeben aus der hintersten Ecke der Straße herauf kam, »der steht nicht an der Türe und läßt sich von aller Welt begaffen, während sein Herr eine diplomatische Visite ablegt.«

Der Alte hatte, während er so sprach, sich wieder der Türe genähert.

»Wer ist sein Herr?«

»Der Prinz – ah! Und da kommt ein dritter, der mehr in seiner Rocktasche hat als dein Herr in seinem ganzen Vermögen.«

Und wirklich kam aus dem Gäßchen herauf ein junger Fashionable, dem man es auf tausend Schritte absehen konnte, daß er hochgeboren auf die Welt gekommen. Hohn und Stolz und die raffinierteste Selbstsucht hatten sich auf diesem Gesichte in der behaglichsten Breite hingelagert. Seine Augen blinzelten links und rechts an die Häuser hinan, mit einer ganz eigentümlich englischen fastidiousness. Als er die Stiege hinanschritt, entfuhr ihm ein leiser Ausruf des Ekels, der nicht gemindert wurde, als er den Alten ersah, bei dessen Anblick er wie erschrocken zurückprallte, mit unnachahmlicher Unverschämtheit jedoch sein Lorgnon hob, ihn einen Augenblick maß und ihn dann mit den Worten: Cut that vilain face, Hasse dies niederträchtige Gesicht. mit dem Stiele seiner Reitgerte auf die Seite schob.

»Morton nicht zu Hause?« wisperte er endlich mit einer seitwärts schnellenden Bewegung des Kopfes, ohne aufzublicken.

»Da kommt er selbst.«

Und es traten aus den Flügeltüren eines reich verzierten und möblierten Besuchzimmers drei einfach, aber nach der Mode gekleidete Gentlemen.

»Ah, Morton!« rief der Fashionable. » My Lord Arbuthnot, and Your Excellence my Prince, a, sehr erfreut, Sie zu sehen. Helfen Sie mir doch unseren lieben Morton aus diesem heillosen Schlupfwinkel nach Westend hinübertransportieren.«

»Versuchten alles, Mylord Flirtdown«, versicherte Lord Arbuthnot.

»Sind sehr entêtiert von dieser solitude, wollen nicht lassen von ihr«, fügte diplomatisch lächelnd der Prinz hinzu.

»Pah!« versetzte der quasi Portier. »Die Amerikaner ziehen es vor, mit kleinen Kugeln, achtundzwanzig auf das Pfund, ihre Rifles zu laden; treffen dabei ebenso richtig und kommen länger mit dem Blei aus.«

» 'pon honour!« lächelten die beiden Lords.

»Ihr Portier, Mister Morton«, versicherte der Prinz.

Und in demselben Augenblicke hielt der hochgeborene Mann auch inne und sah den Alten mit seinem starrsten, undiplomatischsten Blicke sprachlos an. Einmal holte er noch tiefen Atem, starrte den Mann nochmals an, als wollte er sich auch überzeugen, ob keine optische Täuschung stattfinde, und dann empfahl er sich so rasch, daß Lord Flirtdown kopfschüttelnd Morton ansah.

»Alle Teufel!« rief er, »wo ist Lord Arbuthnot?«

»Bereits gegangen; haben Sie ihn nicht gesehen?«

» 'pon honour! Seltsam. Die Welt ganz verkehrt. Mylord nimmt auf französische Weise Abschied und mon Prince auf englische. Was soll das? Doch kommen Sie, Morton. Haben wichtigere Dinge zu reden.«

»Kommen Sie, Flirtdown«, rief Morton in sorgloser Heiterkeit, und beide tanzten fröhlich durch die offenen Flügeltüren in das Besuchzimmer.

Es war Morton, derselbe Morton, den wir bereits kennen, aber nicht der Morton, der sich an der Werft der Walnutstreet in den Delaware und an der Nordstraße in den Susquehannah stürzen wollte; es war der aristokratische Sprosse des alten Virginiens, der, mit dem ganzen Stolze seines Mutterstaates Es ist kaum nötig zu bemerken, daß in der amerikanisch-englischen Sprache unter Mutterstaat, native state, stets der Geburtsstaat, hier Virginien, gemeint ist, – unter Mutterland, mother country, England. bewaffnet, nun im Lande seiner Ahnen angekommen, wie einer, der dem edeln Vaterhause einen Besuch abstattet. Der kalte Sarkasmus des selbstmörderischen Wahnsinnes hatte einem fein um die Lippen spielenden Hohne Platz gemacht, durch den der aristokratische Brite so unvergleichlich seine Erhabenheit über alle gemeinen Dinge dieser Welt an den Tag zu legen pflegt. Es war eine ungemein geistreiche Physiognomie, die aber mehr Kraft und altgriechische Schlauheit als Geist zu bergen schien; selbst Härte lag in der vollkommen griechischen Bildung dieses Gesichtes, den dunkelblauen, schwimmenden Augen, die, wenn sie einen Gegenstand fixierten, in eigentümlichem Feuer aufloderten, der fein geformten Nase und der vollblütigen Röte. Es leuchtete eine ungemeine Stärke aus diesem Gesichte, und wieder eine Kälte und ein Feuer, die wechselweise anzogen und abstießen. Es war eine ganz eigentümliche Physiognomie, noch eigentümlicher durch die herrlichen Formen der kräftig unverdorbenen Gestalt.

»Wissen Sie, Morton,« rief der Lord, der sich auf ein Sofa geworfen hatte und, sein Lorgnon ins Auge gedrückt, die beiden Hände malerisch in die Seite gestemmt, sich wieder erhob, um einen jungen Mann näher zu besehen, der auf einer gegenüberstehenden Ottomane in eine Morgenzeitung vertieft schien. »Wissen Sie, Morton? – Doch, was wollte ich sagen – oh, Morton, mir ist der Kopf so voll. Denken Sie sich, dreitausend, sage dreitausend, gestern. Pshaw! In einer Viertelstunde verloren. Verdammtes écarté! – Ja, was wollte ich sagen – ja, jetzt fällt mir's ein. Wissen Sie, daß Sie mit mir müssen. Komme eben von Tattersalls, ein prächtiges Tier gekauft, lumpige neunzig Sovereigns. Geht herrlich im Curricle. Müssen mit, wollen ihn im Hydepark probieren.«

»Erlauben Sie mir zuvor, lieber Flirtdown, Ihnen meinen Landsmann Ferrol of Ferrolton aufzuführen. Auf der großen Tour; Mister Ferrol! Lord Flirtdown.«

Und Mister Ferrol of Ferrolton erhob sich gravitätisch von der Ottomane und trat einen Schritt auf den Lord und dieser wieder auf ihn zu, und die beiden Jünglinge standen ernst und steif voreinander und verbeugten sich ebenso.

»Sehr erfreut, die Ehren zu haben, Mister Ferrol of – wie sagten Sie, lieber Morton –?«

» Ferrolton, my Lord Flirtgown«, sprach der junge Amerikaner mit starker Betonung.

» Flirtdown, Mister Ferrol of Ferrolton!« rief der Lord mit drohender Miene.

Und die beiden rückten sich abermals näher und schauten sich an und maßen sich, wie zwei Vierundsiebziger, die, auf Pistolenschußweite sich nähernd, ihre metallenen Schlünde plötzlich gähnen lassen.

»Alle Teufel! Was fällt Euch ein?« fuhr Morton auf, zwischen die beiden Antagonisten springend, »Sie Flirtdown – wissen Sie wohl, daß unser Ferrol von einer unserer ältesten Carolina-Familien ist, mit Ihren Morvilles verwandt, daß ihr Urahn wirklich von einem zweiten Sohne der Earls von Morwich abstammt, daß sein Haus ein sehr gutes Haus ist? Und du, Ferrol, wirst doch dein Entrée nicht mit Kugeln machen wollen?«

»Vergebung! Mister Ferrol of Ferrolton!« sprach besänftigt der Lord, »aber die Specimina Eurer Yankees, die wir hier zu schauen bekommen, 'pon honour! Sie glauben, weil sie Yankees sind, können sie sich mit unsereinem messen. Pshaw!«

»Pah! Habt recht«, versetzte Morton. »Wir geben selbst nicht viel um unsere lieben Brüder aus dem Norden. He! wie steht es nun mit unserem lieben W–d S–tt?«

»Ja, das lassen Sie sich erzählen, lieber Morton,« lachte der Lord. »Sehr amüsant, 'pon honour; kam da hinaufgeschlendert von Crokfords gegen Albemarlestreet; war just eine Broschüre über das Katholikenwesen erschienen. Wer kommt mir entgegen? Wer, als Euer General W–d S–tt, der uns in Newyork eine so heillose Zeche bezahlen ließ.«

»Und ich glaube, alle Keller im City-Hotel und bei Niblos geleert haben würde, so Ihr länger bezahlt hättet«, bekräftigte Morton lachend.

»Der gute General«, lachte Flirtdown, »mußte in der vollen Überzeugung herübergekommen sein, unseren Docks auf gleiche Weise zuzusprechen; denn just an der Ecke von Albemarlestreet kommt er, mit seiner Reitgerte spielend, auf mich zu, streckt mir seine Bärentatzen entgegen und frägt, ob wir nicht einem Dutzend heute die Hälse brechen wollten? Pah! Und Flirtdown? Flirtdown verbeugt sich mit seiner aristokratischsten Kontenance und spricht: ›Sehr erfreut, General W–d S–tt, Sie zu sehen. Sehr erfreut, daß Sie unserem alten England die Ehre erzeigen; hoffe, Sie werden es nach Ihrem Geschmacke finden, und habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.‹«

»Alle Teufel!« lachte Morton.

»Pst, Morton! Erlauben Sie mir, Ihnen just en passant zu sagen, daß die fashionable Welt derlei Ausdrücke geschnitten hat und sie nur bei gewissen Gelegenheiten erlaubt. Fluchen kann jeder, verstehen Sie; es ist deshalb gemein. Aber auf Euren Yankee-General zurückzukommen. Wissen Sie, Morton – wer wird sich da mit jedem Yankee-General einlassen? Hat da in irgendeinem Boardinghouse in Bakerstreet oder Regentsquare sein Hauptquartier aufgeschlagen.«

»Pah! Ist von gar keiner Familie«, bemerkte Morton.

»Ich glaube aber doch, sein Vater war Assemblymitglied«, meinte Ferrol.

»Was ist das, Morton?« fragte Lord Flirtdown.

»Die Kammer der Repräsentanten in den einzelnen Staaten.«

»Pah!« erwiderte der Lord gähnend. »Aber nun, mein teurer Mister Ferrol of Ferrolton, erlauben Sie mir, Ihnen unsern Freund Morton zu entführen.«

»Und Sie erlauben, Flirtdown, daß ich die Motion auf den Tisch lege,« erwiderte Morton, sich lächelnd verbeugend, »für heute wird nichts daraus.«

»Das ist wieder einmal eine Ihrer steifen republikanischen Repliken: wird nichts daraus; hasse das Wort. Sie müssen mit mir; wir essen im Klub, gehen dann zu Crockfords, wo der Herzog Sie kennen zu lernen wünscht; und – was reden wir weiter, Sie sind ja zur Reitpartie angezogen.«

Morton lag nachlässig im Fauteuil, die eine Hand auf die Lehne gestützt, mit der andern sich über die Stirne fahrend. »Beschäftigt, lieber Flirtdown, sehr beschäftigt.«

»Beschäftigt und im Reitkostüm! Hören Sie, lieber Morton – wenn Sie das nochmals tun, 'pon honour! Sie sind mein Kusin, aber ich muß Sie beim Board unserer Exclusives verklagen. Sind verdammt streng in diesem Punkte, versichere Ihnen, 'pon honour! Wette Ihnen fünfzehn gegen eins, daß Sie von den Almacks-Damen keine Karte zum nächsten Ball erlangen. Ist nicht zu spassen, 'pon honour!«

Und indem der Fashionable so sprach, drehte er sich mit seiner wichtigsten Miene von Morton weg, der Türe zu, deren Knopf er mit solcher Entschlossenheit erfaßte, daß Morton in ein lautes Gelächter ausbrach.

»Bei meiner Seele, wären Sie nicht ein so prachtvoller Junge, Morton!« schrie der Lord. »Aber so sagen Sie mir nur, warum Sie nicht wollen?«

»Morgen ist Pakettag Abfahrt eines Paketschiffes.. Eine Menge Briefe.«

»Der alte Gesang, – Briefe, Pakettag, Depeschen. Ihr Minister kann nicht mehr Geschäfte am Halse haben als Sie. So möge mich Gott – –, wenn Sie für einen Ableger von Diplomaten nicht wie geboren sind. Lauter Wichtigkeiten, Geheimnisse. Man kann aus Ihnen nicht klug werden. Kommt da herüber wie ein Generalgouverneur von Ostindien, in der prachtvollsten Fregatte, die Bruder Jonathan je in seiner Prahllust in die Welt gesandt, mit Empfehlungsschreiben an die halbe englische Nobility, was, by the by, Im Vorbeigehen sei es bemerkt. gar nicht vonnöten war, da Sie als Zweig unserer Familie ohnedem von uns eingeführt worden wären; – hat Geld, wenn mich nicht alles täuscht, wie Stroh.« Die letzten Worte waren mit einem lächelnd schlauen Seitenblicke begleitet.

»Und weiter?« fragte Morton in derselben nachlässig malerischen Attitüde, der linke Fuß auf einem Sessel ruhend.

»Und«, fuhr der junge Lord fort, »verkriecht sich in den schmutzigsten, schäbigsten Winkel des verlassensten Stadtviertels, in gleichweiter Entfernung von Billingsgate und Smithfield.«

»Nicht so ganz verlassen, wie Sie meinen, Flirtdown«, entgegnete Morton, mit graziöser Gedehntheit sich erhebend und auf ein Trio vagierender Musikanten deutend, die unterdessen ihr ambulierendes Orchester unter dem Fenster etabliert hatten.

»So sehen Sie doch nur!« rief der Exklusive. »Aber der Henker mag da sehen; nichts als feuchte, schwarz und grün geräucherte Mauern. Ich versichere Ihnen auf Ehre, der lieblichste Morgen, den Sie je über London heraufdämmern gesehen.«

»Ein allerliebster Morgen, Ferrol«, lachte Morton. »Es ist halb fünf.«

»Aber bei uns noch immer Morgen, wissen Sie? Morgen, solange dinner nicht vorüber ist«, belehrte ihn der Lord, »und sollten auch der Lichter vier Stücke auf dem Tische stehen.«

»Ist aber Eure hohe Welt doch noch eine Ewigkeit hinter der unserigen zurück«, lachte Morton; »denn bei uns ist es netto acht Uhr morgens.«

»Pah,« gähnte der Lord, »haben Sie noch mehrere derlei philosophische Bemerkungen im Vorrate, Morton?«

Und alle drei lachten hellauf und unmäßig.

Während des schallenden Gelächters hatte das Trio sein Konzert begonnen. Eine invalide Geige, eine gichtbrüchige Harfe und eine asthmatische Flöte, die eine Espèce von kakophonischem Omnibus zutage förderten, zur großen Belustigung einer Herde Gassenbuben, die ihnen auf den Fersen gefolgt waren und mit der einen Hand die Fragmente ihrer Inexpressibles hielten, mit der andern ihre Nasen säuberten.

» 'pon honour! Wie kommen die hieher?« fragte der Lord.

»Das ist nun bereits das dritte Morgenkonzert, mit dem heute meine Ohren regaliert werden«, erwiderte Morton lachend. »Wie ich sehe, Gentlemen, so ist John Bull ganz musikalisch geworden. Eine deutsche Drehorgel, ein schottischer Dudelsack gingen voran, und das Schönste hat auf Sie gewartet. Auch kostet es höchstens six pence. Bleiben Sie noch eine halbe Stunde, so hören Sie sicherlich noch ein viertes.«

»Morton, Sie sind unausstehlich!« gähnte der Lord. »Sehe, Sie wollen, daß ich abziehe. Sagen Sie mir um Himmels willen, was Sie eigentlich festhält? Erwarten Sie jemand, etwas Liebliches zu schauen und Lieblicheres zu betasten, wie unsere Freunde von ihren Deborahs sagen?«

»Weit entfernt.«

Das Trio hatte sich mittlerweile durch ein Skeleton von Webers Jagdchor durchgearbeitet und schaute nun sehnsüchtig zu den Fenstern hinauf. Eine schmutzige, einer Seminola Squaw vergleichbare Schöne zog ihre Kappe vom Kopfe und hielt sie mit lange ausgereckten Händen empor – als ein elegantes Kabriolett die enge Gasse heraufkam und mitten durch den Haufen passierte. Ein junger Fashionable sprang aus dem Wagen und klopfte dreimal an die Hauspforte.

» By Jove, das ist Sir Edward!« rief Lord Flirtdown. »Kommt der zu Ihnen, Morton?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Wohin will der? Good bye, Morton Wünsche Ihnen viel Gutes, Morton.! Da Sie nicht wollen, muß ich ihn haben. Ihr Diener, Mister Ferrol of Ferrolton.« Und der Lord war aus der Türe.

»Gilt der Besuch dir?« fragte Ferrol.

»Ich zweifle.«

»Wem also mag er gelten?«

»Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als deine und meine Philosophie ermessen können.«

Jetzt wurden die Stimmen der sich im Korridor Begegnenden gehört. Der Baronet weigerte sich entschieden, mitzukommen, und schützte ein dringendes Geschäft in dem Hause vor, versprach jedoch, den Lord im Hydepark zu treffen, worauf dieser kopfschüttelnd leichtsinnig die Treppen des Hauses hinablief, der Baronet, mit schwerem Herzen, wie es schien, die Treppe hinanstieg.

Das Trio hatte eine frische musikalische Jeremiade begonnen; aber kaum daß sie angeschlagen, so wurde ein Schrei über die Töne der Musik gehört, so gräßlich, so entsetzlich, daß er Himmel und Hölle durchdringen zu wollen schien und den Musikern buchstäblich die Töne in den Händen und Kehlen stecken blieben. Der Schrei war furchtbar, unnatürlich; es war der Schrei eines Verdammten, er war gellend, Mark und Knochen durchschauernd; er erstarb endlich in einem Gestöhne, das einen erschütternden Nachklang von sich gab. Dann trat eine Todesstille ein. Musiker und Zuhörer streckten die Hälse empor und stierten an die unheilbringenden Fenster hinauf; dem Weibe fiel die Kappe aus der Hand, und wie sie schaute und stierte, schien ihr wüstes, von Elend und Mangel und Lüsten und Lastern verzerrtes Gesicht zu sagen: Da oben gibt's noch etwas Grausigeres, als selbst ich erfahren. Die Musiker schlichen sich alle vom Trottoir und dem Hause weg – aus dem Gäßchen.

Gleich darauf kam der junge Stutzer, aber nicht mehr raschen Schrittes – langsam, gebückt, schleichend, schien ein halbes Jahrhundert zwischen seiner Ankunft und Abfahrt verflossen zu sein; seine Füße schleppten am Boden, er schwankte dem Kabriolett zu, ohne Leben, totenbleich, wie ein Gespenst. Er bedurfte der Hilfe des Jockey, um in den Wagen zu gelangen.

»Das ist seltsam«, sprach Ferrol. »Wo sind wir, Hughes? Dieses Haus birgt gräßliche Dinge, deucht mich.«

»Hush,« wisperte Morton – denn Fußtritte waren zu hören, aber so leise, die Blindschleiche hätte nicht mehr Geräusch auf den Teppichen, mit denen die Treppe bedeckt war, verursacht.

Eine kaum merkbare Bewegung des Drückers verriet, daß jemand vor der Türe stand. Sie ging auf, und ein Kopf streckte sich herein. Es war die verwitterte, harsche, aber unbeschreiblich geistreiche Physiognomie des quasi Portiers.

»Ah, Mister Morton!« wisperte der Alte mit kaum hörbarer Stimme, »Sie haben Geschäfte, Besuche – dachte, wären alle fort. Vergebung! Ein andermal.«

»Ein Freund und Landsmann, Mister Lomond!« sprach Morton, der aufgesprungen war, einen Pack amerikanischer Zeitungen ergriff und dem Alten nacheilte.

»Gerade jetzt, das ist fünf Uhr, geschieht das große Werk«, wisperte dieser dem Jüngling in die Ohren.

»Welches?« fragte dieser.

»Es gibt nur eines gegenwärtig«, versetzte der Alte verweisend. »Die Lords passieren die Emanzipationsbill mit zweihundertzehn gegen hundertzehn.«

Morton schüttelte ungläubig den Kopf. »Soeben«, flüsterte er dem Alten zu, »haben mir Lord Arbuthnot und Prinz –l – gesagt, die Tories seien fest entschlossen –«

»Pah! Werden sehen, wie fest sie entschlossen sind!« versetzte jener, indem er die Treppe hinanstieg.

»Wer ist der Mann, Hughes?« fragte Ferrol mit einer Miene und in einem Tone, die Grauen und inneren Schauder verrieten. »So oft ich ihn erblicke, rieselt es mir kalt über den Rücken.«

Morton stand in Nachdenken versunken. »Mein Hausherr«, war die endliche Antwort.

»Das weiß ich; aber was ist er, was treibt er?«

»Still; ein andermal mehr von ihm. Willst du mit in den Regentspark?«

»Gerne.«

»Wohlan, dann laß uns gehen.«

Die beiden verließen das Haus und bogen um das Gäßchen herum in eine Hinterstraße ein, unter deren halb öden und verlassenen Bauwerken ein sogenannter livery stable Mietstall, wo Pferde vermietet und in Pflege genommen wurden. sich befand. In einigen Minuten waren die Vorbereitungen zur Fahrt getroffen, und sie bestiegen einen Tilbury von der elegantesten Bauart und reich verziert, dem ein prachtvolles Tier vorgespannt war.

»Aber sage mir um Himmels willen, Morton – bei Gott! ich habe des alten George Tilbury gesehen, aber das deinige –«

»Überbietet ihn, nicht wahr? Zähme deine Ungeduld noch eine Weile.«

Sie fuhren langsam und schweigend die öde Straße hinauf und gegen die Hinterseite der Bank zu. Am Ende von Cornhill angelangt, schlugen sie die Richtung nach Holborn ein.

»Morton,« nahm wieder Ferrol das Wort, »dein Hausherr ist ein seltsamer Mann. Sollte mir verleiden, unter einem Dache mit ihm zu wohnen.«

»Glaube es gerne.«

»Warum also bei diesem verdammten Seelenverkäufer bleiben?«

»Das ist eine andere Frage; doch höre!«

Morton zog die Zügel des Pferdes stärker an und die Freunde rückten einander näher.

»Du hast gehört von der Katastrophe, die mich und durch mich meine Familie, insbesondere aber meinen Großonkel getroffen. Du weißt, daß der großartige Stil, in dem er die Honneurs der Nation machte, die Grundursache unserer Verlegenheit war, welche durch die großen Summen, die er zur Realisierung seines Lieblingsprojektes, der Errichtung der neuen Universität, darbrachte, noch um ein Bedeutendes vermehrt wurden. Sie zwangen mich, die Karriere in unserem Seedienst aufzugeben und mich im Handel zu versuchen, um so unseren Verlegenheiten abzuhelfen und den drohenden Verkauf unserer Familiengüter zu verhüten. – Ja, lieber, Ferrol, eine zweimalige P–r wäre imstande, das Vermögen eines Krösus zu erschöpfen. – Und dann unsere republikanische Dankbarkeit!« –

Und der Jüngling knirschte mit den Zähnen und stieß einen schrecklichen Fluch aus.

»Genug;« fuhr er fort, »das Erbteil unserer Familie, in Ländereien allein dreimalhunderttausend Dollars wert, war durch die Hospitalität eines der Hauptgründer der amerikanischen Freiheit und des Hauptgründers der heutigen Demokratie so herabgekommen, daß er, um seinen Großneffen in das Handlungshaus P–r und Komp. zu bringen, sich in die Hände des alten Stephy werfen mußte, der mit seltener Bereitwilligkeit sich herbeiließ, fünfzigtausend Dollars vorzuschießen, zu denen ich zehntausend, die ich eigentümlich besaß, hinzu tat. So trat ich als jüngster Partner in die Firma P–r und Komp. ein. Großonkel jedoch mußte für die fünfzigtausend Dollars gut stehen und nicht nur seine eigenen Besitzungen in Virginien, sondern auch ich, die mir von meiner Mutter zugefallenen Ländereien am Mississippi in die Bürgschaft aufnehmen. So war ich und mit mir meine ganze Familie in den Händen des reichsten, aber auch eigensinnigsten, despotischsten Mannes der Union – der Erde. Dafür war ich Kompagnon des Hauses P–r, hatte aber den mexikanischen Handel für mich exklusive.

Um das Unglück voll zu machen, übernahm ich die Mary, die als Paketschiff den Anfang einer Kommunikation mit Veracruz machen sollte, ganz auf eigene Rechnung. Der Teufel, glaube ich, verblendete mich.

Was weiter geschah, weißt du; die Mary mit einem Cargo von mehr als hunderttausend Dollars im Werte, von denen dreißigtausend mir eigentümlich gehörten, das übrige mir auf Kommission anvertraut war, ging an dem vermaledeiten Kap Hatteras; kaum drei Tage nach ihrem Auslaufen, verloren; und da sie erst drei Jahre alt war, so hatte ich nichts, gar nichts assekuriert. Gelang der Trip, so hatte ich fünfzigtausend Dollars rein gewonnen; so wie die Sachen standen, war ich ein Bettler – und hatte meinen Großonkel in die Gewalt eines ausländischen Abenteurers gegeben; eines zwanzigfachen Millionärs, aber doch nur eines Abenteurers.

Zum Überflusse hatte ich eine sentimentale Verbindung mit Georgina M–gh angefangen, dem schönsten, – üppigsten und – herzlosesten Geschöpfe von Chesnutstreet. Ah, Ferrol, lache du; aber dieses Mädchen, sie weiß dir die Hohe zu spielen – so herrlich die Hohe zu spielen; und du weißt, das ist unsere schwache Seite. Ich haßte sie in Momenten, und wieder – doch fort mit ihr! – Es war nicht eigentliche Liebe, es war Sinnenkitzel – ein epikuräisch geistiger Sinnenkitzel; – aber er trug dazu bei, meinen Seelenzustand gräßlich zu machen – er war unbeschreiblich – meine Leiden entsetzlich. Zwei Tage war ich fest entschlossen, diesem verdammten Leben ein Ende zu machen. Ich ritt hundert Meilen, um mich auf eine unbemerkte Weise aus der Welt zu schaffen – du kennst das Vorurteil unserer Landsleute in diesem Punkte. Bei jedem Versuche wurde ich auf eine Weise gehindert, die, so empörend sie für meinen Stolz war, mich wieder den Finger des Schicksals oder der Vorsehung, wie du es nennen willst, erkennen ließ. Am vierten Tage traf ich auf den alten Stephy, der mich mit dem eisernen Griffe seines furchtbaren Despotismus erfaßte, mich zu dem Seinigen machte und sofort in die Welt hinausschleuderte.

Was er mit mir vorhat, weiß ich noch immer nicht. Er sandte mich im Schoner Swiftfoot ab, wo ich im Angesichte von Philadelphia und kaum hundertfünfzig Yards von ihm beinahe ertrunken wäre; doch du weißt –

Ich mußte nach Havre, nach Paris, von da nach London. Noch immer weiß ich nicht, was ich soll.

Als ich hier in London ankam, war ich nicht wenig verwundert, meinen Pompey, den ich in Chester zurücklassen mußte, bereits zu treffen. Er war in der B–e angekommen und brachte mir Empfehlungsschreiben an beinahe alle Peers der drei Königreiche, die natürlich den Großneffen I–s und den Enkel eines Unterzeichners unserer Unabhängigkeitserklärung mit um so größerer Achtung aufnahmen, als er zugleich mit den ältesten und ersten Geschlechtern ihres Landes verwandt ist. Drei Tage blieb ich in der hohen und höchsten Welt. Am vierten mußte ich auf die Change. Ich ging dahin in Begleitung mehrerer Landsleute und blieb bis zum Schlusse der großen Geldgeschäfte da. In meinem Portefeuille herumstöbernd, fiel mir das schmutzige kleine Handbillett des alten Stephy, das er mir als Empfehlungsschreiben an einen gewissen Lomond mitgegeben, in die Augen. Ich beschloß sofort, das Billett abzuliefern und bei dieser Gelegenheit mir den Mann genauer zu besehen, bei dem ich Quartier nehmen sollte. Auch war es hohe Zeit, der eigensinnigen Grille des despotischen Alten Genüge zu leisten. Als ich einen der Diener in Lloyds Kaffeehause nach Mister Lomond fragte, sah mich der Halbmann scharf und, wie mir schien, mitleidsvoll und dann wieder höhnisch an; dann sandte er einen Aufwärter mit mir. Allein hätte ich das Versteck des Alten wohl schwerlich gefunden; – denn du mußt wissen, daß er bloß während der season hier in –street wohnt; – den Sommer verlebt er auf einer prachtvollen Villa und kommt in einem eleganten Kabriolett zur Stadt.

Denke dir mein Entsetzen, als mich der Mann durch eine Unzahl Gassen und Gäßchen und Winkel in das horrible kirchhofartige Schreibstubenviertel brachte, wo ich meine Londoner Residenz aufschlagen sollte; mir wurde grün und blau vor den Augen, als wir vor dem Hause hielten.

Es war gerade sechs Uhr abends, als ich die Schwelle seines Hauses betrat und das versiegelte Zettelchen abgab. Er kam selbst an die Haustür und hatte kaum einen Blick auf die Adresse geworfen, als er das schmutzige Papier mit allen Zeichen tiefer Ehrfurcht öffnete, dann mich bei der Hand nahm und, ohne ein Wort zu sagen, in das Appartement einführte, das ich gegenwärtig bewohne und das aus drei Piecen nebst einem Zimmer für Pompey besteht, wie du gesehen hast, und das kein Earl verschmähen dürfte; immer die Nachbarschaft abgerechnet. Mit den Worten: ›Dies ist Ihre Wohnung; Sie bezahlen wöchentlich achtzehn Schilling six pence für sich und Diener und haben heißes Wasser zu Kaffee und Tee‹, verließ er mich. Ich stand und wußte nicht, wie mir geschah; aber des Mannes Physiognomie und ganzes Wesen hatte etwas Eigenes, etwas unbeschreiblich Eigenes für einen Mann in meiner Lage. Er kam mir vor wie das Verhängnis, dem mich entziehen zu wollen Torheit wäre. Ich zog ein. Drei Tage nach meinem Einzuge nahm er mich bei der Hand, führte mich aus dem Hause, durch die Straße nach –street einem livery stable zu, wo er mir diesen prachtvollen Tilbury, der mit dem Tier wenigstens fünfhundert Pfund kostete, zu meiner Verfügung stellte. Seine Worte waren: ›Steht ganz zu Ihrem alleinigen Gebrauche während Ihres Aufenthaltes in London, wofür Sie wöchentlich einen Sovereign bezahlen.‹«

»Ein Spottgeld. Die Unterhaltung eines Reitpferdes kostet fünfundzwanzig Schilling«, bemerkte Ferrol.

Jeden Samstag abends fünf Uhr fünf Minuten fünf Sekunden kommt er um seine achtunddreißig Schillinge, die ich, um ihm alles überflüssige Reden zu ersparen, in die Ecke meines Schreibtisches legen sollte. Wir sprachen, außer den Good evening to you, noch kein Wort.

Merkwürdig! Ich war noch nicht acht Tage in meiner abgelegenen Einsamkeit, als auch bereits meine Freunde mich ausfindig gemacht hatten, und doch war ich kein einziges Mal hinüber nach Westend gekommen. Bereits waren die Marquise von L–e und C–e und die Earls G. und W. mit mehreren Viscounts und Lords bei mir. Stelle dir meine Verwunderung vor, als mir neulich A– zu verstehen gab, ich könne ihm recht wohl allenfallsige Eröffnungen machen, da ich denn doch von seiten unserer Regierung beauftragt wäre, den kitzligen Punkt der noch immer schwebenden Differenzen wieder aufzunehmen; er würde sie als vertrauliche Mitteilungen betrachten, und auf diese Weise ließe sich vielleicht die Diffikultät am ehesten heben, was er selbst recht sehr wünsche. Ja, er stellte sich gewissermaßen beleidigt wegen meiner zu weit getriebenen diplomatischen Reserve. Meine Verwunderung minderte sich nicht, als ich dieselben Insinuationen in mehreren der ersten Tagblätter las, und sie stieg auf das Höchste, als mir wirklich vor wenigen Tagen der Auftrag von unserem Kabinett zukam, in Betreff dieser Angelegenheit, die nun schon über die zwanzig Jahre zwischen unserer und dieser Regierung schwebt, vereint mit unserem Minister Unterhandlungen anzuknüpfen.«

»Seltsam!« fiel sein Freund ein.

»Mein Großonkel ist nicht im Spiele, ebensowenig meine Familie«, fuhr Morton fort.

»Was nun den alten Stephy betrifft, so hat er sowohl bei unseren Mittel- und höheren Klassen als der Regierung beinahe gar keinen Einfluß; denn der alte Hickory Präsident Jackson. haßt, wie du weißt, alle Geld- und Bankmänner. Der Umstand, daß ich Marineleutnant war und diese wirklich kitzlige Angelegenheit vorzüglich unsere Marine angeht, könnte zwar beigetragen haben; immer jedoch ist mir das Ganze unerklärlich.

Doch um auf meinen Hausherrn zurückzukommen. Jeden Tag sah ich ihn einmal, nämlich wenn er kam, die Zeitungen abzuholen; jeder Tritt, jeder Schritt ist und bleibt bei ihm derselbe. Jeder Zug bleibt sich gleich auf diesem blei- und aschfarbigen Gesichte mit gelbem Grunde; keines seiner sparsamen weißen Haare legt er anders; alles an ihm ist so unveränderlich, so unleserlich wie die Hieroglyphen Ägyptens vor Champollion; der leibhafte Kronos, der seine Kinder frißt. Aber diese dünnen, blauen Lippen, so bleiblau, als ob der Frost sie erfroren hätte, diese Adlernase, so scharf, so spitzig, diese Augen, so durchbohrend, daß sie in die innersten Tiefen der Seele dringen, dieser furchtbare, Gott ähnliche Blick, ich gestehe dir, ich sah jeden Tag mit Ungeduld der Stunde entgegen, in der der Mann zu kommen pflegte. Er war mir interessant geworden. Sein Auge hat etwas brennend Höllisches; es ist höllisches Feuer darin. So stelle ich mir den Blick des Satans vor, wenn er die Verdammten ergreift und hohnlächelnd die Schöpfungen seines Gottes zerstört. Eine verdammte Absurdität, by the by, lieber Ferrol, ist sie's nicht? Aber wieder – wenn ich betrachte, wie jedes geschaffene Werk zugrunde gehen muß, nachdem es seinen Zweck erreicht. Pah!«

Der Jüngling hielt eine Weile inne und fuhr dann fort:

»Ja, es ist ein wahrer Herrscher-, ein wahrer Königsblick, der seinen übertretenden Sklaven die Vorqualen der Folter fühlen läßt. Du hast heute die Wirkungen dieses Blickes gesehen und gehört. Sie sind grausenerregend. Er hat viele Besuche, – ich sollte glauben, die Höchsten des Landes. Sie kommen aber immer inkognito, allein, häufig zur Nachtzeit, Dandies jedoch auch bei Tage. Du hörst auf ihr Bitten, auf ihr Flehen nie eine Antwort; er spricht nur durch Blicke, aber diese Blicke beschwichtigen auch den Zudringlichsten, den Kecksten. Du hörst oft lautes Geschrei, Flüche, starke Reden; aber dann folgt immer eine Grabesstille, die dem ersterbenden, verhallenden Gestöhne der Wogen gleicht, nachdem sie ihre Opfer verschlungen haben. Es ist der absoluteste, aber auch der großartigste Egoist, den ich in der Union oder in England je gesehen, und das ist, wie du weißt, ein Metier, in welchem wir beide exzellieren, die Tochter und die Mutter.

Ich landete, wie gesagt, in Havre und ging infolge der Instruktionen, die mir gegeben worden waren, nach Paris. Natürlich besuchte ich unsere Freunde, die Söhne des Marschalls N–, und des Herzogs von O–, und alle die prächtigen Franzosen, mit denen wir zu Hause so herrliche Tage verlebt hatten. Höre! Es sind dir prachtvolle Jungens, diese Franzosen; verglichen mit ihnen, sind dir diese Lords bloße Puppen und Kälber; aber im vorgerückten Alter gewinnen diese wieder. Ist sonderbar! Ein alter Franzose ist dir ein zähig schleimiges, intrigantes Tier, ohne Saft und Kraft. Leben zu geschwind, die Franzosen. Ein alter Engländer ist wieder wie seine Eichen.«

»Und der Amerikaner schlägt sie beide«, fügte Ferrol hinzu.

»Versteht sich von selbst«, fiel Morton ein. »Aber zu unseren jungen Franzosen zurückzukommen. Sind dir prachtvolle Jungens, diese Franzosen, besonders die bei uns aufgetaut haben. Und Mut haben sie dir. Sie schießen sich mit dir im brüderlichsten Zeitvertreib, wenn du ihnen zum Spaß auf die Zehen trittst oder dich weigerst, ihnen in eines ihrer Bordelle zu folgen. Ich hatte wirklich deswegen ein Duell, und leider flügelte ich den armen Teufel, – sagte es ihm aber vorher. Alles ging aber in der herzlichsten Freundschaft ab. Kernjungens! Sie zogen mich in und durch alle Salons, und erst jetzt habe ich eigentlich eine Idee von diesem göttlichen Paris. Natürlich sah ich mich auch ein bißchen weiter um; denn erhaben, wie wir sind über das Getreibe europäischer Prinzipfragen, beurteilen wir ihren Gang kühler und deshalb schärfer und richtiger. Bei dieser Gelegenheit lernte ich die finanziell-politischen Verhältnisse der dortigen großen Häuser kennen, den Hof selbst genau kennen, dem ich natürlich durch unseren Gesandten vorgestellt wurde. Der alte Charles ist dir ein Gentleman im vollen Sinne des Wortes, aber auch gar nichts weiter, und kennt sein Volk nicht mehr, als er die Hottentotten kennt. Gefiel mir sehr, dieser Hof, sprach oft mit dem versoffenen, blöden D–n, der aber ein sehr gescheites Weib hat. Überhaupt herrscht in der dortigen hohen Welt, selbst die ultra-royale nicht ausgenommen, ein frivoler und wieder starker und auch genialer Geist, die Folge der Vereinigung und Vermischung so verschiedenartiger Berührungen und Interessen. Ich kenne nichts Anziehenderes als einen Salon beim alten ultra-royalistischen Herzog von N– oder dem Marquis N–. Die Zirkel bei L–tte sind zu revolutionär, gemischt, alles beisammen. Man ahnte bereits damals etwas von der Katastrophe, die das Ministerium M–c jetzt trifft, und über welche Katastrophe ich von Herzog von E–n vor acht Tagen bestimmte Daten erhielt. Als Abkömmling von einem altadeligen englischen Hause hatte ich freien Zutritt bei den Royalisten, als virginischer Aristokrat bei den großen Landbesitzern und als Günstling des alten Stephy bei den Geldmännern; und ich sage dir, meine Nachrichten sind richtiger, als die W–n selbst erhält, samt seinem P–c, den du soeben gesehen. Es ist jetzt darauf und daran, den lieben P–c an die Spitze der Geschäfte daselbst zu bringen. Die Mine ist seit sechs Monaten gelegt, jetzt soll sie springen, und mich sollte es gar nicht wundern, wenn der alte Ch–s darüber spränge. Würde mir leid tun um ihn; denn was könnte wohl Besseres nachfolgen? Aber die Leute haben das Gehirn verloren.

Den Tag, nachdem ich das Schreiben des jungen Herzogs von E–n erhalten, kam der alte Lomond zu mir auf das Zimmer, und zwar außer seiner gewöhnlichen Stunde; das erstemal, daß er außer der Zeit zu mir kam. Er komme, sagte er, um meine amerikanischen Zeitungen, die ich kurz zuvor durch den Hannibal erhalten, zu übersehen. Der Brief wurde während meiner Abwesenheit abgegeben und lag auf meinem Tische, und ich vermute, er hatte in der Adresse die Hand eines französischen Großen erkannt. Sie haben eine eigene Hand, diese sogenannten französischen Großen – obwohl ich in der Größe wieder mit ihnen nicht tausche. Höre, nach fünfzig Jahren wird es etwas sagen wollen, ein amerikanischer Großer zu sein. Glaube, wenn einem von uns in diesem ihrem Frankreich heute etwas geschähe, die ganze Nation wäre auf. Würde unsere Flotte saubere Geschichten mit ihren Vierundsiebzigern und Hundertzwanzigern anrichten. Sind zwar ihre Schiffe brav gebaut, aber ihre Offiziere taugen nichts; haben absolut keinen Seemannsgeist. Unsere zwölf Linienschiffe können es getrost mit vierundzwanzig der ihrigen aufnehmen. Höre, es ist wieder etwas Schönes, ein Dutzend oder mehr Millionen verbündeter Mitsouveräne zu haben. Unsere ist doch die beste Welt!

Doch zu unserem Lomond zurückzukehren. Er komme, sagte er, um unsere Zeitungen zu lesen. Er lese unsere Zeitungen ungemein gern. Sie wären der wahre Spiegel unseres Lebens und gäben ihm so viel Aufschluß über unser öffentliches Treiben, wogegen die Blätter der übrigen konstitutionellen Welt bloße elaborierte und von den Machthabern diktierte Artikel enthielten, eine Art Köder und Angelhaken und Netze, in denen die Aristokraten und Bureaukraten die Gimpelvölker – und alle nennt er sie so, bis auf das unserige – wie Rinder und Robbins einfangen und mittelst ihrer Trabanten dann treiben und lenken. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir eine Anekdote vom alten Friedrich dem Großen, die recht charakteristisch ist. Muß ein verdammt gescheiter Mann gewesen sein. Wenn nämlich in einer der vielen Schlachten, die er lieferte, um ein Stück Land von Österreich wegzukapern, auf das er geradeso viel Recht hatte als ich, seine Soldaten zum Weichen gebracht wurden, pflegte er sie immer wieder mit dem Zurufe ins Feuer zurückzutreiben: Ihr Racker, wollt Ihr denn ewig leben?«

Und beide brachen über diesen wirklich charakteristischen Zug in ein helles Gelächter aus.

»Was wohl unsere Milizen sagen würden, wenn unser alter Hickory ihnen eine solche Aufmunterung gäbe«, bemerkte Ferrol.

»Also der Alte fragte mich wie gelegentlich einiges über die kommerziellen Verhältnisse von Newyork und kam dann auf Paris zu sprechen. Ich gab ihm Aufschlüsse, so gut ich vermochte, und spielte dann auf den großen Kabinettsstreich an, der hier noch immer tiefes Geheimnis für alle ist, den Herzog von W– und vielleicht die Gesandten der größeren europäischen Mächte ausgenommen. Der Mann wurde aufmerksam und, wie es mir schien, betroffen. Er zuckte sichtlich zusammen. Ich ging einen Schritt weiter, gab ihm Beweise, zeigte ihm endlich den Brief. Er griff danach, wie der in der Sandwüste Verschmachtende nach dem Wasserschlauche greift; und ehe ich noch die Hand zurückgezogen hatte, war er verschwunden. In einer Viertelstunde kam er wieder und legte den Brief schweigend auf den Tisch. Ohne ein Wort zu sagen, entfernte er sich. Endlich vor drei Tagen kam er ungemein heiter auf mein Besuchzimmer. ›Sie hatten recht‹ zischte er, ›ganz recht. Ihre Nachrichten waren ein prachtvolles Stück Geldes wert. Wirtschaften Sie damit, Sie werden dabei nicht verlieren. Können Sie über zehntausend Pfund disponieren?‹ Meine Antwort war: ›Könnte ich über zehntausend Pfund disponieren, wäre ich nicht in London.‹ – ›Ah, der alte Stephy‹, meinte er, ›hält Sie knapp. Wird aber schon besser werden. Verlassen Sie sich darauf – ist ein großer Mann, der alte Stephy, ein wahrer Napoleon. Aber die Aktien werden in einer Woche einige Prozent herunter sein. In einem Monat wollen wir sie wieder hinauf heben. Ich sage Ihnen dieses, als einem der Unserigen. Kaufen Sie – aber nein, lassen Sie mich sehen. Mein Wort ist besser als Ihr Geld, und wenn Sie zweimalhunderttausend in der Hand hätten, und ich bin Ihnen Dank schuldig.‹

Und er erstattete gestern diesen Dank auf eine großartige Weise. Er brachte mir ein Transfer von fünfzigtausend Pfund, mit dem Hause D–, das in Zeit von vier Wochen wenigstens tausend Pfund abwerfen muß; ja, er ließ mir die freie Wahl zwischen tausend Pfund bar und vier Wochen Warten. Ich nahm die tausend Pfund bar, die er mir auch in einer Tratte auf das Haus D–d und Komp. anwies. Aber zugleich nahm er richtig die achtunddreißig Schillinge von der Ecke des Tisches und gestand mir lächelnd, daß es absolut gegen sein System wäre, irgend jemand etwas zu schenken; es bringe um alles Glück. Seit gestern ist sein Vertrauen zu mir bereits so weit gestiegen, daß er mich selbst zu einem Besuche in seinem Appartement abholte, das, wie du weißt, gerade über dem meinigen ist. Es besteht aus beinahe dürftig möblierten drei Piecen, mit grünen und aschgrauen Tapeten, von denen das zweite sein Sitz- und Schreibzimmer, das dritte sein Schlafgemach ist. Dieses ist mit eisernen Fensterladen stark verwahrt. Die Einrichtung dieser drei Zimmer ist eine wahre Raritätensammlung. Du findest alle Jahrhunderte, alle Zonen, alle Länder, alle Teile der Welt in dem einen oder dem anderen Stücke repräsentiert, die er während seines früheren vagabundierenden Lebens gesammelt haben muß, oder die ihm von Geldbedürftigen zugetragen worden sind; denn auf Pfänder verleihen war sein ursprüngliches Geschäft gewesen, obwohl er es gegenwärtig nicht mehr treibt, besondere Fälle ausgenommen.«

Die beiden waren nun in Tottenham Courtroad angekommen.

»In diesem Appartement nun lebt und webt er,« fuhr Morton fort, »obwohl er noch fünf bis sechs und darunter mehrere prachtvolle Mansions Stadthäuser der Großen. in London nebst mehreren Landsitzen besitzt, auf deren einem, nicht fern von Chelsea, er auch einen großen Teil des Sommers weilt. Hier, wie gesagt, bringt er die eigentliche season zu, wie der Bär in seiner Winterhöhle.«

»Möchte doch wissen, welches der drei Königreiche dieser Anomalie Leben und Dasein gegeben hat.«

»Nach seinen hervorstehenden Backenknochen zu schließen und dem harten Akzente, würde ich ihn für einen pfiffigen Nordländer halten; aber die Adlernase mit den seltsamen Nasenlöchern machen mich zuweilen irre. Zudem herrscht in seiner Aussprache ein stark ausländischer Akzent vor.«

»Hat er keine Freunde und Verwandte?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Fahre fort.«

»Sein Leben ist für die Welt ein absolutes Geheimnis. Sein zweites und drittes Zimmer betritt niemand. Er selbst reinigt beide und wirft die Bettwäsche und Teppiche ohne Umstände durch die Fenster auf den Hof hinab, wo sie die Haushälterin aufzuheben und zu lüften hat. Sein Besuchzimmer dient ihm zugleich zum Speisesaal, und selbst in dieses kommt die Haushälterin, die zugleich seine Aufwärterin ist, bloß, um es zu säubern. Was aber das seltsamste ist, so hat er auf seinen Villen mehrere Diener, die aber nie in dieses Haus kommen dürfen, bei Verlust ihres Dienstes; so wie die Haushälterin wieder nicht aus der City darf.

Um acht Uhr macht er seinen Kaffee, wozu ihm die einzige Person, die nebst mir und meinem Pompey im Hause wohnt, heißes Wasser, Milch, geröstetes und frisches Brot und Butter bringt. Schlag zehn Uhr übersieht er die Zeitungen, deren Inhalt er mit Falkenaugen durchspäht. Seine Kenntnis von allem, was Handel und Kredit betrifft, übersteigt allen Glauben. Schlag elf Uhr verläßt er das Haus und kehrt erst halb sieben Uhr zurück. Heute machte er eine Ausnahme, da kein Börsetag war. Auf dieser Börse wird er mit Scheu und mit einer Art von Grauen betrachtet. Selbst die Exklusiven der Börse – du kennst das Zimmer, aus dem jeder Uneingeweihte mit zerrissenem Rocke und einer Tracht Schläge oder dem Inhalte des Tintenfasses auf dem Gesichte hinausgetrieben wird – stehen dir bei seiner Annäherung wie die Grenadiere der Garderegimenter, wenn sie der alte W – n die Revue passieren läßt. Während dieser verhängnisvollen drei Stunden ist der Mann ganz Staatspapier, und er lebt in einem Zustande der Verzückung, die ihn wie die Magnetnadel bloß nach einem Punkte hinzittern läßt. Alles was nicht die Konsols und die Cinq betrifft, ist für ihn in dieser Zeit nicht vorhanden. Um vier Uhr erst beginnt er allmählich wieder den Menschen anzuziehen. Er sieht wieder Gegenstände und hört auf Worte, auch wenn sie sich nicht auf Stocks und Bills beziehen. Dann kannst du ihn zuweilen sehen, wie er sich die Hände reibt, aber nicht zu stark, als fürchte er, die Haut sei Papier; und dann zieht sich ein unheimliches Lächeln über seine erstarrten, verwitterten Grabeszüge, diese scharf trockenen Minoszüge. Er ist in solchen Augenblicken ein wahrhaft unterirdisches Wesen, und erschiene er mir auf einer der Klippen in der Nähe des Ursitzes unserer Familie, am Ben Lomond, ich hielt' ihn zweifelsohne für eines der Mitternachtgespenster dieses Sees.

Schlag sieben Uhr bringt ihm die Haushälterin sein Mittagessen, das sie auf einen Tisch vor die Türe setzt, ganz leise Schläge an diese tut und endlich den Tisch in das Zimmer trägt. Ein einziges Mal wagte sie es, einzutreten, ohne das Walk in! abzuwarten, war aber nahe daran, ihren Dienst zu verlieren, der nichts weniger als schlecht sein muß; denn bei einer unmenschlichen Härte, einer über alle Begriffe gehenden Geld- und Selbstsucht, läßt er sich wieder Züge von Großmut entwischen, eine Verachtung des edlen Metalls, die nur seiner Verachtung gegen das Menschengeschlecht gleichkommt.«

Der Tilbury rollte nun die Ulster-Terrasse hinan, die dem Blicke so prachtvolle Reihen von palastartigen Häusern zur Linken und Rechten und hinab gegen die St. Katharinenkirche darbietet. Es war einer der lieblichsten Apriltage. Die Sonne lächelte in jugendlicher Frühlingsschüchternheit so verschämt aus dem silbernen Wolkenschleier hervor, gleich dem scheuen fünfzehnjährigen Kinde mit ihrem Schleier spielend und ihr Antlitz wieder verhüllend, und Pflanzen und Blüten brachen hervor aus ihren zarten Gehäusen, und in der feuchten, duftenden Atmosphäre erglänzten Stadt und Landschaft so prachtvoll, und wieder schaute die Sonne durch ihren Wolkenschleier so schmachtend, schwellend, wie die Schöne, deren feuchtes Auge noch in Wollust schwimmt, in glühend matter, tränender Wollust; denn Tränen begleiten die Wollust. Es war eine Szene, ein Anblick, der die beiden Amerikaner mit stolzem Entzücken erfüllte, denn es war ja das Geburtsland ihrer Väter, die Wiege des ihrigen.

Als sie sich Clarence-Terrasse näherten, schlugen die Turmuhren fünf. Ein lang und langsam von Südost heraufrollender Donner kam wie auf den Fittichen der Windsbraut von Portland-Place herüber und Pentonville herauf.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Ferrol.

Morton gab keine Antwort. – »Sollte es sein, wie mein alter Hausherr gesagt? Es sind Kanonen-, und zwar Freudenschüsse, entweder die Parkkanonen oder vom Hafen herüber.«

»Und weswegen?«

»Ich glaube, die Emanzipationsbill ist wirklich passiert.«

»Du scherzest. Hast du die Winke des gichtbrüchigen Tory und des grauen Prinzen über die Stimmung der Majorität des Oberhauses vergessen?«

»Nein; aber wir wollen auf alle Fälle hinab.«

Und sie fuhren um die Ecke von Clarence-Terrasse, Portland-Place zu.

Verwunderung, Staunen, ja Verwirrung auf allen Gesichtern; hinab nach Regentstreet wurden starke Volkshaufen bemerkbar, die sich verdichteten, je näher sie Whitehall kamen. Es war wirklich, wie der Alte vorhergesagt hatte. Der Adel Großbritanniens, der stolzeste und mächtigste, der je ein Reich regiert, der unbeugsamste, der einen Kaiser entthront und seine eigenen Könige Jahrhunderte hindurch unter der drückendsten Obervormundschaft gehalten, dieser Adel hatte sich gebeugt vor einem aus seiner Mitte – gebeugt auf das Macht- und Kommandowort eines Compeers. Aus tausend irischen Kehlen brüllten wütende Hurras für W–n, und »zweihundertdreizehn gegen hundertundneun!«

»Dieses Oberhaus hat heute sein und seiner Nation Todesurteil gesprochen«, brach Morton aus, als sie vor dem Parlamentshause ankamen.

»Du kommst doch mit zu Trelauneys?« fragte Ferrol den Freund. »Finden da ein Kleeblatt Landsleute beisammen, wollen eins auf die Gesundheit des alten W–ns trinken.«

»Nicht ich«, sprach Morton gedankenvoll. »Ich bin auf ein halbes Dutzend Bälle geladen, und den in D–ehouse darf ich um keinen Preis versäumen. Ich führe dich aber zu Trelauneys.«

Und so sagend lenkte Morton den Tilbury und fuhr rasch hinauf zu Trelauneys. Er sprach kein Wort auf dem Wege. »Kannst du schweigen, Ferrol?« fragte er, als sie vor dem Kaffeehause angekommen waren.

»Eine sonderbare Frage, Hughes!«

»Wohl, so schweige, denn sonst« – er hielt inne, setzte den Freund rasch ab und, ohne umzublicken, fuhr er schnell der City zu.

Ferrol sah ihm kopfschüttelnd nach.

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