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Morton oder die große Tour

Charles Sealsfield: Morton oder die große Tour - Kapitel 4
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleMorton oder die große Tour
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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II.
Die deutschen Emigranten.

Die wilde Dezembernacht war einem hellen, klaren Januartage gewichen.

Es war ein herrlicher Nachmittag, der erste im Jahre tausendachthundertneunundzwanzig. Die Sonne ruhte bleich und kalt, wie zitternd vor Frost, nur noch auf dem Rande der Flußberge des Susquehannah, und ihre matten Strahlen verbleichten in den endlosen Schneefeldern des westlichen Flußgebietes, während die gewaltigen Bergrücken, die hehr und hoch sich im Norden emportürmen, mit ihren dunkeln Fichtenwäldern und den wilden Lorbeergebüschen im prachtvollsten Kontraste das Landschaftsgemälde schattierten; dazwischen der majestätische Strom, der in nimmer ruhender Beweglichkeit seine ungeheuren Wassermassen klar und heiter dem freundlichen Harrisburgh zusendet. Um die unzähligen Klippen, die sich aus dem meilenweiten Porphyrbette wie Ruinen römischer Triumphbögen erheben, hatte der kalte Winter Kränze von Eis gelegt, die ihnen in der Ferne das Ansehen von Hunderten kolossaler Büsten in Sanvyks Manier gaben, und die seltsamerweise auch zu reden begannen. Sowie die Sonne die Berggipfel des Susquehannah erreicht, erhebt sich ein Gemurmel, und die Gewässer beginnen zu rauschen und zu reden mit den hundert und hundert Pyramiden und Felsen und Klippen und Büsten in der murmelnden Wellensprache, die die Sage veranlaßte, daß die Häuptlinge des riesigen Volkes der Susquehannahs noch immer trauern und wehklagen über das Verschwinden ihres Volkes vor den mächtigen weißen Eindringlingen.

Es ist ein herrlicher Strom, der Susquehannah, mit seinen endlosen, unübersehbaren Wassermassen und seinen Klippen und Riffen und der süß tönenden trauernden Wellensprache; die Gegend umher eine der romantischsten des lieblichen Pennsylvanien. Im Norden fällt der Blick auf prachtvolle, waldbekränzte Inseln, die gleich ungeheuren Wasservögeln am breiten Busen des Stromes sich zu schaukeln scheinen. Im Osten türmen sich Berge auf Berge, und Klippen und Abgründe wechseln mit dunkeln Wäldern und verleihen der Gegend einen Charakter von Wildheit, wie er in diesem Staate nicht häufig wieder zu finden ist. Auf der westlichen Seite dehnen sich herrliche Landhäuser und Höfe in ruhiger Behaglichkeit. Im Südwesten endlich nickt, den Rahmen vollendend, das Kapitol der Miniaturhauptstadt herüber, einfach und anspruchslos, wie seine zeitweiligen Bewohner Harrisburgh, obwohl Philadelphia und Pittsburgh die größten Städte sind, ist bekanntlich der Sitz der Regierung, nämlich des Gouverneurs und der gesetzgebenden zwei Kammern, des Senates und der Assembly; vorzüglich, weil es mehr in der Mitte des Staates liegt. Früher war Lancaster der Regierungssitz..

Der Straße entlang, die sich am östlichen Ufer des genannten Stromes gegen die obere Fähre hinaufwindet, die das westliche Pennsylvanien mit dem östlichen verbindet und als Anfangspunkt der sogenannten nördlichen Turnpike betrachtet wird Sie geht bei Frenchtown über die Alleghanygebirge und teilt sich jenseits derselben in zwei Arme, von denen einer nach Pittsburgh, der andere nach Kittaning Buttler usw. führt., sah man während derselben Tagscheide einen prachtvoll gebauten, aber todmatten Blutrenner mit seinem Reiter langsam und erschöpft fortschwanken. Das übel zugerichtete Tier war an einem jener Felsenvorsprünge angekommen, die sich so malerisch von dem rauhen Flußgebirge herab bis in den Strom senken, und durch die der eiserne Fleiß seiner Anwohner erst vor noch nicht langer Zeit einen Weg zu bahnen vermocht hat. Es hielt vor einem dieser Felsenvorsprünge, und während es sich längs desselben fortschleppte, versuchte es, die dürren Eichenblätter des Gestrüppes zu erfassen, das aus den Ritzen der Klüfte sich hervorgedrängt hatte. Der Reiter, der in jener gänzlichen Geistesabwesenheit auf dem Rücken des Tieres hing, die einen Menschen verrät, dem ein fixer Gedanke im wahnsinnigen Kopfe haftet, wurde endlich durch die Bewegung des Pferdes aus seiner Bewußtlosigkeit aufgerüttelt. Er schaute stier und verwildert um sich, und die Zügel anziehend, versuchte er vergebens, es zum Weiterschreiten zu bewegen. »Cyrus!« rief er endlich, »was treibst du? Bist müde? Ich auch – lebensmüde. Wollen ja zusammen gehen.«

Und wieder stierte er um sich, und sein trübes Auge suchte in der Ferne. Allmählich schien er sich zu besinnen, zu fassen, und wie einer, in dem plötzlich ein Gedanke aufsteigt, fuhr er empor, schaute nochmals umher und stieg rasch vom Pferde. Einen Blick warf er auf das arme, edle Tier, und dann trat er vor an den Rand des Stromes und betrachtete die Gegend.

Nicht zehn Schritte vor ihm rauschte der Strom, dessen dunkelblaue Gewässer hier eine unergründliche Tiefe andeuteten. Gegenüber in meilenweiter Ferne lagen die westlichen Ufer des Susquehannah, mit ihren friedlichen Höfen und Landsitzen, wie Lichtpunkte, die allmählich vor den hereinbrechenden Schatten der Nacht erbleichen. Über seinem Haupte erhoben sich die Felsen der östlichen Flußberge mit ihren knarrenden nackten Eichen und dem Gelächter der weißen Wintereule, die sich soeben aus ihrem Verstecke herausgewagt. So weit das Auge reichte, war keine Spur von Menschen zu sehen. Und als der Jüngling so mit stierem Blick eines, der die Welt zu verlassen im Begriffe steht, um sich schaute, überflog ein bitter süßes Lächeln seine schönen, aber verwilderten und bereits dem Wahnsinn halb verfallenen Züge.

»Noch fünf Minuten, teurer Cyrus,« sprach er zu seinem Rosse, »dann ist unsere Reise geendigt.«

Er hatte die letzteren Worte lauter gesprochen, wie einer, der sich in seinem Entschlusse kräftigen will; das Echo gab sie ihm zurück.

»Wer spricht da?«

Und das edle Tier schaute ihn mit seinen funkelnden Gazellenaugen so treu und traurig an, daß ihm, ergriffen vom ungeheuern Schmerz, eine Träne ins Auge trat und er die beiden Arme um den Hals des Cyrus legte.

»Fürchte dich nicht, Cyrus; ein einziger Sprung und wir liegen so tief – ein Vierundsiebziger würde hier ein ruhiges Grab finden.«

In dem ganzen Wesen des jungen Mannes lag eine entsetzliche Entschlossenheit; jede seiner Bewegungen verriet, daß er seine Rechnung mit der Welt abgetan hatte.

Die Sonne war hinter den westlichen Berghöhen verschwunden.

Vom Osten herüber dämmerte die Mondscheibe am klaren, wolkenlosen Himmel, wie ein milder Tröster nach harten Stürmen, sein Licht ausgießend. Zugleich erhob sich ein scharfer Nordwestwind, und die Wogen des Stromes fingen an stärker zu brausen, und die Stimmen der gefallenen und entschwundenen Susquehannahs begannen rauher ihren Klaggesang.

Die Kälte war schneidend geworden. Der Jüngling stand in seinen Mantel gehüllt, sinnend – verloren. Die Straße, so weit das Auge reichte, war noch immer leer, nur das Tosen der an den Klippen brechenden Gewässer und das Gelächter der Eulen und das Knarren der Eichen im scharfen Luftzuge war zu hören. Auf einmal warf er seinen Mantel ab, und einen der umherliegenden Steinklumpen ergreifend, legte er ihn auf den ausgebreiteten Mantel und schlug diesen darüber.

»Pah, ich glaube,« murmelte er halb lachend zu Cyrus, »wir haben auf niemand zu warten.«

Und mit diesen Worten hob er den Stein und trat über die Straße an den Rand des Stromes und stierte in die Tiefe. Jetzt hob er den Stein, um ihn vorauszusenden.

»Wer Teufel ist denn das?«

Und er wandte sich rasch und zornig in der Richtung, in der er kurz zuvor die Straße heraufgekommen.

Die Klagetöne des Stromes und das Gelächter der Eule waren auf einmal durch ein widerliches Knarren auf der eisig hartgefrorenen Straße unterbrochen; dazwischen ließen sich menschliche Stimmen und Wimmern und Geschrei und lautes Geheul hören, das ungemein grell, ja unheimlich in der abgeschiedenen Stille der Nacht an die Ohren schlug. Cyrus, als wüßte er um den Entschluß seines Herrn, gab ein schwaches Gewieher von sich. Der Jüngling schaute aufmerksam die Straße entlang, woher die unharmonischen Töne kamen, und trat dann hinter den Felsenvorsprung.

Es war ein seltsamer Zug, der sich nun in der Wendung der Straße näherte. Voran rollte ein Schubkarren, der von einem Manne fortgeschoben wurde, der in der magischen Beleuchtung des Mondes einer jener Karikaturen glich, welche die Meisterhand Cruikshanks uns geschenkt, und die uns so oft zu einer Art rasenden Hohngelächters über uns selbst hinreißen. Die seltsame Bewegung des langen, spindelbeinigen Gerippes hatte etwas so barock gräßlich Possierliches, daß der Jüngling in ein lautes Lachen ausbrach, das wieder in ein Gemurmel des tiefsten Unwillens überging, sowie die Gruppe sich hinlänglich genähert hatte.

Es war ein armseliges Häufchen von Menschenkindern, die zum Teil auf den Schubkarren gepackt waren, zum Teil hintendrein krochen und sich nachschleppten. Der Schubkarrenführer war ein sehnig-knochiger, aber abgemagerter Mann, der beiläufig dreißig Jahre zählen mochte, dem aber die Mühseligkeiten des Lebens wenigstens zwanzig Jahre mehr aufgedrückt hatten. Sein Anzug war im höchsten Grade ärmlich. Ein schmutzig-ledernes Käppchen, kurze Beinkleider von demselben Stoff, dessen ursprüngliche Farbe ebensowenig zu erkennen war, ein Kittel von Zwillich und eine mit mannigfaltigen Lappen besetzte Weste. Im Fortschreiten entfuhren ihm grobe, barsche Worte, die Scheltworte sein mochten und zweifelsohne den armen Würmern galten, die, vor Frost zitternd, in noch elenderen Lumpen staken, aus denen sie wie kleine ausgestopfte Kobolde herausnickten. Zehn Schritte hintendrein kam eine zweite Gestalt, in eine Menge zerrissener und schmutziger Unterröcke auf eine so widrig lächerliche Weise vergraben, die schwer bestimmen ließ, zu welcher Gattung lebender Wesen sie gehörte. An ihren Röcken schleppte sich ein drittes Kind, während ein viertes an ihrer Brust lag und ein fünftes in Fetzen gewickelt auf ihrem Rücken hockte. Die grobe Stimme des Mannes wurde häufig von den gellend kreischenden Tönen des Weibes unterbrochen, das die winselnden Würmer, die sie auf allen Seiten umgaben, auf eine nicht minder rohe Weise zu beschwichtigen bemüht war. Beim ersten Anblicke gewahrte man, daß es Kinder des unglücklichen Landes waren, die seit so vielen Jahren die Erde mit ihrem Blute zu düngen, die Welt mit ihrer Nacktheit und ihrem Elende anzuekeln bestimmt zu sein scheinen; eines jener Bilder serviler Unterwürfigkeit, wie wir sie auf den Werften unserer Seestädte häufig als Exemplare dieser Nation zu schauen bekommen, und die uns bereits wider Willen gezwungen haben, der unbegrenzten Hospitalität unseres Landes Schranken zu setzen.

Als die Gruppe bei dem Felsenvorsprunge angekommen, wurde das Geheul der Kinder so laut, daß die beiden Alten hielten und nach kurzer Beratung den Hunger der armseligen Geschöpfe zu beschwichtigen begannen. Diese fielen mit der Gier junger Wölfe über die kalten Kartoffeln und die Knochen und Brotkrusten her, die der Mann aus den schmutzigen Lumpen des Korbes hervorgelangt und verteilt hatte.

Des Jünglings Wesen hatte einen Ausdruck von unaussprechlicher Entrüstung bei dem Anblick dieser elenden Menschen angenommen. Er wandte sich mit allen Symptomen des tiefsten Abscheues weg.

In der entgegengesetzten Richtung und gerade auf ihn zu kam ein Reiter getrabt, mit breitkrempigem Hute und darunter eine schwarzseidene Schlafmütze, ferner einem hirschfarbigen Überrocke und ebensolchen Leggings. Eine gewisse treuherzige Behaglichkeit im Wesen des Mannes sowie die Beleibtheit des Tieres, eines braunen tüchtigen Kleppers, verrieten den ostpennsylvanischen Farmer, eine Klasse, die sich bekanntlich als den Kern der respektablen Bevölkerung des Staates betrachtet und die mit Recht als eine der solidesten unserer Union geschätzt wird. Er war im raschen Trabe herangekommen und hatte sich bis auf Sprachweite dem Felsenvorsprunge genähert, an dessen Rande der junge Mann nachlässig lehnte, die Hand am Sattelgurt ruhend.

»Einen guten Abend«, sprach der Mann mit dumpfer Stimme, die aus einem wollenen, buntgestickten Mundtuche hervorkam, das zum Schutze des Halses noch um Kinn und Nacken gelegt war. »Etwas an Eurem Sattel gebrochen oder gerissen? Kann ich Euch in irgend etwas nützlich sein?«

»Wenn Ihr Eure Straße zieht«, war die Antwort.

Der Reiter schaute den jungen Mann einen Augenblick an und setzte dann sein Roß in Bewegung, hielt jedoch ebenso schnell wieder inne, denn er war an der entgegengesetzten Seite des Felsenvorsprunges angekommen, wo die armselige Familiengruppe sich gelagert hatte.

Eine geraume Weile verstrich, ohne daß der Reiter ein Wort sprach. Die beiden Eheleute, die auf den Stangen des Karrens niederhockten, erhoben sich und kamen näher; der Mann, seine Lederkappe in beiden Händen, das Weib, die ihrigen auf der Brust gefaltet, beide in der demütigsten Stellung. Das unsägliche Elend, das aus ihren Gesichtern und Umgebungen sprach, schien den Reiter festzuhalten, obgleich in seiner Miene eben nicht besondere Teilnahme zu verspüren war.

Endlich richtete er eine Frage an den Schubkarrenführer, aber in einem nichts weniger als milden Tone; im Gegenteile, seine Stimme klang herrisch und gebieterisch, die Antwort furchtsam, bittend, demütig.

Der Mann richtete eine zweite, eine dritte Frage an ihn; er wurde weitschweifig, die beiden Eheleute immer demütiger.

Auf einmal ließ sich von der andern Seite des Felsenvorsprunges ein Zähneknirschen hören; es war ein Zähneknirschen, das durch Mark und Knochen drang.

Die beiden Eheleute sahen einander an, und ihre stupiden Gesichtszüge schienen zu sagen: Auch ein Elender, vielleicht ein Elenderer als wir. Es lag Mitleiden in den Zügen der beiden.

Der Reiter war aufmerksam geworden und hielt eine Weile inne; dann stieg er von seinem Pferde und trat einige Schritte zurück. Erst jetzt gewahrte man, daß sein Alter vorgerückt und sein ganzes Wesen achtunggebietend war; denn im Herabsteigen hatte er den Hut und Kamm verloren, und eine Fülle schneeweißer Locken hatte sich zu beiden Seiten des vollen, gesunden Gesichtes herabgeringelt. Er ließ sich den Hut vom Schubkarrenführer reichen und wandte sich, nachdem er den Kamm auf dem Scheitel befestigt, zum Jüngling, auf den er einen durchdringenden Blick heftete.

Ein Gedanke schien in seiner Seele aufzudämmern und schnell zur Gewißheit zu werden. Es war nicht sowohl der grelle Kontrast, der sich hier zu beiden Seiten des Felsenvorsprunges darbot, als der Widerspruch im ganzen Wesen des jungen Mannes, das die Aufmerksamkeit des Alten in Anspruch genommen hatte. Diese kraftvolle Antinousgestalt, mit dem stolzen, aristokratischen Gesichte, dessen vollblütige Bräune den edlen Virginier verriet, sie stach gräßlich von den erloschenen und wieder wild funkelnden tiefblauen Augen ab, die in ihrem zeitweiligen Rollen jeden Augenblick einen andern Schmelz annahmen, nun höhnisch auf ihm ruhten, wieder in die weite Ferne schossen, so grimmig bitter, daß sich der Kampf zwischen Leben und Tod deutlich in ihnen abspiegelte. Nur die vollste, unverdorbenste Jünglingskraft, gepaart mit dem starrsten Stolze, konnte diesen Kampf kämpfen – mit so entsetzlicher Ausdauer kämpfen. Nur sie vermochten ein so furchtbares Bild von Fieberzerrüttung hervorzubringen, wie diese höhnischen Blicke malten – Blicke, in denen ein namenloser Abscheu gegen die Welt sich abspiegelte.

»Ich glaube,« nahm der junge Mann zornig das Wort, »Ihr habt mich genug besehen!«

»Und ich,« erwiderte der Alte, »die Straße sei frei.«

»Dann will ich sie Euch lassen«, entgegnete der Jüngling, und, die Zügel seines Rosses zusammenraffend, schickte er sich an, den Platz zu verlassen, hielt aber wieder inne. Sein Auge war auf den Steinklumpen und die Enveloppe gefallen.

Der Alte war unbeweglich gestanden, in der linken Hand den Zügel seines Braunen, mit der rechten auf die Einwanderer deutend.

»Deutsche Emigranten«, bemerkte er.

Des Jünglings Zähne knirschten. Seine zusammengepreßten Lippen schienen zu fragen: Was haben die in unserem Lande zu suchen?

Die beiden Eheleute hatten sich während des kurzen Wortwechsels scheu und furchtsam einen Schritt vorgewagt, waren wieder zurückgewichen, wieder vorgetreten und endlich in derselben demütigen Stellung dem Jüngling näher gekommen; der Mann, in der einen Hand die Kappe, in der andern ein Stück Brot. Cyrus, mit instinktartiger Liebe zum Leben, streckte den prachtvollen Hals nach dem Brote aus, und der arme Deutsche reichte es ihm.

»Cyrus!« rief der Jüngling. »Schämst du dich nicht?«

Und Cyrus sah seinen Herrn so bittend an, und der Deutsche, als verstünde er die englischen Worte, schaute den Jüngling an mit einem so unbeschreiblichen Blicke, daß dieser wie beschämt die Augen zu Boden schlug. Es war der stupideste und wieder der sprechendste Blick, ein Blick, in dem sich die konzentrierten Leiden einer ganzen Nation malten, die Schläge und die Verachtung und die Fußtritte von Freunden, Fremden, Gebietern, allen. Des Mannes Gesicht war abgezehrt, abgekümmert – ein lebendes Bild der stupidesten Geduld, dem die Schläge der Schande und der Härte zahllos eingeprägt waren.

Der Jüngling schauderte unwillkürlich, wie er in dieses gräßlich stupide, niederträchtige Gesicht abermals blickte.

Der Alte war aufmerksam, beobachtend gestanden.

»Ein armer Teufel von Deutschen,« hob er endlich an, »der dem Elende seines Standes in seinem Lande entwichen, um sich eine bessere Zukunft zu suchen.«

Der Jüngling gab keine Antwort.

»Ja, so kommen ihrer viele aus diesem Lande, und leider nur aus diesem Lande. Kein Engländer oder Franzose, und selbst der elende Irländer würde nicht so schamlos sein, sein Elend da aufzudringen, wo er nichts zu suchen hat – in einem ganz fremden Lande; aber Not kennt kein Gebot.«

Und nachdem der Alte so gesprochen, hielt er inne.

»Und was weiter? Und was gehen diese Elenden mich an?« fragte der Jüngling, und eine zornige Röte überflog sein Gesicht.

»Sie sind«, fuhr der Alte gleichmütig fort, »zu uns herübergekommen mit ihrer letzten Habe.«

Der Jüngling warf einen Blick auf die beiden zerlumpten Eheleute und lachte beinahe laut auf.

»Und fahren nun nach Ohio«, bemerkte wieder der Alte.

»Und fahren nun nach Ohio«, wiederholte jener im bittersten Spotte, indem er dem Sprecher den Rücken wandte.

»Er sagt,« fuhr der Alte fort, ohne sich durch die verächtliche Bewegung irre machen zu lassen, »daß es draußen nicht mehr auszuhalten sei, und deshalb verkaufte er Haus und Hof und kam mit Not nach Philadelphia, keinen Cent in der Tasche. Endlich fand er mitleidige Aufnahme im Jackson-Hotel, Fourthstreet, wo man ihm und seiner Familie vergönnte – im Pferdestalle zu wohnen.«

Die beiden Eheleute standen noch immer mit gefalteten Händen; der Alte fuhr fort:

»Sie bekamen zwar Essen im Überflusse von den Abfällen der Tafel; aber die Gäste sowohl als die Diener des Hauses mochten sie nicht mehr im Stalle leiden. Kein Wunder! Sie sind auch gar zu unflätig.«

Und sein Auge richtete sich auf das grenzenlose Elend und den Schmutz, in dem die Familie gleichsam starrte.

»Man riet ihm endlich,« fuhr der Alte fort, der abwechselnd den Jüngling und wieder das Ehepaar im Auge behalten hatte, »sich an die German auxiliary Society Eine Stiftung zur Unterstützung hilfsbedürftiger deutscher Einwanderer. Ihre Vorsteher sind größtenteils geborene Amerikaner. Doch tragen auch in Philadelphia ansässige Deutsche bei. zu wenden, was er auch tat, und von welcher er fünf Dollars empfing, mit denen er den Schubkarren kaufte und seine Familie nach Ohio zu fahren beschloß.«

»Kann man so leben und nicht lieber sterben!« entfuhr dem Jüngling unwillkürlich.

»Gott behüte!« fiel der Alte ein. »Der Mann denkt, erst jetzt als Mensch zu leben; bisher lebte er bloß ein Hundeleben. Auf den hundert Meilen von Philadelphia bis hierher, nach Harrisburgh, bekam er, sagt er, Lebensmittel im Überfluß und Nachtlager umsonst, und Almosen, die sich über dreißig Dollars in barem Gelde belaufen, und die er noch alle beisammen hat. Wenn er so fortfährt, so hat er, bis er nach Pittsburgh kommt, an die hundert Dollars, und mit diesen kann er sich fünfzig Acker Waldlandes kaufen und hat noch etwas zur notdürftigsten Einrichtung über.«

»Viele seiner Landsleute waren schlimmer daran«, fuhr der Alte nach einer Pause fort; »denn sie wurden früher als zeitweilige Sklaven oder Redemtionisten verkauft; aber ich glaube, dem Lande war mit den damaligen Deutschen mehr gedient als mit den heutigen. Betteln erinnere ich mich wenigstens nie einen von den alten Deutschen gesehen zu haben. Sie verdienten sich ihre bürgerliche Existenz durch hartes Schaffen, wohingegen die heutigen ihre Schande und ihre Blöße aller Welt aufdringen. Es ist wirklich schlimm; was würde das deutsche Volk sagen, wenn aus den vereinten Staaten derlei Elende zu ihnen kämen?«

Der Jüngling schwieg noch immer.

»Aber die Wege der Vorsehung«, fuhr der Alte fort, »sind wunderbar, und wohl mag sich's einst fügen, daß der Erdengott, dessen Pracht dieser arme Mann länger zu frönen nicht mehr auszuhalten vermochte, oder seine Kinder einst in demselben Aufzuge vor seine Türe kommen. Lose solcher Art sind im Glücksrade unserer verhängnisvollen Zeit nicht selten den Erdengroßen zugefallen.«

Der kühne Gedankenflug des Alten machte den Jüngling höhnisch lächeln. »Sie verdienen es, die Hunde!« murmelte er.

»Gott behüte!« versetzte der Alte wieder. »Jeder Mensch ist frei und als Ebenbild Gottes geboren; die bürgerliche Erziehung und Gesellschaft allein machen ihn zum Sklaven oder freien Weltbürger.«

Wieder eine Pause.

»In jener Welt,« fuhr der Alte in demselben gleichmütig freundlichen Tone fort, »heißt es ja in der Heiligen Schrift, werden die ersten die letzten und die letzten die ersten sein. Und unsere Union ist ja zu Europa jenseits. Doch zieht Eurer Wege«, sprach er, zu den Deutschen gewendet in ihrer Sprache, indem er einen halben Dollar in die Kappe des Mannes fallen ließ. »Vier Meilen von hier trefft Ihr auf Crockers Tavern, und der wird Euch für eine Nacht Unterkommen geben.

Die beiden Eheleute dankten, indem sie die Kleider des Alten küßten, der sich ihnen aber unwillig entriß; dann näherten sie sich dem Jüngling. Dieser griff mechanisch in seine Rocktasche, die er mit einem Dollarstücke auf eine Weise herauszog, die wahrnehmen ließ, daß es sein letztes war. Er warf den beiden das Geldstück vor die Füße und kehrte ihnen, ohne ihren Dank abzuwarten, den Rücken.

Der Alte hatte diese verschiedenen Bewegungen scharf beobachtet. Eine Weile schaute er den abziehenden Deutschen nach, und dann wandte er sich an den Zurückgebliebenen. »Ihr habt hier ein sehr edles Tier. Ein reeller Blutrenner. Welche Zucht?«

»Sehr leicht möglich«, versetzte der Jüngling auf die erste Bemerkung, ohne die Frage einer Antwort zu würdigen.

»Wo wollt Ihr noch hin?« fragte wieder der Alte.

»Dahin, wohin Ihr mir wahrscheinlich nicht folgen werdet«, war die bittere Antwort.

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ihr kommt von Harrisburgh?«

»Und wenn ich komme?«

»In der Richtung, die Ihr geht, trefft Ihr vier Meilen kein Einkehrhaus.«

Ein Strahl düsterer Zufriedenheit zuckte, wie der unheilschwangere Blitz am nächtlichen Firmamente, durch das Gesicht des Jünglings hin. Sein Fuß stand noch immer auf dem in den Mantel gewickelten Steinklumpen. Auf einmal ergriff er die Zügel und zog das Pferd mit sich fort.

»Halt!« sprach der Alte, einen Schritt vortretend. »Ich sage Euch, Euer Pferd ist überritten, zuschanden geritten, mutwillig zuschanden geritten. Es ist, man sieht es ihm an den Augen an, diese vierundzwanzig Stunden kein Haberkorn über seine Zunge gekommen. Auf der Straße, die Ihr geht, findet Ihr vier Meilen kein Einkehrhaus, und doch wollt Ihr mit Eurem halbtoten Gaule weiter. Ihr habt die Akte, erlassen behufs der Beschützung der Tiere und insonderheit der Lasttiere und gegen barbarische Behandlung besagter Lasttiere, übertreten. Ich büße Euch fünf Dollars.«

Der Jüngling schlug eine entsetzliche Lache auf, eine kurze, aber empörte und empörende Lache; einen Augenblick stand er sprachlos vor Zorn.

»Hört Ihr!« brach er endlich mit einer Stimme aus, deren hohler, tiefer Ton durch die ganze Tonleiter zum grausigen Gellen hinanlief. »Ihr seid ein Deutscher!«

»Das bin ich«, erwiderte der Alte ruhig.

»Dann geht Eure Wege, oder bei Gott! ich vergesse Eure weißen Haare und daß Ihr ein Fremdling, ein alter Mann seid.«

Und seine Fäuste ballend, holte er zum Anfalle aus, wie der rasende Boxer zum Angriffe gegen seinen Widerpart ausholt.

Der Alte stand ruhig.

»Ich fordere Euch nochmals im Namen des Gesetzes auf, mir zu folgen«, sprach er ernst.

»Und kraft welcher Autorität?« brüllte der Jüngling mit einer Roßlache.

»Als Friedensrichter dieses County, kommissioniert seit tausendachthundertundneunzehn.«

»Und wenn ich nicht folge?«

Der Alte war nun seinerseits außer sich. »Wie? Ihr, ein geborener Bürger?« fragte er mit erhobener, starker Stimme, »und Ihr wollt dem Aufrufe des Gesetzes nicht gehorchen?« Er sah den erblassenden Jüngling starr an. »Freilich,« fuhr er in leiserem Tone fort, »wenn man die Gesetze des Höchsten mit Füßen zu treten im Begriffe steht, wie sollte man sich da um die – seiner Mitkreaturen kümmern oder um ihre gute Meinung? Aber ich sage Euch, junger Mann,« hob er wieder mit stärkerer Stimme an, »das Gesetz wird für Euch zu stark sein.«

Der Jüngling zuckte mit einem dumpf gemurmelten »Sir!« zusammen.

Während der Alte die Zügel des Cyrus ergriff, stieß sein Fuß auf den um den Steinklumpen gewundenen Mantel, und indem er sich zur Erde bückte und ihn befühlte, leuchtete ihm die gräßliche Wahrheit in ihrem ganzen Umfange ein. Einen Blick des schmerzlichsten Vorwurfs schoß er auf den Unglücklichen, und dann, den Stein aus dem Mantel lösend, überreichte er ihm das Kleidungsstück. Beide schlugen nun die Richtung nach Harrisburgh ein.

Sie waren eine geraume Weile gegangen, ohne ein Wort zu reden. Endlich hob der Alte in einem Tone an, von dem es schwer gewesen sein würde zu sagen, ob er vertraulich, ernst oder abstoßend sei.

»Man muß übrigens diesen Deutschen bei ihrem Vorgeben von Armut und Blöße nicht immer trauen, denn Sklaven lügen.«

Keine Antwort.

»Ist mir selbst vor Jahren ein derartiger Fall mit einem solchen Menschen passiert; war gerade vor dem Torschlusse des Redemtionistenunwesens.«

Der Jüngling blieb stumm.

»War in Philadelphia, wo eine ganze Schiffsladung solcher Leute vom Kapitän losgeschlagen wurde; unter andern eine Familie, die aus zwei erwachsenen Knaben, einem Mädchen und den zwei Alten bestand. Ich kaufte den Alten; Mister Howth, ein Nachbar, der sechs Meilen von mir wohnt, ein recht braver Mann, das Weib und die Tochter; die Söhne wurden gleichfalls im County ersteigert. War übrigens eine nüchterne, arbeitsame Familie; man sah es ihr an den Augen an.«

Der Alte hielt inne und fuhr nach einer Weile fort: »Wie gesagt, ich nahm den alten Simon Martin, der mir für die an seinen Kapitän bezahlte Überfahrt fünf Jahre dienen sollte. Als ich meinen Wagen bestieg, um nach Hause zu fahren, kam der Mann mit einem gewaltigen Bündel Lumpen auf dem Rücken, das einen so unerträglichen Gestank von sich gab, daß ich ihm sofort befahl, es entweder seinem Weibe zu überlassen, oder es, noch besser, in den Delaware zu werfen. Er bat aber so dringend, demütig, seine Habe, wie er es nannte, behalten zu dürfen, daß ich endlich nachgab und ihm erlaubte, das Bündel mitzunehmen, vorausgesetzt, daß er mit dem Sitze neben einem meiner Neger sich begnügen wolle. Er war hoch erfreut.

Als ich zu Hause angekommen, wies ich ihm eine meiner verlassenen Negerhütten an, denn der Akt für die Emanzipierung unserer Schwarzen war bereits mehrere Jahre in Wirksamkeit, und ein halbes Dutzend derselben hatte mein Haus verlassen, um ihrer neuen Freiheit so schnell wie möglich zu genießen. Kamen aber nach einigen Wochen wieder alle zurück, aber in einem Zustande, dem man es wohl ansah, daß er nur durch die zügellosesten Ausschweifungen herbeigeführt worden sein konnte. Nahm sie nicht mehr, war froh, daß sie fort waren. Die etwas wert waren, sind geblieben und sind noch im Hause. In dieser verlassenen Hütte nun, die ich dem alten Simon Martin angewiesen hatte, deponierte er sein schmutziges Bündel, und, die Wahrheit zu gestehen, so diente ihm dieses wirklich statt eines Vorhängschlosses; denn alle meine Leute wichen der Türe auf zwanzig Schritte aus; zum Hineintreten war keiner zu bewegen.

Alle schmutzige alte Wäsche, die das Ansehen nicht mehr wert war, alle alten Lumpen, Kleider und Strümpfe, abgetragene Hosen, kurz alles, dessen er habhaft werden konnte, sammelte er wie toll zusammen, um sie in seinem Lumpendepot niederzulegen.«

Der Alte hielt wieder inne.

»War übrigens mit dem alten Simon Martin wohl zufrieden, arbeitete fleißig und umsichtig, verstand die Landwirtschaft aus dem Grunde und zeigte sich langsam, aber besonnen, so daß ich ihn wohl brauchen konnte. Seine Begriffe von häuslicher Ökonomie erlaubten ihm nie, sich von Hause zu entfernen, obgleich ich ihn öfters aufmunterte, sein Weib zu besuchen. Wozu die Schuhe zerreißen? war immer seine Antwort, und einmal, als seine Alte nach Verlauf von mehreren Jahren mit ihrer zwanzigjährigen Tochter gekommen war, um ihn zu sehen, fuhr er sie sehr hart an, weil sie, wie er sagte, unnötigerweise die Schuhe zerrissen.«

Der Alte hielt abermals inne und fuhr in herzlicherem Tone fort.

»Diesen Übelstand ausgenommen, hatten wir uns an den alten Simon Martin allmählich so sehr gewöhnt, daß Mistreß Isling und ich beschlossen, ihn auch nach Verlauf seiner Dienstzeit bei uns zu behalten und ihm ein fünfzig Ackers zu verlehnen und ein Häuschen, das zu derselben Zeit leer werden sollte.

Als die Zeit bis auf acht Tage herum war – es war gerade abends vor Martini 1820, kam der Alte zu mir auf meine Office Schreibstube. und fragte mich: ›Squire, wollen Sie mir wohl erlauben, morgen hinüber auf die Auktion nach Harrisburgh zu gehen?‹

›Auf die Auktion hinüber nach Harrisburgh gehen?‹ gab ich zur Antwort. ›Auf die Auktion, Simon Martin? Was wollt Ihr denn auf der Auktion? Es werden, soviel ich aus der Zeitung ersehe, zwei Sheriff sales Gerichtliche Versteigerungen von liegenden Gründen werden durch den Sheriff abgehalten. über zwei Farms morgen abgehalten, deren jede dreihundert Acker Landes und Wohn- und Wirtschaftsgebäude hat, die wenigstens auf fünftausend Dollars zu stehen kommen. Ihr werdet sie doch nicht ersteigern wollen?‹

›Just um einmal eine Auktion zu sehen, Zeitvertreibs wegen‹, erwiderte Simon Martin.

›Wohl, so geht in Gottes Namen!‹ sagte ich. – ›Nehmt den alten Rappen, und hier ist ein Dollar als Zehrungsgeld für Euch und das Tier; aber daß Ihr nachts wieder zu Hause seid.‹

Und wieder hielt der Alte inne; der Ton seiner Stimme war allmählich freundlicher, zutraulicher geworden, wie der eines Mannes, dem Wohlwollen die Worte auf die Zunge legt.

»Der alte Simon Martin«, fuhr er fort, »kam richtig abends zurück, hatte aber, außer einigen Pfunden Brotes, die er von Hause für den alten Rappen mitgenommen, diesem auch nicht einen Halmen Heu zu fressen gegeben, was ich aus dem Heißhunger des Tieres sehr wohl entnahm; denn ich selbst bin, wenn mich nicht wichtigere Geschäfte abhalten, bei der Fütterung des Viehes zugegen. Er erhielt einen scharfen Verweis deshalb. Das Tier kann nicht reden, und es wegen eines Vierteldollars Hunger leiden zu lassen, ist unmenschlich und nicht wirtschaftlich, sagte ich.

Der alte Simon hörte mich an wie ein Block und ging, ohne ein Wort zu sagen.

Am folgenden Morgen kam Mister Gordon, der damalige Sheriff, zu mir und gratulierte mir von wegen des guten Kaufes, den ich mit der Hawkes-Farm getan, wobei er sich nicht wenig wunderte, wie ich in meinen alten Tagen noch mehr Land ankaufe, da ich doch mein eigenes nicht übersehen kann.

›Ich die Hawkes-Farm gekauft?‹ versetzte ich voll Verwunderung. ›Mister Gordon, Ihr träumt.‹

»Er schaute mich zweifelhaft an, als ob er fragen wollte, ob es in meinem Kopfe auch richtig sei, und zeigte mir dann das Versteigerungsprotokoll; und wen sahen meine Augen als Käufer? Wen anders als den alten Simon Martin. Ich traute meinen Sinnen kaum und wußte nicht, was dazu sagen. Noch habe ich zu bemerken, daß der Alte den Tag nach seiner Ankunft in meinem Hause sich um die Einbürgerung beim Protonotary Gerichtsschreiber der Grafschaft, der die Grundbücher führt und bei dem sich die Fremden zur Naturalisation melden; werden in einigen Staaten auch County Clerks genannt. bewarb, wozu er von mir die zwei Dollars Gebühr entlehnte, so daß er den Tag nach seiner Emanzipation auch als Bürger naturalisiert wurde. Natürlich glaubten der Sheriff und die anwesenden Bürger, er ersteigerte die Farm für mich, da ich ihn bereits öfter in nicht ganz unwichtigen Geschäften wegen seiner Treue und Umsichtigkeit gebraucht; ein Umstand, versicherte mir Mister Gordon, auf den gewiß von den Bürgern Rücksicht genommen worden war; denn mehrere Kauflustige waren abgetreten.

Ich ließ den Alten rufen und fuhr ihn hart an wegen des Scherzes, denn dafür hielt ich das Ganze, den er sich mit einer Behörde erlaubt.

Als Simon Martin in die Office trat und den Sheriff erblickte, lächelte er auf seine eigene Weise und antwortete mir auf meinen barschen Verweis, daß die Sache eigentlich ihn anginge, er jedoch um Vergebung bitte, daß er sich die Freiheit genommen, die Farm gleichsam tacite auf meinen Namen zu kaufen; was jedoch unumgänglich nötig gewesen wäre, da er als Redemtionist nicht sui juris, und ihm die Farm besonders gefallen. –

›Aber, Ihr verdammter alter Narr!‹ sagte ich. ›Wer wird denn die Farm bezahlen?‹

Und wieder lächelte der alte Kauz, und statt aller Antwort stolperte er in seine Hütte, wo er den Sack mit den stinkenden Lumpen und Abfällen auf den Fußboden auszuschütteln begann.

Ich war ihm gefolgt und sah seinem Treiben durch die halb geöffnete Türe zu mit verhaltener Nase.

Es war ein Sack, der wohl an die hundert Pfund wiegen mochte, wie gesagt, Abfälle und Fragmente von allen möglichen Stoffen und Zeugen, durchgeschwitzte Hemden und Strümpfe, und Fetzen von Flanelleibchen und Westen und Wolldecken untereinander, dazwischen Stücke von altem Eisen, gebrochene Hufeisen, Nägel, Stücke Zinn, Blei, Kupfer; alles dies fiel aus dem Sacke. Nachdem er ihn geleert, kehrte er ihn um und nahm sein Taschenmesser, worauf er den Sack über einen hölzernen Trog hielt und die Nähte öffnete. Und es fiel ein Louisdor heraus, dann ein zweiter, dann drei, vier, fünf, zehn, hundert; kurz, es kamen tausendundeinhundert Louisdor, Friedrichsdor und Karolins aus diesem schmutzigen Verstecke hervor.

Ich stand sprachlos.

›Sehen Sie meine Schatzkammer,‹ sprach der Alte, ›eine so schöne Schatzkammer, als die Bank der Vereinigten Staaten nur sein kann. Ah, sehen Sie, hätte ich gleich bei meiner Ankunft im Lande etwas gekauft, sicherlich hätte ich mich betrogen oder wäre betrogen worden. Sind verdammt pfiffig die Amerikaner; aber ein Deutscher kann es auch sein. Habe die Überfahrt und Erfahrung umsonst, und mein Haus und Hof, wo ich mich mit meinen Kindern ruhig auf meine alten Tage niedersetzen kann.‹ Und dabei blinzelte der alte Schurke so niederträchtig verschlagen!«

»Schändlicher Kerl!« murmelte der Jüngling.

»Das war er in hohem Grade bei all seiner Verschmitztheit«, fiel der Alte ein. »Ein Mann und Familienvater, der sich auf eine solche Weise in ein Land einschleicht, sich und die Seinigen wegen elender hundert Dollars zur Sklaverei erniedrigt, und unter solchen Umständen erniedrigt, ist der Freiheit gar nicht wert, nicht würdig, Bürger eines freien Landes zu werden. Auch mochte ich ihn von dieser Stunde nicht mehr leiden, und er ist mir seit dieser Zeit zuwider, obwohl er nicht weit von mir wohnt. So sind aber die heutigen Ankömmlinge aus diesem Lande – ein seltsames Gemisch von Ehrlichkeit und Niederträchtigkeit, gesundem Menschenverstand und absoluter Verworfenheit.«

Die beiden waren unter diesen Worten vor einem Hause angekommen, dessen knarrender Schild eine Schenke bezeichnete, und in die der Alte, nachdem er sein Pferd an den Pfosten vor dem Hause angebunden hatte, eintrat. Er kam nach einigen Sekunden in Begleitung des Wirtes zurück, dem er bedeutete, eine Bouteille Madeira mit Brot und geräuchertem Fleisch zu bringen. Der letztere war seinem Gaste, die Kappe in der Hand, gefolgt; eine Aufmerksamkeit, die unsern Jüngling zu frappieren schien, und die ihn veranlaßte, einen aufmerksamen Blick auf seinen seltsamen Begleiter zu werfen, als er bisher, im Wahnsinn seines zerrissenen Gemütes, vermocht hatte. Dieser konnte die Sechzig überschritten haben, war aber in jeder Hinsicht noch ein schöner, lebenskräftiger alter Mann, von behaglichen, aber ausgezeichnet edlen Gesichtszügen. Er sprach mit dem Wirte freundlich, gefällig, in einem Tone, der ebensoweit von Herablassung als Vertraulichkeit entfernt war. Als dieser sich entfernte, um die bestellten Erfrischungen herbeizuschaffen, wandte er sich wieder mit der Ungezwungenheit eines Mannes aus den höheren Ständen zum Jüngling. »Mir recht lieb,« sprach er, »daß unsere Farmers den Madeira dem heillosen Whisky so sehr vorziehen; es ist ein unvergleichliches Mittel in Fällen wie der mit Ihrem Cyrus.«

»Der aber beispiellos mitgenommen ist, wenn dies der Name des Tieres da ist«, versetzte der Wirt, der mit der Bouteille Madeira gekommen war, hinter ihm drein sein Weib mit einem Teller, auf dem Schinkenschnitten und Brot lagen.

»Der Gentleman hatte eine Reise vor,« bemerkte der Alte, »hat sich aber in der Richtung geirrt, und ich fürchte, das edle Tier ist überritten!«

Der Wirt überreichte kopfschüttelnd den Wein, die Wirtin den Teller. Der Alte nahm vom Brote, schnitt es in dünne Scheiben und legte dazwischen Schinkenschnitten, die er samt den beiden Brot-Enveloppen stark mit Madeira anfeuchtete und sie dann dem Tiere reichte. Dieses verschlang die leckere Speise mit Heißhunger. Eine Magd war mit Wolldecken angekommen, die er mit Hilfe des Wirtes dem Pferd um den Rücken schnallte, und erst, als Cyrus versorgt, schenkte er zwei Gläser voll und stieß auf sein baldiges Wohlbefinden an. Morton hatte das Glas ergriffen und hielt einen Augenblick an; dann trank er, ohne ein Wort zu erwidern.

Es war etwas so human Zudringliches in dem Benehmen des Alten; die Weise, in der er das Tier behandelte, verriet so ganz den Gentleman – die verworrenen Gesichtszüge des Jünglings nahmen unwillkürlich einen Ausdruck von achtungsvoller Aufmerksamkeit an.

Der Alte hatte einen forschenden Blick auf ihn geworfen und knüpfte dann eine kurze Unterhaltung mit dem Wirte und seinem Weibe an. Während dieser waren zwei Bootsmänner gekommen, die Cyrus und seinen Begleiter in die Fähre brachten, in welche bald darauf ihre Herren, nach einem freundlichen Abschied von den Wirtsleuten und unter wiederholten Wünschen einer glücklichen Nachhausekunft, gleichfalls traten.

Der Mond war nun voll über die östlichen Bergrücken heraufgestiegen.

Vor ihnen lag der meilenbreite Susquehannah in seiner ganzen Majestät; rechts stiegen die schroffen Flußgebirge finster und drohend empor, hie und da mit einem glänzenden Lichtsaume aufgehellt, der in den vertikalen Strahlen des Mondes aufdämmerte und sich allmählich erweiterte und in endlosen Räumen verlor, sowie sie tiefer in den Fluß hinein kamen. Von jenseits funkelten die heiteren Gefilde und die lieblichen Landsitze mit ihren hell erleuchteten Fenstern wie Sterne so friedlich und freundlich herüber! Das magische Helldunkel der östlichen Felsenrücken wurde, als sie tiefer in den Strom einfuhren, so wunderbar verklärt! Die silberne Glorie, in die die ganze Landschaft gehüllt war, lächelte den Verzweifelnden so versöhnend an! Ein tiefer Seufzer entquoll seiner Brust. Augenblicklich fuhr er jedoch auf und schaute den alten Mann mißtrauisch forschend an. Dieser war schweigend gestanden, den Blick auf das prachtvolle Nachtgemälde und den Himmel gerichtet. Auf einmal heftete er sein Auge lang und langsam auf den Jüngling. Es war ein Blick, in dem sich eine hundertjährige Erfahrung spiegelte, der Blick eines Seelenarztes, der mit Bangigkeit die Krise an seinem Patienten herannahen sieht. Sein Blick schien ihm zu sagen: In dir, Unglücklicher, kämpft noch der Stolz des welt- und gottverachtenden Selbstmörders mit dem des Gentleman! – Welcher wird siegen?

Der junge Mann wandte sich betroffen.

»Mein Tier,« sprach er endlich, »ist nicht das erste, das Sie unter Ihren Händen gehabt.«

Das Gesicht des Alten leuchtete vor Freude auf bei dieser Frage, den ersten Worten, die sein junger Begleiter aus eigenem Drange gesprochen hatte.

»Einem alten Kavallerieoffizier wie mir«, versetzte er, »ist es zweite Natur.«

»Sie waren Kavallerieoffizier? Im Dienste irgendeines europäischen Fürsten?« sprach er nachlässig und in einem Tone, der sich Mühe gab, artig zu klingen.

»Unter Putnam, Lee und Greene Drei ausgezeichnete Generale im Revolutionskriege, von denen der zweite wegen der Gefangennehmung der englischen Armee unter Bourgoigne, der dritte wegen seiner in den Carolinas erfochtenen Siege berühmt ist.

»Putnam, Lee und Greene? Sie waren Revolutionsoffizier?« fragte der Jüngling zweifelhaft und eine Stellung annehmend, die in achtungsvolle Aufmerksamkeit übergehen zu wollen schien.

Wieder fiel er jedoch in seine vorige Haltung, und ein ungläubiges Lächeln umschwebte seine Lippen.

»Früher unter Lee,« fuhr der Alte fort, »dem ich zugeteilt wurde. Ich kam in der ersten hessischen Division Anno 76 als Leutnant herüber, wurde bei Trenton, unter Rall, gefangen und nahm während meiner Gefangenschaft die Entlassung; erhielt ein Offizierspatent vom General en chef und trat als Leutnant in amerikanische Dienste; wurde Kapitän, Major, Oberst und natürlich,« fügte er lächelnd hinzu, »auch geborener Bürger der Union, da ich vor der Erklärung der Unabhängigkeit auf ihrem Boden war. Mein Name ist Isling, Oberst in der Armee der Vereinigten Staaten.«

Der Jüngling verbeugte sich so tief und ehrfurchtsvoll, wie er es vor keinem Monarchen getan haben würde.

Der Oberst war wieder in Nachsinnen versunken, den Blick auf Cyrus gerichtet, der sehr lebhaft zu werden begann. Die Stille der Nacht wurde bloß von den Ruderschlägen der beiden Bootsmänner und dem Gemurmel der an den Felsen sich brechenden Gewässer unterbrochen.

»Sehen Sie,« hob der Alte nach einer Weile wieder an, »so habe ich den Possen, den mir das Schicksal gespielt, wieder verbessert. Nur Toren beugen sich unter dem, was sie Schläge des Schicksals nennen. Männer, und vor allem freie Männer, lachen dieser Schläge.«

Der Jüngling wurde wieder düster.

»Ah!« sprach der Alte, »wo sind diese Zeiten? An die sechzig Jahre sind es nun.«

»Sechzig Jahre!« rief der Jüngling; »ich hielt Sie höchstens für sechzig.«

»Und zwanzig darüber. Ich bin achtzig Jahre alt«, lächelte der herrliche, stämmige Deutsche. »Und diese achtzig Jahre sind mir ebensoviele Übergänge aus dem Dunkel in die Helle; denn jedes Jahr entwickelt sich die Existenz meines Adoptivlandes glorreicher, herrlicher und großartiger. Möchte doch nach fünfzig Jahren wiederkehren, um zu sehen, auf welcher Stufe dieses mein Land ist. Gott segne es und behüte es vor allem Übel, insonderheit aber vor der Selbstsucht, die da verzehrt, wie Rost das Eisen verzehrt. Ach, die ersten Tage, die ich im Dienste der Union verbrachte, die waren trübe.«

Der Alte hielt in tiefer Rührung inne und setzte sich dann auf das Bootbrett, seine Hände im Schoße gefaltet. Der junge Mann ließ sich gleichfalls nieder.

»Ja, trübe sah es damals aus, als ich in die Reihe amerikanischer Kämpfer eintrat, dieser Kämpfer im heiligen Kriege. Ah, unsere Leiden waren furchtbar! Wenn ich noch an diese Schlacht von Brandywine denke! – es war ein herzzerreißender Anblick. Die ganze Straße von Brandywine hinauf nach Germantown, hinüber nach Narristown – ein ungeheures Blutfeld. Blut, nicht von Gebliebenen, Verwundeten – nein, von Gesunden, Frischen und Gesunden. Es fror wie heute, eine furchtbare Kälte, und in der ganzen Armee waren nicht tausend Paar Schuhe; die Leute mußten fort ohne Schuhe, Strümpfe, auf der hartgefrorenen Straße, die erst durch ihr Blut weich wurde. Und die Leute, sie murrten nicht. Ja, wir litten furchtbar damals; aber wir litten gerne; denn unsere Leiden waren mit hohen, mit großen Gefühlen verwoben. Was sind die heutigen Kriege, die Kriege Napoleons, gegen diesen heiligen Krieg, gegen diesen Krieg, der, gleich der Krippe von Bethlehem, eine schönere Zukunft über die Menschheit für tausendjährige Leiden bringen wird!«

Und bei diesen Worten wandte der Oberst seinen Blick wieder zum Himmel.

»Und die Männer, die diesen Krieg führten! Ah, lieber, junger Mann, diese Männer, was sind die Helden des Altertums gegen diese so großartigen und wieder so einfachen Charaktere? Es waren göttliche Stunden!

Ja, göttliche Stunden, junger Mann!« fuhr der Oberst fort; »Washington«, er nahm den Hut ab, und während er ihn in der Hand hielt, schien sein Blick in die Himmel dringen zu wollen. Der Jüngling war seinem Beispiele gefolgt, und selbst die Ruderer hielten mit gebückten Leibern inne.

»Washington und Greene und Lafayette, dieser prachtvolle Franzose! Und Steuben, dieser herrliche Preuße! Und Kalb, der gute, gemütliche Kalb! Es waren Männer, unschuldig wie Kinder; und Morton –«

»Morton!« rief der Jüngling, »General Morton, mein Großonkel«, wiederholte er mit leiser, verhallender Stimme.

Der Alte nahm die Hand des Jünglings und hielt sie in der seinigen gepreßt. »Seien Sie mir gegrüßt, Enkel eines meiner ersten und teuersten Freunde,« sprach er ebenso leise. »Sehen Sie,« sprach er kaum hörbar, auf einen fernen Lichtpunkt am westlichen Ufer deutend, »sehen Sie, das war eine der Besitzungen Ihres Großonkels, der Stammsitz Ihrer Familie, die sich später nach Virginien gezogen.«

Der Jüngling schauderte unwillkürlich zusammen, denn der Lichtpunkt lag in gerader Linie dem Felsenvorsprunge gegenüber, der Zeuge des Endes seiner irdischen Existenz sein sollte.

Eine Weile herrschte tiefe Stille. Der Blick des Alten war wieder gen Himmel gerichtet.

»Ah, diese Zeiten!« fuhr der achtzigjährige Seelenkenner fort, »diese Zeiten, reich an Gefahren und an großen Taten! Wenn ich mir ihn vorstelle, den löwenkühnen Morton, diesen Percy unserer Armee. Er war acht-, ich sechsundzwanzig Jahre, als wir uns kennen lernten. Ah, Morton!« und wieder hielt er inne.

»Ich war im Hauptquartier, das in Rockland County Am Hudson, sechsundzwanzig Meilen oberhalb New-York, auf der linken oder New-Yersey Seite. stand«, fuhr der Oberst, die Hände auf den Knien zusammengefaltet, nach einer Pause fort. »Aber unter Hauptquartier dürfen Sie sich kein glänzendes Lager mit goldstrotzenden Generalen, Stabsoffizieren und all dem Luxus einer übermütigen Soldateska irgendeines Monarchen denken oder ein Lager wie zu Boulogne, wo dieser große Schauspieler Bonaparte seine Ehrenlegion austeilte und den Grund zu seiner Tyrannei legte. – Eine Scheuer, mit ein paar Fuder Heu, Bretter statt des Tisches, Stallaternen statt der Kandelaber, Heubündel statt der Sitze, – und auf einem dieser Sitze der große, der göttliche Washington.

Mein Gott!« hob der alte Krieger mit gefalteten Händen an. »In meinen jüngeren Jahren, wenn mir so Zweifel über unsere künftige Existenz, über die Unsterblichkeit unserer Seele und unsere künftige Belohnung oder Bestrafung aufstiegen, so beschwichtigten sich meine Zweifel immer in meinem Gemüte durch den Gedanken, der mir unwillkürlich und jedesmal aufstieg: wenn es keinen Himmel, keinen Ort für Auserwählte gäbe, wo sollte denn Washington würdig aufgehoben sein! Hören Sie, wenn man so achtzig Jahre in der Welt gelebt hat, denkt man gern an einen Himmel, und noch viel früher bei manchen Gelegenheiten. Ja, dachte ich mir, wo wäre Washington würdig aufgehoben? Einen solchen Mann hervorgebracht zu haben, wahrlich, es gereicht seinem Schöpfer zur Ehre. Jeder wurde in seiner Nähe würdiger, göttlicher, selbst im rauhen Kriegshandwerk. Lassen Sie sich nur einen Fall erzählen, lieber Morton, nur einen einzigen kleinen Zug vom großen Washington. Es ist gerade aus kleinen, sozusagen häuslichen Zügen, daß man den Menschen erkennt. Im Paradezustand weiß jeder den Großen zu spielen.

Wir waren, wie gesagt, zusammen, Morton und ich, zwei junge Leute, nacheinander abgesandt als Kuriere vom General Lee. Im Hauptquartier, das heißt der Scheuer, war der General en chef und der General-Quartiermeister, Baron Steuben, wie Sie wissen.

Standen so vor der Scheuer und bissen in unseren Kautabak – das einzige, was wir zu beißen hatten – und rauchten zur Abwechslung eine Pfeife – denn Zigarren waren damals noch wenig Mode, und promenierten auf und ab, unserer Erledigung harrend, die, wie angedeutet worden war, nicht vor einigen Stunden uns werden würde. Auf einmal zupft mich Morton am Rockschoße und späht aufmerksam in eine Waldesschlucht hinein, die einige zwanzig Schritte von der Scheuer sich gegen den Hudson hinabdehnt. Steht keine Meile, diese Scheuer, von der Anhöhe, wo der unglückliche André Mayor André, der Generaladjutant Clintons, des kommandierenden Generals der britischen Gesamtmacht, wurde bekanntlich als Spion durch ein Kriegsgericht verurteilt, gehängt zu werden; welches Urteil auch, ungeachtet aller Drohungen des britischen Kommandanten, vollzogen wurde. Die Überreste dieses unglücklichen jungen Mannes wurden vor einigen Jahren, mit Bewilligung der amerikanischen Regierung, ausgegraben, nach England transportiert und in Westminster beigesetzt. sein Schicksal fand. Ist eine traurige, öde Anhöhe, kein Baum rings herum; einige verkrüppelte Zedern sind alles. Doch, um zu unserem Abenteuer zurückzukommen. Wie Morton so einige Sekunden in die Waldschlucht hineinspäht, springt er auf einmal, ohne ein Wort zu sagen, von meiner Seite den steilen Abhang hinab und verschwindet im Dickicht. Ich schaue und schaue; und was sehe ich? Meinen lieben Morton und hinter ihm einen Bauernburschen mit ein paar fetten Enten, die ihm Morton bereits abgenommen. Ich dachte anfangs, der Junge sei ein Spion, überzeugte mich jedoch bald, daß er ein schlichter Abkömmling der Holländer war, denen unser spaßhafter Irwing übrigens ein bißchen zu wehe getan. Schickt sich nicht, Menschen, die sich die ersten Tage ihrer Ansiedlung so sauer werden lassen mußten, auf eine so leichtfertige Weise vor die Augen der Welt zu bringen. Ist wenigstens nicht patriotisch. Sollte Arnold Irwing heißen, statt Washington Irwing. Auch flattiert er mit den Engländern zu viel, dieser junge Herr, auf Unkosten seiner Landsleute, die er bei jeder Gelegenheit lächerlich macht. Ist auch eine Art Verrat, lieber Morton! Mag ihn nicht leiden, den glattzüngigen, spaßhaften, leerköpfigen, geschmeidigen Newyorker. Doch wie ich über einen unwürdigen Federhelden den wahren Helden vergessen kann!« verbesserte sich der Alte.

»Als wir den Bauernjungen in unsere Mitte bekamen, war natürlich das erste, was wir taten, ihm die Enten abzunehmen. Kaum war dies ins Werk gesetzt, obwohl sich der Junge zehnmal hinter den Ohren kratzte, machten wir auch Anstalt, sie gebraten zu sehen. In weniger denn fünf Minuten waren die Enten geköpft, gerupft, ausgeweidet und am hölzernen Bratspieße, der lustig hinter der Scheuer zwischen zwei Felsblöcken sich drehte. Den Bauernjungen hatten wir, in der freudigen Hoffnung, uns trefflich zu regalieren, ganz und gar vergessen; er aber uns nicht.

Auf einmal wurden wir von unserem herrlichen point de vue abgerufen, und zwar in das Hauptquartier – die Scheuer, vor den General en chef – mit einem Worte, Washington selbst.

Anfangs dachten wir, unsere Erledigung sei parat; ein Blick auf den Bauernjungen jedoch, der dicht an der Scheuertüre stand, seinen Hut im Munde kauend, belehrte uns eines andern.

Sie haben ihn nicht gesehen, Mister Morton, den großen Washington,« fuhr der Oberst mit einem Seufzer fort, »denn er starb, ehe Sie geboren wurden; aber ihn zu sehen und nicht von inniger Ehrfurcht unwiderstehlich ergriffen zu werden, war, behaupte ich, unmöglich. Eine hohe, königliche Gestalt; eine hohe, königliche, breite Stirn; ein Auge, das in die innersten Falten der Seele drang; eine Miene, die der Tod, und ich glaube, die Hölle, mit allen ihren Schrecken, nicht zum Jucken bringen konnten; ein Gott ähnliches, allerforschendes Antlitz, mit der ganzen Würde, der vollen Kraft, der reinsten Tugend, der stärksten Vaterlandsliebe; so war Washington stets, überall, zu allen Zeiten, siegend oder geschlagen, im Kabinette, vor der Armee – stets sich gleich.

Er saß auf einem Heubündel, vor ihm lag ein höheres, auf diesem ein Brett und darauf Mappen und Pläne. Neben ihm stand General Steuben; an der Türe der holländische Bauernjunge.

Wir waren, wie gesagt, einigermaßen verlegen eingetreten, und diese Verlegenheit wurde nicht gemindert, als wir den Bauernjungen ersahen. Es ist für den Offizier nicht wenig demütigend, wegen zweier Enten von einem holländischen Bauernjungen zur Rechenschaft vorgefordert zu werden. Washington hatte sich bei unserem Eintritte erhoben, trat einen Schritt vor und sprach mit jener unnachahmlichen Mischung von väterlichem Ernste und freundlicher Milde, in sanftestem Tone: ›Gentlemen! Sie haben die Begriffe von Mein und Dein über den Enten vergessen. Sie sehen, man ist gekommen, sie Ihnen in Erinnerung zu bringen. Ich ersuche Sie, künftighin nicht zu übersehen, daß wir nicht nur für die uns angeborne Freiheit, sondern auch das Prinzip des Eigentums kämpfen.‹

Und mit diesen Worten entließ er uns wieder. Hätte er uns aber totgeschlagen, wir hätten keine zwei Dollars aus unsern Taschen gebracht. General Steuben hatte unsere Verlegenheit bemerkt und war uns nachgegangen. Der holländische Bauernjunge wollte seine zwei Dollars, und nichts als seine zwei Dollars, und wir hatten keinen halben, den General mit eingeschlossen. Endlich sandte Washington selbst die Summe. Die Enten schmeckten uns trefflich; aber von diesem Tage an machten wir keinen solchen Handel mehr, wenn wir ihn in der Nähe wußten.

Ja, es waren oft knappe Tage. Dieser herrliche Baron Steuben! Diese edle, kräftige, gemütliche und wieder so stolze, kühne Seele!

Er leibte und lebte ganz in Amerika. Er hatte einen glänzenden Dienst, die Nähe des großen Friedrich, dessen Generaladjutant er gewesen, das berühmteste Heer Europas, die ausgezeichnetsten Generale, die glänzendste Zukunft aufgegeben, um in unsern Wäldern mit Mangel und Not aller Art zu kämpfen, sein Blut für die heilige Angelegenheit der Menschheit zu verspritzen. Immer jedoch war er heiter, immer ruhig; nur als er den Kulminationspunkt seiner Wünsche erreicht, als die britische Armee bei York ihre Gewehre streckte und endlich der Friede die Unabhängigkeit der Staaten sicherte, da erst sah man ihn Tränen der Freude vergießen. Es war, so sagte er uns oft, der herrlichste Moment seines Lebens, der ihn selbst die Not, in welcher er mit der ganzen Armee sich befand, vergessen ließ.

Wir standen damals in und um Newyork. Die englischen und französischen Generale gaben sich Fêten über Fêten; alle Tage Fêten, zu denen natürlich auch wir geladen wurden, zu unsrem bittern Schmerze geladen wurden, obwohl wir gerne refüsiert hätten; denn wir hatten kein Geld. Nie empfanden die Offiziere einer Armee den Mangel des Geldes schärfer, bitterer, lieber Mister Morton! Wir, die Sieger, die Befehlshaber des amerikanischen Heeres, die Generale, die Stabsoffiziere, hatten kein Geld; keine tausend Dollars waren in unserm ganzen Lager. Unser Sold war seit Jahren rückständig; die Regierung voller Schulden, ohne Kredit; auf die sogenannten Kongreßnoten gab keiner etwas. Es waren die drückendsten Bankette, zu denen je Männer von Ehrgefühl geladen wurden; und erscheinen mußten wir – wie Schlachtopfer. Wir knirschten vor Wut, aber keine Hilfe. Unsere Scham, Verlegenheit und Verzweiflung wuchs mit jedem Tage; das Hohnlächeln der geldstolzen Briten war nicht mehr auszuhalten. Es war darauf angelegt, uns recht zu demütigen, und die leichtsinnigen Franzosen, unsere Alliierten, gingen nur zu gerne in die Absichten der hohnlachenden Engländer ein; denn obwohl sie mit uns gegen diese gekämpft hatten: nach dem Frieden standen sie uns gegenüber; – es vereinigte sie ein Band, das wir zerrissen hatten – sie waren beide Royalisten. Der edle Steuben endlich konnte es nicht länger mehr aushalten. Diese geldstolzen Briten, sprach er, und diese leichtsinnigen Franzosen, sie verhöhnen uns offenbar mit ihrem Aufwande, ihrer Verschwendung, weil sie wissen, daß wir gar nichts tun können. Und wir müssen etwas tun, uns glänzend revanchieren, oder unsere Ehre leidet. Alle fühlten die Wahrheit und waren bereit. Aber wir – wir hatten kein Geld, und zum Bankettgeben gehört, wie zum Kriegführen, Geld und wieder Geld. Baron Steuben half endlich. Er hatte noch einiges Silbergeschirr, Familienstücke, einige Pretiosen, ein paar herrliche Reitpferde und ein reich mit Brillanten besetztes Medaillon seiner einstmaligen Liebe. Er opferte alles – alles opferte er, junger Mann; sein Letztes, um die Ehre eines Landes, eines Offizierkorps zu retten, von denen manche ihm im Vermögen hundertfach überlegen waren; denen es nur ein Wort gekostet hätte, um einen Kredit von Tausenden zu eröffnen. Ach, junger Mann – er opferte für das Land, für das er sein Blut verspritzt, sechs Jahre verspritzt, und das ihm nicht den zehnten Teil seiner Gage bezahlt hatte, das sein Schuldner war – sein Letztes. Ah, die Fête war glänzend, aber das Miniaturbild preßte ihm doch noch manchen Seufzer aus. Herrlicher Steuben! – Und er starb – und das Land blieb sein Schuldner!«

Der alte Oberst wurde plötzlich von tiefer Rührung so sehr ergriffen, daß ihm für längere Zeit die Sprache fehlte. Jedes Wort hatte er mit dem eigentümlichen Gefühle eines greisen Kriegers gesprochen, vor dessen ermattender Phantasie sich die Bilder seiner Jugend noch einmal mit der ganzen Stärke ihres ursprünglichen Eindrucks abspiegelten. Offenbar hatte die Gegenwart des Sprossen seines Freundes und Waffengefährten ihn schmerzlich bewegt.

Sie waren in der langen Pause, die eingetreten war, am jenseitigen Ufer angekommen.

»Wir haben noch einen halbstündigen Ritt vor uns, der Ihrem Cyrus sehr willkommen sein wird,« sprach er, nachdem sie die Fähre verlassen hatten.

Und wirklich hatte Cyrus, allem Anscheine nach, sein volles angloarabisches Feuer wieder gewonnen und tanzte mit einer Leichtigkeit die Anhöhe hinan, so fröhlich, so wild, daß sein Herr mit fortgerissen wurde von der wilden Freude seines Tieres, und vom fröhlichen Aufschwunge seines Geistes erst erwachte, als er mit seinem Begleiter vor dem Gittertor eines hell erleuchteten Landsitzes hielt.

Die Glocke weckte eine Koppel Jagdhunde, die mit freudigem Gebelle die Ankunft des Herrn begrüßten. Mehrere Neger kamen und sprangen heran, und unter dem herzlichsten Willkommen von Menschen und Tieren zogen die beiden in die Behausung des alten Obersten ein.

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