Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Sealsfield >

Morton oder die große Tour

Charles Sealsfield: Morton oder die große Tour - Kapitel 8
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleMorton oder die große Tour
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180710
projectidc21879ca
Schließen

Navigation:

VI.
Das Lever des alten Stephy oder
We are in a free country.

»Das also soll der Talisman sein, der uns mit dem Leben wieder versöhnt?« murmelte Morton, als er den folgenden Tag um neun Uhr morgens halb gerädert von der Mail stieg und seinen Reisegefährten – zwei Freunden Quäker – nennen sich selbst friends, Freunde., einer Freundin, drei Farmers und ebensovielen Farmerinnen – mit verbissenen Lippen seinen Abschiedsgruß zunickte, und dann das Sendschreiben aus der Tasche zog, das den griesgrämigen alten Stephy freundlich umstimmen sollte.

»Pah, wollen sehen – wird uns doch nicht fressen, leben ja in einem freien Lande!«

Und so sagend, schlenderte er, den Hut tief in die Stirn gedrückt, beide Hände an den Rocktaschen haltend, wie Failliten zu tun pflegen, der Bank zu. Er hatte Marketstreet durchgeschritten und bog nun in Chesnutstreet ein.

»Georgiana!« rief er auf einmal, und beide Hände ausbreitend, stürzte er auf die holdselige Gestalt zu, die in purpurfarbiger Robe, Prunelleschuhen und Hermelinpelisse vor ihm hinaufschwebte und bei seinem Anblicke mit einem lauten Schrei in dem Eckhause verschwand.

Er ihr nach.

»Aber Mister! Was ist nur gleich Ihr Name?« kreischte ihm eine klapperdürre, sogenannte Help Help – Aushelferin, wie sich die amerikanischen Dienstmägde selbst nennen. entgegen, die einen Korb mit Gemüse und Fleisch in der einen Hand, einen mit Fischen in der anderen, den letzteren auf dem Korridorteppiche niederließ und sich mit wahrer Philadelphia-Grazie den Spitzenschleier aus dem Gesichte schlug.

»Was mein Name ist? Ihr alte Närrin!«

»Alte Närrin! Seht einmal – da den Mister Morton. Alte Närrin!« schrie die Help, indem sie des zweiten Korbes sich gleichfalls entledigte, und nachdem sie den Schleier nochmals über den Hut geworfen, beide Hände in die Seite gestemmt, dem unglücklichen Morton zu Leibe rückte. »Alte Närrin! Und das von einem, der sich im Delaware –«

Der laute Wortwechsel hatte die Dame vom Hause aus ihrem drawing-room gezogen. Sie erschien mit einer schwarzseidenen Schürze angetan, in der einen Hand die Sticknadel, in der anderen ein Kinderhäubchen für die benevolent Society Damenkomitee zur Unterstützung Hilfsbedürftiger. haltend.

»Aber mein Gott, welcher Lärm! Sir oder Mister. Wie soll ich Ihr Benehmen verstehen? Finde dies wirklich sehr sonderbar, außerordentlich sonderbar! Sir oder Mister«, sprach Mistreß M–gh.

Der Jüngling stand wie versteinert; ohne ein Wort hervorzubringen glotzte er die Mistreß an, schlug dann die geballte Faust vor den Kopf, trat einen Schritt zurück, und die Mistreß warf ihm mit milder Gelassenheit und den sanften Worten: »Miß Georgiana ist für Sie ferner nicht zu Hause«, die Türe vor der Nase zu.

Er lachte so laut, daß die Vorübergehenden vor dem Hause stehen blieben.

»Habe ja vergessen, daß ich arm bin!« murmelte er sich zu. Und es wurde ihm so trübe und so weh vor den Augen und in der Seele, und Sehnsucht und Schmerz zerrissen so wütend sein Inneres, daß er besinnungslos an die Ecke des Hauses hinfiel.

»Morton, du noch am Leben. Alle Teufel, dachte, wärest bei dieser Zeit von einem Dutzend Porpoisen in Besitz genommen, oder einem Seeadvokaten Haifische werden in der Seemannssprache sealawyers, Seeadvokaten, genannt.!« schrie es auf einmal ihm zur Seite, und der prächtige John Smith stand vor ihm, ihm in das Gesicht lachend, einen Pack Banknoten in der Hand, die er, der Sohn des steinreichen Schuhmachermeisters Samuel Smith, soeben aus der Bank gelöst hatte. »Höre, Morton!« rief der Abkömmling des Leisten, »sind heute bei Blackstones, prächtige Gesellschaft, die ganze Wistarpartie mit ihren Familien. Schade, verteufelt schade, daß du nicht mit kannst! Sind so verdammt religiöse Leute, die Blackstones; deine Delawaregeschichte – sie degoutiert sehr, auf Ehre! deine Delawaregeschichte – sehr.«

»Geh' zur Hölle mit deinen Blackstones, verdammter Schusterjunge!« schrie Morton.

»Beim Teufel, der hat Feuer im Leibe! Ist aber arm, bettelarm; wäre nicht der Mühe wert, ihn zu fordern«, meinte Smith, der sich schneller zurückzog als er gekommen war.

»Morton!« rief es abermals vom Unitedstates-Hotel herauf, »Morton, willst du deinen Cyrus verkaufen? Gebe dir zweihundert Dollars Cash Bares Geld., auf Ehre. Armer Junge, brauchst ohnedem Geld. Zweihundert Dollars, willst du? Cash!«

» G–d d–n ye to hell!« murmelte Morton, und ohne den Anbietenden eines Blickes zu würdigen, rannte er wie wahnsinnig die Straße hinab.

Er war an der Ecke der Secondstreet angekommen, als ein schallendes Gelächter, das nur einige Schritte von ihm zu hören war, ihn abermals festbannte.

»Und was treibt denn Ihr da beide, Gentlemen? Gentlemen! Tagdiebe, sollte ich sagen«, trompetete eine schrille, barsche Stimme mit französischem Akzent zwei konfiszierten irischen Physiognomien zu, die sich dem beliebten Farniente vor einer der besuchtesten Whiskyschenken in besagter Secondstreet überließen.

Die sonderbare Anrede mit dem ausländisch pikanten Akzente, der sich nicht einmal die Mühe geben zu wollen schien, seinen exotischen Ursprung zu verhehlen, hatte die Emeraldssöhne recht possierlich aus ihren irischen Träumen aufgerüttelt. Sie sahen den Mann mit einem Blicke an, der in Zweifel ließ, ob er von einem bloßen Faustkniffe oder einem regulären Ausfalle begleitet werden würde.

Der Mann sah sonderbar aus. Ein kastanienbraunes, olivengrünes Ledergesicht, mit einer scharfen, einigermaßen geröteten Nase und einem Paar Augen, die dem leibhaften Gottseibeiuns anzugehören schienen, denn sie bohrten sich in das Mark und die Knochen hinein. Ein alter Mann, aber rührig, in einem blauen Mitteldinge zwischen Seemannsjacke und Rock, ein Paar Matrosen-Inexpressibles, einem vielseitigen Hute; die ganze Garderobe wie eine Windfahne um sein Ich spielend und nichts weniger als zierlich oder sorgfältig gehalten, sonst aber von den feinsten Stoffen und für einen Schiffsmäkler nicht übel passend. Er hielt mehrere offene Briefe in der Hand, die er wechselweise las und wieder die beiden Iren anschaute.

»Wird's werden mit der Antwort?« fragte das Original die beiden Iren, die sich um die Wette hinter den Ohren kratzten.

» Nathing Master – Nathing Master to ye Im irischen Akzente statt Nothing Master – Nichts, Meister. Nichts, das Euch anginge.«; knarrte der eine und dann der andere der beiden Erinssöhne, in barschem Dialekte von Kildare.

» Hein! Notting?« wiederholte der Mann im Französischen; » Notting, sagt Ihr?« schrie er ein drittes Mal, und seine barschen, schwarzbraunen und olivengrünen Gesichtszüge nahmen einen Ausdruck von Laune an, der schwer zu beschreiben wäre. » Notting?« wiederholte er, »wißt Ihr aber auch, daß Notting weniger als wenig, gar nichts ist, und daß aus Nichts wieder Nichts wird? Wißt Ihr, daß Ihr für Nichts hier auch wieder Nichts erntet, nicht einmal eine Gill Whisky, und daß Ihr folglich stehlen müßt, und daß wir – obwohl wir keinen Galgen für Diebe – doch eine neue und eine alte Penitentiary, oder vielmehr eine Staatsprison Das schloßartige Staatsgefängnis eine Viertelmeile oberhalb der Shuilkill-Wasserwerke. haben, die, im Vorbeigehen sei es gesagt, uns mehr Geld gekostet, als alle solche Taugenichtse in der Welt, wie Ihr seid, wert sind? Mein Gott! Der alte Lafayette hatte ganz recht, als er sagte, unsere Galgenvögel sind kostspieliger logiert als die Fürsten des alten Europa. Hein, Sirs! Und wißt Ihr, daß wir Nichtstuer nicht brauchen können, und daß Ihr zu Hause geblieben sein solltet, wenn Ihr stehlen und nichts tun und gehängt werden wolltet? Hein?«

» Now by Jasus! Nun bei Jesus und allen Mächten! – ein gewöhnlicher irischer Ausruf.« rief der eine Ire, » by all the powers!« der andere, indem sie ihre Arme in die Seite stemmten und drohend gegen den Alten anrückten, » Now by Jasus!« schrien sie stärker, und ihre Augen begannen auf irisch-trunkene Weise zu glotzen, und sie stierten den Mann an mit einer Miene, die diesen laut auflachen machte, » Now by Jasus!« riefen die beiden zum drittenmal, » Now we are in a free country.«

Der Alte brach bei diesen Worten in ein unbändiges Gelächter aus.

Wohl an die zwanzig Personen hatten sich um den sonderbaren Alten gesammelt; sie waren nicht mit der Hast gekommen, mit der müßige Gaffer von den Ecken der Straße herbeieilen, um lieben Zeitvertreib umsonst zu haben; im Gegenteil, es waren meistenteils sogenannte gesetzte Männer, die schmunzelnd sich genähert hatten, mit all dem gelassenen Anstande, den wir an Bewohnern der Bruderstadt kennen. Auch hatte sich keiner dem Gesichtskreise des unruhigen Alten genähert, ohne dem seltsamen Manne seine steife Begrüßung darzubringen, die dieser annahm, wie ein Souverän die Huldigungen seiner lieben Getreuen annimmt.

» In a free country?« lachte der Alte fort. » In a free country? Free to starve I say. In einem freien Lande? In einem freien Lande? Frei vor Hunger zu sterben, sage ich Euch. Ich sage – ah, Mister Morton! – Kapitän Morton! sollte ich sagen, haben noch ein- bis zweihundert Dollars bei uns. Ein Haben, verstehen Sie – in unsern Büchern, von ein- bis zweihundert Dollars; dagegen ist ein fatales Soll auf der andern Seite, so ein Fünfzigtausend. Hein!«

Diese Worte sprach der Alte im reinsten Französisch.

»Tut mir leid, sehr leid,« hob er wieder an, »kann aber nichts weiter tun – nichts weiter tun, haben nichts mehr in unserer Bank. Tut mir sehr leid, sehr leid.«

Und während der Mann so sprach, glänzten und funkelten die nußbraunen Augen in so höllischer Freude, und ein dämonisches Lächeln überflog so grausig die bleichblauen Lippen, daß der Jüngling das dargereichte Schreiben scheu zurückzog und den Mann entsetzt anschaute. Es kam ihm vor, als ob ihn die Dämone der Hölle aus diesem dämonisch lachenden Gesichte angrinsten.

Der Alte hatte ihn fest im rollenden Auge behalten, und jede seiner Zuckungen schien seinen höllischen Triumph zu steigern. Auf einmal haschte er nach dem Briefe, warf einen Blick auf die Adresse und riß ihn auf.

Wie Blitze durchzuckte es das Gesicht des Alten, als er das Schreiben überflog. »Halt, Mister Morton!« raunte er dem Jünglinge in französischer Sprache zu. »Wir haben ein Wort miteinander zu reden.«

Dieser antwortete durch eine mechanisch zustimmende Verbeugung.

»Haben ein Wort miteinander zu reden«, raunte ihm der Mann nochmals zu. »Vielleicht läßt sich etwas für Sie tun, wenn Sie nämlich selbst tun wollen. Zweifle nicht – ist Tätigkeit, Tatkraft in diesem Gesichte; verspricht viel, sehr viel; zwar rasch, waghalsig, lordmäßig, alles auf einen Wurf gesetzt; aber vielleicht läßt sich irgend etwas ausfindig machen, wo ein solches Temperament gerade taugt – vielleicht, vielleicht. Hein! Wollen sehen, wollen sehen!«

Und indem der alte Franzose die Worte so mehr herausstieß als redete, ruhte das pfeilartige Dämonsauge wieder mit einem Ausdrucke von Wohlwollen auf dem jungen Manne, der selbst den Umstehenden nicht entging. »Ah, Mister Morton!« flüsterten ihm der eine und der andere zu, »der alte Stephy ist in guter Laune, in guter Laune der alte Stephy. Ist ein Teufelskerl der alte Stephy, wenn er in guter Laune ist. Hämmern Sie das Eisen, solange es glühend ist. Schneiden Sie Pfeifen, solange sie im Rohre sitzen. Er kann einen aus dem Schlamme ziehen.«

Und wieder bohrten des Alten Augen in das Schreiben, und dann musterte er mit einer Art Wollust im Blicke die herrlichen Formen des Jünglings.

»Pah,« und er wandte sich auf einmal zu den beiden Irländern, »wollt Ihr arbeiten?«

Die Bewegung war so abrupt echt französisch, daß die Irländer mit offenen Mäulern vergebens Worte suchten.

»Wenn wir etwas zu arbeiten bekommen, Your anar!« Your honour – Euer Wohlehren. schnarrte endlich der vorderste, indem er die eine Hand an den Hut legte und sich mit der andern wieder hinter den Ohren kratzte.

»Wie lange seid Ihr im Lande?« fragte der Alte barsch und mit herrischer Stimme. Die freundliche Laune hatte einer finsteren Wolke Platz gemacht.

»Nicht lange genug, um verhungert zu sein, wohl aber, uns einen tüchtigen Schnupfen auf nüchternen Magen zugezogen zu haben«, knurrte der eine Irländer.

»Nüchterne Magen, Ihr versoffenen Schweine!« entgegnete der Alte, indem er mit einer Tournure, die einem Tanzmeister Ehre gemacht haben würde, sich dem nächsten der beiden Iren unter die Nase drehte, augenblicklich aber wieder mit allen Abzeichen von Ekel zurückprallte. »Pah, mit dir wird nicht viel werden, das sehe ich schon; mit deinem Kameraden vielleicht. Nun – wollen es versuchen.«

»Davy!« sprach der halb über Bord schwebende Irländer, »Davy!« wiederholte er, wie träumend sich bald hinter dem rechten, wieder hinter dem linken Ohr kratzend. » By Jasus, Davy, and arr we rially in a free cahntry Bei Jesus, David! Und sind wir wirklich in einem freien Lande?

Und der Alte lachte wieder laut und winkte dann den beiden, ihm zu folgen. Er selbst schritt voran, bald im Doppelschritte, bald wieder stillhaltend, und wechselsweise eines der Schreiben lesend, ihm zur Seite Morton, hintendrein die Irländer, einer am Schlepptau des andern, verblüfft die Grüße der Vorübergehenden links und rechts erwidernd und laut schreiend:

» By Jasus! if them Philadelphians arnt the civellist, gentellist people? Thank ye, gentlemen! Many thanks to ye! Bei Jesus! Wenn die Philadelphier nicht die höflichsten, artigsten Leute sind! Dank Ihnen, Herren! Vielen Dank!«

Es war ein drolliger Zug.

Der Alte hielt endlich vor einem ansehnlichen Hause, das, nahe am Werft gelegen, mit diesem selbst in Verbindung stand. Auf der einen Seite war eine starke Bootsladung Backsteine aufgeschichtet, auf der andern Ballen und Fässer, Campeachyholz und Kolonialwaren aus allen südlichen Weltgegenden. Er setzte seinen Fuß auf die Backsteine und stand einige Zeit in Nachdenken versunken. Auf einmal wandte er sich um zu den beiden Irländern.

»Pah, Ihr wollt arbeiten? Hein! Wollen sehen. Tragt diese Backsteine hier auf die andere Seite des Hauses, berührt mir aber die Ballen und Fässer nicht.«

Die beiden Iren sahen sich einander verdutzt an. »Und ist das alles?« fragte endlich der eine kopfschüttelnd.

»Tragt diese Backsteine hier auf die andere Seite des Hauses, berührt mir aber die Ballen und Fässer nicht«, wiederholte der Alte, und als hätte er den beiden Irländern nun bereits zu viel von seiner Zeit gewidmet, wandte er sich von ihnen, ohne sie eines fernern Blickes zu würdigen.

Sie zogen die Fragmente ihrer Röcke vom Leibe und begannen ihre Arbeit.

Der Alte war rasch in das Haus eingetreten, in dessen Vorhalle und Korridor Kisten, Päcke und Päckchen, Fässer und Fäßchen in Unzahl lagen und standen; dazwischen Kommis und Handlungsdiener von allen Farben und Größen, die wie in einem Bienenschwarm zu- und abliefen. Er warf einen flüchtigen Blick in einen geräumigen Saal, in dem mehrere Schreiber saßen, in einen zweiten und dritten, rannte wieder zurück und trat in eine Tür auf die entgegengesetzte Seite des Korridors. Sie führte in ein geschmackvoll solid, aber nichts weniger als reich ausmöbliertes Parlour, mit türkischen Teppichen, Akajoumöbeln, mehreren Sophas und Tischen, auf denen wohl an die vierzig Zeitungen, Broschüren, Kurantzettel und andere Papiere lagen. Mehrere Personen saßen und standen um den Tisch herum und in den Fensterbrüstungen, lesend und sich unterhaltend. Alle unterbrachen jedoch ihre Unterhaltung bei dem Eintritte des Alten, den sie auf eine gespannt achtungsvolle Weise begrüßten. Er selbst hatte auf seine Gäste kaum einen flüchtigen Blick geworfen, als sich sein ganzes Wesen auch auf einmal veränderte. Seine beweglichen Züge, aus denen französische Raschheit nicht ganz undeutlich herausgeleuchtet, hatten etwas ernst Stolzes, ja Steifes, etwas Höfisches angenommen, und die wenigen Schritte, die er durch den Saal machte, geschahen ganz mit der Bewegung eines Mannes, der sich außerordentlicher Gewalt bewußt ist. Er warf den Kopf leicht in die Höhe, als er an die Türe eines Kabinettes kam, und mit einer kurzen Verbeugung an seine Gäste öffnete er die Türe, machte Morton ein Zeichen einzutreten und winkte ihm, auf einem Fauteuil vor dem Kamin Platz zu nehmen.

»Auf meinem Fauteuil, Mister Morton!« sprach er in das Kabinett hinein; »verstehen Sie, nicht auf diesem da, der ist für andere Leute.«

»Und Sie, Gentlemen!« wandte er sich an die Gäste, »treten Sie ein, in der Ordnung, in der Sie angekommen sind.«

Und mit einer nochmaligen Verbeugung in den Salon hinein ließ er die Türe offen und trat in das Kabinett an die Seite Mortons. Ihm folgte ein Mann in den sogenannten gesetzten Jahren; ein sonn- und wetterverbranntes Gesicht, mit der schweren, aber freien Seemannsphysiognomie, voll von jener Kraft, Stärke und Härte, wie wir sie auf unsern Werften sehen.

»Ah, Kapitän Bullock! Seien Sie mir willkommen!« begrüßte ihn der Alte.

Der Kapitän trat festen, zuversichtlichen Schrittes an ihn heran und verneigte sich mit einem »guten Morgen, Mister G–d!«

»Guten Morgen, Kapitän Bullock! Guten Morgen! Alles abgemacht in dem Customhouse Zollhaus. – haben Sie, Kapitän?« fragte der Alte freundlich. »Ah, Kapitän!« fuhr er in demselben zutraulich-schmeichelhaften Tone fort, »sind sechs Jahre in meinen Diensten – Anstellung, sollte ich sagen, vergeben Sie, sind wohl zu gebrauchen gewesen. War zufrieden. Waren einer meiner besten Ostindienfahrer, einer meiner besten Ostindienfahrer, haben mir in fünf Fahrten nicht mehr als drei Maste und ein Ruder ruiniert, und das will viel sagen. Ist sehr stürmisch die See um das Kap der guten Hoffnung.«

»Und böse Winde«, fiel der Kapitän ein.

»Böse Winde, richtig Kapitän. Waren, wie gesagt, einer meiner besten Ostindienfahrer.« Und indem er so sprach, zog er an der Klingel.

Es trat ein Buchhalter ein, die Feder hinterm Ohr.

»Ah, Mister Cartwright!« sprach er zu dem Eintretenden. »Bringen Sie mir etwas für den Kapitän Bullock?«

Und so sagend kreuzte er die Hände, und ging rasch einige Male im Kabinette auf und ab.

Der Buchhalter war wiedergekommen, ein offenes Papier in der Hand.

»Ah, Mister Cartwright! Da bringen Sie also etwas für Kapitän Bullock.«

»Mich freut es,« erwiderte der Seemann, »wenn Mister G–d wohl zufrieden ist.«

»Ganz zufrieden, wohl zufrieden, bis auf einen Punkt. Wohl, Buchhalter, Sie haben gebracht – haben Sie? Nehmen Sie, Mister Bullock, nehmen Sie, es ist Ihre Abfertigung. War mit Ihnen zufrieden, sehr zufrieden, bis auf einen Punkt. Sie waren in meinem Dienste.«

Diese Worte waren betont gesprochen. Der Kapitän schaute hoch auf.

»Kann Sie nicht mehr brauchen, Mister Bullock. Brauche Leute, die meinen Orders und Instruktionen pünktlich nachleben, die Raison gelernt haben und nicht tun, was sie wollen. We are in a free country, aber meine Schiffe sind nicht a free country, und wären sie es, würde ich sie heute noch alle zwanzig verbrennen lassen.«

»Aber, mein Gott, Mister!«

»Pah, Mister. Jeder Teufel ist hier Mister. Ich bin aber Meister, Meister meiner zwanzig Schiffe. Hein! Können sich um eine andere Anstellung umsehen. Hier ist Ihre Abfertigung auf Cent und Dollar.«

»Aber Master!« schrie der vielleicht zum erstenmal in seinem Leben geängstigte Seemann.

»Pah, Master und wieder Master. Wer hat Ihnen erlaubt, mir da einen Schwarm Nichten und Neveus und Basen, und wie all das Gesindel heißt, von Bordeaux herüberzubringen? Hein! Glauben diese bourbonischen sujets, ich hause für sie und habe mich für sie geplagt? Hein! Ich glaube, ganz Bordeaux und die Gascogne dazu, würden kommen und das Vendéer Gesindel obendrein. Passagiere mochten Sie annehmen, wenn sie ihre Passage bezahlen; dann gehörte Ihnen die Hälfte, mir, als Schiffsherrn, die andere; aber wo sind die Passagiere? Mußte den Pack auf meine Kosten wieder zurückspedieren. Müßte mich ihrer ja schämen hier, in Philadelphia.«

»Aber Mister – bei Gott! Ich dachte Ihnen eine Freude zu machen.«

»Freude zu machen mit Niecen und Neveus, lachenden Erben? Sie, verdammter –! Bald hätte ich etwas gesagt. Freude wollten Sie einem alten Manne machen, der sich sein bißchen Geld und Gut sauer erworben hat, dadurch wollten Sie ihm Freude machen, daß Sie ihm lachende Erben zuführten? Daß sie nach echter Gascogner Weise sein bißchen Habe durch die Gurgel jagen; pour manger sa fortune, wie es in unserer Sprache recht passend heißt, Mister Morton. Nein, Mister Bullock, das ist wahrlich zu arg. Adieu, Mister Bullock!«

Der arme Kapitän stockte und suchte Worte, der Alte hatte ihm aber den Rücken zugewendet.

»Ah, Mister Morton!« sprach er, heftig gestikulierend und ungeduldig im Kabinette auf und ab laufend, »ah, lieber Morton! Merken Sie sich das, einen Punkt muß man im Auge haben, ein Ziel, obwohl die Wege danach verschieden sind. Verschreiben Sie sich dem Teufel und dienen Sie ihm, aber nicht dem Teufel und Gott zugleich, sonst sind Sie von beiden verlassen; entsteht nichts als Pfuschwerk. Hein!«

Der Buchhalter hatte unterdessen den widerstrebenden Kapitän zur Türe hinausbugsiert. An seine Stelle war ein ansehnlicher Mann getreten, in schwarzseidenem Amtskleide der Geistlichen der bischöflichen Kirche, eine milde Physiognomie, mit dem vornehm gelassenen Schmunzeln, wie es bei Damen beliebte Prediger dieser quasi herrschenden Kirche gerne zur Schau tragen.

»Mister G–d!« sprach der Eingetretene mit einer anstandsvollen, aber nichts weniger als tiefen Verbeugung und mit dem soeben bezeichnten sanften Schmunzeln, »wir hoffen, Sie werden etwas beisteuern zum Baue unsers Gotteshauses.«

So sagend, überreichte er zwei Papiere, deren eines den Plan einer gothischen Kirche, das andere die Subskriptionsbeiträge der Gläubigen zum Baue enthielt.

Der Alte hatte das Gesuch mit zu Boden gerichteten Augen angehört. Jetzt warf er seinen funkelnd durchbohrenden Blick auf einmal auf den Prediger, der stand, im Gesichte jene Zuversicht, die die Diener dieser Kirche bei solchen Gelegenheiten so geschickt anzunehmen wissen und die bekanntlich zu deren Emporkommen in den höheren Zirkeln weit mehr beigetragen hat, als das kriechende, zudringliche Wesen der übrigen Sekten.

»Ihr Name?« sprach der Alte.

»James R–n, Rektor der –kirche, das heißt, die gebaut werden soll, wenn der Eifer unserer guten und achtungswerten Familien ihrem Wollen gleicht.«

»Sind also Prediger der guten und achtungswerten Familien?« fragte der Alte. »Haben recht, ehrwürdiger Mister R–n, sie bezahlen auch am besten, und das ist denn doch bei Ihnen, so wie überall, die Hauptsache.«

»Wir sollten glauben, die Verbreitung des Reiches Gottes –«

»Ei, und seiner Diener auf Erden versteht sich von selbst – nicht wahr?«

Der Prediger sandte einen Blick gen Himmel.

Ohne ein Wort weiter zu sagen, trat der Alte zum Schreibtische, nahm eines der Papiere, schrieb einige Zeilen darauf und überreichte es dem Prediger mit einer anständigen Verbeugung, aber einer Miene, die eigentümlich genannt werden konnte. Es lag Spott und Hohn in dieser Miene, und wieder etwas, wie Bedauern – Verachtung. Er wandte sich plötzlich vom Prediger, der lächelnd den Scheck in sein Portefeuille gesteckt hatte und sich ebenso entfernte.

»Pah!« raunte der Alte dem Jüngling in die Ohren, »pah, mit ihrem freien Lande, das sich Zwangshäuser baut für Geist und Körper! Hol' sie der Henker! Käme es auf mich an, alle müßten sie auf die Neufundlandbänke oder in die Südsee, Stockfische und Seerobben zu fangen.«

»Aber es muß doch eine Religion sein, Mister G–d!« bemerkte Morton.

»Und wer hat etwas dagegen? Und haben die Quäker, oder, wie sie sich nennen, die Freunde, nicht auch ihre Religion? Haben sie aber Priester? Hein! Und sind die nicht die ruhigsten, ordentlichsten, solidesten Leute der Union? Die reichsten noch dazu? – Ich kenne nichts Dümmeres, als in seiner Unterhaltung mit dem Schöpfer einer Mittelsperson zu bedürfen, die uns da alte Geschichten von einem Volke vorliest, das jüdisch von Anbeginn seiner Tage war. Wenn ich zu Gott bete, brauche ich keinen Priester, noch brauche ich ihn, um Gott kennen zu lernen. Ich schaue in den Himmel, und da ersteht mir sein Bild so groß, so hehr, wie alle Bildhauer und Maler der Welt mir ihn nicht vor die Augen bringen können. Ah, die Stockfische!«

»Ah, Messieurs Maclure, Macdonough, Villiers, Broadwell und Shadewell! Seien Sie mir willkommen! Bitte um Vergebung, daß Sie so lange warten mußten. Was verschafft uns die Ehre eines so vornehm guten Besuches?«

Und indem er so sprach, hatte er auf einmal wieder seine feinste aristokratisch sardonische Laune aus der Tiefe seines unergründlichen Innern herauf beschworen.

Die fünf eingetretenen Personen waren Gentlemen im vollen Sinne des Wortes; sehr elegant gekleidet, mit spitzigen Nasen, graublauen scharfen Augen, wie wir sie in Philadelphia lieben, ein bißchen ins Schottische schillernd, und eingetrockneten Gesichtern, in denen die tiefen Forschungen der Menschen beglückenden Wistarpartien mit leserlichen Zügen geschrieben waren. Sie hatten mit einer Art Herablassung dem Alten ihre flachen Rechten gereicht, der ihnen seinerseits die Palme der seinigen gleich flach entgegenstreckte, so daß die Hände zwei Steinplatten ähnlich aufeinander zu liegen kamen. Während dieses sonderbaren Händereichens schwebte ein boshafter Zug um die Lippen des Alten.

»Mister G–d,« sprach der vorderste der fünf, einen Sessel nehmend, »macht sich so selten und gibt uns die Ehre seines Besuches so wenig, daß wir schon selbst kommen müssen, auf die Gefahr hin, lästig zu werden.«

»Lästig zu werden?« erwiderte der Alte. »Sie scherzen, Mister Maclure. Was kann für einen so simpeln, unbedeutenden Mann, wie wir sind, angenehmer sein, als der Besuch von Männern von so gutem Hause, wie wir sagen, die die gute Gesellschaft von Philadelphia par éminence konstituieren?«

»Wir wissen, Mister G–d,« hob der zweite an, »daß Ihre Zeit kostbar ist, so wie auch die unsrige beschränkt ist, und glauben daher, Ihnen so kurz als möglich die Veranlassung dieses unsers Besuches auseinandersetzen zu müssen.«

»Bin ganz Ohr, Gentlemen – ganz Ohr,« versetzte der Alte, der, mit einem Seitenblick auf Morton, gleichfalls einen Sitz nahm.

»Sehr schönes Wetter«, fing Mister Macdonough an.

»Unvergleichlich«, bekräftigte Mister Villiers.

»Haben aber doch sehr stürmische Nächte letzthin gehabt«, bemerkte Mister Shadewell mit einem Blinzeln auf Morton hin. »Haben Sie alle Schiffe zur See, Mister G–d?«

»Bis auf den Ozean, nach Canton bestimmt, und Swiftfoot, nach Havre.« Und der Alte warf den Kopf auf vor Ungeduld.

»Ihr letzter Ostindienfahrer, die Philadelphia, hat eine prächtige Ladung heimgebracht«, bemerkte Mister Broadwell.

»So ziemlich«, versetzte der Alte ungeduldig.

»Vorzüglich Nanking und Tee,« meinte Mister Villiers, »nicht wahr? Glauben Sie, der Artikel wird Preise halten?«

»Wollen ihn Preise halten machen«, erwiderte der Alte, der sich vor Ungeduld auf seinem Sessel vorwärts und rückwärts schob. »Brauchen Sie ein paar hundert Kisten?«

»Gott behüte!«

»Wissen Sie, Mister G–d!« hob Mister Maclure wieder an, »daß mir alle meine Rebstöcke im Garten erfroren sind. Ich fürchte, die Ihrigen hatten gleiches Schicksal.«

»Sie sind gütig«, versetzte der Alte. »Ich habe sie eingewintert.«

»Sind vorübergekommen vor Ihrem neuen Hause in Archstreet, wird mit dem Theater eine Zierde der Straße werden«, sprach Mister Shadewell.

»Wir haben jetzt drei Theater, Mister Girard!« setzte Mister Macdonough hinzu.

»Weiß es«, versetzte der Alte, vor Ungeduld zappelnd, »eines in Archstreet, das andere in Chesnutstreet, das dritte in Wallnutstreet.«

»Ebenso«, bekräftigten alle im emphatisch gedehnten Tone.

»Und da Mister G–d«, meinte Mister Maclure mit derselben Emphasis, »zur Verschönerung dieses unsers Philadelphia so vieles bereits beigetragen, so sind wir gekommen, anzufragen –«

Der Alte stutzte auf einmal.

»Der Plan ist nicht übel, Mister G–d!« versicherte Mister Broadwell.

»Und da ohnehin Mister Stephy – Vergebung! wollte sagen Mister G–d, den Fleck Landes nicht zu benutzen gesonnen scheint –«

Des Alten Gesicht überflog ein sardonisches Lächeln.

»So würden wir gerne die Kaufsumme, die Sie nämlich Major N– bezahlt haben, erlegen, wenn nämlich Mister G–d –«

»Ihn uns überlassen wollte«, setzte Mister Shadewell hinzu.

»Für den Kaufschilling von?« fragte der Alte gespannt.

»Je nun, von siebzigtausend Dollars, die Sie Major N– dafür gegeben haben.«

»Ah, nun versteh' ich Sie«, brach der Alte auf einmal in der fröhlichsten Stimmung aus. »Sie möchten gerne das Square zwischen Tenth- und Elevenstreet haben, mein sogenanntes Pennsquare. Dieses Viereck – Philadelphia ist bekanntlich in Vierecke eingeteilt – wurde von der Regierung von Pennsylvanien den Erben Penns (mit mehreren anderen Landstrecken, z. B. der Halbinsel, auf der Pittsburg steht) als Entschädigung für ihre Ansprüche auf Pennsylvanien gegeben. Von diesen ging es an Major N– über und endlich auf den außerordentlichen Mann, der in einem Zeitraume von weniger als fünfzig Jahren wahrscheinlich das größte Vermögen erwarb, das je von einem Privatmanne gesammelt wurde. Gegenwärtig erhebt sich auf dem Platz das große Stiftungsgebäude nach dem bekannten testamentarischen Willen des Erblassers, demzufolge nie und unter keiner Bedingung irgendein Geistlicher, welcher Konfession er auch sein möge, die Schwelle dieser Stiftung betreten darf. Das ihr angewiesene Kapital beträgt zwei Millionen Dollars. Und was möchten Sie denn tun mit diesem Square? Hein!« fragte er mit einem Gesichte, das einen Satyr nicht übel vorstellen konnte.

Die fünf Aristokraten hatten ihr freundlichstes Lächeln heraufbeschworen.

»Maßen, Mister G–d, wie weltbekannt, für die Verschönerung dieser unserer Stadt Philadelphia so sehr passioniert sind«, hob wieder Macdonough an.

»So, so«, meinte der Alte.

»So hatten wir im Sinne, unsererseits auch nicht zurückzubleiben, und –«

»Dieses Square anzukaufen«, ergänzte der Alte, mit der Miene einer Katze, die nun mit der gefangenen Maus ihr Spiel beginnt.

»Anzukaufen,« fiel Mister Broadwell ein, »um es in einen Park umzugestalten, oder vielmehr, da es bereits Park ist, nachzuhelfen.«

»Ja, ja, gar nicht übel«, versicherte der Alte. »Chesnutstreet auf der einen Seite, Marketstreet auf der andern, für das Publikum wäre dieses gar nicht übel.«

»Nicht so ganz für das Publikum«, meinte Mister Villiers. »Wir würden vielmehr wünschen, es –«

»Ja, ja,« fiel der Alte ein, »der Baumschlag ist gar nicht übel. Buchen, Ulmen, Akazien, Ahorn, Hickory, lauter herrliche Waldbäume, echt amerikanischer Schlag; nur wenige Pappeln. Und Sie würden Alleen anlegen?«

»Eben, eben – Alleen, eine Art geschlossenen Park oder Garten, mehr für unsere Familien und die respektable Nachbarschaft, die Bewohner von Chesnutstreet, und einige von Arch und Wallnutstreet – lauter gute Familien.«

»Mit Lauben und Grotten und einem eisernen Geländer«, bemerkte der Alte kopfnickend.

»Was noch immer auf die dreißigtausend Dollars kommen würde, aber zur Verschönerung der Stadt würde uns keine Auslage –«

»Zuviel dünken«, lächelte der Alte. »Natürlich! natürlich!« setzte er immer freundlicher hinzu.

»Wir sehen, Mister G–d versteht uns«, bemerkte Mister Villiers.

»Ganz, ganz, das heißt, fange an zu begreifen, so respektable Messieurs lassen sich nicht auf einmal durchblicken«, meinte er wieder lächelnd. »Und da wollten Sie also für Ihre Familien eine Art Morgen- und Abendpromenade, für Ihre Fräulein Töchterchen und Herren Söhne – damit sie nicht mit dem gemeinen Volke, der Kanaille, in Berührung kämen?«

»Etwas dergleichen«, bemerkte Mister Broadwell.

»Und der alte Stephy G–d sollte seinen Teil beisteuern, daß Ihre Herren Söhne und Fräulein Töchterchen –?«

»Da Sie denn für die Verschönerung dieser unserer Stadt so sehr portiert sind«, meinten alle.

»Und so wollten Sie, weil wir für die Verschönerung dieser Ihrer Stadt Philadelphia, wie Sie sie nennen, so sehr portiert sind,« fuhr der Alte mit derselben spielenden Katzenmiene fort, »unser Eigentum,« hob er plötzlich laut lachend an, »in das Ihrige konvertieren, um Ihre Herren Söhnchen und Fräulein Töchterchen ein paar Jahre in den Alleen und Grotten und Lauben dieses Pennsquare girren und kosen und schnäbeln zu lassen, und nach ein paar Jahren Zeitvertreib es in reelle Dollars umzusetzen? Prosit die Mahlzeit! Wie Sie gescheit sind! Pah! Hein!«

Und sofort erhob sich der Alte und brach in ein unbändiges Gelächter aus. »Pah, Gentlemen! Und Sie konnten wirklich glauben, der alte Stephy würde ein solcher Narr sein und ein Square, für das ihm dreimalhundertsechzigtausend Dollars angeboten worden, und das unter Brüdern fünfmalhunderttausend wert ist, um siebzigtausend hergeben, auf daß Ihre Söhnchen und Töchterchen sich da schnäbeln mögen, und kosen und girren, wie Turteltäubchen?«

Und wieder lachte der Alte aus vollem Halse. »Und Sie konnten dies glauben? Hein! Pah! Haben die Rechnung ohne Wirt gemacht.«

»Aber Mister G–d!« schrien wie aus den Wolken gefallen die fünf Aristokraten. »Aber Mister G–d!«

»Gentlemen!« schloß der Alte, noch immer laut lachend, »wir kennen uns ganz und gar, Gentlemen. Wird nichts daraus! Hein! Hein! Sind alle herzlich willkommen zu einem déjeûner à la fourchette, wenn Sie bleiben wollen, aber aus Ihrem Vorschlage wird nichts; leben in einem freien Lande.«

Das Philadelphia-Aristokratentemperament ist bekanntlich eines der zähesten, das es wohl geben kann; aber diesem Ausbruche von toller Laune und Gelächter konnte es nicht widerstehen, und unsern fünf Gentlemen war der Faden der Gelassenheit ganz und auf einmal gerissen. Mit den Worten: »Dann wollen wir Sie nicht länger aufhalten«, retirierten alle fünf so eilig, daß Morton selbst das Lachen nicht verbeißen konnte.

Der Alte lachte noch immer, auf einmal horchte er.

Draußen im Besuchsaale waren laute Verwünschungen zu hören. Mister Shadewell schrie: »Wer hätte das von dem alten Tagdiebe geglaubt!«

»Pah!« wandte er sich zu Morton, dessen Miene hohe Zufriedenheit über die soeben stattgefundene Niederlage und den Rückzug der sogenannten Aristokraten ausdrückte. »Pah, Mister Morton! Sehen Sie, diese Wouldbe-Aristokraten Wouldbe-Aristokraten. Gerne Aristokraten-sein-wollende. sind bei alledem doch bloß niedrig aufgeschossene Glückspilze, Mushroom-Aristokraten, Mushroom-Aristokraten, wie Schwämme aufgeschossene Aristokraten. wie sie in Neuyork die Grandees von Bowlingreen nennen. Erbärmlicher Stoff! Söhne entlaufener Irländer und Schotten, die Schuster waren und Schneider. Ein virginischer, englischer oder französischer Aristokrat wäre schon so leicht nicht in die Falle gegangen, und das in die Falle eines Mannes, den sie noch vor zehn Jahren in allem Ernste ruinieren wollten. Ah, wie prächtig ist es, in einem freien Lande zu leben! Hein!«

»Hören Sie, war das eine Geschichte, als diese Messieurs, drei von ihnen sind Präsidenten von bedeutenden Banken, wie Sie wissen, – alle meine Banknoten refüsierten, um mich – doch ich bekam sie in die Klemme – mußten zum Kreuze kriechen. Ich konnte zum Glücke damals bereits über ein zehn Millionen eigenes Vermögen disponieren. Ah, die Schleicher!«

Und während der Alte sich seelenvergnügt die Hände rieb und lachend im Kabinette auf- und abschritt, war ein frischer Besuch eingetreten.

Diese Personnage war zäh und ledern und wandelte in das Kabinett ein, abgemessen, im schwarzen, oxfordfarbigen Rocke, mit langen Schößen, kurzem, steifem Kragen, einem Hute mit niedriger Krone und breiter Krempe, silbernen Schnallen an den glänzend gewichsten Schuhen; zu diesen eine spitze Nase, die Gesichtsfarbe ein sogenanntes Fallkolorit, mit den im winterlichen Froste gefallenen Eichenblättern harmonierend, dünnen, langen, graugrünen Augen und einem de- und wehmutsvollen Blicke, der aber wieder zuzeiten einen ungemein lauernden Ausdruck annahm.

»Mister Wainscott?« fragte der Alte.

Der Eingetretene verbeugte sich bejahend.

»Drogist,« fuhr der Alte fort, »und Apotheker in G–gh.«

»Derzeit unwürdiger Bischof der heiligen bischöflichen Methodistenkirche«, näselte der Mann mit demütig stolzen, gen Himmel erhobenen Augen, die jedoch erschrocken in demselben Augenblicke wieder zu Boden schlugen.

Der Alte hatte den andächtigen Schauder im Gesichte des frommen Methodistenbischofs bemerkt und sprach, an den Plafond deutend, im hingeworfenen Tone: »Skandalieren Sie sich nicht, ehrwürdiger Herr. Es ist bloß die Venus, wie sie aus dem Ozean steigt. Ist von Carter gemalt, einem recht tüchtigen jungen Künstler, den man auf alle Weise patronisieren muß! Ist gar nicht übel.«

Der bischöfliche Apotheker seufzte.

»Freut mich übrigens, Euer Hochehrwürden zu sehen«, fuhr jener fort in einem Tone, der nichts weniger als Freude verriet.

»Haben beschlossen, ein Versammlungshaus für die frommen Gläubigen zu bauen und sind mit Hilfe des Allerhöchsten und der Unterstützung seiner frommen Heiligen in diesem Tränentale dahin gelangt, den Grundstein zu legen«, versetzte der Methodistenbischof, während seine Arme regelmäßig stiegen und fielen, ähnlich den aufschwellenden Bewegungen eines Telegraphen.

»Sind jedoch im erbaulichen Werke stecken geblieben,« fiel ihm der Alte ein, »und deshalb gekommen, ebenfalls unsere unwürdige Nachhilfe in Anspruch zu nehmen?«

Der Bischof lächelte fromm und mild und warf einen demutsvollen Blick auf den Alten und dann wieder gen Himmel; dann überreichte er sein Beglaubigungsschreiben.

»Pah!« versetzte der Alte, indem er einen flüchtigen Blick auf dieses warf und mit einem zweiten der tiefsten Verachtung zum Schreibtische trat, von dem er ein Papier nahm, einige Zeilen niederschrieb und sie dem Bischofapotheker überreichte. »Pah, da ist etwas für Sie.«

Dieser nahm die Note und sah sie einige Augenblicke mit gesenktem Haupte wehmütig an, dann richtete er seinen Blick wieder gen Himmel.

»Nun, Mister Wainscott! Ich wollte sagen, hochehrwürdiger Bischof! Hein! Fehlt etwas?« fuhr ihn der Alte ungeduldig an.

»Dachte nur,« bemerkte Mister Wainscott, und sein Haupt senkte sich wieder schmerzensvoll auf die Brust, »was wir wohl verschuldet haben mögen, daß wir so sehr aus der Gnade und dem Wohlwollen Mister G–ds gekommen?«

»Gnade, Wohlwollen? Mister Wainscott, was meinen, was faseln Sie? Hein!!«

»Maßen Mister G–d dem ehrwürdigen Mister R–n von der –kirche fünfhundert Dollars subskribiert, und wir mit bloßen vierhundert abgefertigt werden.«

»Sieh' da, das habe ich vergessen«, rief der Alte recht fröhlich. »Dank' Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, sehr ehrwürdiger Herr. Danke sehr«, wiederholte er mit einem ominösen, sardonischen Lächeln. »Wollen unsern Fehler verbessern; wollen, wollen –«

Und mit diesen Worten langte er nach dem Scheck, den ihm der Apothekerbischof mit seinem demütigst verschlagensten Lächeln darreichte.

»Ist richtig«, fuhr er fort, indem er einen Schritt zurücktrat, die Note in zwanzig Stücke zerriß und diese in das hellodernde Kaminfeuer warf.

Und der Mann wandte sich jetzt mit seiner kältesten Miene zum Apotheker, der erwartend vor ihm stand, ein verklärtes Lächeln auf dem Ledergesichte spielend.

»Wollen Sie noch etwas, hochehrwürdiger Herr?« fragte er nach einer Weile.

Der Apotheker sah ihn mit großen Augen an.

»Sie waren, wie ich sah, nicht zufrieden mit vierhundert Dollars? Sie sehen, ich habe meinen Fehler verbessert.«

»Aber –« stockte der Apotheker.

»Meinen Fehler verbessert«, wiederholte der Alte. »Nun bekommen Sie gar nichts. Adieu, hochehrwürdiger Herr Wainscott!«

»Aber, Mister G–d!« sprach dieser mit einem drollig verlegenen Lächeln.

»Aber, Mister Wainscott!« entgegnete der Alte. »Wer das Wenige nicht ehrt, ist mehr nicht wert.«

Und der Mann wurde auf einmal so ernst und sah so scharf darein, daß dem Apothekerbischof sichtlich der Mut sank, sein Anbringen nochmals zu erneuern. Das lächerlich weinerliche Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, den wir an Kindern bemerken, welchen die Mama das Butterbrot genommen. Erst als ihm der eintretende Buchhalter versicherte, daß für ihn gar nichts mehr zu erwarten stehe, zog er sich schneckenartig zurück.

»Ah, Mister Morton!« sprach der Alte. »Sehen Sie, wie die giftigen Spinnen das herrliche Werk Ihres Großonkels vergiften, verderben? Wie sie um alle Klassen dieser bürgerlichen Gesellschaft, die sich freie Männer nennen, ihre Fäden spinnen? Wie sie ihnen alles Selbstdenken nach und nach verlernen machen, indem sie ewig und ewig ihr Gewäsch von der Gnade und dem Sündenfalle und der Unzulänglichkeit der Werke wiederkauen. Ja, ja, lieber Morton, es ist ein wunderbares Ding um das sogenannte Menschengeschlecht; ein sehr wunderbares Ding! Ein verächtliches Ding, sollte ich sagen. Napoleon hatte recht in diesem Punkte, aber auch wieder unrecht. Ja, ja, sehr unrecht. Es gibt göttliche Funken in diesem Geschlechte. Ah, die Duckmäuser. Lassen Sie fünfzig Jahre ohne Krieg hingehen, und sie sind – doch halt –«

Und während er die letzten Worte leise und bedeutsam mehr zu sich als zu seinem Zuhörer gesprochen, war er in der Türe des anstoßenden Parlours verschwunden.

Der Jüngling aber überließ sich seltsamen Gedanken. Es kamen Phantasien über ihn, die, wie Träume, seine Augen halb schlossen. Ihm kam es vor, als ob plötzlich eine unsichtbare überirdische Macht ihn ergriffe und fortschleudere in die fernsten Sphären; und als wenn seine Proportionen, durch Zeit und Raum ins Ungeheure gesteigert, zu einem feurig drohenden Meteore würden, das auf einmal mit einem entsetzlichen Knalle zerplatzte.

Aus diesen Phantasien wurde er durch ein unheimliches Geflüster im anstoßenden Parlour aufgerüttelt, das sich zeitweilig hören ließ und durch die gellend kreischende Stimme des Alten unterbrochen wurde, worauf eine ebenso unheimliche Stille eintrat. Das Geflüster ließ sich abermals hören; es war im bittenden Tone, stockend, stotternd an den Alten gerichtet. Jetzt ließ es sich in einer eigentümlichen Tonleiter stärker hören. Auf einmal brach der Alte mit starker, gellender Stimme aus:

»Zulage? Mister Cartwright! Zulage wollen Sie? Zulage zu sechzehnhundert Dollars Gehalt, die Sie jährlich von mir haben! Wissen Sie, daß der dritte Clerc von der Treasury Der dritte Finanzsekretär. nicht sechzehnhundert Dollars hat?«

»Wenn Mister G–d, in Anbetracht meiner sechzehnjährigen Dienste, und bei dem Umstande, daß ich auf dem Punkte stehe –«

»Daß Sie auf dem Punkte stehen, Mister Cartwright, auf dem Punkte stehen, zu heiraten? Hein! Aber Ihr Heiraten, was geht das mich an? Hein! – Heiraten? Hein! Kinder zeugen? Hein! Wissen Sie aber, daß unter allen möglichen Zeugen und Fabrikaten diese Art Zeuge am wenigsten gelten, am schlechtesten bezahlt werden und doch die kostspieligsten sind? Hein! Heiraten, sagt der Apostel Paulus, ist gut, aber ledig bleiben ist besser. Und, glauben Sie, Paulus war ein gescheiter Kerl, war ein getaufter Jude, ein doppelt destillierter Jude. Pah!«

Vom Buchhalter war kein Wort mehr zu hören.

»Und als lediger Buchhalter – Hein! Wo Sie mir mehr wert waren, mehr arbeiteten als zwei Verheiratete, wo Sie alle fünf Sinne bei meinem Geschäfte hatten und nicht bei Ihrem Weibe, da gab ich Ihnen sechzehnhundert Dollars; und nun Sie Tag und Nacht bei Ihrem Weibe stecken werden, soll ich Ihnen Zulage geben? Da wird nichts daraus. Wenn Sie mit den sechzehnhundert Dollars nicht zufrieden sind, so – we are in a free country. Zulage gebe ich ein für allemal keine.

Ein hörbarer Seufzer entstieg der Brust des Buchhalters; dann ward es wieder stille.

Auf einmal ging die Türe auf, und der Alte trat rasch auf Morton zu.

»Pah, Mister Morton! Wollten Sie wohl so gut sein und mir für eine Stunde die Schlüssel Ihrer Koffer anvertrauen?«

»Die Schlüssel meiner Koffer anvertrauen?« fragte dieser befremdet.

»Das heißt, wenn Sie Vertrauen genug in mich setzen, wenn nicht – so nicht.«

»Gerne; aber wozu, Mister G–d?«

»Werden es sehen, werden es sehen. Respektiere Ihr Eigentum; kommt mir aber just so die Laune. Wollen Sie? Kurz – ja oder nein?«

Und bereits hatte er die dargereichten Schlüssel ergriffen, mit denen er zur Türe hinaus rannte, sogleich aber in Begleitung eines seiner fünfzig Handlungsdiener zurückkam, der unter anderem meldete, daß die beiden Irländer soeben die Bootsladung Backsteine auf die andere Ecke des Hauses übergetragen.

»Sagt ihnen«, unterbrach ihn der Alte, »sie sollen sie auf der Stelle wieder an denselben Ort zurückbringen, woher sie selbe genommen.«

Und der Diener wandte sich und lief, um den beiden Irländern die Weisung zu überbringen, die Backsteine an ihren vorigen Ort zurückzutragen.

Jetzt rannte der Alte zur Klingelschnur und zog diese dreimal heftig.

Eine wohl aussehende Frau trat ein.

»Mistreß Coulter!« sprach der Alte. »Ist das déjeùner à la fourchette fertig?«

»Ja.«

»Eine Bouteille Sherry, zwei Chambertin und Lafitte, eine East India Madeira und eine Champagner.«

»Wohl und gut.«

»Vier Kuverts.«

»Richtig.«

»Alles in Bereitschaft?«

»Ja.«

»Mister Morton! Lassen Sie uns zu Tisch gehn!« und, die Türe öffnend, rief er: »Mister Cartwright! Kommen Sie gleichfalls, einen Bissen Vormittag zu essen! Können petite bouche machen, wie Sie wollen.«

Der Buchhalter hob sein bekümmertes Antlitz und sah den Alten forschend an. Nichts war jedoch auf diesem impassablen Gesichte zu lesen.

Die vier Kuverts waren richtig auf dem Tische, der, mit dem feinsten Tafelzeuge gedeckt, ein sehr elegantes coup-d'oeil darbot. Das Geschirr war Sevreporzellan von der feinsten Qualität; alles reich und geschmackvoll. Den Anfang machten zwei Suppennäpfe, der eine mit Schildkrötensuppe, der andere mit Bouillon, der vor dem Gedecke des Alten stand.

»Nicht wahr, Mister Morton,« hob dieser an, »Sie finden mein déjeuner etwas hors de façon? Es ist aber so meine Art, mit der Suppe zu beginnen; auch bei déjeuners kann ich die Unart nicht lassen. Wir Franzosen lieben die Suppe, wie Sie wissen; sind wahre Suppennarren; die Wahrheit zu gestehen, haben wir es aber in diesem Punkte weit gebracht«, fuhr er beinahe geschwätzig fort. »Nehmen Sie, lieber Morton; nehmen Sie eine tüchtige Portion – sie wärmt den Magen und ist eine vortreffliche Stärkung gegen Seedünste.«

»Die jedoch in Philadelphia eben nicht sehr fühlbar sind«, bemerkte Morton, indem er der deliziösen Turtlesuppe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen begann.

Der Alte aß mit außerordentlicher Schnelligkeit, und sein Teller war bereits gewechselt, während der Buchhalter noch immer an seiner Serviette zupfte, die er kaum vom Teller bringen zu können schien. Jetzt hob er diese endlich, und ein versiegeltes Papier fiel heraus. Der Mann wurde totenbleich und sah den Alten sprachlos an.

»Meinen Abschied also«, wisperte er mit einer Stimme, die keinem Lebenden anzugehören schien. Des Jünglings Wangen hatten sich vor Zorn gerötet; diese zwecklose Härte, diese Ertötung, Verhöhnung einer der edelsten Tugenden des geselligen Lebens, dies verruchte Spiel am gastlichen Tische! Es war empörend! Er legte rasch den Löffel weg und seine beiden Hände auf den Tisch, wie einer, der im Begriffe steht, diesen zu verlassen.

Der Alte saß ganz ruhig und versuchte von der Turtlesuppe.

Jetzt öffnete Mister Cartwright mit zitternden Händen das Papier. Es fiel ein zweites kleineres heraus, und die Ecke fiel in den Teller und wurde von der Suppe benetzt.

»So geben Sie doch acht, Mister Cartwright«, grollte der Alte. »Sie werden doch nicht eine Sechzigtausenddollarssuppe essen wollen?«

Der Buchhalter warf einen Blick auf das Papier und konnte bloß stammeln. »Mein Gott! Mein Gott! Es sind wirklich sechzigtausend Dollars! Sechzigtausend Dollars Hochzeitgeschenk«, las er kaum hörbar, »für Mister Cartwright. Mein Gott! Mein Gott! Wofür habe ich dies verdient?«

»Für Ihre getreuen Dienste, Mister Cartwright«, versetzte der Alte. »Ich halte mein Wort. Zulage gebe ich keine. Sie verdienen sie nicht; denn Sie können mir nicht mehr arbeiten als Sie getan. Aber ein Hochzeitsgeschenk, das ist etwas anderes. Jetzt aber essen Sie Ihre Turtlesuppe, denn kalt ist sie Gift, wie Sie wissen, und Mister Morton will Ihretwegen nicht hungrig vom Tische aufstehen.«

»Mein Gott! Mister G–d – diese Güte!«

Und Tränen quollen aus den Augen des überraschten Mannes.

»Wenn's beliebt, Mister Cartwright, so halten Sie jetzt das Maul und essen Sie, oder lassen Sie es bleiben; wie Sie wollen.«

Eine Viertelstunde herrschte Stille. Die Schildkrötenpastete, die Fische waren vortrefflich. Zwei Neger kamen und räumten die erste Tracht ab. Zwei andere brachten die zweite.

»Die Baltimore Ducks Baltimore Ducks. Eine Gattung Enten, die in der Chesepeak-Bay gefangen und erlegt werden. tragt zurück und tranchiert sie über dem Feuer; sowie sie tranchiert sind, so bringt sie; müssen warm gegessen werden«, bedeutete er den beiden Negern, auf eine bedeckte Schüssel weisend.

»Mister G–d,« sprach Morton, »Ihre déjeuners –«

»Nicht wahr, sind diners? Aber auch nicht immer. Heute ist jedoch eine Ausnahme, und zwar wegen Ihnen, Mister Morton. Eilen Sie aber mit dem Essen, denn Sie –«

Es trat ein zweiter Buchhalter ein, der dem Alten etwas in die Ohren wisperte.

»Sehr gut«, bedeutete ihm dieser. »Freut mich sehr,« fuhr er, zu Morton gewendet, fort, »daß Ihre Papiere in Richtigkeit sind. Warten Sie, Mister Banks. Müssen auf alle Fälle noch mit Mister Morton ein paar Worte sprechen, ehe wir dezisiv handeln können.«

Mister Banks, ein eleganter junger Mann, der gegenüber dem Alten sich ausnahm, beiläufig wie der britische Herzogssohn sich neben seinem Unterpächter ausnehmen würde, stellte sich in ehrfurchtsvoller Ferne auf, der Befehle seines Herrn harrend.

»Ihre Papiere, Mister Morton,« fuhr dieser fort, »sind, wie gesagt, in Richtigkeit. Sie sind in dieser Hinsicht ein ganz zuverlässiger junger Mann, obwohl, wie bereits bemerkt, zu rasch und waghalsig. Ist aber der Fehler von mehreren großen Männern. Werden schon besonnen werden. Kommt alles mit der Zeit. Das altadelige Blut wird sich schon abkühlen, wenn nur der Geist bleibt.«

»Ich weiß eigentlich nicht –« bemerkte Morton mit Befremdung.

»Pah!« und er wandte sich wieder zum Buchhalter, der wechselweise den Scheck und die Figuren auf seinem Porzellanteller anstarrte. »Sie mögen also Miß Helen zur Frau nehmen; habe natürlich nichts dagegen einzuwenden. Das – auf die Anweisung deutend – ist ein kleiner Beitrag zur Hauseinrichtung und Versorgung der Dinge, die da kommen werden, aber verstehen Sie, Mister Cartwright, so Sie mir ein einziges Mal Ihre Officestunden versäumen, so wissen Sie, wo der Zimmermann das Loch offen gelassen hat. Versteht sich von selbst, Krankheitsfälle ausgenommen.«

Der Alte hielt inne, denn es waren zwei Neger eingetreten, von denen einer die Baltimore Ducks, der andere einen Hirschziemer brachte.

»Und nun, Mister Morton, greifen Sie zu, diese Ducks, wissen Sie, sind ein Leckerbissen, um den uns die Monarchen der alten Welt beneiden würden, kennten sie sie. Sind wirklich einzig. Nur schade, daß sie den Transport so gar wenig vertragen.«

»Wann klärt der Swiftfoot, Mister Banks?« wandte er sich auf einmal an diesen.

»Schlag fünf Uhr.«

»Der Wind ist günstig«, bemerkte der Alte. »Nordwest bei West. Die Koffer des Gentleman sind auf dem Dampfschiffe?«

»Alles richtig«, antwortete der Buchhalter.

Morton beschäftigte sich, trotz seiner Verzweiflung, sehr ernstlich mit den deliziösen Baltimore Ducks, so ernstlich, daß er die Worte des Alten überhörte und seinen Seitenblick übersah.

»Mister Morton!« wandte sich nun dieser an ihn. »Sie haben noch achtundfünfzig Minuten Zeit, wenn Sie in meinem Swiftfoot nach Havre mitfahren wollen? Habe zum Unglück kein größeres Schiff, das in dieser Richtung abgeht.«

»Ich mit dem Swiftfoot nach Havre gehen?« fragte der Jüngling, im höchsten Grade erstaunt.

»Und von da nach Paris, wo Sie weitere Verhaltungsbefehle empfangen werden; und von Paris nach London, wo Ihnen Ihr Quartier angewiesen werden wird und Sie wieder das weitere erfahren werden.«

»Nach London?« rief der Jüngling, wie außer sich.

»Zuvor, wie gesagt, nach Havre im Schooner Swiftfoot, dann nach Paris. Daselbst werden Sie die nötigen Instruktionen erhalten.«

Des Jünglings Miene nahm einen Ausdruck an, der Zweifel zu verraten schien, ob der Alte auch bei Sinnen sei. Er sah abwechselnd diesen, dann wieder die beiden Buchhalter an. Beide waren ungemein ernst, gespannt, feierlich.

»Essen Sie, lieber Mister Morton!«

»Aber Mister G–d!«

»Sie haben noch fünfundfünfzig Minuten Zeit. Gehen im Baltimore-Dampfschiffe bis Chester und von da im Swiftboot nach Havre. Aber wir leben in einem freien Lande.«

»Unmöglich!«

»Ah, wenn das der Fall ist, dann ist's freilich etwas anderes. Wenn es unmöglich ist, dann bitte ich um Vergebung von wegen der Freiheit, die ich mir mit Ihren Koffern und Papieren und Ihrem alten Neger genommen. Werden aber alles in Ordnung finden; ist alles auf dem Dampfschiffe, das nach Baltimore geht und Sie in Chester absetzen sollte, wo nämlich der Swiftfoot vor Anker liegt, zur Abfahrt bereit. Aber da es dem Gentleman unmöglich ist, so geben Sie Order, Mister Banks, daß seine Sachen vom Maryland wieder in seine Wohnung zurückgebracht werden. Gegen Unmöglichkeiten läßt sich nicht ankämpfen; und wir leben in einem freien Lande.«

»Und Sie haben?« fragte der Jüngling.

»Ihre Sachen bereits auf den Maryland bringen lassen. Besorgen Sie aber nichts; auch kein Stäubchen soll Ihnen von Ihrem Eigentum verloren gehen. Und essen Sie, lieber Morton, obwohl Sie, wenn es unmöglich ist, den ganzen Tag Zeit haben, so lange Sie nur immer wollen. Stehn zu Diensten. Wir leben in einem freien Lande.«

Mister Banks stand an der Türe, den Drücker in der Hand.

»Diese Baltimore Ducks sind unvergleichlich, lieber Mister Morton. Mit Extrapost angekommen. Sie müssen aber warm gegessen werden; warum essen Sie nicht?«

»Mister G–d! Ich soll nach London?«

»Wenn Sie nämlich wollen. Wir leben in einem freien Lande. In diesem Falle haben Sie noch zweiundfünfzig Minuten Zeit.«

Und mit diesen Worten schoß der Alte einen funkelnden Blick in das hochrote Gesicht des jungen Mannes. Es war ein Blick, der in die Seele bohrte und die verschlossensten Falten des undurchdringlichsten Gemütes zu enthüllen imstande gewesen wäre. Und dann mit einem zweiten, in dem sich die Erfahrung von zehn Menschenaltern abspiegelte, legte er bedeutungsvoll den Zeigefinger auf den Tisch, gegen das kaiserliche Geschenk gerichtet, das er soeben dem treuen Vollbringer seines Willens in den Schoß geworfen.

Der beiden Buchhalter Augen fielen auf den Jüngling, wie bittend.

»Werden auf dem Schooner Swiftfoot ein wenig knapp sein; der Kapitän hat aber Befehle, seine Kajüte mit Ihnen zu teilen. Ein wenig knapp; tut aber nichts; dafür geht es schnell. Werden schon mehr Ellbogenraum in der Folge erhalten, Mister Morton. Sind noch jung, Mister Morton. Wird schon besser werden; freilich ist es kein United-States-Kriegsschiff.«

Und so sagend, winkte er dem zweiten Buchhalter, der ein offenes Papier vor Morton hinbreitete.

»Sie erhalten einstweilen für Ihre Tour nach Havre und Paris zehntausend Franken, und zwar vorzüglich für Ihren Aufenthalt in Paris. Sie sind mein Reiseagent und haben ferner als solcher an freiem Gehalt zweitausend Dollars, exklusive die Reisegebühren, versteht sich, wenn Sie wollen. Essen Sie, Sie haben noch fünfundvierzig Minuten Zeit.«

Der Jüngling aß kräftig.

»Treten Sie ab, Mister Banks, und Sie, Mister Cartwright, gleichfalls, bis ich Sie rufe.«

»Sie schreiben«, bemerkte der Alte, nachdem die beiden Buchhalter sich entfernt hatten, »regelmäßig alles, was auf Politik und merkantile Geschäfte, besonders auf Staatspapiere Bezug hat. Mittelst der Schreib- und Preßmaschine senden Sie eine Kopie an mich persönlich ein, die andere an einen gewissen Lomond in London, wo Sie Quartier nehmen werden. Alles schreiben Sie kurz, bestimmt und deutlich. Da Sie durch Ihre Familie und meine eigenen Bemühungen in den guten Zirkeln und« – setzte er lächelnd hinzu – »auch in den besten und höchsten Zutritt erhalten dürften, so werden Sie dieses auf eine Weise benützen, die Ihnen später angegeben werden wird. Mister Lomond wird Ihnen hierüber die nötigen Winke geben. Derselbe Lomond wird auch die nötigen Kapitale zu Ihrer Verfügung stellen, im Falle sich ein annehmliches Geschäft tun läßt.«

»Sobald Sie in den hohen Zirkeln Englands und Frankreichs eingeführt sind, wird Ihr Gehalt so vermehrt werden, daß Sie auf eine standesmäßige Weise leben können. Merken Sie sich, daß Sie Gesandter des alten Stephy sind und daß Sie in gewissen Punkten keinem Ambassadeur des ersten Ranges weichen dürfen.«

Der Alte klopfte dreimal auf den Tisch.

Wieder erschienen zwei Neger. Die zweite Tracht wurde weggeräumt und das Dessert in goldenen Geschirren aufgestellt. Der Alte befahl, Champagner zu bringen.

»Es lebe die Union und ihre Stifter!« rief er. »Es lebe Ihr Großonkel lange und froh, um das Große, das sein Enkel leisten soll, zu sehen! Denn nicht Kleines ist's, zu dem ich Sie bestimme, Mister Morton!« sprach der Alte ungemein ernst. »Nicht Zeitvertreibs wegen, daß ich Sie sende. Genießen Sie aber das Leben, genießen Sie es bis auf die Hefe, betrinken Sie sich aber nicht darin, verstehen Sie. Haben Sie stets ein Auge auf den alten Stephy gerichtet, der Ihnen klein erscheinen mag, der aber in seinem Kopfe Ideen und Pläne hat, die, wollte ihm sein Schöpfer nur fünfzig Jahre länger gönnen, den Erdkreis umgestalten sollten – ja, junger Mann, den Erdkreis umgestalten sollten. Pah!« wandte er sich auf einmal wieder, indem er abermals auf die Tafel klopfte.

»Sagt Mister Cartwright, ich ersuche ihn, einzutreten.«

Dieser kam, und mit ihm ein schmächtig zartes Wesen von etwa vierundzwanzig Jahren, das furchtsam bei den Flügeltüren stehen blieb. Der Alte erhob sich, bot ihr galant seinen Arm und führte sie zum vierten und leeren Sitz. »Miß Helen Lovcly l Ich wünsche Glück und trinke Ihre Gesundheit!«

Die beiden Brautleute wechselten Blicke, und Freudentränen begannen über ihre Wangen herabzuperlen.

»Trinken Sie, Mister Morton, Sie haben noch vierzig Minuten Zeit. Doch kommen Sie, wir wollen die beiden Brautleute nicht länger im Genusse der Süßigkeiten stören, ohnedem tun Sie dem Magen zur Seereise nicht zweimal wohl.«

Und mit diesen Worten erhob sich der Alte, haschte nach seinem Hute, warf ihn auf den Kopf und schritt ins anstoßende Besuchzimmer.

»Nicht wahr, Mister Morton, Sie werden wunderliche Dinge von mir denken? Nicht wahr? Hein!«

»Die Wahrheit zu gestehen, Mister G–d –«

»Mich so für eine espèce eisernen kaufmännischen Napoleon halten, der alles ins Feuer jagt und zu Maschinen zieht?«

»Sie werden am besten wissen –«

»Nun, wir wollen das dahingestellt sein lassen. Verstehen Sie, sehen Sie, die Menschen sind wirklich nur größtenteils Puppen, lebendige Puppen, die durch eine Menge Fäden geleitet und am Gängelbande geführt, das heißt, regiert werden. Je dümmer die Menschen, desto leichter sind sie am Gängelbande zu führen, darum sind die Kosaken und Russen die allerbesten Untertanen, und an diese schließen sich dann stufenweise die andern Völker und Nationen an. Verdammt schwer hält es mit den Franzosen, aber für einige Zeit parieren sie so gut wie andere, nur muß man recht theatralisch ihrer Eitelkeit zu schmeicheln wissen. Noch schwerer ist John Bull zu regieren, weil er urteilt. Eine urteilende Nation ist schwer zu regieren, oder, was dasselbe sagen will, zu bezähmen. Am allerschwersten die Amerikaner. Und doch würde einer, der die Fäden alle, oder wenigstens die meisten, in seiner Hand zu vereinigen wüßte – weiß nicht – ich glaube, er würde auch die Amerikaner zähmen, darüber wahrscheinlich zugrunde gehen; aber doch zähmen, wenigstens, wie Cäsar, den Grund legen, auf dem dann ein kalter Augustus fortbauen könnte. Habe viel erfahren, aber wollte es doch nicht mit Gewißheit behaupten. Seid verdammt gescheite starre Leute, Ihr Amerikaner. Als Republikaner waren die Griechen und Römer bloße Hasenfüße gegen Euch, denn sie erkannten die Prinzipe des Eigentumsrechtes und der persönlichen Freiheit nicht so richtig, wie Ihr sie kennt. Aber doch die Fäden, sehen Sie, lieber Morton, diese Fäden, sie sind verschiedenartig. Sie sind der blinde Glaube, Dummheit, Mangel an Nachdenken, Gewohnheit, Leidenschaft, vorzüglich aber das liebe Geld. Haben Sie diese Fäden gesponnen und mit den Menschen selbst in Verbindung gesetzt und sie an ihre Leidenschaften und Bedürfnisse gekettet, dann können Sie hinziehen, wohin Sie wollen. Es ist eine eigene Sache um diese Fäden und die Bedürfnisse, an die man sie knüpfen oder die man mit ihnen erzeugen kann. Ihr Amerikaner nun werdet durch Bedürfnisse regiert, die wieder ganz das Gegenteil von denen der barbarischen Kosaken sind; je mehr Ihr Bedürfnisse habt, desto weniger seid Ihr frei, desto mehr werdet Ihr Untertanen. Sehen Sie, merken Sie, das ist beiläufig, was ich Regierungskunst nenne. Wir haben die Fäden oder vielmehr den Hauptfaden in der Hand, und wissen ihn mit den Menschen in Verbindung zu bringen, regieren so auf unsere eigene Weise. Doch wir haben keine Zeit zu philosophischen Erörterungen. Müssen jedoch alles hören, alles wissen. Pah! haben mir da einen Brief vom wackern Obersten Isling gebracht, einem alten Freunde von mir und herrlichen Deutschen. Allen Respekt vor alten Deutschen, sind wie ihre alten Weine; sind aber, höre ich, alle von den Franzosen ausgetrunken worden, ihre alten Weine, und die jungen taugen nichts oder nicht viel. Aber ein alter Franzose – Hein!«

Er lächelte und hielt inne.

»Wird einem alten Deutschen doch noch den Rang ablaufen. Hein!«

Morton sah ihn gespannt an. Des Alten Gesicht hatte etwas Leuchtendes, Phantastisches angenommen.

»Hat Ihnen da, der alte Isling, einen Wechsel von zehntausend Dollars mitgegeben, zum Anfang Ihrer Pflanzung am Mississippi, mit der Bedingung jedoch, daß Sie gleich in den Westen gehen. Will ferner die Bürgschaft statt Ihres Großonkels für die fünfzigtausend Dollars übernehmen, und dafür soll ich ihm die Realitätenurkunden ausliefern. Für die zehntausend Dollars nimmt er bloß vier Prozent. Ein Spottgeld; denn er kann zehn im Dauphin County haben.«

»Wie?« fragte der Jüngling im höchsten Erstaunen. »Oberst Isling sollte das getan haben?«

»Da, lesen Sie,« sprach der Alte; »wissen Sie das nicht? Ah, Oberst Isling ist ein prächtiger Deutscher. Und die alten Deutschen waren immer brav, schon von den Römerzeiten her – wenn sie nämlich nicht schlecht waren. Dachte wahrscheinlich, der alte Isling, würde da über Ihren Großonkel herfallen, den edelsten Staatsmann, der je gelebt, und der eigentlich Ursache ist, daß wir Ausländer, wie Ihr uns nennt, es in Eurem Lande aushalten können vor Eurem schmutzigen Hochmute und Eurer schäbigen Selbstsucht. Er konnte glauben, ich würde einen solchen Mann drängen. Pfui, alter Isling! Glaubtest du denn, ich sei ein Yankee, ein derlei doppelt destillierter Jude, oder ein hypokritischer Presbyterianer, oder ein winselnder Methodist? Hein!«

Der Alte war, während er so sprach, einige Male scharf im Salon auf und ab gelaufen. Morton stand, den Wechselbrief des Obersten in der Hand haltend, und seine Brust hob sich in dem Gedanken an die herrliche, fromme Familie und die entzückende Adele, deren verklärte Holdseligkeit ihm nun im vollen Zauberlichte der reinsten Jungfräulichkeit vor Augen stand. Eine unnennbare Sehnsucht zog ihn zurück zu den Ufern des Susquehannah.

»Sie haben also die Wahl,« unterbrach ihn der Alte in seinen Träumereien, »ob Sie sich Oberst Isling anvertrauen wollen oder mir. Er ist ein Ehrenmann. Sie gehen ganz sicher. Vier Jahre läßt er Ihnen die zehntausend Dollars zu vier Prozent, die bereits bezahlt sind; denn er nimmt den Cyrus zu zweitausend Dollars an.«

»Gerade das kostete er mich auch«, bemerkte Morton gedankenschwer.

»Mit Ihrem Großonkel würde er großmütig verfahren, darauf können Sie sich gleichfalls verlassen. In vier Jahren können Sie Ihre Pflanzung eingerichtet haben und ein wohlhabender Mann sein. Bei mir sind Sie Reiseagent – werden, so ich sehe, daß Sie zu gebrauchen sind, bevollmächtigter Agent – mein Abgesandter – aber sind mein Werkzeug. Wählen Sie! Ihre Mitbürger wenden sich von Ihnen; zwei Ausländer, wie sie uns nennen, bieten Ihnen ihre hilfreiche Hand an; was wählen Sie?«

Noch stand Morton unentschlossen.

»Sie haben noch fünfundzwanzig Minuten Zeit, Mister Morton. Vor vier Tagen wollten Sie in den Delaware springen, vor dreien in den Susquehannah«, sprach der Alte mit durchbohrendem Blicke und einem dämonischen Lächeln. »Glauben Sie, es mit Ihren bissigen Landsleuten aushalten, ihr frommes Hohnlächeln ertragen zu können?«

Der Jüngling lächelte bitter.

»Auch ich bin mit Füßen getreten worden, von Vater, Mutter, Brüdern, buchstäblich mit Füßen getreten worden; mit einem Mädchen, das ich wie ein fünfzehnjähriger Narr liebte – denn wir Gascogner fangen zeitig an und hören spät auf – machte sich ein alter Vicomte einen Zeitvertreib, der sie ins Lazarett brachte. Darüber bekam ich la belle France satt bis zum Halse. Starke Seelen krümmen sich nicht, sie brechen lieber, und die stärksten biegen sich wie Damaszenerklingen und schnellen auf und schneiden. Ah, die Zeit meiner Rache ist gekommen. Könige müssen vor mir zittern.«

Der junge Mann lächelte nicht mehr.

»Ich habe mehr als hundert Millionen im Gelde meines Geburtslandes. Mehr als hundert Millionen stehen mir zu Gebote. Ich brauche keine Hunderttausend für mich; aber ich brauche die hundert Millionen zu meinen Endzwecken. Wollen Sie diese fördern? Wollen Sie der Meinige werden?«

»Und diese Endzwecke?« fragte der Jüngling.

»Fragen Sie nicht, junger Mann!« versetzte der Alte mit starker Stimme. »Wollen Sie mir gehören? Antworten Sie! Sie sollen Großes wirken, groß werden«

»Ich will.«

»Sie wollen also die Bombe sein, die sich erhebt in dunkler Nacht und hinüber steigt auf die sichere Festung und niederstürzt auf das Pulvermagazin und es aufschnellt, daß eine Welt erbebt? Ah – Sie wollen sich also französischer Großmut anvertrauen?«

»Das will ich.«

»Ah, sie glauben drüben, der alte Stephy sitzt im phlegmatisch-quäkerischen Philadelphia! Ah, und er sieht nichts und hört nichts auf seinen Gold- und Silbersäcken. Ah, Sie sollen sehen und hören, daß ich sie nicht vergessen habe, nichts vergessen habe. Ah, ihr Amerikaner habt Großes bewirkt, aber der Lichtstrahl, die Explosion, die auffuhr, war mit französischem Kredite endossiert. Verstehen Sie mich? So endossiert sollen Sie in die alte Welt. Verstehen Sie?«

»Ja.«

»Ihren Cyrus nimmt also der Oberst für zweitausend Dollars, die Ihnen bei mir ins Haben geschrieben sind«, sprach der Alte mit einem seltsamen Gedankensprunge. »Ah, junger Mann, wo wären Sie ohne Oberst Isling oder den alten Stephy? Ah, der alte Stephy«, murmelte er mit leuchtenden Augen; »Isling ist doch nur ein Deutscher; wir aber sind ein Franzose. Der Teufel sind wir! Wollen Sie dem Teufel angehören, Morton? Hein! Dann unterschreiben Sie.«

Und es leuchtete ein wirklich teuflisches Feuer aus des Alten glühenden Augen, als er dem Jüngling das Papier zur Unterschrift vorlegte.

Dieser übersah es und schrieb, wie es schien, freudig überrascht seinen Namen darunter.

»Und nun kommen Sie, Sie haben noch fünfzehn Minuten Zeit.«

So sagend, legte er den Arm Mortons in den seinigen und zog ihn rasch durch den Korridor der Haustüre zu. Einer der beiden Irländer kam wie toll an ihn herangesprungen.

»Ah, Master!« rief der Ire, »treiben Ihre Tricks Possen. mit uns, verdammte Tricks; wollen Ihnen aber zeigen, daß Phelim keine Tricks mit sich spielen läßt. Sind in einem freien Lande. Lassen uns da Ziegel hin und her tragen, vorwärts und rückwärts, wie Narren. Eine Schande und ein Spott. Meinen Sie, wir sind Juden und in Ägypten – damn ye! Sind in einem freien Lande, Sar. Und verstehen Sie, Sar! Und damn ye, Sahr! you old tyrant, Sahr! And we are in a free country, Sahr Und v–t seien Sie, Herr – Sie alter Tyrann; und wir leben in einem freien Lande.

»Ah, Jungens, Ihr seid fertig? Recht schön,« lachte der Alte, »recht schön. Nun, so tragt sie nur wieder auf ihren vorigen Platz, von dem Ihr sie soeben weggetragen, zurück auf die linke Ecke; versteht Ihr mich?«

» Master! You anar!« schrie der Irländer, und die Unterlippe des Mannes streckte sich so weit in der ausbrechenden Wut, daß er kein Wort hervorzubringen imstande war.

»Wie ich sage«, bedeutete ihm der Alte gelassen. »Ihr tragt die Ziegel wieder an den Ort, von dem Ihr sie genommen.«

» Now by saint Patrick and Jasus! Und möge ich – werden, wenn ich dem alten Tyrannen da nicht den Hals umdrehe. Davy, my darling David, mein Schätzchen.!« rief er seinem Gefährten mit drollig einschmeichelnder Stimme zu, »komm und laß uns dem alten Tyrannen da das Genick umdrehen!«

Und der tolle Irländer war auch vollkommen willig, seine Worte in Erfüllung zu bringen, und mit einem Satze sprang er an den Alten heran, der kaum Zeit gehabt hatte, dem Anfall durch eine geschickte Wendung zu entgehen. Morton erfaßte jedoch den Irländer, eben als er seinen Fehlsprung durch einen zweiten verbessern wollte, und schleuderte ihn zu Boden.

»Möge Sie G–tt v–n, alter Tyrann!« schrie der Irländer wieder dem Alten zu. »Glauben Sie, wir sind Ihre Narren, Ihre verdammten Narren? O weh, Davy, der Gentleman, glaube ich, hat mir ein paar Rippen gebrochen, oder wenigstens das Genick. Davy, my darling, komm, mir aufzuhelfen, um dem alten Tyrannen eins zu versetzen. O weh! Ah, Sahr, als Gentleman hätten Sie auch ein wenig genteeler sein können!« schrie er drollig maulend Morton an.

Und wieder ballte er auf den Alten die Fäuste und fletschte die Zähne; und als er endlich mit Hilfe Davys auf die Beine gebracht worden, hinkte er abermals heran, um dem alten Tyrannen, wie er sich ausdrückte, das Genick umzudrehen.

»Sehen Sie,« sprach der Alte ruhig zu Morton, »sehen Sie, was man mit den Leuten für eine Plage hat, ehe man sie abrichten kann. Zehnmal möchte man vor Zorn und Ungeduld aus der Haut fahren. Ist schwer, lieber Morton, diese Maschinen in Gang zu bringen, sehr schwer, gehört viele Seelenstärke und Ausdauer dazu. Man darf Contenance absolut nicht verlieren. Pah!« wandte er sich auf einmal zu dem tollen, zähnefletschenden Irländer, »du willst also nicht länger Ziegel tragen, Paddy?«

»Möge mich G–tt v–n, wenn ich's tue, du alter Tyrann!« schrie ihn der Ire an. » by Jasus, ich will nicht!«

»Ah, bist ein braver, und wie ich sehe, ein studierter Kerl, dem es freilich zu gering sein muß, wie die Juden in Ägypten Ziegel hin und her zu tragen. Wo dachte ich nur hin, einem solchen Burschen wie du dergleichen zuzumuten? Hein! Wollen unsern Fehler verbessern. Hein! Hast netto einen halben Tag gearbeitet – Hein!«

Der Irländer gab keine Antwort.

»Zwar nicht ganz einen halben Tag, bloß drei Stunden; aber sollst für einen halben Tag bezahlt sein. Halt, da ist ein halber Dollar.«

Der Ire stutzte und langte nach dem Silberstücke.

»Und du?« wandte sich der Alte zu dem zweiten Irländer, der sich vergebens bemüht hatte, seinen tollen Kameraden zur Ruhe zu bringen.

»Ah, by Jesus!« lachte dieser. »Meinethalben trage ich Backsteine bis ans Ende der Welt, wenn mich Euer Wohlehren bezahlen.«

»Und es Whisky gibt, nicht wahr? Mister Bell!« – er wandte sich zu einem seiner Kommis, der auf der Marmortreppe der Haustüre dem seltsamen Auftritte zugesehen hatte – »Mister Bell! Sagen Sie Mister Banks, er möge diesen Mann für den nächsten Monat in Dienst nehmen. Mag ihn an der Werft einstweilen anstellen; dreißig Dollars per Monat. Bist du zufrieden, Paddy?«

Der Irländer warf vor Freuden seinen Hut in die Höhe und tanzte wie närrisch um den Alten herum.

»Und nach Verlauf dieser Zeit«, fuhr der Alte fort, »mag mir Mister Banks über das Betragen des Mannes Bericht abstatten, vorzüglich im Punkte seiner Nüchternheit.«

»Und du,« wandte er sich zu Phelim, der, den Hut in der Hand, dastand, nicht unähnlich dem Hunde, der den Knochen soeben ins Wasser versinken gesehen, »so du dich noch einmal in meiner Nähe blicken lässest, so lasse ich dich von wegen assault and battery Angriff und Schlägerei. verhaften. Merke dir das! Ah, Mister Morton! Kostet viele Mühe, die Leute zu ziehen«, seufzte der Alte. »In diesem Punkte ist es ein wahres Elend in Ihrer Republik; zum Glücke sind noch Irländer, Deutsche und Engländer genug auf der Welt; aber mit Euch Amerikanern ist es eine gar schwere Sache. – Man muß jedoch Gutes mit Bösem nehmen. Eine Kapitalsache ist die Sicherheit des Eigentums bei Ihnen. – Jetzt sehen Sie, die Schlingel da haben uns so lange aufgehalten, daß wir die Zeit zur Abfahrt beinahe versäumten. Wir haben noch eine Minute Zeit.«

Und während der Alte so sprach, tönte auch die Schiffsglocke vom Chesnutwerft herüber, und die kurz abgebrochenen Dampfstöße ächzten und zischten wie rasend vor Ungeduld, die nahe Abfahrt verkündend. Er ging in tiefes Sinnen verloren. Als sie in Marketstreet ankamen, hörten sie die Schiffsglocke ein zweites Mal. Wieder hielt er inne.

»Ja, ja, lieber Morton, in London werden Sie etwas von meinem Geiste kennen lernen. Ist ein eigenes Leben in London. Ist da gewissermaßen deponiert, mein Geist. – Sind ganze Kaufleute, die Engländer!«

»Ihr Geist in London deponiert?« fragte Morton. »Ich glaubte, er sei ganz in Philadelphia, Mister G–d. Aber das Dampfschiff, Mister G–d? Wir verspäten uns.«

»Da irren Sie. Der Geist eines Großhändlers muß die Welt umfassen. Er ist eine souveräne Macht, dieser Großhändler, der unabhängig vom Staate nur gehörig gedeiht, so wie einst die Kirche nur gedieh, als sie unabhängig vom Staate war – und bei Ihnen jetzt gedeiht, weil der Staat gar nichts mit ihr zu tun hat. Der Großhändler ist eine souveräne Macht, merken Sie sich das, Mister Morton, in gewisser Beziehung sogar souverän wie der Monarch, der ein Land regiert. Pah! es ist nicht das Land, das die Macht verleiht, es sind die Menschen, verstehen Sie, und der Großhändler hat so gut seine Untertanen, seine Regierungsbeamten, sein Reich, seine Allianzen, selbst seine heilige Allianz, wie die großen Mächte Europas. Ah, in London beim alten Lomond werden Sie, ohne es selbst zu wissen, Ihr examen rigorosum bestehen müssen.«

»Ah, da sind wir ja«, sprach er, auf das Dampfschiff deutend, von welchem die Schiffsbrücke soeben abgezogen wurde. Man hörte den Ruf des Kapitäns: » All hands on board« und das » Yes sir« des Oberbootsmanns, worauf sich das Schiff in Bewegung setzte.

Der Alte schien Dampfschiff und Reise vergessen zu haben, die Hand des Jünglings fest in die seinige gepreßt, schweiften seine Augen in die Ferne, während er murmelte: »Sollte am zwanzigsten Januar nach Paris abgehen, heute haben wir den dritten. Lomonds Brief datiert vom neunzehnten Dezember. Diese Baltimoreschoner sind nicht mit Geld zu bezahlen, fliegen wie die Schwalben. Ah, Mister Morton, am zwanzigsten müssen Sie in Havre sein. Am fünfzehnten künftigen Monats in London.«

»Haben Sie nur die Gefälligkeit, den Winden zu befehlen.«

»Sie gehen mit dem Glücke des alten Stephy, das ist der beste Wind«, versetzte er ernst, die Hand des Jünglings noch immer in der seinigen haltend.

»Kapitän Morton, adieu!« schrie es vom Dampfschiffe herüber.

»Master!« heulte Pompey, der vor Ungeduld wie toll auf der Quarterdecke umhersprang.

Der Alte schien nichts zu bemerken. »Ah, der Geist Ihres Großonkels,« hob er wieder an, »endossiert vom alten Stephy, er geht in Ihnen ab, junger Mann. Vergessen Sie nicht, daß ich Ihren Geist in Anspruch nehme, daß ich keine Maschine brauche, daß Sie der Repräsentant des alten Stephy werden sollen, der rasch handeln muß, wenn es Zeit und Umstände erfordern. Ah, da haben Sie noch etwas. Es ist Ihr Kreditiv für Mister Lomond.«

Das Kreditiv war eine kleine, schmutzige Karte, zusammengefaltet und versiegelt.

»Master!« schrie Pompey nochmals aus der Ferne herüber.

»Und nun, Freund!« – es ist selten, daß der alte Stephy jemand Freund nennt, – »leben Sie wohl! Und wenn Sie sich nicht an Ihrem Schicksal rächen, so ist es Ihr Fehler. Wenn Sie nicht mit einer Million französischen Geldes wiederkehren, es ist mehr als Fehler.«

»Tom, John, Mike und Ben! Bringt den Gentleman sogleich an Bord des Maryland. Jedem von Euch einen Dollar.«

Den vier Bootsmännern war ein »Damn« entfahren, dem jedoch, als sie den Nachsatz hörten, ein Hurra folgte. Mit einem Satze waren sie alle im nächsten Boot, das wie durch einen Zauberschlag an die Werft und mit dem Jüngling davonflog.

Der Alte warf ihm Kußhändchen zu.

Das Dampfschiff war hundertundfünfzig Yards im Strome und holte nun mit seinen hundertundzwanzig Pferdekräften zum gewaltigen Zuge aus. Die ungeheuern Wellen, die es auffurchte, warfen das soeben vom Lande gestoßene winzige Fahrzeug bei jedem Ruderschlage in die Höhe und wieder in die Tiefe, während gewaltige Massen Treibeis krachend sich heranwälzten und es jeden Augenblick in tausend Stücke zu zertrümmern drohten.

»Greift aus, Ihr Jungens, und zeigt, daß Ihr den Whitehall-Buben Whitehall, der Standpunkt der Bootsleute im Hafen von Neuyork, von wo die Boote bei Wetten in der Regel auslaufen; diese finden beinahe stets zwischen amerikanischen und englischen Matrosen statt, wenn Kriegsschiffe der ersten Nation sich im Hafen befinden. Hohe Summen werden bei diesen gewonnen und verloren. nichts nachgebt. Zehn Dollars für Euch!« schrie der Alte hinüber.

»Hurra, für den alten Stephy!« brüllten die vier Bootsmänner, und durch die Sechsdollarskraft verstärkt, flog das Boot durch die sich nacheinander kräuselnd auftürmenden Wogen des Riesenstromes, wie der Delphin durch die blaue Luft fliegt. Das interessant-gefährliche Wagestück hatte Hunderte von Zuschauern auf die Werft gezogen, der Kapitän des Dampfschiffes in seiner Fahrt eingehalten und ein zweites Mal gerundet, um dem Boote Zeit zu seiner Annäherung zu geben; dieses war bis auf fünfzig Yards an das Schiff herangekommen. Währenddessen kam ein Schoner mit vollen Segeln den Strom herab, das Boot in die Mitte nehmend.

» To leeward! To leeward!« rief es aus hundert Kehlen.

Und in demselben Augenblicke riß eine gewaltige Woge das leichte Fahrzeug mehrere Klafter hoch empor und warf es mit derselben Schnelligkeit in die Tiefe, und während es hinabgleitete, kam eine zweite Woge und, auf dieser reitend, ein ungeheurer Klumpen Treibeis, der über das Schiffchen hinfuhr und es mit seinem eisigen Schilde bedeckte, wie das Leichentuch den Sarg bedeckt.

Das Boot war verschwunden.

Ein Schrei des Entsetzens stieg von der Werft und dem Quarterdeck des Maryland und von hundert Schiffen in die Lüfte, und tausend Stimmen schrien, und dann versagte ihnen die Sprache und sie starrten sprachlos auf den Fleck hin, in den sich bereits frische Eisklumpen und Wogen geteilt hatten.

Der Alte hatte eine Zigarre aus seiner Rocktasche genommen und ganz gemächlich Feuer geschlagen. Nachdem er seine Zigarre in Rauch gebracht, warf er wieder einen Blick auf den Strom.

Jetzt hob sich ein Kopf, dann ein zweiter, ein dritter, zuletzt ein vierter. Es waren die Köpfe der Matrosen. Der Alte sah schärfer hinüber. Die Hand eines Fünften wurde nun sichtbar, dann der Kopf. Es war Morton, der sich an der Bootswand des wieder aufgetauchten Fahrzeuges hielt, an der nun die fünf Schwimmer wie Blutegel am menschlichen Halse hingen.

Das Boot des Maryland hatte sich mittlerweile Bahn bis zu den fünf um ihr Leben Kämpfenden gebrochen. Der Alte schrie mit einer Donnerstimme hinüber: Tom, John, Mike und Ben! Jedem von Euch fünfundzwanzig Dollars. Habt acht auf Mister Morton.«

»Ein Hurra dem alten Stephy!« brüllte es wieder zurück, und mit einem Schwunge waren sie in der Yawl des Maryland. Morton hielt sich noch mit der einen Hand an der Bootswand, mit der andern ergriff er ein vom Dampfschiffe ihm zugeworfenes Seil.

»Ah!« lachte der Alte, während der Jüngling die Schiffswand hinankletterte. »Hat noch ein Bad vor seiner Abfahrt genommen. Der ersäuft nicht mehr. Der ist sicher.«

Einige der Zuschauer schauderten, andere stießen Verwünschungen aus. Die Mehrzahl aber meinte: » Ah, old Stephy! Has plenty of money Ah, der alte Stephy hat die Fülle Geldes.

Bei uns vertritt nämlich money die Stelle der Liebe; sie bedeckt der Sünden viele, oder vielmehr alle.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.