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Morton oder die große Tour

Charles Sealsfield: Morton oder die große Tour - Kapitel 12
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleMorton oder die große Tour
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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IV.
Eine Nacht in Westend.

Auf den schwellend elastischen Kissen gewiegt begannen die Bilder und Entwürfe des Riesengeistes, der auf eine so entsetzliche Weise in das Rad der Weltereignisse einzugreifen sich berufen fühlte, auch wieder vor seiner Phantasie heraufzusteigen, die gestaltlosen Umrisse der gigantischen Schöpfung deutlicher hervorzutreten. Das Menschengeschlecht sollte ihr verfallen sein, der Riesengewalt dieser Zehn! Er lächelte und schauderte zugleich; denn, war er nicht bereits ganz in ihrer Gewalt? Hatte sie ihn nicht mit ihren Vampyrkrallen erfaßt, diese unsichtbare Gewalt? Woher stammte sie? Wie wirkte sie, diese entsetzliche Gewalt, die ihn, den stolzesten der stolzen Virginier, von den Ufern des Delaware an die der Seine, der Themse geworfen, ihm die Paläste der Könige, der Großen geöffnet, diese vor seine Türe gebracht, ihn in ihre glänzenden Hallen, in ihre prachtvollen Salons eingeführt, ihn, den Selbstmörder, den noch vor wenigen Monaten die Blackstones von sich gewiesen hätten!

Und wieder traten die Karikaturbilder der drei geckenhaften Lords dazwischen, wie Schatten sich an die gestaltlosen Phantome hängend und mit diesen kämpfend, und dann stieg, wie der Piston, von der Gewalt des Dampfes gehoben, ein neuer großer Gedanke in seiner Seele herauf, der Gedanke, eines der furchtbaren Werkzeuge, der unsichtbaren Springfedern dieser Weltumgestaltung zu sein; und in den elastischen Schwingungen der aristokratisch vornehm dahinrollenden Karosse wurde sein Gedankenflug kühner, die Bilder, die ihm der Riesengeist vorgehalten, traten frischer, deutlicher vor seine Phantasie; der Alte kam ihm vor wie jener entsetzliche Erzengel, der mit seiner Posaune alle, die da sind in den Gräbern, auferwecken soll, um sie der ewigen Herrschaft seines Gottes zu unterwerfen.

»Ist der Mann«, murmelte er in sich hinein, »nicht wirklich ein Poet? Eine Hütte bewohnt er, er, der in den Palästen thronen könnte! Und wie ein König regiert er aus den dumpfen Mauern seines Versteckes, und Hohe und Niedrige, und Reiche und Arme eilen herbei, um seinen Winken Gehorsam zu leisten! Und du, Morton! Willst du dich gleichfalls zu seinem Werkzeuge hergeben? Du, der Enkel – Er hielt inne. Pah! Bin ein Aristokrat, ein geborner Aristokrat. Will es bleiben. Der Höllenkönig wird unser Blut nicht versengen!«

»Ihnen ist heiß, Mister Morton of Mortonhall!« sprach sein formeller Begleiter, der Fashionable, der in der andern Ecke des Wagens saß. »Soll ich eines der Wagenfenster herablassen?«

Morton gab ein »Ja« zur Antwort, und mit der frischen Luft, die um seine Schläfe zu säuseln begann, verschwanden auch die Phantome, und die nackte Wirklichkeit trat wieder vor seine Augen. Und wahrlich, es war Wirklichkeit, was er nun schaute, prosaisch starre und doch wieder poetische Wirklichkeit.

Er fuhr Cheapside und Cornhill hinab – nicht Cornhill, in dem Hunderttausende von Pilgern auf- und abziehen, alle wandernd, eilend, wogend, rasselnd, rollend zum großen Schreine des Tempels des Höllengottes, der am Ausgange dieser großen Pulsader des riesigen Londons den Gläubigen entgegenblinkt, so wie das Grabmal des Propheten in der Sandwüste seinen Anhängern. Das Cornhill, das er durchfuhr, war zur Einöde geworden; die Straße glich einer Königsgruft, in der die Totenlampen brennen, oder dem erlahmten, bereits erkalteten Gliede eines Wassersüchtigen, dessen äußerste Teile der Erstarrung anheim gefallen sind und denen nur noch zuweilen die fieberische Aufregung des inneren Organismus Wärme und Bewegung zuführt.

Morton überrann ein heimlicher Schauer beim Anblicke dieser Abgestorbenheit, dieser finsteren Wohnungen, die wie die Gerüste der Vorzeit die ungeheure St. Paulskirche umgeben, das letzte Denkmal königlicher Frömmigkeit. Endlose Reihen rot und grell schillernder, im Nebeldunste verschwimmender Gaslichter, deren Widerschein nur selten von einem flüchtigen Nachtschatten gebrochen ward; keine Stimme zu hören, kein lebendiges Wesen zu sehen; der Wagen rollte und rasselte dumpf dahin, und mißtönig gellte die Klapper des Polizeimannes dazwischen; kein Lichtstrahl in den Fenstern, alles öde und trostlos in diesen gespenstigen Straßen, durch die der Engel des Todes gezogen zu sein schien.

Und indem der Jüngling so die Straße der alten City hinabrollte, stieg die Vergangenheit der mächtigen Stadt – die Vorwelt des glänzenden Kaiserreichs – vor seiner Seele herauf Die Gesamtbesitzungen der Krone werden in der Parlamentssprache und in öffentlichen Urkunden bekanntlich empire, Kaiserreich, sowie das Parlament das kaiserliche genannt. und gleitete an seinem beschauenden Blicke vorüber, so wie Bäume, Felder und Wälder, Städte und Dörfer vor unseren Augen während der schnellen Fahrt vorübergleiten.

Es stieg vor seiner Phantasie herauf der unglückliche Richard und der tückische Heinrich – und neben beiden seine Vorfahren – der kräftige Hotspur, die hochherrliche Käte, der tolle Welsche, alle umgarnt vom gleißnerischen Plantagenet; und es folgte den edlen Percys der wüste Heinrich, der Sohn, und um ihn herum die Falstaffs, die Poins, die Tearsheets, die Quicklys; und darauf kam nach langem Zwischenraum der entsetzliche, buckelige Richard und die unglückliche, verblendete Anna und der betörte Buckingham. Und wie er hinabrollte durch Templebar dem Strande zu, trat ihm der Metzger Heinrich entgegen und der pedantisch alberne James und der schwach starre Charles, und wie er umherblickte, sah er Whitehall zur Linken, und bedeutsam vor sich Charles, den letzten Stuart, der mit dem Volke Englands sein Spiel trieb; und es war ihm auf einmal, als ob er aus der düsteren Vergangenheit in das Bereich der hellen Gegenwart trete – aus den Zeiten des starken Königtums in die der stärkeren Aristokratie. Er blickte auf; er hatte Charingcroß hinter sich.

Er war im aristokratischen London angekommen.

Und alles war wie durch einen Zauberschlag verändert. Es war keine Stadt mehr, es war eine unabsehbare Reihe von Hoflagern, von oligarchischen Residenzen. Vom gewöhnlichen Leben und Treiben der Städte war auch keine Spur mehr zu sehen. Vor ihm lagen die prachtvollen Klubhäuser des Athenäums und United Service; links neigten sich die Baumgruppen des Jamesparkes in magischem Helldunkel herüber; gerade vor ihm und rechts öffneten sich die herrlichen Straßen von Pall mall und East, und herüber von Piccadilly ließ sich ein Tosen vernehmen, wie Gebrülle eines Kataraktes. Der Nebel hing blutrot über den Häusern. Endlose Reihen glänzender Equipagen, zahlreiche Gruppen in Gold und Silber starrender Diener, die sämtlichen Hotels erleuchtet, die Tore geöffnet und aus den Vestibüls und Vorhallen eine Pracht herausschimmernd, ein Luxus, der das Staatsgemach eines orientalischen Despoten beschämt haben würde, der die Kräfte ganzer Nationen, die Arbeiten von Menschenaltern sich untertan gemacht hatte; ein imposanter Anblick diese prachtvoll erleuchteten Straßen mit dem Heere goldbordierter Lakaien, imposanter durch den Kontrast mit der erstorbenen, in Schlaf und Siechtum begrabenen City.

» Mister Morton of Mortonhall sind sehr düster gestimmt für den glänzendsten Ball, den London dieses Jahr sehen dürfte«, sprach der fashionable Begleiter. »Ist es vielleicht gefällig, vorläufig auf eine halbe Stunde bei der Counteß I–y einzukehren, die heute gleichfalls ihren Ball gibt?«

»Ich dachte, die fashionable Welt sei ganz in D–ehouse konzentriert.«

»Die Counteß ist eine Hochtory,« versetzte der Gentleman bedeutsam, »und so ist der Earl von L–l ein Hochtory.« Er deutete auf ein glänzend erleuchtetes Hotel, aus dessen Innerem Ballmusik zu hören war. »Lebt zwar noch«, fuhr er fort, »im alten Stile, der Graf, zwei Geigen, zwei Klarinetten, ein Oboe und Pianoforte; die Gesellschaft aber ist glänzend.

Da drüben«, hob er nach einer Weile wieder an, »gibt der Herzog von N–e seinen Rout.«

»Westend lebt geschwind«, bemerkte Morton.

»Aber methodisch«, versetzte sein Begleiter.

Der Jüngling überhörte die Worte; denn abermals stieg vor seiner Phantasie der Alte herauf, mit der Zähigkeit eines Tigers auf Tod und Leben gegen die ungeheure Anaconda – diese Aristokratie kämpfend, deren Riesenmacht und furchtbare Schwungkraft dieses Reich so großartig umklammert hält, deren unerschöpfliche Reichtümer so siegend aus allen Straßenecken hervortraten. Diese herrlichen Reihen von Mansions, mit ihren einfach anspruchslosen und doch wieder so stolzen Portalen, ihren glänzenden Hallen, aus denen die Blüten und Blumen und Gewächse aller Zonen dufteten, und im Hintergrunde links die öden Türme und Erker des verlassenen, erblindeten Königspalastes, der unter den glänzenden Wohnungen der hochmütigen Barone dastand, finster, trostlos und verwittert, wie ein tausendjähriges Gerippe; diese Marmortreppen, mit den reichsten orientalischen Teppichen belegt und von tausend Künstlerhänden verschönert, diese endlosen Reihen von Dienern – Werkzeuge der absolutesten Willkür, die dastanden wie Automaten, regungslos, bewegungslos, der Winke hochmütiger Gebieter harrend – seit Jahrhunderten zur absolutesten Selbstverleugnung herangezogen! Sie waren sprechende Belege einer Herrschaft, die zur höchsten Potenz gesteigert, die den Thron in den Schatten gestellt, die die Quellen der Macht in ihr Bereich geleitet, die zum Systeme geworden war.

»Pah!« murmelte sich Morton zu, »dieses Reich ist in seiner zweiten Phase – es nähert sich seiner dritten; alles zieht gegen Westen – im Osten ist's Nacht; Glück zu, mein teures Vaterland!«

» Gare gare! take care! Hallo ho! A hoy!« schrie es auf einmal aus tausend Kehlen, und eine Szene bot sich dar, die kein Pinsel zu malen, keine Feder zu beschreiben imstande wäre. Der Wagen war, um ungehindert an den Palast des herzoglichen Ballgebers zu gelangen, Pall mall hinab, Jamesstreet hinauf und rechts in Piccadilly eingefahren und rollte in demselben Augenblicke einem Strudel von Menschen und Tieren, Wagen und Pferden zu, einem Chaos von Licht und Finsternis, einem Brausen und Brüllen, Heulen und Wimmern; das Pandämonium der Hölle hatte seinen Tummelplatz da aufgeschlagen; eine Feuersäule stieg vor ihnen auf, die aus den greulichen Abgründen emporzulodern schien, in deren Flammen die Verdammten toben und wüten. Tausende von Flambeaux, Tausende von Wagen und Tausende von Lampen, die in einem Nebelmeere schwammen und in jedem Luftzuge wie feurige Zungen umherschossen, und unter dem grausigen Flammenschleier Tiere und Menschen, heulend, schreiend, brüllend, stoßend, treibend – und dazwischen das Krachen der Räder, das Brechen und Klirren der Wagenfenster, das Gestöhne der Rosse, das Geheul der Weiber – alle Teufel schienen Piccadilly zu ihrem Sammelplatze erkoren zu haben.

Der Wagen war mit einer raschen Wendung durch eine kaum sechs Fuß breite Öffnung durchgebrochen, hatte ein halbes Dutzend Staatskarossen aus ihren Fugen und mit sich fortgerissen und hielt im nächsten Momente vor einer Nebenpforte, durch die Morton in den hell erleuchteten Vorhof der herzoglichen Mansion eintrat.

Wahrlich, es ist etwas Großes um englische Herrlichkeit, denn alles ist hier groß, großartig, nichts niedrig, gemein. Alles bezeugt die seit Jahrhunderten feststehende, unbestrittene Herrschaft, nicht die Herrschaft des königlichen Leibdieners, dem, wie dem Hunde, der gekrönte Meister einen Brocken von der üppig besetzten Tafel zuwirft, eigene Herrschaft, die auf selbstgelegtem Grundstein ruht, die wie der göttliche Funke, dem Königsblitze entrissen, mit der Kraft eines Donners festgehalten wird. Wahre englische Herrschaft, schwer lastend, nimmer den Takt verlierend! Diese tausend dienstbaren Geister, diese des leisesten Winkes harrenden Willensboten, diese besoldeten Wächter der öffentlichen Sicherheit, Befehle von dem letzten Lakaien annehmend; diese stolze Ruhe der Herren, diese Unbeweglichkeit der marmorkalten Gesichter, aus denen Bewußtsein fest gegründeter Macht hervorleuchtete, sie sagten noch mehr als das stolze Portal, die edlere Halle, mit ihrem großartigen Luxus, ihren vergoldeten Cornichen und Täfelwerken, an denen Hunderttausende verschwendet worden. Alles war hier großartig, alles reich, prächtig, würdig in den Tempel der Freude eines Peer des mächtigsten Reiches der Erde einzuführen!

Aus dem ersten Salon wirbelte Malibrans Zauberkehle das Che sento! a chi quel nome! der schmerzvollen Desdemona. Morton wurde von dem Aufschwunge der Töne mit fortgerissen. Ein leiser Seufzer stahl sich aus seiner Brust herauf.

»Diese drei Sängerinnen würden dem Festmahle eines Kaisers die Krone aufsetzen; hier sind sie bloß bezahlte Musikantinnen, Nebensache. Sehen Sie, das ist systematisch raffiniertes Hochleben. Nil admirari!«

Und mit diesen Worten zog ihn sein Begleiter weiter durch die Säle, Kabinette, Gemächer, die einer Königspracht spotteten, alle, wie es hieß, thrown open for the reception of the fashionable world.

Jetzt hielten sie an. Sie waren vor einer ungeheuern Pforte angekommen; noch einen Schritt und sie standen am Eingange.

Es war eine entzückende Landschaft, die sich vor ihren Blicken öffnete, eine südliche Landschaft, in der die Dattel grünte, die goldgelbe Banane funkelte, die Papageien auf den Orangebäumen hingen und der schweigsame Indianer unter dem Nopalstrauche mit seinem Federwische saß, wo duftende Blumen im Grase glänzten und Milliarden von Rubinen und Diamanten aus den Grotten hervorblitzten. Tausend Wachskerzen und tausend bunte Lampen spiegelten sich in den ungeheuern Trumeaux, und tausend Gestalten bewegten sich in diesem Zaubergarten, der, in weiter Perspektive durch die Kordilleren begrenzt, im Glanze der untergehenden Sonne wie gen Himmel emporgetürmte Silberwogen auftauchte.

Diese Schöpfung würde die Zivilliste eines kontinentalen Monarchen verschlungen haben, und doch verschwand sie gegen die Herrlichkeit der Gestalten, die unter dem seidenen Dache im Tanze verschlungen auf und nieder wogten, oder in Gruppen unter den duftenden Lauben und Gebüschen beider Indien saßen und standen.

Dieser Kranz von Schönheiten, er blendete das Auge, ein einziger Blick machte trunken, brachte das Blut in fieberische Wallung. Es war ein Wirbel, ein Gewirre der entzückendsten Geschöpfe, der lieblichsten Formen, die im höchsten Zauberreize der verführerischsten Toilette, der üppigsten Jugend, die Sinne berauschten, die Weisheit eines Gottes in Torheit verwandeln konnten. Es war ein Anblick, der die Geschichte eines Jahrhunderts, eines Jahrtausends, die Endstufen der Kultur von dreißig Menschenaltern in einem einzigen umfassenden Blicke darbot. Der Geist der Zeit dieses mächtigen Reiches lag in dieser Vereinigung von Pracht und Üppigkeit, Schönheit und Reichtum, kaltem Hochmute und hohnlachender Selbstsucht und einschmeichelnder Lust, umschleiert vom Nimbus einer grenzenlosen Verschwendung.

Es glänzten Millionen an diesen prachtvollen Gestalten, diesen herrlichen Köpfen, Armen und Busen. Die Einkünfte des mächtigsten Reiches der Welt würden nicht den Schmuck bezahlt haben, der auf diesen stolzen Köpfen schimmerte und nur wieder durch den sanften Glanz der englischen Augen überstrahlt wurde, dieser herrlichen englischen Augen, die da schwammen, wie die Sterne am blauen Firmamente schwimmen, und zitterten, wie diese Sterne zittern, und glühten, feuriger, durchdringender, je länger man in sie hinein sah. Die Poesie war herabgestiegen von ihrem Göttersitze und zur Handwerkerin geworden, um diese prachtvollen Köpfe, diese üppigen Schultern, diese idealen Formen würdig zu schmücken.

Es waren die eigentümlichsten Reize. Die Schönheiten aller Länder Europas standen hier gruppiert als Repräsentantinnen um die stolze Aristokratie des weltbeherrschenden Englands.

Es lag etwas Bedeutungsvolles in dieser Gruppierung.

»Nicht wahr, Morton,« flüsterte diesem Lord Ormond in die Ohren, »das habt Ihr nicht in Euerm Hoboken Ein Belustigungsort, gegenüber Neuyork, im Staate Neu-Jersey.

Morton gab keine Antwort. Sein Blick haftete auf den hellblau glänzenden Sirenenaugen einer Französin, die mit graziöser Impertinenz das Lorgnon gehoben hatte und ihn fixierte; ein holdes, zartes Bild, leicht, gefällig, eine unnachahmliche Grazie über die ganze, wie durchsichtige Gestalt ausgegossen, lachend, schäkernd, herzlos, perfid, mit Leidenschaften spielend, eine Talleyrand in petticoats Im Unterröckchen.. Neben ihr stand die hohe Form einer stolzen Britin, mit der Haltung einer Zenobia; die rabenschwarzen Locken, die sich auf dem Alabasternacken wiegten, gaben mit dem kostbaren Kranze von Brillanten der Gestalt etwas Königliches; die üppig schwellenden Umrisse dieser Formen rissen unwiderstehlich hin, berauschten die Phantasie.

»Pah! so sprich doch nur,« flüsterte ihm Flirtdown zu, »und stehe nicht da wie eine Bildsäule, Lady Arabella, die könnte Tote aufregen und Lebende begraben.«

Und des Jünglings Blick fiel auf ein Paar glühend schwarze Augen, mit Brauen, hoch und gebieterisch gerundet. Die Augen bohrten wie Pfeile mit südlicher Glut in ihn hinein.

»Die Prinzessin oder Marquise L –«, wisperte ihm der Lord zu. »Ist aber nichts zu machen. Komm' doch weiter.«

Morton blieb stehen, denn sein Blick war auf eine Gestalt gefallen, eine Gestalt, bei deren Vollendung die Natur sich erschöpft zu haben schien.

»Ja, dies muß sie sein«, murmelte er sich zu.

Und wahrlich, sie war ein entzückendes Geschöpf, ein vollendetes Meisterstück. Eine Taille, so zart, so luftig, so svelte; eine Form, so üppig, begehrend, wollüstig, und doch wieder so holdselig, mit der Frische der reinsten Jungfräulichkeit angehaucht. Die deliziöse Kreatur saß unter dem Schatten eines Orangebaumes, ihren Arm nachlässig auf die Lehne der prachtvollen Moosbank gestützt, ein ältlicher Mann stand neben ihr, im Begriffe, eine der goldenen Früchte zu pflücken; sie, halb sinnend in graziöser nonchalance hinschmachtend, ein unaussprechliches Etwas im idealen Gesichte, der Busen leicht gehoben und leise erseufzend, so wie ihr Blick wieder auf die halb verwitterte Ehemannsgestalt vor ihr fiel. Wie sie sich herumbog, wölbte sich der herrliche Schwanenhals, der wunderliebliche Nacken erschien durch das zarte Brüsseler Gewebe, die orientalischen Perlen an Zartheit, Durchsichtigkeit überglänzend.

Ja, sie war es, denn Leichtsinn hatte seinen Schmetterlingsschmelz diesem Gesichte angehaucht, mehr denn Leichtsinn – Leichtfertigkeit. Alles war wahr, was der Alte von dieser Göttergestalt gesagt hatte, aber tausend Züge; tausend Schönheiten hatte er übersehen. Wie sie die Frucht aus der Hand des alten Ehemannes nahm und den Schwanenhals bog, ersah sie Morton; ihr flüchtiger Blick schweifte weiter, kehrte aber wieder auf ihn zurück, die schwimmenden Augen fixierten ihn, der schöne Busen hob sich stärker, ein unterdrückter Seufzer ließ sich hörbarer vernehmen. Das Lorgnon war ihr entsunken, ihr Blick senkte sich, sinnend, verloren, zur Erde; Sehnsucht, Verlangen spiegelte sich in diesem Blicke, diesem Sinnen. Jetzt hob er sich wieder, er fiel auf den alten Ehemann, und es überflog das göttergleiche Gesicht ein Ausdruck, ein unnennbarer Ausdruck. Die ganze Lebensgeschichte, die Zukunft dieses Weibes lag in diesem Ausdrucke von Verlangen, Übersättigung, Ekel, unerfüllten Hoffnungen, Wünschen.

Morton lehnte noch immer an der mit bronzefarbiger Seide überkleideten kannelierten Kolonne, seiner selbst vergessend, mit virginischer insouciance die schöne Sünderin und die prachtvollen Gruppen betrachtend.

»Sieh' einmal das herrliche Geschöpf unter dem Bananenbaum, mit dem Perlenschmucke in den kastanienbraunen Haaren. Hast du je etwas Deliziöseres geschaut? Wer ist sie?« fragte er Lord Flirtdown.

»Das weiß ich nicht.«

»Du tust mir einen Gefallen, wenn du mich ihren Namen wissen läßt.«

»Pah!« versetzte Flirtdown, »gibt ihrer noch genug hier. Hundert statt einer.«

»Du bist doch ein –« stockte Morton.

Und wieder schweifte sein Auge hin über die glänzende Konstellation der herrlichen Gestalten, die sich wie Blumen aus duftenden Beeten erhoben, in tausendfältigen Strahlen von Brillanten und Rubinen erglänzend und den Lichtstrom der tausend Wachskerzen und Lampen verdunkelnd.

» Mister Morton of Mortonhall!« redete ihn eine wohlklingende Stimme an.

Er wandte sich zum Sprecher, einem Gentleman im mittleren Alter, mit hocharistokratischen Zügen.

»Teurer Herzog!« versetzte er.

Es war der herzogliche Ballgeber; an seiner Seite stand der schwarze Gentleman; der erstere sah den stolzen Amerikaner einen Augenblick mit achtungsvoller Aufmerksamkeit an und verbeugte sich. Und es trat ein zweiter Herzog heran, ihn zu begrüßen, ein dritter, ein vierter, und es folgten Marquise, Earls, Viscounts. Die Brust des Virginiers hob sich stolzer.

»Man erweist Ihnen Ehren,« flüsterte ihm der schwarze Fashionable zu, »die keinem königlichen Herzoge heutzutage mehr widerfahren. Werden Sie nun noch an der Macht Lomonds zweifeln, Mister Morton?« fragte er bedeutsam.

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