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Morton oder die große Tour

Charles Sealsfield: Morton oder die große Tour - Kapitel 7
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleMorton oder die große Tour
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180710
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V.
Pennsylvanien.

Ein freudiges Lächeln überflog die schönen Züge des herrlichen alten Deutschen, als der Wagen die letzte Bergeshöhe hinab rollte, welche die prachtvolle Niederung, in der Bethlehem liegt, von dem hügeligen Dauphin-County trennt.

Es ist diese Landschaft – der Garten Pennsylvaniens – für den deutschen Amerikaner ein erhebender Anblick. Eine wellenförmige Ebene oder, wie wir sie nennen, Niederung, so weit sie das Auge fassen kann, mit zahllosen Landhäusern besprenkelt, die aus Hainen von Fruchtbäumen emporsteigen, so friedlich, so ruhig, so wohnlich, als ob der menschenbeglückende Geist des edelsten aller Sektierer William Penn, der Gründer von Philadelphia. noch immer über ihnen schwebte, sie zum Frieden und zur Eintracht ermahnend. Noch haben die häusliche Betriebsamkeit zerstörende Spinnmaschine und die Bürgerhabe fressende Feueresse nicht vermocht, sich Bahn in diesen beglückten Fluren zu brechen. Das Spinnrad und der Webstuhl herrschen noch immer unbeschränkt, abwechselnd mit dem Pfluge und der Egge. Überall trifft das Auge auf Spuren des rastlosesten Fleißes, der unverdrossensten Tätigkeit. Herrliche Triften von frisch grünenden Weizenfeldern, die im heiteren Kinderkleide aus dem verhüllenden Schleier der Schneedecke hervorlachten; sanft ansteigende Bergrücken mit üppigen Waldungen gekrönt, die sich parkähnlich auf den nördlichen Abhängen erheben und der Landschaft durch ihr dunkles Grün den nördlich starken, kräftigen Relief gaben; überall Spuren der regsten Selbsttätigkeit und doch der übereinstimmendsten Harmonie. Es ist diese ganze Landschaft – und wir verstehen darunter den Landstrich, der sich von Harrisburgh über Bethlehem und Reading nord- und Carlisle und Lancaster südöstlich gegen Philadelphia in einer Strecke von hundert Meilen hinzieht – eine der herrlichsten Partien im großen Tableau unseres Volkslebens. Es hat diese Partie einen Anstrich von republikanischer Gleichheit, wie er selbst in diesem unserem Lande der Freiheit nicht wieder zu finden ist. Man gewahrt beim ersten Anblicke, daß es nicht bloß dem Namen nach, sondern in der Tat ein freies Bürgerland ist, bei dessen Entwicklung und Kultur auch nicht der mindeste Zwang von oben vorgeherrscht hat. Keine Burgen und Schlösser, deren Zinnen stolz und weit ins Land hinein funkeln, aber auch keine Hütten, die unter ihrem Schutze seufzen – nicht einmal die höhnende Villa des steifen, frommen Yankee, der da in seinem Herzen Gott dankt, daß er nicht ist wie sein südlicher Nachbar; einfach wohnliche Yeomenssitze Freigüter., die zu Hunderten, ja Tausenden, gleich Gliedern einer unermeßlichen Kette aneinandergereiht, das Auge um so wohltuender ansprechen, als sie in der Regel durch Felder, Wiesen und häufig kleine Waldpartien unterbrochen, einem ungeheuren Park ähneln, in dem Hunderttausende von Menschenkindern sich ihres Daseins freuen. In Zwischenräumen von je zehn zu zwölf Meilen begegnet der Blick Städten und Städtchen; keine Städte, aus denen Regierungs- oder Aristokratenpaläste emporstarren; einfache, schlichte Bürgerhäuser, die, gleich auf ihren Putz eifersüchtigen Dorfschönen, nur darauf bedacht sind, recht frisch und rot in ihrem Backsteinkolorit in die Augen zu fallen.

Es ist diese Partie die Prosa, die gediegene, lebenskräftige Prosa unserer Union.

»Ah, teurer Morton!« sprach der Oberst, und seine Brust hob sich auf eine Weise, die wahrnehmen ließ, daß der Anblick dieser selbst in ihrer winterlichen Nacktheit noch immer herrlichen Landschaft ihm einen seltenen Genuß gewähre. »Ah, teurer Morton!« wiederholte er, »Sie handelten da wie ein Eroberer, der alles auf einen Wurf setzt; so eine Art Waterloowurf; ist er verloren, so ist alles verloren. Ei, das alte Sprichwort sagt: Festina lente.

Und Sie hatten ja nichts zu verlieren, wenn Sie festina lente gingen«, setzte er nach einer Weile hinzu. »Sind ja erst dreiundzwanzig, nicht wahr?«

»Ja.«

»Und welch eine Karriere! Mit sechzehn in der Akademie von Westpoint, mit einundzwanzig Midshipman, mit dreiundzwanzig Leutnant auf einem Kriegsschiffe. Hätte das nicht getan, eine Leutnantsstelle in unserer Seemacht aufzugeben, um Kapitän auf einem Paketschiffe zu werden, obwohl diese Anstellungen sehr einträglich sein sollen. Und warum auch dies wieder so plötzlich aufgeben, kaum nachdem Sie eine Fahrt nach Havre getan? Und dann ein Paketschiff auf eigene Rechnung zu kaufen, das war ein Fehler; aber der allergrößte, es in die See stechen zu lassen, ohne es zu assekurieren. Die Prime war doch nicht so sehr hoch?«

»Zwei Prozent.«

»Aber Sie wollten schnell reich werden. Ei, und das ist ein Nationalfehler, alles rennt wie wahnsinnig dem Gelde nach; und die da reich werden wollen, fallen in die Versuchungen und Fallstricke des Teufels. Und Ihr Land«, fuhr er in gutmütig schmollendem Tone fort, »hat Ihnen doch ein so herrliches Beispiel des langsamen Wirkens und Vollbringens gegeben. Rom ward nicht in einem Tage erbaut, und die Vereinigten Staaten sind nicht in einem Jahre geworden was sie sind.«

Der Jüngling gähnte. Kein Wunder! Er hatte die letzten sechs Monate abwechselnd in Philadelphia und Neuyork gelebt, die Bachelorsbälle, die M–gbälle, die Wistarpartien besucht und seinen Tilbury und Racer als erster Fashionable gehalten.

»Langsam, sehr langsam ging es mit uns«, fuhr der Oberst in der etwas geschwätzigen Manier des Alters fort. »Wir waren nach der Revolution wie ein Schiff ohne Ruder, ohne Kompaß, ohne Masten und ohne Segel. Überall fehlte es; die Offiziere über Bord geworfen; die neuen, wenn auch des nötigen Ansehens nicht ermangelnd, doch ohne den sogenannten Regierungstakt. Und es ist ein großes Ding um den Regierungstakt. Weil ihn die Whigs von England nicht haben, kommen sie nicht in den Besitz der Gewalt; und kommen sie dazu, so dauert's nicht lange. Wir waren damals wahre Whigs; hatten die Tories zum Weichen gebracht, das heißt England; aber bald war es wieder im Besitz seiner verjährten Gewalt. Wir waren frei de jure, aber de facto mehr als je in den Schlingen Englands – und das volle zwanzig Jahre nach der Anerkennung unserer Unabhängigkeit.«

Der Jüngling schüttelte das Haupt.

»Ah, Mister Morton, die Nachwehen unserer Revolution waren eine wahre Seekrankheit, besonders schrecklich für Neulinge, wie wir waren; schrecklicher als die Krisis, der Kampf selbst. Keine Achtung von außen, kein Gehorsam von innen; eine meuterische Armee, die mit Bürgerkrieg drohte, weil man ihr die Zahlungen nicht leisten konnte; die wirklich den Kongreß im Staatshause zu Philadelphia blockierte, diesen Kongreß ohne Geld und, was schlimmer ist, ohne Kredit; und was am schlimmsten ist, ein durch einen siebenjährigen Krieg verwildertes Volk, das von Industrie keinen Begriff hatte. Mister Morton, wir mußten bis vor fünfzehn Jahren nicht bloß unsere Hüte, unsere Messer und Gabeln und Röcke; wir mußten selbst unsere Besen von England kaufen – von demselben England, das seine Kriegsschiffe höhnend an unsere Küste sandte, unsere Kauffahrer ohne weiteres konfiszierte und, wenn darüber Klagen entstanden, unsere Bürger, unsere Obrigkeiten zwang, an Bord ihrer Kriegsschiffe Gerechtigkeit zu suchen. Die Ausländer schüttelten die Köpfe, so oft sie unser Land betraten. Wissen Sie, was Talleyrand, der in den neunziger Jahren bei uns war, seinem Herrn sagte, als dieser ihn über uns befragte?«

»Und?«

» Ce sont des cochons fiers et des fiers cochons, antwortete er Bonaparte; und im Grunde hatte er so unrecht nicht; denn es war ein Greuel.

Ah, sehen Sie diesen Landstrich,« – er wies auf die Niederung hin, aus deren Mitte Bethlehem mit seinem eleganten Courthouse hervorschimmerte – »er ist ein Paradies. Aber ich kannte ihn, als er noch eine Wildnis war; als noch keine Straße, kein Haus, kein Weg, kein Steg, höchstens Karrengeleise und Fußwege sich durch die dichten Wälder hindurchschlängelten. Als ich mir meine Hütte auf meiner Schenkung erbaute, die ich von der Regierung, zur Belohnung meiner Dienste während des Krieges, erhielt, wie auch alle übrigen Offiziere und auch Gemeine – zweitausend Acker, die noch in meiner Familie sind, denn ich habe den größten Teil meinen Söhnen und Schwiegersöhnen abgetreten –, als wir mit dem alten Cato zusammen eine Hütte auf dieser meiner Schenkung bauten, kamen täglich Rudeln von fünfzig bis sechzig Hirschen vor meine Tür. Es war eine wahre Wildnis. Alles Wald und wieder Wald; nur hie und da ein Lichtpunkt, das heißt ein paar hundert geringelte Eichenstämme, die nackt und verdorrt dastanden und unter denen ein paar Bushel Weizen oder Welschkorn angepflanzt waren. Aber die Wohnung der Menschen selbst zu finden, würde Ihnen schwer gewesen sein; – Höhlen, nicht einmal Hütten, ohne Türen und Fenster, von rohen Baumstämmen aufgezimmert, den Kamin durch ein paar auf- und übereinandergelegte Steine gebildet, von Menschen bewohnt, die Wilden ähnlicher sahen als Bürgern einer großen Republik, die sich soeben von dem mächtigsten Reiche der Welt frei gemacht hatte; im Winter in Tierfelle gehüllt, von Rauch und Ruß angeschwärzt, im Sommer halb nackend. Alles fand sich da zusammen, Amerikaner, Engländer, Schottländer, Irländer; vorzüglich aber Deutsche.«

»Dank sei es unserem übel verstandenen Kosmopolitismus, der allem Auswurfe Europas Türen und Tore öffnet«, entgegnete Morton.

»Geduld!« versetzte der Oberst. »Unser Pennsylvanien kam mir wirklich vor wie ein Kramladen, wo alles sich findet, Schwefelhölzer, Stiefel, Schuhe, Butter, Nankin, Kaffee, Zucker, mit Speck und Käse; kurz, wie jener Franzose sagt, wir hatten de rebus omnibus et quibusdam aliis. Wir nahmen wie Krämer alles in unserem Laden auf, die Zeit abwartend, es wieder an den Mann zu bringen. Und, Mister Morton, diese Krämerpolitik war so schlecht nicht, wie Sie glauben mögen; gar nicht. War eine gesunde Krämerpolitik, und ein Glück für uns, daß wir sie nicht für das Großhandlungssystem aufgaben.«

»Wie verstehen Sie dies, Oberst?« fragte Morton.

»Sehen Sie, die Adams, die Hamiltons und Kompagnie wollten eine Großhandlung etablieren, das heißt, eine Zentralregierung. Washington, der von einer sehr angesehenen Familie abstammte und sich bereits vor dem Ausbruche des Krieges unter Bradock Bei Pittsburgh, wo der englische General Bradock mit seinem ganzen Korps von den vereinigten Indianern und Franzosen erschlagen worden. Washington, der als Oberst der Arrièregarde kommandierte und gegen dessen Rat Bradock in das heute sogenannte Bradocksfeld hinabgezogen war, rettete seine Abteilung durch einen geschickten Rückzug. ausgezeichnet hatte, dessen Erziehung und Neigungen daher gleichfalls aristokratisch waren, lehnte sich stark auf diese Seite, die, wie gesagt, eine starke Regierung wollte, die fähig wäre, dem Auslande zu imponieren und im Innern mit dem nötigen Ansehen aufzutreten.«

»Ein Wunsch, den auch ich –«

»Geduld!« sprach wieder der Oberst. »Sie wollten stark sein, die Adams, Hamiltons und so fort; nicht umsonst ihr Gut und Blut aufgeopfert haben, verstehen Sie, sondern ihre Verdienste um das Land auch auf ihre Nachkommenschaft zu vererben Gelegenheit haben. Dazu bot natürlich eine starke Regierung die beste Gelegenheit dar; denn durch sie konnte man Ämter begründen, festen Fuß in der Gewalt fassen, allmählich eine Aristokratie des sogenannten Verdienstes gründen, aus der sich die Aristokratie der Geburt hernach von selbst ergab.«

Der Jüngling schüttelte ungläubig das Haupt.

»Ich hatte Gelegenheit, ihr Spiel zu beobachten, besonders das von Hamilton, der, sobald der Krieg vorbei war, auf einmal zu einem außerordentlichen Ansehen gelangt war. Das war ihr Held, war eine Importation von England, ein verkappter Tory und Liebling der sogenannten guten Familien; sein erstes und letztes Wort war: Eine starke Regierung! oder, wie wir es jetzt nennen, Zentralität. Nun ist aber eine Zentralregierung eine, wo die Leute tun müssen und lassen müssen, nicht was sie wollen, sondern was die Regenten wollen, und eine demokratische hinwiederum, wo die Regenten tun müssen und lassen müssen, was den Regierten, dem Volke, der Nation, gefällig ist. Sehen Sie, in diesen zwei Partizipien, das eine aktiv und das andere passiv, und ihrem wechselseitigen Tun und Wollen liegt der ganze Unterschied der verschiedenen Regierungen. Glücklicherweise hat das Aktiv im Volke den Sieg errungen. Wäre dies nicht der Fall, glauben Sie, die Vereinigten Staaten, und Pennsylvanien insbesondere, würden sein, was sie sind? Pah, es würde sein, was die innern Steppen Rußlands noch heutzutage sind, und würde es bleiben; denn merken Sie wohl, wenn ich zwischen Regenten zu wählen habe, dann will ich lieber einen, und zwar einen starken, nicht aber dreihundert; will lieber Russe als Irländer sein.«

Der Oberst hielt inne.

»Unter einer Regierung nach dem Plane Adams und Hamiltons würden die großen Familien größer geworden sein, das ist wahr; aber auf Unkosten von tausend, von Millionen kleinern. Es würden Paläste, Regierungssitze erstanden sein; aber vor lauter Fronen würden die Leute nicht Zeit gehabt haben, an ihr eigenes Haus zu denken. Dieser Hamilton wurde erschossen Im Duell, vom Obersten Burr, später Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, und des Hochverrats angeklagt., freilich von einem schlechten Manne; aber um das Volk hat er nichts Besseres verdient; war ein englischer Tory; und von England kommt für Amerika nichts Gutes. Diese Herren wollten die Vereinigten Staaten zu einer Art Domäne erheben, die sie und ihre sogenannten guten Familien ausbeuten möchten; da kam aber Ihr Großonkel und der große Franklin und seine verbündeten großen Geister, und die Kartenhäuser zerstoben, und Amerika wurde, was es sein sollte, ein Land der Freien, das frei zu machen die ganze zivilisierte Welt mitgeholfen hatte, und das nun zu sehen eine wahre Wollust für den Menschenfreund ist.«

»Ja, lieber Morton!« fuhr der Oberst fort. »Eine Freude ist unser Land für den Menschenfreund, für den denkenden Beobachter jeder Nation, ohne Unterschied, ein Triumphbogen, eine fortlaufende Kette von Triumphbögen, gegen welche die der alten Römer, die der gekrönten Häupter in Schatten versinken.«

Der Jüngling sah den alten Deutschen starr an; denn seine Miene hatte einen Anflug von Begeisterung angenommen.

»Ja, lieber Morton,« fuhr der Oberst in demselben Tone fort, »Tausende von Amerikanern ziehen, fahren, reiten auf dieser und der südlichen Straße durch Pennsylvanien, ohne daran zu denken, daß sie auf einer Triumphstraße wandeln, auf einer Straße, auf die sie stolzer sein mögen als der alte Römer auf sein Pantheon und Kolosseum, der Franzose auf sein Louvre und Museum.«

Und abermals sah der Jüngling den Alten befremdet an. Die extempore Ekstase stand dem Manne mit seinen schneeweißen Locken so seltsam.

»Sehen Sie,« nahm der Oberst wieder das Wort, »diese Tausende von Landhäusern, diese Städte und Yeomensitze kannte ich, wie sie noch Wald und Wildnis waren, in die sich hier und da eine Hütte hingenistet hatte. Diese Hütten waren von armen deutschen Redemtionisten bewohnt, die ihre Dienstzeit ausgehalten und sich nun ein Stück Landes auf eigene Rechnung anbauten. Es waren blutarme Leute, die ihre Passage nicht bezahlen konnten und deshalb verkauft worden waren; die großenteils in demselben entblößten Zustande herüber kamen, in dem Sie gestern die armselige Bettlerfamilie sahen. Ihre Herren, denen sie treu gedient, unterstützten sie, als ihre Dienstzeit vorüber war; und sofort begannen sie eigene Wirtschaft. Aber wären sie auch noch tausendmal mehr unterstützt worden, es würde nichts in einem zentralen Lande geholfen haben. Nur in einem Lande, wo jeder gänzlich frei, die Früchte seiner Arbeit auch ganz zu eigenem Gebrauche verwenden kann, nur da arbeitet es sich mit Freuden. Und mit Freuden arbeiteten diese Deutschen. Ich sah es. Sie arbeiteten wie die Tiere, und die Früchte ihres Fleißes wurden sichtlich gesegnet. Aber doch würde ihnen dies nicht zum amerikanischen Bürgertume verhelfen haben; denn auch in den Ländern des alten Europa gibt es Kolonisten, die reich und deren Kolonie blühend geworden, die aber dessenungeachtet Kolonisten bleiben, an der Staatsgewalt keinen Anteil haben. So würden diese armen Deutschen in jedem anderen Lande der Welt, selbst der sogenannten freien Schweiz, geblieben sein als was sie ankamen: Kolonisten, Untertanen, die sich nie zur Gleichheit mit angesehenen Staatsbürgern, den Großen – Baronen des Reiches aufschwingen können. Hier aber, Mister Morton, konnten die armen deutschen Redemtionisten dies; hier wurden sie freie Bürger der Staaten; nicht nur Bürger, sondern Mitteilhaber an der souveränen Gewalt des Staates; nicht nur Mitteilhaber, sondern wirkliche Staatslenker und Regenten. Der Großvater meines Schwiegersohnes, eines Mitgliedes des Kongresses, war ein solcher Redemtionist, und sein Enkel hat die Tochter eines deutschen Freiherrn zur Ehe, die sich geehrt in diesem Verhältnisse fühlt. Hundert ähnliche Beispiele könnte ich Ihnen anführen.«

Wieder eine Pause.

Diese lieblichen Landsitze, mit allen Bequemlichkeiten des Lebens ausgerüstet, die Sie zu Tausenden hier sehen, diese gehören Amerikanern, deren Väter und Großväter arme deutsche Redemtionisten waren, und die heute aus ihrer Mitte den Gouverneur, die Senatoren und Repräsentanten eines Staates wählen, der an Macht und Reichtum mit vielen europäischen Königreichen wetteifert. Wohlverstanden, Mister Morton, sie, die Abkömmlinge dieser Redemtionisten, wählen und geben nach dem Prinzipe der Majorität den Ausschlag, während die Söhne derselben amerikanischen Väter, denen die ihrigen als Sklaven dienten, ihrem Ausspruche und den von ihnen gegebenen Gesetzen gehorchen. Junger Mann, in diesem Wechsel liegt etwas Großes, etwas Erhabenes, etwas, das die Geschichtsblätter der Menschheit nicht zweimal aufweisen können! Es ist dies der Triumph der amerikanischen Staatsphilosophie, der wahren und einzigen Staatspolitik, echter amerikanischer Staatspolitik, gegen welche die gerühmte Politik der Alten Tyrannei ist. Und das war die Politik eines Franklin, eines I–n, Ihres Großonkels, ihre Schöpfung dieses prachtvolle Land, durch sie zur Triumphstraße erhoben, auf welcher die Humanität über die in uns wohnende Selbstsucht den Sieg davongetragen hat.

Ja, wohl mag Amerika auf sein Pennsylvanien stolz sein. Das ist ein anderes Versailles, als das von dem prunkliebenden, eiteln grand monarque gebaute.«

Der Oberst hielt inne und faßte während der Pause die Hand des Jünglings.

»Sehen Sie, lieber Morton, und wegen dieser Verleugnung der uns so tief ins Herz gegrabenen Selbstsucht, dieser Verleugnung zum Besten der Menschheit, wegen dieser großherzigen Politik des Großonkels ist mir der Großneffe auch dann noch teuer – wenn er strauchelte.

Aus dem Chaos hat sich die Harmonie des Weltalls entwickelt, und aus dem Chaos unserer ursprünglichen bunten Bevölkerung erstand die glorreiche Harmonie, die wir nun schauen. Wehe uns aber, wenn wir in erstarrender Selbstsucht unsere Gestaltung vergessen! Wehe unsern Kindern, wenn sie von dieser großartig humanen, wahrhaft christlichen Staatspolitik sich entfernen!«

Sie fuhren jetzt in Bethlehem ein und stiegen vor dem Hotel gleichen Namens ab.

»Nehmen Sie dies«, sprach der Oberst. »Der Brief ist an den alten Stephy. Er wird Ihnen nützlich sein. Dieses kleine Andenken von Mistreß Isling wird Ihnen Reisegeld liefern. Und nun leben Sie wohl! Sie sehen, die Mail für Philadelphia ist vor dem Posthotel. Und wenn Sie wieder einem armen Einwanderer begegnen, wie dem gestern, so schenken Sie ihm einen freundlichen Blick um des alten Obersten Isling willen.«

Und ehe der Jüngling ein Wort erwidern konnte, war der alte Deutsche wieder im Wagen, der rasch wandte und auf der Straße nach Harrisburgh zurückrollte.

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