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Morton oder die große Tour

Charles Sealsfield: Morton oder die große Tour - Kapitel 2
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleMorton oder die große Tour
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Erster Teil

Zuschrift des Herausgebers an die Verleger der ersten Auflage

Sie erhalten hiermit ein neues Werk aus derselben Feder, die, wie Sie in Ihrem letzten Schreiben schmeichelhaft bemerken, bereits so viele Sensationen bei Ihnen und in Deutschland erregt. Es sind Bilder des Lebens aus beiden Hemisphären, die wieder auf eine ganz neue Weise dargestellt sind, weshalb es nicht überflüssig sein dürfte, etwas über die Tendenz des Buches vorauszuschicken, um so mehr, da der Herr Verfasser sich hierüber in einem Schreiben ausgesprochen und mich ermächtigt hat, es Ihnen im Auszug mitzuteilen. Es bezeichnet dem Leser den Standpunkt, aus welchem er die vom Verfasser auf seiner schriftstellerischen Laufbahn eingeschlagene Richtung leicht übersehen kann.

– – – – Bis auf die letzten Jahrzehnte hat die Romanliteratur, obwohl sie zur Richtung und Bildung des öffentlichen und häuslichen Lebens der bürgerlichen Gesellschaft nicht wenig beigetragen, nur eine untergeordnete Rolle insofern gespielt, als sie weniger als die übrigen Zweige der schönen Künste und Wissenschaften von wahrhaft gebildeten und durch ihre sittliche, sowohl als bürgerliche Stellung ausgezeichneten Charakteren betrieben wurde, und wenn dies auch der Fall gewesen, doch nur als Nebensache betrieben wurde. Sehen Sie die Liste der Schriftsteller durch, die sich diesem Literaturfache widmeten, und Sie werden finden, daß nur wenige es zu ihrem Hauptstudium gemacht, und wenn auch einige der größeren Geister sich herbeigelassen, Romane zu schreiben, sie diese mehr als Nebensache, als eine Art Zeitvertreib, auf das Papier hinwarfen, in einer Weise, die einer Herablassung nicht unähnlich sah. Bis auf Sir Walter Scott war Romanschriftstellerei eine nichts weniger als geachtete Beschäftigung, und, wie gesagt, nur wenige, durch Geist und wissenschaftliche Vorbildung und politische oder bürgerliche Stellung ausgezeichnete Männer ließen sich herab, diesen als frivol betrachteten Zweig der Literatur zu kultivieren. Erst dieser wahrhaft große Mann erhob ihn dadurch, daß er ihm einen geschichtlichen Anklang gab, zu dem, was er gegenwärtig ist, einem Bildungshebel, der sich mit den mächtigsten der Gesamtliteratur messen darf. Wenn heutzutage der amerikanische und englische Staatsmann in seinen Kongreß- und Parlamentsreden Walter Scott ebenso zitiert wie Horaz oder Tacitus, so ist dieses der geringste Vorteil; der größere ist der Umschwung, den dieser gewaltige Geist der Denk- und Urteilskraft seiner Nation, ja der Welt dadurch gab, daß er die Geschichte der Vergangenheit des für die moderne Zivilisation wichtigsten Reiches der Erde gewissermaßen in das Bereich der Küche, des Kaminfeuers gebracht hat; daß er die Tausende und abermals Tausende von unzüchtigen, albernen, phantastischen und dummen Büchern verdrängte, die die Toiletten unserer Damen bedeckten und ihnen die Köpfe verdrehten. Diese geistig so wohltätige Revolution, die Walter Scott vorzüglich in den beiden Schwesterreichen bewirkte, kann nur derjenige einigermaßen würdigen, der das englische Volk und besonders seine Mittelklassen vor dem Erscheinen der Walter Scottschen Werke gekannt und sie so mit dem heutigen zu vergleichen imstande ist. Ich habe England zu diesen verschiedenen Zeiten besucht, und obwohl ich damals noch sehr jung war, steht mir doch John Bull vom Jahre 1816 und 1817 noch lebhaft vor Augen. Er war ganz das Bild, wie es Washington Irwing so unübertrefflich in seinem Skizzenbuche schildert, – eine Schilderung, die auf den heutigen Engländer nicht ganz mehr passen würde. Zu seiner Umwandlung, und gewiß vorteilhaften Umwandlung hat anerkanntermaßen Walter Scott mehr beigetragen als irgend ein Schriftsteller der neueren Zeit, und die englische Nation ehrt sich nicht weniger als das Schwesterreich dadurch, daß sie ihn nach Shakespeare für ihren kräftigsten schönwissenschaftlichen Geist erklärt. In der Mannigfaltigkeit seiner Charaktere ist ihm nur Shakespeare überlegen, in der ruhig klaren Weltanschauung erreicht ihn nur sein Zeitgenosse, der deutsche Goethe.

Es hat dieser letztere wieder etwas, das ihm eigentümlich ist, etwas, das ihn wie echten, zweimal die Linie passierten Madeira zu einem wahren Wollustschlürfen macht. Ich meine natürlich seinen Faust. Mir kommt dieser Torso vor wie jener Wein, der durch die eigene Last der Trauben von der Kelter abfließt, ohne Presse, ohne Bemühung. Die klarste, ruhigste Weltanschauung, mit einem Geiste auf das Papier hingeworfen, so zart und wieder so kräftig, so wild und so fein, einem Geiste, der, möchte ich sagen, so spielend ins Göttliche und wieder Teuflische eingedrungen ist, der einem die Welt und sich selbst vergessen macht. Man sieht, daß die Bruchstücke, aus denen dieser genialste aller Torsos besteht, zu verschiedenen Zeiten entstanden, daß der Autor sich mit dem eigentlichen Plan nur wenig Mühe gegeben, daß der Faden, der dem Ganzen Einheit verleiht, zart durch dieses sich hinzieht; aber gerade das ist das Schöne des Werkes, denn nichts ist dem Leser peinlicher als die zutage liegende Mühseligkeit des Autors. Man glaubt, den Satan Hiobs, Anklänge von Youngs nächtlicher Muse zu hören, aber sie sind es nicht; es sind die herrlichsten, originellsten Leierklänge, die je durch Apollos Harfe tönten. Schade, daß dieses Meisterwerk so unübersetzbar ist; die vier englischen Übersetzungen, die bisher erschienen sind, zeigen nur, wie wenig die Übersetzer den durch das Ganze wehenden Geist aufgefaßt haben. Es ist dieser Faust unstreitig das glänzendste Geistesprodukt, das seit Shakespeares und Miltons Dichtwerken erschienen ist, und Lord Byron hat keines geliefert, das ihm die Palme streitig machen könnte; denn in Byron beleidigt uns der gräßliche Egoismus, der im Zerrblicke aus jedem seiner Werke hervorleuchtet und uns immer und immer wieder seine Individualität zu schauen bemüßigt. Von dieser Individualität merkt man bei Goethe wieder nichts, höchstens eine gewisse epikuräische Indolenz, oder einen indolenten Epikuräismus, wie Sie es nehmen, der ihm zuweilen ungemein wohl ansteht, zuweilen beleidigt. Man sieht, daß er à son aise ist, ein allseitig gebildeter, tief in alle Zweige des menschlichen Wissens eingedrungener, in allen Richtungen hinwirkender, gleichsam Richtung gebender Geist. Er schreibt ganz wie der Premierminister, der bloß Umrisse zeichnet, die sein untergeordnetes Personal auszuführen hat. Unter allen Schriftstellern, die ich kenne, hat er seine Stellung als Schriftsteller zu den Großen der Erde mit dem scharfsinnigsten Egoismus aufgefaßt. Er regiert so wie sie. Er schrieb als quasi Alliierter – en souverain. Als solcher diktierte er seiner Nation – dies ist eine Beleidigung, welche die Nation ihm nicht hätte hingehen lassen sollen. Nirgends Geistesanstrengung, in der Anlage seiner Werke, eine gewisse Herablassung – Dilettantismus – der aber nicht berechnet ist, der Nation, für die er schreibt, Selbstachtung beizubringen. Selbst in seinem besten Roman, Wilhelm Meisters Lehrjahre, ist der Rahmen untergeordnete Sache, ja Flickwerk. Aber wieder gibt es in diesem Buche so herrliche Sachen, die Mignon ist so originell gezeichnet, dieses verkrüppelte, durch Schläge und Mißhandlungen aller Art so eigenwillig gewordene Geschöpf ist bei all seiner physischen und moralischen Verzerrtheit ein so anziehendes, unübertreffliches Bild ihres Landes, wo die Zitronen blühen, daß es wieder viele der Sünden dieses Buches bedeckt. Wie haarscharf ist nicht der Charakter Hamlets, wie klassisch nicht die Zergliederung dieses Shakespeareschen Meisterwerkes? Aber, wie gesagt, das Buch hat der Sünden viele, und wenn in dem soeben angeführten Punkte der Deutsche dem Schotten überlegen ist, so steht er wieder in anderen weit hinter ihm zurück, und unendlich in sittlich-patriotischer Hinsicht.

Es war kurz nachdem die Rezension über dieses Buch in einer der britischen Reviews 1827 erschien, ich weiß nicht bestimmt, ob in der Quarterly oder Edinburgh, daß ich mit einem der ersten Gelehrten Philadelphias darüber zu reden kam, und zwar mit R. W–sh der N–l G–tte, zugleich Redakteur des American Review. Er erzählte mir, er sei mit diesem Buche übel angekommen. Er hatte es einer unserer gebildetsten und achtungswertesten Damen als ein Buch voller Schönheiten empfohlen, ihr jedoch begreiflich gemacht, daß es wieder Dinge enthielte, die exzeptionell wären. Die Dame wurde begierig, und er sandte ihr das Werk. Am folgenden Tage erhielt er es mit einer Note zurück, in der sie ihr Befremden zu erkennen gab, wie M. W–sh es über sich bringen konnte, einer achtbaren Frau ein Buch anzupreisen, dessen Verfasser so ganz aller Achtung Hohn spreche, die jeder Gentleman für das weibliche Geschlecht haben solle. Darauf las ich es; und ich muß gestehen, daß der Vorwurf nicht unbegründet ist, und daß der Verfasser, so hoch er als Schriftsteller steht, von der Heiligkeit seines Berufes nur sehr gemeine Ansichten hat. Ich habe in keinem Buche alle Klassen des weiblichen Geschlechtes, von der Dienerin bis zu den höchsten Ständen der bürgerlichen Gesellschaft hinauf, so verworfen, so leichtfertig, so grundsatzlos dargestellt gesehen. Anfangs schien es mir, als ob der Verfasser dabei eine Satire gegen seine eigene Nation beabsichtigte; allein, näher betrachtet, stimmte ich der Ansicht der Reviewers bei. Es riecht wirklich, wie in der Quarterly bemerkt ward, so übermäßig nach den Gewürzläden und den weniger einladenden Düften eines zu sehr zugänglichen Actrice-Boudoir, daß wohl Damen ein eigener Geschmack zugemutet werden muß, dessen nähere Bekanntschaft zu machen. Die neue englische Romanliteratur besitzt gleichfalls Werke zu Dutzenden, die im Grunde nicht weniger unsittlich sind; aber diese Schriftsteller mit aller ihrer Erbärmlichkeit bergen doch das Laster, verschleiern es und bringen so, mit Rochefaucault zu sprechen, der Tugend die Huldigung des Lasters; die öffentliche Meinung zwingt sie dazu, und dies ist ein wenigstens nicht ganz zu verwerfendes Surrogat. In Amerika oder England würde ein Werk wie das soeben besprochene den Autor, und stünde er noch so hoch, proskribiert haben, und wäre er selbst Byron gewesen; man würde es ihm als eine Nationalentwürdigung schwer oder nie verziehen haben.

Ich kenne wieder keinen Schriftsteller der von der Heiligkeit seines Berufes mehr durchdrungen gewesen wäre als Walter Scott es in seinen ersten dreizehn Romanen war, worunter ich natürlich seine sechs Tales of my Landlord, Ivanhoe, Rob Roy, Waverley, Guy Mannering, the Antiquary, Woodstock, und den herrlichen Roman, in dem die unglückliche Amy Leicester so unübertrefflich gezeichnet ist, verstehe. Welche Selbstachtung, welche Achtung für das Vaterland weht nicht durch diese Werke! Wie meisterhaft weiß er uns nicht selbst mit schottischer Engherzigkeit zu versöhnen! Wie unübertrefflich sind nicht seine weiblichen Charaktere! Welch eine Zartheit, Reinheit, hohe Sittlichkeit, z. B. in der älteren Deans! Mit welchem Meistergriffel ist nicht eben die Huldigung, die die jüngere Deans der Tugend zu bringen bemüßigt ist, dargestellt! Wie furchtbar zieht sich nicht die zerfressende Heuchelei eines verfehlten weiblichen Daseins durch ihr elendes glänzendes Leben hin! Der Verfasser der Briefe eines Verstorbenen sagt irgendwo, daß Goethe von dem großen Unbekannten eine nichts weniger als hohe Meinung hege, und daß er nicht habe begreifen können, wie ein Mann wie Walter Scott, ein Mann von seiner Stellung und seinen Talenten, sich mit so langweiligen Darstellungen befassen könnte. Wenn der große Goethe dies gesagt hat, so hat er ein Urteil ausgesprochen, das grell gegen die feststehende Meinung der anerkannt am richtigsten beurteilenden europäischen Nation anstößt. Nicht bloß die englischen und schottischen gelehrten Autoritäten, die London- und Edinburgh-Quarterlies, die ganze Nation ist es, die Walter Scott als ihren ersten belletristischen Schriftsteller nach Shakespeare anerkennt, und zwar eben wegen seiner Romane anerkennt. In seinen in gebundener Rede geschriebenen poetischen Werken hatte Walter Scott bekanntlich nichts weniger als reüssiert; in seinen vermischten und geschichtlichen gleichfalls nicht. Es waren seine Waverleys, seine Tales of my Landlord, sein Ivanhoe, die die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkten, die ihn zum Liebling der Nation, zum Gegenstand ihrer Zärtlichkeit machten, ihm Auszeichnungen verschafften, die nur den um das Vaterland verdientesten Männern zuteil werden. Und das war nichts als billig an dem Manne gehandelt, der sein Vaterland zum klassischen Boden erhob, die Jungfrauen des Landes veredelte, dessen konstitutionelle Erziehung beförderte. Goethe vermochte viel; aber es ist leichter gesagt als getan, Romane von dem Gehalt der Bride of Lamermoor oder The Heart of Midlothian zu schreiben, und selbst der Premierminister eines deutschen Großherzogtums würde einige Schwierigkeiten gefunden haben, in einem Lande, wo die Preßfreiheit auf sehr zweideutigem Fuße steht, mit Hilfe literarischer Schüler klassisch-historische Romane zu liefern; denn der Roman kann nur auf ganz freiem Boden gedeihen, weil er die freie Anschauung und Darstellung der bürgerlichen und politischen Verhältnisse in allen ihren Beziehungen und Wechselwirkungen bedingt. Aus ebendiesem Grunde haben die Franzosen erst in den letzten Jahren Romane erhalten, die klassisch genannt werden können. Vor der Thronbesteigung Louis Philipps war ein Roman wie Victor Hugos » Notre-Dame de Paris« kaum denkbar. Das mag paradox erscheinen, aber es ist doch wahr.

Ich habe oben gesagt, daß Sir Walter Scott die konstitutionelle Erziehung seines Landes beförderte, ich hätte sagen sollen, mehr als irgendein anderer Schriftsteller beförderte, und zwar gerade dadurch, daß er Tory war. Man hat ihm dies zum Vorwurf gemacht. Das mindert nicht seine Verdienste. Shakespeare schmeichelte in seinen Midsummer night's dreams der unliebenswürdigsten aller Königinnen; und wer wird ihn deshalb einen Schmeichler nennen? Als Walter Scott geboren wurde, war ganz England und Schottland torystisch. Die Whiggery hatte sich in einige Köpfe gleichsam geflüchtet. Tory sein, war nicht Modebekenntnis; es war Volksglaube, den Walter Scott von seinen Voreltern ererbt, den er beibehielt, den seine romantische Muse als eine Hauptbedingung forderte. Ihm deshalb Vorwürfe zu machen, ist nicht bloß unbillig, ist ungerecht. Ich bekenne Ihnen, daß ich früher von Chateaubriand keine sehr günstige Meinung hatte. Die außerordentlichen Hyperbeln, die er sich auf Kosten der Wahrheit bei jeder Gelegenheit zu schulden kommen läßt, z. B. in seinem Natchez, wo er von Louisiana und dem Hauptstrome der Vereinigten Staaten eine in jeder Beziehung unrichtige Schilderung gibt, schien mir selbst für einen Dichter zu viele Freiheit genommen, – ferner seine Urteile über Shakespeare, der Geist, der durch seine Martyrs weht, überzeugten mich, daß er seine Zeit nicht richtig aufgefaßt, daß er in das Jahrhundert der Madame Maintenon gehöre, für die auch sein Genie di Christianisme in ihren alten Tagen ein wahrer Trost gewesen wäre. Es ist im Christentum etwas Göttliches, das eine männlichere Beurteilung und Sprache recht wohl erträgt, – und nur durch diese könnte bei seiner Nation Gutes gestiftet werden. Aber der Mann hat bei mir unendlich gewonnen durch seine Festigkeit gegen Charles X., durch seine ritterliche Anhänglichkeit, nachdem dieser Monarch gefallen war, und die kühne Verteidigung der Rechte des königlichen Enkels. Es ist etwas Theatralisches dabei, selbst Scharlatanerie ohne Zweifel, eine chevaleresque Rache an seinem Souverän, der ihn zurückgestoßen; aber ist diese kleine Eigenliebe nicht Grundstoff unserer schönsten und größten Geister? Begleitet sie nicht uns selbst auf allen Schritten und Tritten? Nur die niedrig gesinnte Seele wird unnötigerweise diese Eigenliebe kränken. Konsequenz ist achtbar, wo sie sich immer findet, und wir müssen selbst Gegnern jenen konstitutionellen Spielraum einräumen, ohne welchen der Begriff der Freiheit zur Absurdität wird.

Eben daß Walter Scott Tory war, gibt seinen Werken den gediegenen klassischen Charakter. They are standard works. Ihre Grenzsteine stehen fest da – seine Charaktere sind scharf nuanciert, haarscharf gezeichnet. Wir erkennen das Leben des Großen, sehen das Treiben im Feudalschlosse, in der Königsburg, als wenn es uns vor Augen gerückt wäre. Durch diese bestimmte Zeichnung hat er freilich oft sein eigenes Urteil umgestoßen, aber zur politischen Erziehung, zur Feststellung der Begriffe in allen Klassen der Nation beigetragen. Knowledge is power. Und er beförderte das erste dadurch, daß er getreu darstellte, ohne Tendenz den Toryismus zu befestigen; seine Charaktere sind wahr, aber nichts übertrieben, wie dies beim Verfasser des last of the Mohicans der Fall ist. Charaktere wie die des Caleb, der Douglasse, des Guy Mannering, des Antiquary, finden Sie, with due allowance for the difference of the times, noch heutigen Tages in England und Schottland, ja alle Nuancen der Aristokratie und Oligarchie, wie sie der Baronet geschildert; aber Sie finden in den ganzen Vereinigten Staaten keine Tröpfe, die sich so herumzerren lassen wie Leatherstocking, keinen Kentuckier, der so, quasi die Kappe in der Hand, vor dem Kapitän dastehen würde, wie es in der Prärie der Fall ist. Der Verfasser, ein Seemann, hatte die Seedisziplin auf das feste Land übertragen, und darin hat er gefehlt; denn der Amerikaner des festen Landes ist ein ganz verschiedenes Wesen von dem Amerikaner, der auf einem Schiffe eingezwängt ist. Ich habe alle Achtung für die Seeromane dieses ausgezeichneten Schriftstellers. Das war sein Kreis, innerhalb dieses war er mehr als bloßer Nachahmer Walter Scotts, er war Original, – und hat genützt, sehr viel genützt, denn er hat den seefahrenden Geist der Nation gekräftigt und eben durch die neue Richtung, die er eingeschlagen, gewissermaßen dargelegt, daß die amerikanische die erste seemännische Nation ist. Am wenigsten bin ich mit seinem Travelling Bachelor einverstanden. Ein solches Buch fordert eine gewisse Vorbildung, die dessen Verfasser nicht besitzt, und deren Mangel er durch eine unausstehliche exklusive Tournure nichts weniger als ersetzt. Er ist hier absoluter Aristokrat, stocksteifer Aristokrat, und so steif unsere Geldaristokratie ist, so, wie sie der Autor gern haben möchte, ist sie zum Glück noch nicht; – so sehr auch im Punkte der Humanität gegen die Schwarzen gesündigt wird, so ist es doch niemand, Gott sei Dank, eingefallen, zu glauben, wie der Travelling Bachelor es tut, daß endlich Mühseligkeiten, Anstrengung und dergleichen diese unglückselige Rasse aufreiben werden. Es weht durch diese Bücher, wie gesagt, ein so starrer, unliebenswürdiger, ja inhumaner, exklusiver Geist, wie ich ihn selten gefunden, und der zur Ehre der Vereinigten Staaten auch durch eine allgemeine kalte Aufnahme des Buches gewissermaßen mißbilligt wurde.

Wie ganz anders tritt wieder der Verfasser des liebenswürdigen Pelham auf. Sie sehen den Gentleman, mit seinem hühnergefütterten Bedos oder Bedo, wie er ihn heißt, wie er seine glacierten Handschuhe anzieht, so oft er mit einer nicht ganz fashionablen Hand in Berührung kommt; wie er den schweren Überrock überwirft und seine canvassing Tour beginnt, hier lispelnd, dort die personifizierte Treuherzigkeit spielend. Er ist Aristokrat durch und durch, ja Geck; aber man verzeiht ihm das Kokettieren mit der Demokratie gern, denn im Grunde fühlt er warm für das Volk, für sein Land. Seine Romane sind achtbare und in achtbarer Absicht geschriebene Bücher, die viel Schönes enthalten.

Doch ich werde zu weitläufig für die Grenzen eines Schreibens; aber indem ich Ihnen meine jedoch keineswegs apodiktisch aufgestellten Ansichten über Schriftsteller und Schriftstellerei gebe, bezeichne ich zugleich die Grundsätze, nach denen ich selbst verfahren bin, und trage das Meinige bei, Urteile festzustellen oder zu berichtigen, was ich besonders in Hinsicht auf den eigentlichen Stifter des klassisch-geschichtlichen Romans für Pflicht halte; denn er ist es, der den Roman auf die hohe Stufe gehoben, die er gegenwärtig behauptet, der den Besten, den Aufgeklärtesten, den Ersten des Landes, sowie den Mittelklassen, den weniger Gebildeten, ein Lesebuch zur Erholung und Belehrung an die Hand gegeben; der einem der wichtigsten Zeitbedürfnisse abgeholfen hat. Von seinen zahlreichen Nachahmern ist wohl der Verfasser des last of the Mohicans der einzige, der wahrhaft von seinem Schriftstellerberufe durchdrungen war; seine Natur ist größer als die Walter Scotts, seine Seestücke unübertrefflich, aber, wie gesagt, man vermißt an ihm wissenschaftliche Bildung, und unglückseligerweise ahmt er Walter Scott auch in der Sünde des Zuvielschreibens nach. Ich halte überhaupt wenig von Nachahmung. Nach meiner Ansicht muß die Natur des Gegenstandes, den wir behandeln, auch die Form und Weise der Behandlung bedingen, die Darstellung muß naturgemäß, so viel als möglich natürlich sein. Und nach diesem Grundsatze bin ich meinen eigenen Weg gegangen. So haben die »Transatlantischen Reiseskizzen« Die »Transatlantischen Reiseskizzen« enthielten in der ersten Auflage: Teil 1 und 2: George Howards Brautfahrt; Christophorus Bärenhäuter; Teil 3: Ralph Dougbys Brautfahrt; Teil 4 und 5: Pflanzerleben; Die Farbigen; Teil 6: Nathan der Squatter-Regulator; und zugleich war dem 3. bis 6. Teile der »Transatlantischen Reiseskizzen« der weitere Titel: »Lebensbilder aus beiden Hemisphären, 4. – 6. Teil,« beigegeben. In der zweiten und der dritten Ausgabe sind dagegen die vorstehenden Schriften, mit Ausnahme von »Christopherus Bärenhäuter«, unter dem Titel: »Lebensbilder aus der westlichen Hemisphäre« vereinigt.
Den 1. und 2. Teil der »Lebensbilder aus beiden Hemisphären« bildete in der ersten Auflage »Morton oder die große Tour«, was in der zweiten und dritten Auflage ohne Kollektivtitel als selbständige Schrift erschienen ist.
gewissermaßen gar keinen Grundplan; sie sind leicht hingeworfen, oft an Ort und Stelle hingeworfen und durch eine wirkliche Begebenheit zur Einheit verbunden. Sie haben richtig bemerkt, daß in dem »Legitimen« ganz andere Prinzipe gegeneinander streiten als in Walter Scott. Wieder andere im »Virey«; in diesem letzteren ist das Deskriptive, die Geschichte, Hauptsache, obwohl der Faden, der vom »Legitimen« ausgeht, durch den »Virey und die Aristokraten« fortgeführt wird, aber noch nicht bis zu Ende gesponnen ist. Die Tendenz dieses Buches ist eine höhere als die des eigentlichen Romans; sie nähert sich der geschichtlichen. Ich wünsche das Meinige beizutragen, dem geschichtlichen Roman jene höhere Betonung zu geben, durch welche er wohltätiger auf die Bildung des Zeitalters einwirken könne; mitzuhelfen, daß die tausend albernen, schädlichen, dummen Bücher, Moderomane genannt, und geschrieben, um die bereits unnatürlich genug gespannten, gesellschaftlichen Verhältnisse noch unnatürlicher straffer zu spannen, durch eine kräftigere Geistesnahrung ersetzt, durch ein Gegengift weniger schädlich werden. Es verhält sich mit der bürgerlichen Gesellschaft wie mit dem einzelnen Individuum, das nur dann vollkommen gesund ist, wenn es keines seiner Glieder fühlt, wenn ihm keines derselben sein Dasein auf eine unangenehme oder schmerzliche Weise zu erkennen gibt, wenn alle Funktionen des Körpers ungehindert und leicht vor sich gehen. Wenn der Magen durch stetes Vollpfropfen sein Dasein durch Schwere zu erkennen gibt, dann ist es Zeit zur Abhilfe; aber diese ist am leichtesten möglich, wenn der Kranke selbst seinen schlimmen Zustand durch und durch erkennt; dann kann er durch leichte Mittel abhelfen. Ihn zur Erkenntnis dieses Zustandes zu bringen, ist aber wieder keine ganz leichte Sache; denn der Kranke ist reizbarer als der Gesunde; es muß ihm seine mißliche Lage so schonend als möglich und doch wahr beigebracht werden, und wird sie ihm dies, dann haben wir freundschaftlich an ihm gehandelt, human, weit humaner, als wenn wir ihn sich selbst überlassen und er so gezwungen wird, bei einem Arzte Zuflucht, ja Hilfe zu suchen, die immer prekär ist, da sie von der Einsicht ebensowohl als der Rechtschaffenheit dieses letzteren abhängt.

Dieses Prinzip der Aufklärung, des geistigen Fortschrittes habe ich zum Gesichtspunkte genommen und werde ihm treu bleiben. Ich habe deshalb vorgezogen, Tatsachen, lebende, ja geschichtliche Personen zu zeichnen, nach dem anerkannten Grundsatze, daß öffentliche Charaktere auch offen behandelt werden dürfen. Daß dieses mit Zartheit von mir geschieht, muß Ihnen klar sein, wenn Sie auch nur ein einziges öffentliches Blatt oder irgendeine Flugschrift über ebendiese von mir dargestellten Personen zur Hand nehmen. Zwei dieser Lebensbilder sind zuerst in einer amerikanischen Zeitschrift erschienen und später in einer Londoner abgedruckt worden, wo sie, wie ich höre, mit Beifall aufgenommen wurden. Was den Charakter des merkwürdigen Franzosen betrifft, der lebend eine so wichtige Rolle gespielt und durch seinen letzten Willen einen so gewaltigen Einfluß auf die künftige Geistesbildung der Union sich gesichert hat, so sind seine Grundsätze zu sehr bekannt, als daß sie auf Rechnung irgend jemandes gebracht werden könnten. Welches das Ende sein wird des großen Prinzipien- oder vielmehr Interessenkampfes, der nun vor unsern Augen mit so vieler Hartnäckigkeit gekämpft wird, ist eine Frage, deren Beantwortung nicht in das Bereich der Literatur der schönen Wissenschaften gehört; aber insofern diese das gesellschaftliche Leben in allen seinen Nuancen darstellt und so zum großen Hebel ihrer Gestaltung wird, ist es allerdings ihr Geschäft, das eigentümliche Wesen der neuen Macht, die in der neuen gesellschaftlichen Umgestaltung eine so große Rolle zu spielen berufen scheint, näher zu betrachten. – –

Nach dieser Darlegung des Herrn Verfassers Ihnen noch weitere Bemerkungen zu machen, halte ich für ganz überflüssig; denn das Buch selbst spricht für sich. Ich bin vollkommen überzeugt, daß es Ihr Publikum überraschen wird. Auch ist Hoffnung vorhanden, daß wir die Fortsetzung dieser Lebensbilder erhalten werden.

Den 1. Jänner 1835.

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