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Morton oder die große Tour

Charles Sealsfield: Morton oder die große Tour - Kapitel 14
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleMorton oder die große Tour
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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VI.
Die Zauberphiole.

»Ihr habt gehört«, begann er mit leuchtenden Augen, »von der großen Stadt, die auf der anderen Seite des Wassers, Ost-Südost, glaube ich, liegt.«

»Bagdad oder Damaskus?« fragte der Earl.

»Weiß nicht genau; in meinem Buche heißt es bloß Ost-Südost. Wollen annehmen, Damaskus oder Bagdad; denn die Geschichte spricht von Veziers und Emirs, und Bonzen und Braminen. Wohl, die Stadt ist so groß und größer als Nantucket und Neuyork obendrein. Wenn Ihr dagewesen seid, so werdet Ihr wissen, daß daselbst ein großes, weites Haus ist, mit Flügeln, so lang wie die eines Raubvogels. Sollen gewachsen sein, diese langen Flügel, die man Haifisch- oder Tigerschweife nennen könnte, unter den Enkeln und Urenkeln eines Nizzam, der gar kurzweilig mit schönen Dirnen zu tun gewußt hat. Dieses große Haus hat Euch Vorhöfe und Gärten, und Kioske und Statuen, und auf der einen Seite einen Fluß, der nicht ganz so breit wie unser Connecticut bei Hartford ist, aber desto schmutziger; habt eine pittoreske Ansicht auf Waschweiber, Badhäuser und Kohlschiffe. Sieht im Ganzen genommen aus, pflegte mein Onkel selig zu sagen, wie Fleetditch Die Antwort, die Lord Chesterfield Voltaire gab, ist bekannt. Von diesem schmutzigen Fleetditch, über dem Holborn sich hinzieht, ist heutzutage nichts mehr zu sehen., ehe er unter der Erde vergraben wurde.«

»Was spricht er?« fragte der Earl seinen Nachbar, Lord Ormond. »Ich verstehe ihn und seinen Jargon nicht.«

»Auch ich nicht ganz,« versicherte Lord Ormond, »weiß mich jedoch zu erinnern, von einem Fleetditch gehört zu haben, der vor nicht sehr vielen Jahren unfern einem Stadtviertel, Holborn genannt, stagnierte. Soll ein gemeines Quartier sein, dieses Holborn. Hört, Bruder Yankee!« wandte er sich an Morton, »Seine Herrlichkeit wünschen, daß Ihr fortfahrt in Eurer Erzählung, aber Euch klar und deutlich ausdrückt.«

»Kann einer sich klarer und deutlicher ausdrücken, als wenn er von seinem eigenen und dem Lande seiner Väter redet? Warum seid Ihr so unwissend und beschränkt und blind, daß Ihr nicht einmal wißt, wo der Fleetditch unter Holborn begraben liegt? Nach was kann einer messen als nach seinem eigenen Maße?«

»Er scheint ein Schneider seines Handwerks zu sein, denn er spricht vom Maß«, bemerkte der Lord.

»Sind alle Schuster und Schneider und Krämer und Töpfer«, kicherte der Marquis Mono.

»Nur mit dem Unterschiede,« verbesserte ihn Morton trocken, »daß bei uns aus Schustern und Schneidern quasi Gentlemen werden, bei Euch jedoch Herzöge, und ihre Kinder Marquis.«

»Ha!« lachte es auf allen Seiten.

»Mister Morton!« sprach der Marquis drohend.

»Marquis Mono!« Morton.

»Ha!« schrie der erstere.

»Pah!« erwiderte der zweite. »Das alte Haus, von dem ich soeben sagte,« fuhr er in ruhigem Tone fort, »war bewohnt von einem alten, knochig hagern Herrn, mit hängender Unterlippe, der zugleich ein gewaltiger Jäger war. Hatte aber auch Diener, jung und alt, groß und klein, und seine Familie hatte deren gleichfalls, und Trabanten und Muftis und Bonzen und Braminen aller Art; aber verschieden von den unsrigen; hatten geschorene Häupter wie Samson, als er mit Delila angebunden, und gallsüchtige Gesichter; waren Halbmänner, die weder eigene Felder noch Weiber hatten, es vorziehend, die Zehnten von denen anderer Leute zu nehmen. Auch Veziers hatte der Alte, und vieles Volk, das da aß und trank und mit dem alten Herrn Karten spielte, und besonders mit einer Karte spielte, die sie so hin und her rissen, daß sie bereits zwei Löcher bekommen hatte, man auch wohl sehen konnte, sie werde bald ganz und gar zerrissen werden. War ein verzweifelt seltsames Spiel, dieses Kartenspiel; könnt mir's auf mein Wort glauben.«

»Was war es denn eigentlich für eine Karte?«

»Eine wunderbare Karte, die von einem alten, aber sehr gescheiten Herrn verfertigt worden war, teils zur eigenen Kurzweil, teils zur Beschäftigung seiner Leute, doch werdet noch mehr von dieser Karte hören. War, wie gesagt, ein sehr gescheiter, alter Herr, der da wußte, daß diese seine Leute wetterwendisch, unruhig, immer etwas zum Steckenpferde haben müssen, und wenn sie es nicht haben, sich raufen mit ihren Nachbarn. Da er nun als ein alter, friedfertiger Mann sich nicht mehr aufs Raufen einlassen wollte noch konnte, dachte er, seine Leute auf diese harmlose Weise mit dem Kartenspiele zu beschäftigen.«

»Das war recht«, meinte die Counteß.

»Nicht alle meinten so; denn bekanntlich ist dieses Kartenspiel sehr ansteckend, so zwar, daß kaum ein Beispiel existiert, wo es nicht zur Leidenschaft geworden wäre.

Aber Beschäftigung mußten die Leute haben, und auf alle Fälle war diese besser als das stete Raufen und Totschlagen unter dem vormaligen Besitzer des großen Hauses. Dieses große Haus nun hatte der alte Herr erhalten, mit noch vielen andern Häusern und Landhäusern und vielen Trabanten und Sëiden, ja das ganze Land und alles Volk, das darin wohnt, von seinen Freunden als Eigentum, wie seine Väter es vor ihm besaßen; und obwohl ihm diese seine Freunde zu verstehen gegeben, er solle alles ganz und gar als sein Eigentum betrachten, und er brauche niemand Rechenschaft zu geben als Gott allein, was, by the by, soviel als gar keine Rechenschaft ist – so war er doch nicht dieser Meinung, sondern dachte hierin ganz anders, und zwar, weil er das Volk kannte und im Grunde voll Mutterwitz war; ein gar nicht unebener, alter Herr, versichere Euch, der, obwohl er ziemlich dick war, die Welt viel gesehen hatte, auch in Hartwell war und gern Trüffelpasteten buk, die er auch selbst verzehrte.«

»Trüffelpasteten!« rief der alte Earl, mit der Zunge schnalzend.

»Pfui, mein Teurer!« schmollte die Counteß, »Sie vergessen sich.«

»Alle die Herrlichkeiten, Häuser und Ländereien«, fuhr Morton unter dem schallenden Gelächter der Lords fort, »wurden dem alten Manne wieder zurückgestellt von wegen einer Phiole, einer verwitterten, alten Phiole, die schäbig genug aussah, und rostig und vom Zahn der Zeit benagt, und auf welche Phiole seine Vorfahren ungemein stolz taten, sagend, daß in ihr ein gewaltiger Zauber enthalten sei; und seine Freunde und Gebrüder gestanden überall und allenthalben dieses auch öffentlich ein, daß sie nämlich den alten Herrn in den Besitz der Schlösser und Häuser und Landhäuser einzig und allein von wegen der alten Phiole gesetzt hätten, die einen mysteriösen Zauber enthalte, und wegen welches mysteriösen Zaubers sie gehalten wären, ihn zu schützen in seinen Rechten und zu erhalten in seiner Gewalt.

Der alte, dicke Herr war aber auch ein sehr kluger Mann darin gewesen, daß er der Zauberphiole doch nicht ganz traute, weil sie bereits bei einer frühern Gelegenheit zerbrochen, und darüber so viel Unheil entstanden war, daß sein Bruder ganz den Kopf darüber verloren.«

»Hatte also einen schwachen Kopf?« bemerkte der Earl.

»So ziemlich wie alle, die sich auf überirdische oder Zauberhilfe verlassen; deshalb ließ es sich sein jüngerer Bruder, der Trüffelpastetenliebhaber, auch gesagt sein und traute seinen fünf Sinnen mehr als der Zauberphiole, und hatte er in diesem Vertrauen mit den Aufsehern seiner Leute und des ganzen Volkes auch einen Vertrag abgeschlossen, nicht eigentlich einen Vertrag – das hätten seine Freunde nicht zugelassen, aber so einen quasi Vertrag, den er auf Pergament schrieb und dann Charte nannte.«

»Seltsam!« gähnte die Counteß.

»Hatte ein Pergament aufgestellt,« fuhr der Erzähler fort, »in welchem geschrieben stand, daß es dem Volke freigestellt sein solle, sich vierhundertundfünfzig oder gar -sechzig Säckelmeister zu wählen, die eine Art Kontrolleurs seines Haushaltes sein sollten.«

»Vierhundertundsechzig Kontrolleurs!« stammelte der alte Earl. »Ihr meint vielleicht Repräsentanten?«

»Waren es nicht so ganz,« meinte der Erzähler, »denn sie hatten nicht viel zu repräsentieren; wären so ziemlich Säckelmeister, so ein Mittelding von allerlei; so wie das Volk nicht ganz dem Alten angehörte, obwohl es nichts weniger als sein eigener Herr war. Wie gesagt, die Freunde und Gebrüder hatten gemeint, er solle es ganz so als sein unbestrittenes Eigentum betrachten, wie sie es mit ihren Leuten täten; aber sie hatten vergessen, daß diese ihre Leute wenigstens um hundert Prozente dümmer waren. Und so folgte er denn seinem eigenen Kopfe und dem Rate eines gewissen John Bull, eines wahren Querkopfes, der aber wieder zuzeiten ganz gesunde Einfälle hatte, und der ihm sagte, er solle seine Wirtschaft ganz auf dem Fuße einrichten, auf dem er selbst lebe, und es sei dies ein sehr angenehmer Fuß. Ist aber, die Wahrheit zu gestehen, dieser Fuß derselbe, auf dem der Nizzam in Ostindien lebt, oder auch der Dechant in Windsor; soll zwar ein nach der neuesten Fasson eingerichteter Fuß sein, sagt John Bull, hat aber vergessen, der John Bull, daß Seine Heiligkeit der Dalai Lama auf demselben Fuße lebten. Ist übrigens ein gar nicht übler Fuß, bei dem es sich bequem und ohne Sorgen lebt, wo man dick und fett wird, und wo auch das Volk gedeiht, wenn es dabei nämlich nicht verhungert; in welchem Falle es jedoch gewöhnlich noch Maschinen und Heuschober anzündet, während die Säckelmeister sein Geld einnehmen und sich herumbalgen.«

»Verdammter Banker!« brummte es aus den Ecken des Saales.

»Und sie gaben dem Alten soviel Geld als er brauchte?« fragte die Counteß.

»Soviel als er brauchte und mehr als er brauchte. Verteilte aber ein bedeutendes Quantum wieder unter sie, so daß er mit ihrer Hilfe dem armen Volke die Haut nach Herzenslust abziehen konnte. Mußte so von Brot und Wasser leben, das arme Volk, was dann wieder zur Folge hatte, daß es nicht arbeiten mochte, wie es denn überhaupt langsam zur Arbeit, aber außerordentlich schnell zum Raufen ist, was der alte Herr verhindern wollte; weshalb er sich gar nicht beeilte, den Kitzel seiner Leute noch mehr durch Trüffelpasteten zu vermehren, es vorziehend, diese selbst zu verzehren. War in jeder Hinsicht ein einsichtsvoller, kluger Herr, der noch lebte, wäre er nicht an dieser heillosen Trüffelpastete gestorben.«

»So starb er?« fragte die Counteß mit weinerlicher Stimme.

»Starb sich mausetot, und nach ihm kam sein oberwähnter langer, hagerer Bruder ans Ruder – ein tüchtiger Jäger vor dem Herrn, der aber das Säckelmeisterwesen gar nicht leiden mochte.

War übrigens im Anfang große Freude im Lande; denn neue Besen kehren gut; war auch ein artiger Mann, dem seine Uniform gar nicht übel stand, hatte auch einst seinen Trabanten, als sie sich grob gegen die Leute anließen, befohlen, höflich zu sein; erlaubte ihnen auch wieder Suppe zu essen, was denn verursachte, daß sie auch Fleisch haben wollten. Kam ihm aber teuer zu stehen.«

»Was – wie – Suppe und Fleisch kam ihm teuer zu stehen?«

»Ja«, fuhr Morton bedeutsam fort. »Waren nicht an Roastbeef gewöhnt, wie John Bull, und hatten sich bisher immer mit Wassersuppe begnügen müssen; aber sobald sie Suppe, versteht Ihr, geistige Suppe, hatten, wollten sie, wie gesagt, auch Fleisch haben, anfangs bloß ein Stück, beiläufig so groß wie eine Roßzehe, aber bei diesen Leuten heißt es, l'appetit vient en mangeant, das will sagen, wenn man ihnen den Finger reicht, so wollen sie die ganze Hand; was denn überall mehr oder weniger der Fall ist.«

»Wie gemein!« gähnte der Marquis Mono.

»Sehr gemein,« sprach Morton, ohne den Lord eines Blickes zu würdigen; »wird noch gemeiner oder vielmehr allgemeiner werden. Ging einige Zeit recht gut; die Säckelmeister gaben dem alten, hagern, stattlichen Herrn Gold, so daß er in Hülle und Fülle lebte, und seine Muftis und Bonzen und Braminen gleichfalls; aber es ist schwer, Bonzen und Braminen zu sättigen, weil sie nie genug haben. Und wie es nun zu gehen pflegt, daß der Sack des Bettlers nimmer voll wird, weil er nämlich, statt eines Loches, deren zwei hat, eines oben und das andere unten, so hatten diese Muftis und Bonzen nimmer genug und wollten immerdar mehr und sagten, sie wollen nicht die Narren sein, umsonst das Himmelreich aufzuschließen. Denn seltsam! Diese Leute glauben in allem Ernste, sie könnten das Himmelreich aufschließen. Die andern aber lachten dieser Schlüssel und sagten, sie wollten nicht hinein in das Himmelreich. Anders aber dachte der alte Herr, der sie zwingen wollte, hineinzugehen, glaubend, daß er da wieder Haus und Hof und Trabanten und Diener finden würde. Darüber nun setzte es einen gewaltigen Lärm. Viele schrien, man wolle den Kontrakt brechen und statt der Säckelmeister Muftis zu Kontrolleuren einsetzen; worüber dann diese ersteren gewaltig rappelköpfisch wurden.«

»Was für seltsame Leute!« bemerkte der Earl.

»Jawohl, seltsame Leute!« bekräftigte, laut lachend, Morton. »Ein ewig unruhiges Wespennest; können nimmer stille sitzen; wurden aber auch, die Wahrheit zu gestehen, ganz abscheulich bei der Nase herumgezogen von ihren Muftis, die an allen Orten und Enden zu sehen, auf allen Straßen zu hören waren und ihnen die Erde zur Hölle machten.

Hatte aber der alte Mann unter seinen Dienern einen Flachkopf, der keiner der Fettesten war. Nun sollen zwar die magern Veziere in der Regel nicht gerade auf den Kopf gefallen sein; aber keine Regel ohne Ausnahme, und dieser war wirklich auf den Kopf gefallen, und zwar so sehr, daß ihm darüber alle Haare grau und weiß geworden. Glaubte in der Einfalt seines Herzens fest an die Zaubergewalt der Phiole, so fest, daß er darüber ganz vergaß, wie sie schon einmal zerbrochen und nur durch die Beihilfe der Freunde des seligen Herrn wieder notdürftig zusammengeflickt worden und ihm bei dieser traurigen Veranlassung die schwarzen Haare grau geworden. Bei dieser Zusammenflickung war ein anderer langer, hagerer Mann, den John Bull näher kennt, ganz besonders geschäftig gewesen, für welche Geschäftigkeit er auch Geld und Gut in Menge bekam, und Silber- und Porzellan-Services; von einigen, weil er ihre beschädigte Zauberphiole ausbessern geholfen, von den anderen, weil er die ihrigen auf die kunstvollste Weise zu beschneiden verstanden, ohne daß sie deshalb ihre magische Kraft eingebüßt hätten.

Der alte Herr tat nun ein für allemal nichts ohne diesen Vezier, bei dem der Flachkopf in großen Gnaden stand, und schrieb ihm jeden Vorfall, und fragte ihn um Rat, was denn seinen Säckelmeistern gar nicht lieb war, da sie wußten, daß er sie nicht viel höher halte als Hunde. Waren auch immer wie Hunde und Katzen die Leute dieses Veziers und des alten Herrn, obwohl ihr Land durch einen bloßen Meeresarm voneinander getrennt war, und lachte der Vezier von ganzem Herzen und schlug Schnippchen, und mit ihm alle die Seinigen, daß sie den Säckelmeistern einmal einen tüchtigen Possen gespielt und ihnen einen Stein in den Garten geworfen, den sie alle Tage ihres Lebens nicht herausbringen würden. Dieser Stein war aber der Flachkopf, und ein wahrer Stein des Anstoßes war er und seine ganze Sippschaft für die Säckelmeister und das ganze Land, über das er auf den Rat des Veziers sofort als Oberaufseher der Wirtschaft gesetzt wurde.«

»Und weiter?« fragte der Earl gähnend.

»Der Flachkopf wurde Oberaufseher. Er war es kaum geworden, so sagte er dem alten Manne geradezu ins Gesicht, wie es sich für einen so großen Herrn, wie er wäre, gar nicht wohl schicke, sich von vierhundertundsechzig Säckelmeistern die Ohren voll schreien zu lassen und einen Vertrag zu haben mit Leuten, die, verglichen mit ihm, nicht viel besser als das liebe Vieh wären, – zu mäkeln des elenden Geldes wegen, das ihm von Allah und Rechts wegen gebühre, ihm, der durch die Gnade des Propheten regiere und die Phiole besäße, und daß er seinen Haushalt ohne die Säckelmeister führen müsse; und wenn er sie ja haben wolle, so möge er sie besser selbst wählen, nicht aber sie von andern wählen lassen.«

»So sollte ich auch meinen«, versetzte der Earl.

»Finde es ganz natürlich,« lachte Morton, »ist Geistesverwandtschaft – der alte Herr dachte dasselbe, hatte auch deshalb den Flachkopf zum Oberaufseher genommen, der auch wirklich sogleich Anstalten traf, die Säckelmeister selbst zu ernennen.«

»Wohlgetan!« rief der Earl.

»Nicht so ganz; denn obwohl der Alte viele dieser Säckelmeister auf seiner Seite hatte, so hatte er sie doch nicht alle, und die Leute gaben keine twopence um seine Säckelmeister; ja sie erklärten ihm so höflich und trocken als möglich, sie würden ihm nur dann Geld zur Bestreitung seiner Wirtschaft geben, wenn die Kontos von ihren gewählten Säckelmeistern unterschrieben wären.«

»So höre doch um Himmels willen auf mit deinen Säckelmeistern«, rief Lord Flirtdown von einem gegenüberstehenden Fauteuil herüber.

»Laßt ihn!« schrien andere; »er erzählt gar nicht übel, – schnurriger Kerl!«

» Truly a longwinded Yankee Ein langgewundener, langweiliger Yankee.!« lallte ein dritter.

Es war eine seltsame Gruppe, die sich um den erzählenden Morton herum gelagert hatte. In der Tiefe saß der Earl mit seiner Counteß, min die Augen weit aufstierend, wieder schließend; um sie herum Lords und Gentlemen, sitzend, stehend, lehnend, mit geöffneten Augen, schnarchend, den Amerikaner mit jener Leerheit von Ausdruck anstarrend, die der letzten Phase des Rausches so eigentümlich ist. Alle schienen wie gebannt in den Kreis.

»Und die Säckelmeister«, fuhr er fort, »begannen den Mund voller zu nehmen und ihm ziemlich trocken zu verstehen zu geben, wie er den von seinem Bruder gemachten Vertrag nicht brechen und sich nicht in Dinge mischen solle, die ihn nichts angingen; er solle absolut kein Geld mehr haben, wenn er sich in anderer Leute Geschäfte mischen würde.«

»Seltsam!« rief der Earl.

»Immerhin möchte die Takelage zusammengehalten haben; aber wie gesagt, es waren unter diesen vierhundertundfünfzig oder -sechzig Säckelmeistern sehr viele, und dies heillose Schreier, die darauf drangen, daß man absolut nichts geben solle, falls der alte Herr nicht den Flachkopf aus dem Haushalte entferne und bei dem Buchstaben des Vertrages stehen bleibe. Dieser Vertrag nun war, wie Ihr gehört habt, vom seligen Herrn Trüffelpastetenliebhaber abgeschlossen und bei Allah beschworen worden.

Wohl, als die Vierhundert sich so herumzankten und für und wider den Vertrag und den Oberaufseher stritten, kamen sie endlich darin überein, mit dem alten Herrn selbst zu reden und ihm ernstliche Vorstellungen zu machen. Sagten ihm auch, daß es übel getan sei, dem Elefanten einen Führer zu geben, den er nicht leiden möge, und daß darüber ein Unglück entstehen könne, nicht nur für den Führer, sondern auch für den Herrn und alle Welt. So gaben sie dem alten Herrn zu verstehen. War aber dieser alte Herr ein eigensinnig schwacher Mann, der von dem, was in der lieben Gotteswelt vorging, gerade so viel wußte, als ihm seine Veziere, Emire, Bonzen und Braminen zu sagen für gut befanden. Hatte auch wirklich die Schwachheit, zu glauben, daß er von Allah eingesetzt und nur zu wollen brauche, und der Elefant, das Volk, würde sich geduldig von seinem Flachkopfe reiten und lenken lassen. Als er nun hörte, daß die rappelköpfigen Säckelmeister draußen vor der Tür waren, wollte er sie anfangs gar nicht sehen, ließ sie aber zuletzt doch vor sich und sagte ihnen im zierlichsten Fränkisch, daß es sein Pläsier wäre, zu tun wie es ihm gefiele und nicht wie es dem Elefanten gefiele, und sie, die Säckelmeister, sollten sich dieses wohl zu Gemüte führen und tanzen nach seiner Pfeife und nicht nach der ihrigen. Und nachdem er so gesagt, verbeugte er sich ganz artig und ließ sie ziehen des Weges, den sie gekommen waren.«

»Wohlgetan; denn wenn ich mich nicht irre, so liebt dieses Volk übermäßig den Tanz«, bemerkte der Earl.

»Liebt wohl den Tanz,« erwiderte Morton, »aber nicht nach fremder Pfeife. Deuchte ihnen seltsam, daß sie nach der Pfeife eines fremden Veziers tanzen sollten, der es nie gut mit ihnen gemeint, und nicht nach der ihrigen, die so gut pfiff als eine und viel weniger kostete.«

»Halt!« rief der Earl, »war der alte Herr nicht, was wir einen Sultan nennen?«

»So eine Art von Sultan allerdings.«

»Und wenn er das war, warum ließ er nicht den ganzen Pack greifen und pfählen?«

»Und so würde er getan haben, wenn er sich getraut hätte; aber Ihr vergeßt, daß die Zauberphiole, durch die er es allein hätte tun können, gebrochen war und zum Teil ihre Kraft verloren hatte.«

»Aber was hat denn diese Zauberphiole mit dem Pfählen zu schaffen?« fragte die Counteß.

»Viel, sehr viel, Mylady, wie Sie hören werden, wenn Sie nur noch eine kleine Weile Geduld haben wollen.

Der alte Herr war so bitterböse, daß er wirklich damit umging, einigen der lautesten Schreier den Mund zu stopfen; aber diese Schreier waren, wie gesagt, gerade die lautesten Schreier, und großen Lärm durfte er auf keine Weise verursachen. Wollte in der Stille die Geschäfte abfertigen; einen Strick oder eine Dosis oder noch lieber ein kleines Zimmerchen, sechs Schuh lang, sechs breit, wohl mit Riegeln und Vorhängschlössern versehen, das wäre ihm das liebste gewesen. Ging aber nicht, würde noch immer zu vielen Lärm verursacht haben. So sandte er denn zu seinen Emiren und Vezieren rings umher und ließ ihnen sagen, er wolle sich künftighin ganz und allein auf seine Phiole verlassen; sandte auch zu gleicher Zeit Boten an seine Freunde, die ihn in den Besitz der vielen Höfe und Güter gesetzt hatten, um sie zu fragen, ob sie ihn auch in deren Besitz schützen und erhalten wollen, falls es zu einem Donnerwetter kommen würde.

Sagten die meisten ja. Einige klatschten laut vor Freude in die Hände und rieten ihm, auf alle Weise zu tun nach seinem Pläsier; andere schüttelten die Köpfe. Und einer, der weit über die See gekommen, raunte ihm in die Ohren, er solle ja beileibe seinen Vertrag nicht brechen, der von seinen Freunden garantiert wäre; die Hauptsache wäre, daß er den Vertrag hielte, so müßten ihn die Leute, sie möchten wollen oder nicht, auch halten; die Phiole komme hier gar nicht in Betracht; auch möchte er ja den Oberaufseher weggeben, es sei kindisch, einem Elefanten einen Führer, der ihm widerwärtig, aufzudringen, da es ihn bloß einen Rüsselschlag koste, sich seiner und seines Herrn zu entledigen.

Schüttelte aber der alte Herr vornehm den Kopf über diesen Rat und hielt den Zweifel an der Allmacht seiner Phiole beinahe für eine Beleidigung, und wurde er in dieser Halsstarrigkeit nicht wenig von seinen Bonzen und Braminen bestärkt, die ihm, weiß der Himmel was, von übernatürlicher Hilfe vorschwatzten. Und schlug ihm auch der Flachkopf vor, ohne weiteres einen neuen Vertrag aufzusetzen, nach welchem er die Säckelmeister selbst ernennen würde.«

»Und der Alte?« fragte der Earl.

»Tat es wirklich, zerriß den alten Vertrag und kündigte aller Welt an, daß er einen neuen gemacht habe, und gab zu verstehen, es sei so sein Pläsier; und wenn es ihnen nicht recht wäre, so würde er es höchlich ungnädig nehmen. Und war darüber ein großes Frohlocken unter seinen Bonzen und Muftis und Trabanten, die sich nun den Himmel auf Erden versprachen, wenn sie nicht mehr von den Säckelmeistern kontrolliert würden.

Als die rebellischen Säckelmeister, wie der alte Herr sie nannte, hörten, daß der alte Vertrag gebrochen und ein neuer aufgerichtet worden, bei dem ihre Herrlichkeit zu Ende sein würde, schrien sie gewaltig und ließen ihre Leute rufen, die einen noch größeren Lärm erhoben. Aber als es zur Hauptsache kam, ob man dem alten Manne seinen Willen lassen sollte oder nicht, da steckten sie die Köpfe zusammen und wußten nicht, was zu tun sei; denn sie dachten an die Phiole.«

»Aber was hat es denn eigentlich mit dieser Phiole für eine Bewandtnis?«

»Es muß auf alle Fälle irgend etwas mit ihr vorgefallen sein; denn es heißt, daß ihre Besitzer zu ihrer Zeit durch sie wunderliche Dinge vollbracht hatten – durch sie Gewalt über Leben und Tod der Leute, ja des ganzen Volkes hatten, so daß sie hängen, köpfen lassen konnten, so viel es ihnen gefiel, und rädern und verbrennen und vierteilen alle diejenigen, die der Phiole entgegen waren, oder ihren Besitzern. Dieses wußten nun die schreisüchtigen Säckelmeister, und es fing an sie zu jucken; dachten, würden zuletzt die Zeche bezahlen müssen. Einige befühlten ihre Hälse, ob sie auch noch am Rumpfe säßen, andere wurden bleich, und wieder andere gaben das Fersengeld, an welchem dieses Volk zuzeiten einen ungemeinen Vorrat hat. Viele jedoch hielten aus bei ihren Leuten, die größtenteils waren, was wir den schweinischen Haufen, die ungewaschene Menge nennen.

Diese hatten kaum gehört, daß der alte Mann seinen Vertrag gebrochen habe, als sie auch ganz toll wurden und ihren Säckelmeistern sagten, sie möchten nur geradezu gehen und dem alten Herrn sagen, er solle seinen Vertrag nicht brechen, sonst würden sie ihm das Genick brechen.«

»Sehr unartig«, bemerkte die Counteß.

»Das war es,« bekräftigte der Erzähler, »und die Säckelmeister beeilten sich deshalb eben nicht sehr, ihm die Botschaft zu hinterbringen, in Anbetracht, daß der alte Herr nichts weniger als zum Scherzen aufgelegt wäre. Sie gingen jedoch und sprachen mit ihm so höflich als möglich; denn diese Leute können die gröbsten Dinge in einer sehr zierlichen Sprache sagen; und so sagten sie ihm ihre Meinung sehr artig, wie sie glaubten, aber nicht wie er glaubte; denn er geriet in eine wahre Wut und in einen so heftigen Fieberanfall, daß er, so ritterlich galant er auch sonst war, wie rasend um sich schlug und in seinem Zorne die Phiole ergriff und sie den Säckelmeistern an den Kopf warf.

Und es ließ sich ein schriller, durchdringender Ton hören, anfangs nicht stärker und lauter als der einer Saite, die im Luftzuge springt; aber dann erhob sich der Klageton stärker und drang schneidender durch die Lüfte – durch alle Nerven drang er und durchschauerte die Körper, und der Alte und die Säckelmeister und alle Leute standen wie durchschnitten von diesen Tönen und schauderten; und es war ein Schauder, ein entsetzlicher Schauder: denn die Töne durchfuhren die Lüfte und wurden zum Grabes- und Sturmgetöne, und durchfuhren Städte und Dörfer, und alle schauderten ob den Tönen. Aber es war noch nicht alles. Der Ton war kaum der Phiole entfahren, so zischten schlängelnd blaue Flammen aus ihr heraus, die spielend und leckend sich auf die Köpfe der rebellischen und nur der rebellischen Säckelmeister setzten, so daß diese entbrannt davonliefen. Und wie sie zum großen Hause hinausliefen, tanzten die Flammen auf ihren Häuptern, und es lösten sich Funken von diesen Flammen, und diese Fünkchen und Flämmchen sprangen wieder auf die Köpfe der Leute, die ihnen in den Weg kamen; und immer zahlreicher wurden die Flämmchen, so daß sie Jungen bildeten, die zu Tausenden in allen Richtungen durch Stadt und Land hinfuhren, in alle Städte und Dörfer fuhren, und sich auf die Köpfe von Männern, Weibern und Kindern setzten. Und seltsam! Diese Männer, Weiber und Kinder, in deren Ohren der Ton gedrungen, und die, berührt von diesem erschütternden Tone, noch schaudernd gestanden waren, sie fingen, sowie sie von den feurigen Zungen beleckt wurden, an zu springen; wie rasend sprangen sie, und wie die Säckelmeister entbrannten sie, und in ihren Gesichtern loderte wildes Feuer, in ihren Herzen war Mord und Totschlag. Und die Flammen tanzten und hüpften weiter in Städte und Dörfer auf alle Landstraßen und Seitenwege, und sie breiteten sich aus, daß das ganze Land von ihnen erfüllt wurde.«

»Das ist eine seltsame Geschichte«, sprach die Counteß. »Diese Flamme muß denn in der Phiole gewesen sein. Muß denn also doch einen Zauber enthalten haben?«

»Das ist schwer zu bestimmen. Die Phiole war ganz kugelrund, nicht viel größer als ein Apfel mit einem Kreuze darauf. Ward auch Reichsapfel genannt, diese Phiole. Und sagen welche, daß sie einen Zaubergeist enthalte, genannt das göttliche Recht oder die göttliche Gnade; andere, daß es das legitime Recht sei. Wieder andere halten dafür, es sei darin verschlossen eine höchst geistige Substanz, raffiniert seit Jahrhunderten – ein Zaubergeist, der seinen Besitzer zum unwiderstehlichen Meister über die dem Zauber Unterworfenen mache; sowie er im Gegenteil, wenn er nicht sorgfältig aufbewahrt wird, die Menge sucht und Millionen die Köpfe verbrennt, auch sich schwer wieder einfangen läßt. Noch andere meinen, es sei der sogenannte revolutionäre Geist, den auch mehrere den Zeitgeist heißen, in die Phiole gebannt. Ist auch eine vierte Partei, die da behauptet, das Ganze sei, was wir Humbug nennen; aber diese letzteren gelten hierzulande für wenig besser als Ungläubige. Daß irgend etwas dahinter stecken müsse, dafür bürgt wohl am meisten der Umstand, daß jene alten Herren, die diese Phiole noch ganz und ungebrochen besitzen, eine wahre Zaubergewalt über ihre Völker haben, so zwar, daß diese ihnen nicht nur Hab und Gut, sondern auch Leib und Leben, kurz, alles aufopfern – und dabei noch glorieren.«

»Haben wir eine solche Zauberphiole?« fragte der Earl gähnend.

»Es ist wirklich eine bei Euch vorhanden,« erwiderte Morton; »aber sie ist so geflickt und repariert, daß von ihrer ursprünglichen Form wenig oder gar nichts mehr übrig geblieben ist. Ist mehrmal zerbrochen worden und der Zaubergeist ausgefahren, ist aber sorgfältig von Euren Emiren, Vezieren und Muftis aufgesammelt worden, die sich nun damit gütlich tun; ja, tun, was kein Sultan in seinem Lande tun dürfte; sagen zwar, sie bleiben innerhalb des Gesetzes und seiner Schranken; bedanke mich aber für Schranken, die Tom selbst gemacht und also überspringen kann, während ich mir die Nase daran zerstoße. Soll auch über diesen Zaubergeist-Diebstahl Eurer Muftis und Emirs ein blutiger Krieg ausgebrochen sein, der Hunderttausenden das Leben gekostet, der aber, sagen unsere alten Bücher, zum Heile der Menschheit glücklich die Flämmchen der Zauberphiole in Eurer Verwahrung belassen hat.«

»So«, sagte der Earl.

»Haben sich jedoch seit einiger Zeit Rostflecken an die glänzende Kugel gesetzt, die ungeachtet aller Mühe, die man sich gibt, nicht wegzubringen sind, die aber, versichert der Mufti, leicht durch Rebellenblut weggebeizt werden.«

»Aber Morton!« schrie Flirtdown, »wie kannst du nur solchen Unsinn zusammenschwatzen?«

»Dann sollte man«, meinte der Earl, »bei nächster Gelegenheit den Versuch machen. Gibt so schöne Gelegenheiten, und es ist von Wichtigkeit, daß diese Phiole auch in ihrer ganzen Reinheit erhalten werde. Nicht wahr, meine Teure?« wandte er sich an die Counteß.

»Ohne Zweifel, mein Teurer!«

»Aber nun sagen Sie doch, Bester,« stammelte der alte Earl, »ob diese Flammen und Jungen noch weiteres Unheil unter der ungewaschenen Menge anrichteten?«

»Ja, wohl richteten sie Unheil an«, lachte Morton. »Entsetzliches Unheil, das mögt Ihr wohl glauben. Wo sie immer hinkamen, diese feurigen Zungen, da wurden die Leute entbrannt und wüteten und tobten. Sie schlugen zuerst, wie Verzweifelte, laute Lachen auf, und dann erhoben sie ein Geschrei, ein Geheul, und stürzten umher und griffen nach dem ersten besten, was ihnen unter die Hände kam, und dann begann der Row in vollem Ernst.«

»Was ist ein Row?«

»Je nun, ein Row ist, wo man sich die Hälse und Beine bricht und man mit Prügeln, Knitteln und Pflastersteinen, auch Bank- und Stuhlfüßen, alten Degen, Musketen ohne Schlösser und dergleichen ficht, bis man eindringlicherer Dinge habhaft werden kann. Ist recht lieblich zu schauen ein derlei Row. In diesem Falle jedoch war es ein bißchen zu toll; denn die Leute begannen in vollem Ernste gegen die Trabanten des alten Herrn zu fechten, und seinen Janitscharen, Spahis und Sëiden ging es übel. Mehrere Tage dauerte dieser Row, der zur Schlacht geworden war; und als die Schlacht vorüber war, sah man auch von dem Alten und den Seinigen keine Spur mehr in dem großen Hause; war mit allen seinen Sëiden und Bonzen und Muftis verschwunden. Ehe er geflohen, hatte er die Fragmente der Phiole sorgfältig gesammelt und sie in seinem Busen recht ängstlich verwahrt; – aber der Geist war entwichen, entwichen auf eine Weise, die wirklich schrecklich für den alten Mann sein mußte; denn die Flammen umkreisten und umtanzten ihn in so höllischer Bosheit, daß es schien, jede derselben sei eine Dämonszunge, und zischten diese Flammen, wie Schlangen zischen, und brannten und stachelten ihm Löcher in seinen Rücken, so daß er es schier nicht mehr aushalten konnte und von der Stadt weg mußte.

Es war seltsam zu schauen, glaubt mir – gräßlich, wie er schritt, die tausend und tausend Flämmchen ihn umzischend und er sich ihrer erwehrend auf alle Weise, und die Scherben seiner zerbrochenen Phiole darstreckend, in der Meinung, daß die Flämmchen sich sammeln lassen werden; – aber nichts dergleichen; verbrannte sich nur die Finger, ja Hände; – zischten so teuflisch an ihn heran, diese Flämmchen und Züngelchen, daß sie ihm eine Menge Löcher in den Leib brannten. Sie leckten ihn an und umtanzten ihn und umzischten ihn und trieben ihn fort, bis er an den Meeresstrand gekommen war; da hoffte er Ruhe zu finden. Vergebliche Hoffnung! Als er im Angesichte des erbsengrünen Wassers angekommen war, rang er die Hände, und dasselbe tat seine Familie, und besonders eine alte Frau, die gescheiter war als die ganze Familie zusammengenommen; und eine junge, die, wie wir sagen, giddier war. Half aber alles nicht. Er mußte fort und sie mußte fort, über See in ein anderes Land, wo sie schon einmal gewesen und wo sie wieder ihr Absteigequartier nahmen; die Flammen nach – obgleich nicht mehr so stark, um sie herum zischend; immer aber trieb sie's noch vorwärts, ruhelos – rastlos. Es war erbärmlich zu schauen, wie der alte Mann mit seinen langen Beinen vorwärts schritt – Schritt für Schritt, nimmer ruhend, nimmer rastend. Er fing nun an, ganz und gar melancholisch zu werden, was bei Leuten seines Standes und Volkes nicht oft der Fall ist. Ganz traurig war er geworden. Seine einzige Hoffnung waren noch die Fragmente der Phiole, mit denen er vor dem alten Herrn, der im Lande herrschte, und seinem fatalen Vezier zu erscheinen gedachte; denn dieser Vezier war, wie Ihr nun wohl merken werdet, mit seinen guten Ratschlägen wohl die ganze Ursache des Unglücks gewesen. Und so erschien er wirklich vor dem alten Herrn und diesem Vezier und erinnerte ihn an die Freundschaft, die zwischen den Familien bestanden, und den Beistand, den einst einer seiner Vorfahren dem seinigen geleistet, und wie er die Phiole zerbrochen und nun hoffe, daß er ihm wieder helfen werde, sie zu reparieren.«

»Und der alte Herr –?«

»Zeigte sich auch nicht ganz unwillig, und so der Vezier, der da glaubte, man müßte sogleich ans Werk und die Phiole wieder ganz zustande bringen, und mit dem Rebellenblute von ein paarmalhunderttausend Köpfen ließe sich schon das Ganze wieder zusammenkleistern. Rief auch deshalb die Säckelmeister, um zu hören, ob sie Geld zu dieser Reparatur hergeben würden.«

»Und?« fragte der Earl.

»Die kratzten sich aber hinter den Ohren und sagten, die vorige Reparatur habe ihnen so viel Geld gekostet, daß sie mehr Goldpfunde schuldeten als sie alle zusammen genommen Haare auf den Köpfen hätten. Und sie müßten nun dieser Reparatur wegen das Volk brummen hören, und das wollten sie nicht.«

»Und der Vezier –?«

»Schnitt Gesichter und sagte ihnen, wenn sie nicht wollten, so sollten sie v–t sein und es bleiben lassen.

Und wurden die Säckelmeister über diese derbe Antwort böse und sagten, sie wollten nicht länger einen solchen Vezier haben, und bedeuteten ihrem alten Herrn, er solle ihm sofort den Dienst aufkünden, denn sie wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben; auf alle Fälle wollten sie keine twopence zur Reparatur der alten Phiole geben; und sie dankten ihm gar nicht dafür, daß der Vezier dem Herrn den gescheiten Rat gegeben.«

»Was ging das sie an?«

»Je nun, weil sie Säckelmeister waren, aber nicht gewählt von dem Volke, sondern von den Emirs und Bonzen, und so den Säckel so ziemlich nach ihrer Willkür verwalteten, auch sich dabei sehr wohl befanden; nun aber die Flämmchen auch ihre Leute rebellisch zu machen anfingen, so zwar, daß sie andere Säckelmeister haben und nichts mehr von denen der alten Muftis und Emirs wissen wollten. Wie gesagt, die Flämmchen tanzten immer weiter. Tausende von Meilen, in alle Länder und verrückten den Leuten die Köpfe und richteten unglaubliche Verwirrung an. An einigen Orten trieben die toll gewordenen Leute ihre Säckelmeister weg, an anderen ihre Veziere, ihre Emire und selbst ihre alten Herren. Überall ward mehr oder weniger Blut vergossen, und den Vezier selbst machte die Flamme von seinem Vezierstuhle tanzen.«

»Und der alte Herr?«

»Hatte weder Ruhe noch Rast, und die Flammen trieben ihn weiter in ein kaltes trostloses Land und ein trostloseres altes Schloß, wo einst eine Familie gehaust, die gerade dasselbe Schicksal gehabt und zweimal ihre Phiole zerbrochen, worüber einer der Ihrigen gleichfalls den Kopf verloren. Da nun verbarg sich der alte Herr, der aber kein Herr mehr war, und – sonderbar, die Flammen lagerten sich in einiger Entfernung, aber im Schlosse selbst und der Stadt hatte er Ruhe. Ist nämlich ein sehr bedächtiges Volk, das Volk, das da hauset, dreht den Schilling zehnmal um und fürchtet einen Row wie das höllische Feuer, nicht von wegen der blutigen Köpfe und zerschlagenen Glieder, aber von wegen der Schillinge, die es kostet, sie wieder ganz zu machen, und welche Schillinge der Shawney Spottname der Schottländer. nicht gerne weggibt.«

»Und die Flamme im Lande des alten Mannes –?«

»Brennt fort und fort lichterloh und setzt sich auf die Köpfe; und wenn sie das Gehirn aus diesen herausgebrannt hat, fährt sie wieder auf andere und richtet immer mehr und mehr Unheil an. Ist aber ein Kusin des alten Herrn da, von dem man sagt, daß er das Gras wachsen hört und weit sieht, und der einigermaßen an der Halsstarrigkeit der Säckelmeister mit schuld sein soll, so wie denn schon sein Vater – selig kann man wohl nicht sagen – an dem Bruche der ersten Phiole mehr Anteil hatte als – war ein kurioser Blutsfreund. Auch der Sohn ist ein seltsamer Herr, und seine Zunge ist noch seltsamer, sagt ein alter Fuchs, der bereits dreizehnmal den lieben Herrgott en cavalier behandelt.«

» En cavalier behandelt –?«

»Das heißt, ihm etwas versprochen und nicht gehalten hat.«

»Und was ist das für eine Zunge?«

»Eine Zunge, die ganz das Gegenteil von den Zungen anderer Leute ist, die die ihrigen haben, um, wie Ihr wißt, ihre Gedanken zu offenbaren, während er die seinige gebraucht, sie zu verheimlichen.«

»Und wird«, fragte die Counteß, »dieser Brand noch lange währen?«

»Wohl haben Veziere und Muftis und die Alten von den Bergen und den Tälern Tag und Nacht sich abgemüht, des Brandes Meister zu werden; ob es helfen wird, muß die Zeit lehren. Verbreitet sich immer mehr und mehr – macht die große Tour. Hoffen zwar die Leute, daß, sowie die Flammen weiter hinauf gegen Norden kommen, sie in den eisigen Dünsten dieser Polarländer erlöschen werden; muß aber die Reihe zuvor an Euch kommen.«

» Cut that longwinded Yankee« Mag nicht länger diesen langweiligen Yankee., schnarrte eine Stimme aus der hinteren Ecke des Saales heraus. »Glaube gar, er erlaubt sich Anspielungen.«

»Bei Jove!« schrie ein anderer. »Ich glaube, du hast recht, Meadville. Wollen mal den vulgären Burschen zur Türe hinauswerfen.«

»Ihr mich zur Türe hinauswerfen!« schrie Morton. »Mich, der die Phiole hat! Ich habe die Phiole, heda – holla!«

»Wach auf, Morton!« schrie Flirtdown, »du sprichst im Schlafe – du träumst wachend – du siehst Geister. Mit einem Worte, du hast einen kapitalen Rausch.«

»Rausch!« schrie Morton, » Mind what you say Flirtdown! Ich einen Rausch!«

»So halt doch ums Himmels willen das Maul, du bist in einem fremden Hause.«

»Pah! Bin in meiner Inn, und soll ich mir in meiner Inn nicht gütlich tun?«

Und so sagend sprang er auf und ergriff eine der vollen Flaschen.

»Meine Phiole, meine Phiole!«

Und die Lords sprangen herbei, ihm die Flasche zu entreißen.

»Habe die Phiole!« schrie Morton. »Was ist das?«

Und plötzlich stand er still, und die Augen des Jünglings öffneten sich weit und drehten sich im Kreise.

»Das ist der Vezier, das ist der Flachkopf«, murmelte er Flirtdown zu.

»Zum Teufel mit deinen Narrheiten. – Der H–g ist's – der P–r ist's – der Prinz –a– ist's – der Marquis von C–e ist's. Denke doch an deinen öffentlichen Charakter.«

Und Morton stand stier und stumm und schaute die drei Großen mit einem unbeschreiblichen Blicke an.

»Prachtvoll, Mister Morton,« sprach der H–g, und das ätzend saure Gesicht verzog sich in ein höhnisches Lächeln, »haben Ihre ganze Story hinübergehört.«

»Unvergeßlich haben Sie den longwinded Yankee produziert,« lachte der Marquis von C–e; »habe noch immer eine trübe Erinnerung seit meinem Aufenthalte in Newyork.«

» Quel drôle de conte?« kicherte der Prinz, » Ah, mon cher Morton!«

Morton rieb sich die Augen und sah den drei Großen mit offenem Munde nach.

»Wo kommen diese her?«

»Pah! spielten im Nebenkabinette Ecarté; hörtest du sie nicht? Du kommst mir vor, Morton, als ob du in deinem Leben noch nie einen Rausch gehabt hättest.«

Und die Sonne brach herein durch die Gardinen, und in ihren Strahlen erbleichte die nächtliche Pracht – die jugendlichen Geister wurden zu greulichen Larven – die herrlichen Formen zu gespenstischen Nachtgestalten. – Noch einen Blick warfen sie auf einander – ein grausig wildes Gelächter schallte durch die öden Säle, und dann fuhren alle, wie gepeitscht von unsichtbaren Händen, aus den Türen und Toren hinaus.

*

Es war unter sonderbaren Gefühlen, daß Morton den folgenden Abend in das Appartement des Geldmannes eintrat.

Er saß in seinem Fauteuil. Ein kleiner Tisch ihm zur Seite, über welchen ein weißes Tuch gebreitet war. Kein Zug war verändert in dem impassablen Gesichte. Er winkte dem Jüngling, Platz zu nehmen.

»Ah, Sie haben gestern aus der Tiefe Ihres Gemütes kolossale Gestalten heraufbeschworen. Nur im höchsten Sinnestaumel können solche Träume sich gestalten und ins Leben treten. In vino veritas, Mister Morton, sagt ein altes Sprichwort.«

Der Jüngling schwieg.

»Aus Ihnen hat die Stimme Gottes – verstehen Sie, unseres Gottes, des Erdengottes – gesprochen. Sie sind voll von ihm. Jetzt noch an Ihrer Tüchtigkeit zur Vollbringung des großen Werkes zu zweifeln, wäre Sünde. Sie sind hiermit einer der Unserigen. Ihre Lehrzeit ist vorüber.

Ihre Instruktion.«

Mit diesen Worten zog er das Tuch von dem Tische weg; ein Bogen Seidenpapier lag dort.

Morton warf einen Blick darauf, und ein leichter Schauder durchfuhr ihn. Ein Pinsel, gegen welchen der grellscharfe Crayon Cruickshanks ein bloßer Kritzel war, hatte in phantastischer Laune Karikaturen darauf gezeichnet, die ihn einen Augenblick erstarren machten. Es war der knochig hagere Alte, wie er ihn gesehen, fortschreitend mit ungeheuren Schritten, umtanzt, angeleckt von der Flamme; ihm zur Seite hohnlachend der H–g. – Darunter stand Wort für Wort, was er im Nachtrausche gesprochen.

Er sah den Alten sprachlos an.

»Das ist Ihre Instruktion. Traum Sie dem Gott, den Sie in Ihrem Innern tragen, und bauen Sie auf, was Sie aus den Tiefen Ihres Gemütes heraufbeschworen.«

»Sie gehen morgen nach Paris; Ihre Equipagen werden Sie in Calais treffen.

Hier sind zwei Schreiben für Sie.«

Eines war vom alten Stephy, der ihn zu seinem Bevollmächtigten ernannte, das andere vom alten Isling, in welchem der wackere Deutsche ihn benachrichtigte, daß sein Cyrus nach seiner gänzlichen Herstellung auf den Longisland Races sechzigtausend Dollars gewonnen, und zwar eines gegen zehn gewonnen, daß diese Summe, nach Abzug von sechstausend Dollars, zu seiner Disposition bereit liege.

Einen Augenblick stand der Jüngling in tiefes Sinnen verloren. – Weit herüber vom Westen lächelte ihm in den Strahlen der untergehenden Sonne das heitere, tugendhafte Familienpaar mit der reinen, idealischen Jungfrau an – sie, die Hände bittend erhebend. Aber vor ihm stand der Höllengott in seiner ganzen Herrlichkeit.

»Ich habe mich ihm verschrieben«, murmelte er sich dumpf dazu. »Ich will sein eigen sein. Morgen gehe ich nach Paris.«

*

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