Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Sealsfield >

Morton oder die große Tour

Charles Sealsfield: Morton oder die große Tour - Kapitel 10
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleMorton oder die große Tour
publisherGeorg Müller
yearo.J.
editorHeinrich Conrad
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180710
projectidc21879ca
Schließen

Navigation:

II.
Der Geldmann.

Der Kopf des Jünglings war voll von seinem Alten. Wo hatte er die Gewißheit von dem Resultate dieser in ihren Folgen so unendlich wichtigen Maßregel? Einer Maßregel, die die geschriebene Konstitution der drei Reiche ebenso über den Haufen warf als jenes untoward event, zu dem der präsumtive Thronerbe durch sein drolliges Postskript Des Herzogs von Clarence, als Großadmiral, an Codrington. Veranlassung geworden, ein Kaiserreich halb über den Haufen geworfen? Als der Alte mit seiner Bestimmtheit die Majorität und Minorität der Votierenden angab, wußten diese vielleicht selbst noch nicht ihren endlichen Entschluß. Der Mann hatte eine ominöse Wichtigkeit in den Augen Mortons erlangt. Er stand wie eine Zaubergestalt vor ihm, wie der Wächter an der Pforte, die vielleicht auch sein Geschick verschloß. Es trieb ihn mit Riesenkraft die City hinauf; die ganze übrige Welt war für ihn in den Hintergrund getreten. Und als er nun den Strand hinan und Ludgatehill hinauf rollte und Cornhill durchfuhr und in das Chaos von schmutzigbraunen und roten Gebäuden einlenkte, aus dem die Vergangenheit mit all ihrer Härte und Rauheit und Unwissenheit und Beengtheit so grausig herausleuchtete, wurde es ihm düster zumute, und düsterer, als er endlich in die Einöde von Backsteingebäuden gelangte, in deren letztem Verstecke der Alte gleichsam wie die Spinne lauerte, um in seinem Netze den unvorsichtig leichtsinnigen Schmetterling des Hochlebens zu umgarnen. Auch keine Seele war in diesem Grabesviertel zu sehen. Er stellte Pferd und Wagen ein und schlich sich wie ein Schatten längs den Eisengittern der Häuser zu seiner Wohnung hin.

Die Turmuhr von St. Paul schlug sechs. Zwischen die nackt und kahl und gespenstisch emporstrebenden Häuser der engen Gasse hatten sich bereits die Schatten der Nacht gelagert. Ihm kam es vor, als ob die Riesengeister jener Männer, die Englands merkantile Herrschaft gegründet und über alle Teile der Welt verbreitet hatten, nun aus diesen ihren düstern, verlassenen Wohnungen heraus schritten, an ihrer Spitze der alte Lomond, den sie zum Wächter ihrer Interessen erkoren, zum Repräsentanten ihres Wirkens. Er trat die Treppen zur Haustür hinan, die sich, wie der Eingang zur Unterwelt, bereits beim ersten Schlage mit dem Klopfer öffnete.

»Mister Lomond zu Hause?« fragte er seinen alten, soeben mit dem Decken des Tisches beschäftigten Neger.

»Pompey gerne beten, daß alten Lomond Teufel holen möge«, brummte der Alte, eine jener gedrungenen Figuren, die durch Umfang ersetzen, was ihnen an Höhe abgeht, und in deren komfortabler Leibesbeschaffenheit und launig keckem Wesen unsere virginischen Aristokraten häufig jenen Zeitvertreib wieder finden, den die Schalksnarren verflossener Jahrhunderte ihren feudalen Gebietern gewährten. Die eisgraue Wolle am Kopfe, die, wie die Haare eines Widders, zapfenartig emporstand, die Gußeisenfarbe des Gesichtes und ein unerschütterliches laissez aller im ganzen Wesen des Alten verrieten, daß er als ein treues und bewährtes Hausmöbel betrachtet und behandelt wurde.

Morton hatte sich schweigend auf das Sofa geworfen.

Der Neger hatte das Kuvert seines Herrn aufgesetzt und stellte sodann einen Suppennapf davor.

»Da, Englischen,« brummte er, »kommen und eine solche Mockturtlesuppe auftischen, kostet six, nein, kostet five, nein, kostet elf Pence«, brummte er weiter. »Massa Hughy, essen, und dann fortziehen aus diesem verdammten Hause, Pompey es sagen.«

»Muß es gleich sein?« fragte der Herr.

»Je eher, desto besser sein für Massa«, erwiderte Pompey.

»Pompey ein Narr sein.«

»Und Pompey nicht von seinem Madeira nehmen, obwohl er befohlen; lieber Dünnbier trinken, Pompey, und so Massa tun.«

»Tue, wie du willst; ich glaube, in diesem Punkte hast du recht.«

»Glauben Sie dies?« fragte eine dritte Stimme, und das greise Haupt des Alten streckte sich zur Türe herein, und dann folgte er selbst und schaute abwechselnd Morton und wieder den Neger an.

Der Kontrast zwischen dem bildschönen, lebenskräftigen Jüngling und dem in seiner Art nicht minder anziehenden Alten schien ihn anzusprechen. Er lächelte.

»Und Sie glauben, das Anerbieten von meinem Madeira nach Belieben annehmen oder von sich weisen zu können?«

Morton war überrascht aufgestanden; aber die sonderbare Frage brachte ihn zu sich.

»Ich glaube«, sprach er.

»Sie sind noch jung,« sprach der Alte, »sonst würden Sie nicht glauben; nur Toren und Kinder glauben. Übrigens sage ich Ihnen, der stolzeste Bankier Englands würde es sich zur Ehre rechnen, eine Bouteille mit Lomond trinken zu können; doch ich sehe, Sie sind im Begriffe, Ihr Mittagessen einzunehmen, und ich habe das gleiche vor. Wenn Sie fertig sind, dann kommen Sie, Ihren Wein mit mir zu trinken; aber nicht zu frühe. Sie wissen, ich bin ein alter Brite, und die lieben es, ihr Mittagsmahl ungeniert und behaglich zu verzehren. Vergessen Sie das Anziehen der Klingel nicht, – nie – nach sieben Uhr.«

»Wein mit ihm trinken?« brummte der alte Pompey, als der Alte kaum den Rücken gewandt hatte. »Der die Peitsche bei einem Kreolen oder dem Teufel selbst geführt; der kein Christ sein.«

»Halt' das Maul, Pompey!« schrie ihm sein Herr zu, der sich am Tische niedergelassen hatte, den Kopf gedankenvoll in die Hand gestützt.

»Pompey glauben, der Alte Mockturtlesuppe auch haben wollen; – d–n – him!«

»Halt' das Maul, du alter Narr!« schrie Morton, der einen Löffel voll von der Suppe versuchte.

»Pompey es ja halten; nur sagen, daß gerne beten, wenn der Teufel den Alten holen.«

»Und wenn du 's Maul nicht hältst, so sollst du die Reitpeitsche – bei meinem Worte –«

»Massa Hughy Pompey die Katze geben? Massa Hughy Pompey die Katze geben? Der Massa und Ma auf den Armen getragen?« heulte der Neger zähnefletschend und wie toll umherlaufend.

»Bist doch ein verdammter alter Narr, Pompey; komm' her und nimm' deine Mockturtlesuppe; ich kann nicht essen.«

»Alles der gottverdammte Alte daran schuld sein«, brummte Pompey wieder.

»Pompey, kannst du denn das Maul nicht halten?«

»Pompey ja 's Maul halten; nur sagen, daß Gott den Alten in die Hölle v–n möge, und das ja nicht Übles sein.«

Morton lachte laut auf, und der alte Pompey brummte kopfschüttelnd: »Massa halb verrückt sein; denn Pompey nicht wissen, was da zu lachen sein.«

Des Negers bittere Laune gegen den Alten hatte seinen Herrn in eine Stimmung versetzt, die eben nicht die zuvorkommendste genannt werden konnte. Das verächtlich aristokratische Hohnlächeln hatte sich wieder um die gekräuselten Lippen gelegt, als er den Weg zu seinem Appartement antrat. Er klopfte an die Türe.

»Halt!« rief es von innen. »Wer ist's?«

»Morton«, war die Antwort.

»Sie haben meine Erinnerung vergessen, das Zeichen zuvor zu geben. Es ist sieben Uhr lange vorüber. Zum Glücke wußte ich, daß Sie kommen, sonst hätte es Unglück geben können.« Und wie der Mann so sprach, drückte er an eine Feder, und ein Knarren und Gerolle wurde hörbar. Darauf trat er mit dem Licht aus der Türe und beleuchtete den untern Gesimsepfosten des Treppengeländers.

»Sie haben gute Batterien«, lächelte Morton, der mit Verwunderung ein Dutzend Pistolenläufe abgezählt hatte, die aus dem Holzwerke des Geländers ihre kleinen Schlünde vorstreckten.

»Merken Sie sich das, damit kein Unglück arriviert. Ihnen möchte ich es vor allen am wenigsten gönnen.«

»Sehr verbunden«, erwiderte Morton lachend.

Der Alte schien es nicht zu hören und leuchtete seinem Gast ins zweite Zimmer, wo er auf ein Sofa neben dem Kamin deutete und selbst auf einem Fauteuil vor diesem Platz nahm, auf den er sich halb liegend, halb sitzend hinlagerte, die Füße auf einem gepolsterten Fußschemel ruhend. Dann heftete er die Augen auf den Kaminbalken, auf dem Bills, Schecks, Quittungen und andere Papiere zerstreut lagen, daneben einzelne Preziosen, untermengt mit Kupfer- und Silbermünzen. Ohne Regung, ohne Bewegung saß er mehrere Minuten, nicht unähnlich einem morgenländischen Idole.

Morton war gleichfalls schweigend gesessen; endlich schaute er schärfer in das erdfahle, unheimliche Gesicht des Alten. Es traf ihn sein durchbohrender Blick, und seine Augen leuchteten dabei so seltsam auf, daß er unwillkürlich zusammenzuckte.

Der Alte lächelte.

»Sie sind nicht vergnügt, Mister Morton«, hub er endlich an.

»Ich weiß nicht, wie ich das sein könnte. – Man hat mich gesandt, aber fürwahr –«

»Ist es Ihrem amerikanischen Stolze gerade nicht angenehm, als Ball aus einer Hand in die andere überzugehen, aus der des alten Stephy in die des alten Lomond?«

»Die Wahrheit zu gestehen, ja.«

»Das ist frei und männlich gesprochen, wie es einem Amerikaner wohl ansteht. Ich achte Sie deshalb nicht minder. Aber trösten Sie sich. Unser Heiland hatte seine Jünger drei Jahre herumgeführt, und doch fand sich ein Verräter. Das Gebäude, das wir aufführen, ist nicht von geringerer Wichtigkeit. Und Ihre Prüfung soll bald am Ende sein, ich verspreche es Ihnen.«

»Mister Lomond, diese Parallele!« rief der Jüngling, innerlich empört.

»Ah, Sie sind ein guter Christ, wie Amerikaner von guten Häusern es gewöhnlich sind – auch Briten sind es – das heißt, pro forma, des guten Beispiels wegen für den Pöbel, auf daß dieser sehe, daß man nicht above that very useful thing, religion, sei. Ah, die Religion ist eine prächtige Sache für reiche Leute, aber, so wie sie wieder ist, ein verdammt unbequemes Ding für Arme. Für alle künftigen, ewigen Seligkeiten, die sie ihnen vorspiegelt, gebe ich keine six pence; will lieber mit reichen Leuten verdammt als mit armen selig werden. Ei, eine wahrhaft aristokratische Religion verspricht, wie alle die großen Herren tun; das Halten steht auf einem andern Blatte.«

Wieder ward es stille.

»Haben Sie gehört, Mister Lomond?« fragte der Jüngling, dem man ansah, daß er der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben wünschte.

»Ich habe und weiß, was Sie sagen wollen.«

»Und was sagen Sie?«

Er zuckte die Achseln. »Ich wußte es diese vier Wochen.«

»Diese vier Wochen!«

Der Ton, in dem diese Worte gesprochen waren, mochte dem Alten zweifelnd geschienen haben. Er nahm ein Blatt aus dem Fache eines nahestehenden Pultes heraus und hielt es seinem Gaste hin. Es war ein Aktienverkauf, der sich auf eine Summe belief, die das Gesamtvermögen einer mäßig großen Stadt des europäischen Kontinents übersteigen konnte. Wieder legte er das Papier in das Fach zurück und fiel wieder in sein voriges Sinnen.

»Denkt dieses Wesen gleich andern gottgeschaffenen Kreaturen mit warmem Blute?« murmelte der Jüngling sich selbst zu, »oder ist seine Seele bei seinen stocks und Verschreibungen und Urkunden, in den Koffern der Börse, wo sein besseres Selbst sicherlich haust?«

»Sie haben ein gutes Geschäft gemacht, Mister Lomond«, bemerkte er, auf das Papier deutend.

»Beiläufig fünftausend«, erwiderte dieser trocken. »Nicht wahr?« fuhr er mit einem seltsamen Hohnlächeln fort – »fünftausend Pfund Sterling in einer Stunde, vielleicht in fünf Minuten gewonnen, durch bloßen Verkauf – was sage ich Verkauf? – imaginäre Übergabe – eine Art Wette, bei der ein paarmal hunderttausend derlei Pfunde die Blutrenner sind, gewonnen, und zwar von einem Manne gewonnen, für dessen ganze Garderobe und Einrichtung, wenigstens hier in diesem Zimmer, kein Schacherjude den tausendsten Teil der Summe gäbe. Nicht wahr, der Gedanke ist bewildernd, noch bewildernder dadurch, daß diese Summe im Grunde von einem elenden, darbenden Volke bezahlt wird? Ei, der Gedanke ist, so was man sagt, gräßlich; denn wie viele hunderttausend Schweißtropfen liebender Ehegatten, wie viele Seufzer und Zähren trostloser Witwen und Waisen und zärtlicher Eltern mögen nicht an diesen fünftausend Pfunden hängen? Aber, lieber Morton, die Schlacht ist gräßlich, das Schlachtfeld mit seinen Toten und Verwundeten ist gräßlich, aber der Sieg ist herrlich, der Triumph göttlich. Ei, dieses Gold ist Aristokratengold, und wir nehmen es einstweilen in unsere Verwahrung. Aber Ihnen sollte ich dies ja nicht sagen, denn Sie sind ja selbst ein Aristokrat.«

Diese letzteren Worte waren mit einem unbeschreiblich feinen Hohne gesprochen, und während sie der Schatten von einem Manne gesprochen, durchzuckte es ihn, wie inneres Feuer den Krater durchzuckt und in einzelnen Stößen hervorbricht.

»Und doch sind Sie düster, Mister Lomond, so düster und gedankenvoll wie an dem Tage, wo ich Sie warnte.«

»Das haben Sie getan, junger Mann!« versetzte der Alte. »Ihre Warnung ist mir sehr zustatten gekommen. Ich habe eine große, eine sehr große Summe gerettet, eine mehr als zehnmal so große Summe als diese – gewonnen. Ich halte es für meine Schuldigkeit – ja, ich bin noch immer Ihr Schuldner. Ich werde aber bezahlen. Lassen Sie die Interessen anwachsen, ja vermehren Sie sie durch solche Kapitalwarnungen, zu denen Sie in Ihrem Kontrakte mit dem großen Stephy eigentlich nicht verbunden sind, und Sie werden es nicht bereuen. Sie haben ein scharfes Auge, ein amerikanisches Auge. Ihr Amerikaner beschäftigt Euch als Kinder mit der Politik und werdet daher zeitig Männer, während wir ewig Kinder bleiben. Geht wie mit der Religion, haben Sie die nicht in Ihrer Jugend eingeprägt erhalten – im späten Alter wurzelt sie nicht mehr. Auch mit den Völkern ist's so; die Narren wollen Republiken und fallen immer in ärgeren Despotismus zurück. Pah! Merken Sie sich das, der alte Stephy und ich wollen keine Republik in Europa; taugt nicht für Europa – sowenig als für ein Linienschiff oder eine Fregatte oder ein Kriegsschiff – gibt bloß Jakobinern, die kein Eigentum respektieren, die Gewalt. – Ah, Sie sind ein Aristokrat; aber der alte Stephy weiß seine Leute zu wählen, er ist ein Gott in Menschenkenntnis. Ja, ich werde bezahlen.«

»Sprechen Sie nicht davon, Mister Lomond, Sie haben überreichlich bezahlt.«

Der Alte streckte statt der Antwort seine fleischlose Hand herüber und preßte die des Jünglings; sie lag gleich einem Stück Eis in seiner Palme.

»Ist Ihnen vielleicht etwas Unangenehmes zugestoßen?« fragte dieser; denn der Alte hatte etwas ungemein Düsteres, sinnend Unheimliches in seinem ganzen Wesen.

Dieser sah den Fragenden einige Augenblicke mit seinem durchdringendsten Blicke an, der zu fragen schien: was soll diese eigentümliche Teilnahme? Dann wurde sein Blick sanfter, freundlicher. Nochmals fuhr er auf, warf wieder einen forschend mißtrauischen, ertappenden Blick auf den jungen Mann und sprach dann:

»Sehen Sie, ich unterhalte mich.«

»Sie unterhalten sich?«

Etwas wie Verwunderung, wenn nicht Spott, lag in der Betonung, mit der diese Worte gesprochen waren.

Der Alte zuckte die Achseln und warf dem Fragenden einen mitleidsvollen Blick zu.

»Glauben Sie, es gibt keine Unterhaltung als die mit Pfunden und Sovereigns erkaufte? Auf Ihren Almacks und Routs und Bällen, in Ihren Theatern und Partien? Keine Lebenspoesie, als die aus des Tropfes Murray oder des hölzernen Longmanns Großverstandshandlung gekommen ist? Was ist die ganze Poesie, ja Gelehrsamkeit anders als Gedanken und Erfahrungen und Träume und Phantasien und Raisonnements oder, wie sie es heißen, Systeme Gescheiter, Alberner und Phantasten, kurz, sogenannter Büchermacher? Und wenn ich nun selbst gescheitere Gedanken, größere, edlere Empfindungen, richtigere Raisonnements, haltbarere Systeme, höhere Phantasieschwünge und Flüge habe als diese Büchermänner, soll ich meine Sehkräfte mit dem Geschreibsel und Druckwerke von Tröpfen, Narren, Phantasten und gelehrten Kälbern plagen? Und das sind unter tausend Bücherschreibern wenigstens neunhundertundachtzig. Ei, junger Mann! Poesie hatte ich im Gemüte eben jetzt; Poesie, gegen welche die Lord Byrons bloße Dünste eines von Genevre-Branntwein besoffenen Gehirnes sind.«

Die Miene des jungen Mannes schien zu sagen: Poesie! Dieses Gerippe und Poesie! Doch verzog sich das Hohnlächeln, das um seine Lippen spielte, sogleich wieder, und sein Auge heftete sich erwartend auf den Alten.

»Poesie,« fuhr dieser fort, »glänzende Poesie, mein junger Freund! Byron war nie in höherer Verzückung als ich gerade jetzt bei Ihrem Eintritte war.«

Und wieder glänzten seine Augen und erglühten hinter den grünen Gläsern, die er aufgesetzt hatte; seine Lippen waren seltsam zusammengepreßt.

»Es tut mir denn sehr leid, Sie unterbrochen zu haben, Mister Lomond«, entschuldigte sich Morton.

»Im Gegenteil, ich bin froh, daß Sie gekommen sind; Sie sollen hören und selbst urteilen. Ich will Ihnen bloß die Vorfälle dieses Morgens erzählen, an dem ich, wie Sie wissen, von Bankgeschäften frei war, und den ich deshalb auf diese Exkursion verwenden konnte. Doch verzeihen Sie noch einen Augenblick.«

So sagend, zog er die Klingel, worauf die schwerfälligen Tritte der Haushälterin auf der Treppe hörbar wurden.

»Eine der Flaschen mit der Chiffre G– und zwei Gläser«, befahl er zur Tür hinaus.

Es erfolgte eine Pause, während welcher das Weib das Geforderte brachte und beides zur Türe hineinreichte.

»Ziehen Sie den Kork und füllen Sie die Gläser gefälligst, Mister Morton«, sprach der Alte mit ungemeiner Artigkeit. »Der König«, fuhr er fort, »hat keinen Madeira, der es mit diesem aufnehmen könnte; aber was ist auch ein König von England für ein König? Jetzt ist der alte Eisenfresser König. Pah! er hat«, sprach er, indem er auf den Wein hinwies, »dreimal die Fahrt um das Kap der guten Hoffnung gemacht in den Fässern eines Mannes, dessen Vermögen hier in diesem Pulte liegt. Er trinkt jetzt keinen Wein mehr, denn er hat sich die Gurgel abgeschnitten. Trinken Sie! Hundert Fässer von diesem Weine liegen noch in den Docks; sie sind hunderttausend Pfund unter Brüdern wert; gehörten ursprünglich dem herzoglichen Wüstlinge von O–y, dann dem Hause G–; nun sind sie mein und sollen es bleiben.«

»Ich habe des Königs Wein nie versucht,« versetzte lächelnd Morton; »aber dieser da ist der beste, der noch je über meine Lippen gekommen.«

Und die beiden stießen an und tranken ihre Gläser aus; Morton füllte sie wieder und der Alte begann:

»Diesen Morgen«, er nippte an seinem Glase, »habe ich mir, wie gesagt, ein Vergnügen gemacht, das ich schon seit Jahr und Tag nicht mehr genossen; denn obwohl ich es früher täglich hatte, so gab ich das Geschäft schon deshalb auf, weil ich mit Größerem zu tun habe, mit Weltgeschäften. Lasse es jetzt gewöhnlich durch meinen Agenten, Coldheart, besorgen. Kam mir aber just die Lust, die Bills selbst zu präsentieren und eine Art Inkognito zu spielen. Wie gesagt, habe ich mich von diesem Geschäfte zurückgezogen, dem ich jedoch immer noch den einen und andern Tag widme, gleichsam als Tribut der Dankbarkeit, da ich ihm mein bißchen Gut verdanke. Ist für Anfänger eine sehr gute, trefflich abhärtende Schule, beiläufig was Euklids Elemente für den beginnenden Mathematiker sind, der Denkkraft erlangen will. Hatte unter meinen Bills drei, die ich selbst präsentieren wollte.«

Er nippte wieder an seinem Glase.

»Die erste dieser Bills war mir von einem Anhängsel unserer Auserwählten und Exklusives präsentiert worden, dessen Residenz Crockfords Klub ist. Er mag da noch ein paar Monate Unterkunft finden; dann wird Newgate sein Logis, und das Ende der Strick. Er kam in einem Curricle; der Wechsel war endossiert von Seiner Gnaden – of –; eine Kleinigkeit von fünftausend Pfunden, eine Bagatelle von einer Spielschuld, gewonnen und verloren an einem trüben Abend, wie es gerade Mode ist.

Der zweite meiner Wechsel kam durch einen prächtigen jungen Schwenkflügel, der sein Tilbury trieb, einen der zierlichst elegantesten Fashionables, und doch schien er mir nicht ganz fashionable zu sein. Der Mann aber – er war noch mehr Jüngling als Mann – überreichte mir seinen Wechsel mit einem hocharistokratischen Anstande, sprach jedoch kein Wort. Das Blättchen war unterkritzelt von einer unserer prachtvollsten Weiberausgaben, der Lady Mylords –; ein schönes Besitztum, aber ein wenig verpfändet. Dieser Wechsel war bloß für vierhundert Pfund. Der dritte, für hundert Pfund, sollte von einer Dame honoriert werden, die sich Mary L– unterschrieben hatte. Er war meinem Agenten durch einen Spitzenhändler zugekommen.

Der erste Gegenstand meines Besuches lebt, Sie wissen wo; der zweite bewohnt ein palastartiges Haus in –square, den dritten sollte ich in einem der verlorenen Vorwerke unseres überblähten Babylons – dem großen Pensionsquartiere Chelsea finden.«

Der Alte fuhr lächelnd fort: »Wie gesagt, bloß zum Vergnügen machte ich die Exkursion; wobei jedoch nichtsdestoweniger so manche Konjekturen und Suppositionen meinen Kopf durchkreuzten in betreff des Herzogs und besonders der Dame, welch letztere mich eigentlich bewogen hatte, das lange Pflaster zu messen.«

Er hielt wieder inne und nippte.

»Ah, dieses Weib! Welche Ouverturen! Welche Verlegenheit, Qualen! Welches Beben und Erzittern! Welch Herzpochen! Mich freuen nun einmal derlei Herzpochen; just so, wie es dem Schulmeister zuweilen Freude macht, seinem Körper durch ein paar Dutzend Querhiebe einige Bewegung zu verschaffen.«

Und dabei nippte der Alte so behaglich an seinem Glase, und seine Augen leuchteten wirklich so seelenvergnügt, daß der Jüngling kaum seinem Abscheu bezwingen konnte. Er fuhr fort:

»Hundert und fünfhundert Pfund sind eine pure Bagatelle, für mich weniger als eine Bagatelle – und doch, was würde oft, was könnte ein Weib, und selbst eine Lady, nicht für sie tun, elender fünfhundert und hundert Pfund wegen tun! Ah, Morton, es ist eine ungeheure Wonne in dieser Art Rache, dieser herrlichen, höllisch-phantastischen Rache, wenn man gehungert und gedurstet hat nach dem Blicke eines Weibes, gedurstet wie der in der Wüste Verschmachtende nach einem Tropfen Wasser – so lange man grün war – und ihn doch nicht erbetteln konnte, den Blick – und nun man grau ist und veraltet – Ah!« rief er, und sein ganzes Wesen zuckte zusammen. »Ah! Doch zur Sache. Ich habe Achtung vor hoher Geburt; denn ich selbst –«

Der Alte hielt plötzlich inne. Morton aber sah ihn starr an; denn die Worte »ich selbst« waren in einem Tone gesprochen, mit einer Miene, die eines Zaren würdig gewesen wären.

»Natürlich,« unterbrach er den Jüngling mit einem Blicke, der diesem sagte, seine Gedanken seien erraten, »war mein erster Besuch bei Seiner Gnaden, dem Herzoge of – – –«

Wieder hielt der Alte inne.

»Ich trat in den eingeschlossenen Vorhof des Palastes, der, en passant sei es bemerkt, gleichfalls meiner Beihilfe bei seiner Renovierung bedurft hatte. Ist jedoch zurückbezahlt worden. Die Zeiten sind gerade jetzt sehr günstig in diesem Territorium. Waren es nicht ganz so noch vor zwölf Monaten. Das Jagdrevier ist groß. Sonst war es anders. Verstehen Sie, wird wieder anders werden.«

Morton nickte mechanisch.

Der Alte fuhr fort:

»Ich passierte also durch den Vorhof, die Kolonade, das Portal, wo mich ein halbes Dutzend grinsender, hohnlächelnder, gähnender, goldbordierter, aufgedunsener Taugenichtse von faulen Lakaien anschnarchte und mich einem anderen Halbdutzend ebenso unnützer Tagdiebe überantwortete, die mich zu einem dritten vorschoben, alle hohnlachend und mich vom Kopfe zu den Füßen messend. Meine gerade nicht überelegante Garderobe ist Ihnen nicht mit Gold zu bezahlen, Mister Morton. Für mich war es so ein wahrer Seelengenuß, diese Spießrutengasse im Gefühle zu passieren, daß ich wenigstens noch einmal so schwer wiege als Seine Gnaden mit allen ihren Besitztümern, Orden, Silber- und Porzellan-Servicen zusammengenommen.

›Seine Gnaden sind noch nicht aufgestanden‹, bedeutete mir ein bepuderter, wanstiger Maulaffe mit ungemein großtuerischer Wichtigkeit.

›Wann kann ich ihn sehen?‹ fragte ich.

›Das ist ungewiß‹, gähnte der Kammerdiener, oder Kellermeister, oder Haushofmeister, oder was er war, indem er mir den Rücken wandte.

›Hier ist meine Karte‹, sprach ich lächelnd, indem ich meine schmutzige, in einem schmutzigeren Papier versiegelte Karte ihm reichte, die der Taugenichts nicht eher nahm, als bis er die Handschuhe angezogen hatte, und dann erst mit den beiden Fingerspitzen. ›Schlag drei Uhr werde ich hier sein.‹

›Halt, Mann!‹ rief auf einmal eine zweite Lakaienseele, die vielleicht mit Seiner Gnaden geheimen Sünden mehr vertraut war, und der meine trockene Ankündigung und mein ominöses Lächeln nicht ganz geheuer schienen. ›Ich werde sogleich sehen.‹

Ich wartete und sah dem Galgenschwengel durch den Korridor nach. Fünf Minuten darauf kam er um vieles geschmeidiger, ja ängstlich, freundlich grinsend, wie ein Fragezeichen zusammengekrümmt.

›Seine Gnaden haben Muße und wünschen sogleich Mister – Mister – zu sehen, bemühen sich Mister – darf ich um Ihren Namen bitten? – herauf – ‹

›Meinen Namen braucht kein solcher Taugenichts wie Ihr zu wissen‹, gab ich zur Antwort und stieg dann die Treppe hinan, trat in ein prachtvolles drawing room und wurde aus diesem in eine Suite von Gemächern geführt, die mit mehr als königlicher Pracht ausmöbliert waren; was sage ich, königlicher Pracht? die Zimmer im St. James-Palaste sind bloße Wachtstuben gegen diese. Gerade als ich durch diese Enfilade ging, schwand eine Figur hinter eine Glastüre, als sie mich mit ihrem Blicke erhaschte. Sie war mir aber nicht entgangen. Es war der – der – der – dessen Weib – ei, dessen Weib mehr Verstand hat als unser Kabinett, und mehr Gewalt als unser George, samt seiner dicken Marchioneß; ein Weib, das unserem alten England ein Zugpflaster aufgelegt hat, das ihm früher oder später die Wassersucht auf den Hals bringen wird. Könnte Ihnen mehr sagen; diese letzte Seeschlacht – eine wahre Sottise. Und dazumal war gerade Ebbe in gewissen Stadtvierteln. Wir machten die Flut mit einigen hunderttausend Pfunden. Ja, ja.«

Er nippte wieder an dem Glase und fuhr dann fort.

»Ah, dachte ich mir, als ich den stattlichen Mann einer stattlicheren Frau ersah, bläst der Wind wieder aus dieser Himmelsgegend? Ost-Nordost, ein trockener Wind. Ist er's nicht? Es ging aber eine zweite Türe auf, und Se. Gnaden der Herzog in leibhafter Gestalt und hoher eigener Person traten auf mich zu.

›Fassen Sie sich kurz, Mister Lomond‹ sprach der mächtige Mann, ›meine Zeit ist kostbar.‹

Ich tat es, und zog, statt aller Antwort, meinen Wechsel aus dem Taschenbuche, den ich ihm vor seine endlose Nase hielt.

Seine Gnaden, sagt die öffentliche Stimme, sind eisern und erzern und hart wie Stahl; aber sie zuckten doch zusammen und entfernten sich.

›Ah, teurer Mister Lomond, meinen Wechsel auf fünftausend Pfund – gestern fällig. Der Spitzbube hat ihn also doch versilbert.‹

Ich war nun der teure Mister Lomond, verstehen Sie, lieber Morton.

›Hoffe doch,‹ meinten Seine Gnaden, sich verbindlich leicht verbeugend, ›Sie werden gefälligst ein paar Tage Geduld haben.‹

›Schlag drei Uhr, drei Minuten, drei Sekunden‹, erwiderte ich, indem ich meinen Wechsel in seinen vorigen schmutzigen Behälter schob.

›Bis drei Uhr,‹ murmelten Seine Gnaden, ›bis drei Uhr. Das ist kaum noch drei Stunden, teurer Mister Lomond!‹

›Genau drei Stunden‹, war meine Antwort.

›Sie wollen doch nicht – Sie würden doch nicht?‹ Die eiserne Gestalt, das erzerne Gesicht zuckte zusammen.

›Und wären Euer Gnaden der Bruder des Königs, so hülfe nichts. Bis drei Uhr, oder‹ – – Als ich so sprach, schlüpfte der Kammerdiener des mächtigen Mannes herein und wisperte ihm etwas in das Ohr. Es betraf den schüchternen Besuch, den ich erwähnte.

›Aha, sehr wohl, sehr wohl, stehe zu seinem Befehle. Alles recht, Mister Lomond‹ bedeuteten mir Seine Gnaden mit wieder etwas von ihrer gewöhnlichen Trockenheit und, wie mir schien, geheimer Freude. ›Um drei Uhr werden wir also das Vergnügen haben.‹

Das eiserne Gesicht der herzoglichen Gnaden klärte sich immer mehr in helle, freundliche Zuversicht auf, als ich ihm den Rücken wandte.

Mein zweiter Morgenbesuch galt der prächtigen Lady E. Die Turmuhr von St. Bartholomä schlug gerade zwölf, als ich aus dem herzoglichen Palaste trat. Der Weg war etwas lang, aber ihre Herrlichkeit waren doch noch in den Federn. Es wurde mir bedeutet, sie wäre absolut nicht zu sehen.

›Wann kann ich kommen?‹ fragte ich.

›Um zwei Uhr.‹

›Hier ist meine Karte, geben Sie diese Ihrer Herrlichkeit. Schlag zwei Uhr, zwei Minuten, zwei Sekunden werde ich hier sein.‹

Und ich ging. Mein Weg führte hinab nach Chelsea durch Kingsroad in eines der Gäßchen, wohin ein Wagen sich selten oder nie verirrt. Das Landhäuschen, das ich erst auszuspähen hatte, lag, wie eine Schnecke in einem Winkel zurückgezogen, so bescheiden unter einer Gruppe von Ulmen und Silberpappeln und Linden, geschützt vor Wirbelwinden der Fashion und des Verderbens! Allerliebst lag es. Ich ward von einem frischen, reinlich gekleideten Mädchen in die hintere Wohnung eingelassen und mir die Türe zu einem allerliebsten Besuchzimmer geöffnet. Nichts einladender, nichts heimischer, himmlischer als diese Wohnungen unserer sogenannten Mittelklasse. Diese konnte als Muster gelten. Nirgends eine Spur von Reichtum oder Üppigkeit, aber auch nirgends eine von Mangel oder Dürftigkeit. Alles an seinem Platze, im schönsten Ebenmaße, Einklange; lieblich, süß duftend, reinlich, wohnlich, bequem. Ich liebe Ordnung und Reinlichkeit, und hier fand ich sie nach Herzenslust. Kein Stäubchen; durch das ganze Besuchzimmer schimmerte ein gewisser Zug von Jungfräulichkeit, von edler Einfalt und Tugend – wahre englische Tugend schimmerte hindurch. Ich seufzte unwillkürlich. Wäre ich doch fünfzig Jahre jünger. Auf einem Sofa lag das Gebetbuch unserer Kirche, in der andern Ecke eine in Maroquin gebundene Bibel und dazwischen Wäsche wie frisch gefallener Schnee, der Ausbesserung harrend. Die Türe ging mir viel zu frühe auf, und ein Mädchen von etwa achtzehn Jahren kam aus dem Nebenzimmer, aus dem zugleich ein röchelnder Keuchhusten nachklang.

Das Mädchen war ein wunderliebliches Geschöpf, zart wie Milch und Blut, schwellend elastisch. Die schönste Röte der Gesundheit, die frischeste Weiße der reinsten Jungfräulichkeit. – Ah!

Stoßen Sie an, Mister Morton! Auf ihre Gesundheit! Ich gäbe etwas darum, wenn Sie dieses Mädchen –«

»Ich?« fragte Morton verwundert.

»Lassen Sie uns fortfahren. Sie war einfach, aber ungemein nett und geschmackvoll in ein leichtes Indienne déshabillé gekleidet. Ihr kastanienbraunes Haar zu beiden Seiten à la Maria Stuart hingekämmt, den Knoten à la couronne geschlungen.«

Morton lächelte bei dieser Beschreibung.

»Selten habe ich etwas Schöneres, Reineres gesehen«, fuhr der Mann fort.

»Wie wissen Sie, daß sie?« fragte stotternd der Jüngling.

»Ei, ich weiß, daß auch Sie, obwohl dreiundzwanzig vorüber, noch rein und unbefleckt sind. Erröten Sie nicht; das hat Ihnen meine Gunst gewonnen. Es zeigt, daß Sie den wahren Egoismus besitzen und Kraft; und nur diese vereinigt führen bei ungeschwächtem Verstande zum Ziele. Wo Leidenschaft braust und glüht, schmilzt der eisige Verstand. Ah, wenn an einem siebzig Jahre vorübergegangen sind, dann fliehen so ziemlich alle Täuschungen.«

»Siebzig Jahre!« versetzte der Jüngling mit einer achtungsvollen Verbeugung.

»Siebzig und zwei Jahre«, bekräftigte der Alte, indem er sein Glas leerte.

»Das Mädchen«, fuhr der Alte fort, »stand eine halbe Minute und sah mich erwartungsvoll und, als ich kein Wort sprach, verlegen an. ›Meine Mutter ist krank und kann daher nicht die Ehre haben. – Darf ich bitten?‹

Ich präsentierte ihr den Wechsel. Sie ging ins Nebenzimmer und kam bald darauf mit einer Anweisung auf das Haus C–tts zurück.

›Wenn Sie, Miß, vielleicht – Sie verstehen mich?‹ sagte ich.

›Ich verstehe Sie nicht, mein Herr‹, sprach das Mädchen etwas scheu und mit einer fragenden Betonung.

›Wenn die Bezahlung Ihnen schwer werden sollte, war meine Antwort, so kann ich warten; ich will gern warten.‹

›Sie fiel uns schwer‹, erwiderte sie mit einem leisen Seufzer; ›aber die Mutter ist nun um vieles besser. Nein, nein‹, sprach sie schnell und wie erschreckend, und dabei zog sie sich verschüchtert zurück, als fürchtete sie meine weiteren Anträge. Das Mädchen wurde mir immer interessanter.

Ich war gerührt, wirklich gerührt. Es kam mir sogar in den Sinn, als sollte ich die hundert Pfund zurücklassen; aber beim zweiten Überlegen fand ich es besser, geratener, vorteilhafter für uns beide, sie in mein Taschenbuch zu legen. Sie arbeitet, und es fällt ihr augenscheinlich schwer, sich und ihre Mutter auf einem halb und halb anständigen Fuße zu erhalten. Einhundert Pfund auf diese Weise ihr in den Mund geflogen, gerade wie gebratene Tauben, ei, sie könnten Unheil stiften. Man muß alles erwägen, ermessen. Ei, vielleicht gäbe es mittels dieser hundert Pfund einmal eine Milton- oder Gravesend-Wasserpartie, oder einen Richmond-Picknick; oder die hundert Pfund fänden ihren Weg in die Oper, oder in das Drury-Lane oder Coventgarden. Nein, besser, sie lassen, wie sie ist, und selbst wenn die Familie darunter ein wenig leidet. Um so besser; viele kleine Leiden geben ein großes, und je größer das allgemeine Leiden ist, desto besser für uns, und desto näher sind wir am Ziele. Sie ist die Tochter eines Handelsmannes, der vor einigen Jahren falliert hat und dessen Nachlaß nun in der Chancery des Erlösungstages harrt. A propos, diese Chancery! Es wäre jammerschade, wenn es Lord Tenterden gelingen sollte, eine so wunderbar zusammengesetzte Gerichtsordnung zu dislozieren. Sie hat manches Tausend Pfund in meine Koffer gebracht. Aber das Mädchen würde ein herrliches Weib werden für Sie, lieber Morton. Doch lassen Sie uns weiter. Sie sind aus einem republikanisch aristokratischen Blute, das sich der Verwandtschaft mit Englands ältesten und stolzesten Geschlechtern rühmt. Sie warten auf etwas Hohes. Lassen Sie uns daher weiter.

Als ich in Kingsroad einlenkte, schlug die Glocke eins. Ich besah mir die Karikaturläden in Piccadilly, wo ich einige recht drollige Stücke auf unseren George und seine Marchioneß sah; und mit Schlag zwei Uhr zwei Minuten zwei Sekunden war ich auf der Haustreppe Ihrer Herrlichkeit der Lady E–.«

Und nun nippte der Alte an seinem Glase mit einer eigenen Art Wollust im Blicke, hielt eine Weile inne und fuhr dann fort:

»Ich stieg die Treppe hinan in das Portierzimmer Ihrer Herrlichkeit und schaute mich vorläufig in diesem um. Einer der Lakaien bedeutete mir, zu warten, und ließ mich stehen, während er sich in einen Armsessel warf.

›Ihre Herrlichkeit hat gerade zum ersten Male die Klingel gezogen,‹ sprach das eintretende, blasse, schmachtende Kammermädchen mit ihren blauen Ringen um die Augen und ungemeiner Wichtigkeit in ihrer Miene; ›ich zweifle, daß Sie, Mister – was ist Ihr Name? – vorgelassen werden.‹ ›Sagen Sie Ihrer Herrlichkeit, oder geben Sie ihr die versiegelte Karte, die ich zurückgelassen habe, verstehen Sie, die schmutzige, versiegelte Karte‹, bedeutete ich ihr.

Die schmutzige, versiegelte Karte mußte das Mädchen erschreckt haben; denn sie sah mich einen Augenblick forschend an und trippelte dann eilig aus dem Vorzimmer. Nach einigen Augenblicken kam sie zurück und, wie es schien, in Eile; denn sie winkte hastig und trippelte wieder vor mir her aus dem Vorsaale die Stiege hinan in das obere Geschoß, wo sie mich in ein prachtvolles Kabinett einführte. Kaum war ich eingetreten, als die Türe aufflog und ein Mädchen – ein Weib sollte ich sagen – herauskam, ein Weib, Mister Morton! – Ah, was war die arme Venus, als sie dem Meere in ihrem Muschelwagen entstieg, gegen dieses Weib? Eine armselige Seespinne. Hören Sie! Ein wunderbares Paar hellglänzender und wieder in einem Fluidum schwimmender Augen, bei denen es schwer zu bestimmen war, ob sie nußbraun oder dunkelblau waren. Entzückend! Nein, Mister Morton, als ich sie sah, wurde es mir auf einmal klar, daß ich vor dem schönsten Weibe Londons stand, dem schönsten Weibe Englands – der Welt vielleicht; – kaum noch Weib, denn ihr alter Ehekrüppel von Lord kann nicht viel mehr als ich.

Und dieses prachtvolle Weib war in einem Zustande – in einem déshabillé. Ah, hunderttausend, dreimalhunderttausend hätte ich gegeben, wäre ich vierzig oder fünfzig Jahre jünger gewesen.

Über ihre bloßen Schultern hatte sie einen Kaschmir geworfen, auf den die kastanienbraunen Locken und Flechten des mehr als Venuskopfes zu liegen kamen. In der unverstellten Angst, in die sie mein Name versetzt, bedeckte dieser Schal nur zur Hälfte die prachtvollen Schultern, den Marmorbusen, dieses wunderbare Gebilde einer prachtvollen Schöpfung. Ihr Morgenkleid war so übergeworfen, als wäre es berechnet gewesen, die zartgeblümten Gewebe Hochasiens und die zarteren Formen in Kontrast zu bringen. Das Farbenspiel war wirklich entzückend schön. Ah, Mister Morton, wenn man so etwas sieht, selbst wenn man siebzig Jahre vorüber ist, dann, auch dann macht man noch Narrenstreiche. Sehen Sie, dieser alte Esel Coutts. Ah, Mister Morton, diese Gestalt, dieser Busen, diese Schultern, diese – denn in der Verwirrung, vielleicht auch ad captandam benevolentiam, wurden ihr Busen, ihre Schultern und selbst die Hüften so widerspenstig und Schal und Peignoir so enge und heiß! Hören Sie, es zitterte alles an ihr. Sie war Wollust und nichts als Wollust. Und so war es auch ihre Umgebung. Alles prächtig, üppig, verführerisch. – Pah, was ist Wollust in einer Hütte? Nichts als ekelhafte Bestialität! Ja, diese Großen haben den Himmel auf Erden!

Ah«, fuhr er nach einer Weile fort, »sie war ein wunderbares, schönes Gebilde der Schöpfung, das lieblichste Bild namenloser Lust, fieberischer Glut, zitternden Verlangens und unaussprechlicher Wollust, die mit sanften Armen umfängt und mit Riesenarmen festhält, um zu erwachen, ruhe-, rastlos. – Pah! eine wütende Galoppade – ins Verderben.«

Der Alte war beinahe fieberisch geworden, als er so sprach. Er nahm das Glas, das Morton wieder gefüllt hatte, und trank. Auf einmal fragte er:

»Haben Sie sie nicht gesehen, diese herrliche Lady E–? Sie können sie sehen; sie fährt mit zwei schneeweißen welschen Ponies.

Ah, diese Lady! Sie war es, wie sie leibte und lebte. Ich hatte bereits von ihr gehört und mich immer gewundert, wie ihr ihr alter Lord so viele Freiheit lassen kann; doch jetzt wundert es mich nicht mehr. Ein solches Weib kann einem alten Manne wohl den Kopf verdrehen, und selbst wenn er Minister wäre. Machte sie doch auch auf mich einen tiefen Eindruck, brachte mir das Herz zum Klopfen; werden Sie es glauben? Ah, es war mir ein köstlicher Wollustschauer, eine herrliche Empfindung, die mich in meinen alten Tagen bei ihrem Anblick durchrieselte – eine der wenigen süßen Stunden meines grünen Lebens vor die erstorbene Phantasie gebracht.

›Mister Lomond,‹ sprach sie mit einer Silberstimme, ›wollen Sie gefällig einen Sessel nehmen? Wollten Sie wohl gefällig einige Geduld – nur wenige Tage Geduld haben?‹

Sie hatte diese Worte abgebrochen und etwas weniger bestimmt dargebracht, als Damen von ihrem Stande zu tun pflegen; denn ich hatte den angebotenen Sessel nicht angenommen.

›Bis morgen, Madame‹, antwortete ich, den Wechsel zusammenlegend. ›Bis morgen zwei Uhr, zwei Minuten, zwei Sekunden; und dann wollen wir weiter sehen.‹

Mein Blick mußte ihr gesagt haben, was in meinem Innern vorging. Pah, dachte ich, deine Lüste und Zeitvertreibe und Wollüste mitbezahlen helfen, und zwar wegen eines holdselig huldreichen aristokratischen Blickes bezahlen helfen? Deine Verschwendung, deinen Taumel, in dem du schwimmst? Für den Elenden, den dein wollüstig tränendes Auge zu schauen sich nicht herabläßt, gleichsam als wäre er ein Aussätziger – für ihn sind Newgate und die Geschworenengerichte, und Gevatter Ketch und sein Galgen; und doch versündigt er sich an Gottes Schöpfung nicht den zehnten Teil wie du mit deiner Lust und Üppigkeit, die du auf Seiden- und Brüßler Spitzen dich wälzest, gewoben unter den Tränen von Hunderten, erkauft mit dem Leben von Tausenden. – Denn merken Sie wohl, ihr Mann ist der blödeste, eingefleischteste Tory, und sie das maliziöseste, leichtfertigste Weib, das je einen alten Narren am Gängelbande herumzog. Für dich, dachte ich, gehört das Hohngelächter der Welt, für deinen Leib die Skorpionenzangen der Schande und des – Chirurgen. – Und das wird ihr Schicksal sein.

Lassen Sie uns anstoßen, Mister Morton!« sprach der Alte. Er trank und fuhr fort:

»›Ein Protest!‹ rief das wunderschöne Weib. – ›Mister Lomond, Sie können nicht so grausam sein. Nein, Mister Lomond,‹ und in der Heftigkeit ihrer Angst glitt ihr der Schal und mit diesem das Peignoir von Schultern, Busen und – sie stand beinahe ganz wie sie Gott erschaffen vor mir.«

Der Alte hielt inne und schlürfte abermals von seinem Wein; dann fuhr er fort:

»Ich aber sah auf meine Gebeine; denn so mag ich wohl meine quondam Schenkel und Waden nennen. Sie fühlte, was dieses Schauen zu bedeuten habe; denn sie schrak zurück und verhüllte sich und verstummte. Es sagte ihr, was sie zum erstenmal erfuhr, daß sie für Gold bereits feil sei. Zugleich aber war in dem unsäglich verachtenden Mitleiden, mit dem sie dieses mein Gebein einen Augenblick maß, für uns beide etwas ungemein Trostloses.

Auf einmal wurde stark an die Türe geklopft.

›Nicht jetzt, nicht jetzt,‹ rief sie, stieß sie vielmehr heraus, ›nicht jetzt, nicht jetzt. Ich bin beschäftigt. Ich habe nicht Zeit – ich verbiete es.‹

›Meine Teure, ich muß Sie sehen‹, sprach eine männliche, durch einen starken Keuchhusten gebrochene Stimme. ›Meine Teure, ich muß Sie sehen.‹

Es war ihr alter Ehekrüppel, was ich schon aus dem Epithet ›meine Teure‹ entnahm; denn ein junger Ehemann hätte sie bei ihrem Taufnamen gerufen.

›Unmöglich, mein Teurer‹, erwiderte sie in einem mildern, aber noch immer sehr bestimmten Tone.

›Das ist doch sonderbar und kann unmöglich Ihr Ernst sein‹, versetzte der mißtrauische Lord. ›Mit wem sind Sie?‹

Und unter diesen Worten ging die Türe auf, und ein Mann, stark in den Fünfzigern, trat ein. Armer Lord! Er war zum wenigsten fünfunddreißig Jahre älter als seine mediceische Venus. Sie warf mir einen flehenden, verstohlenen Blick zu, den ich wohl verstand; denn ich knitterte den Wechsel in meiner Hand zusammen. Sie war meine Sklavin, ganz meine Sklavin. Aber was hilft es einem zweiundsiebzigjährigen Manne, eine zwanzigjährige Sklavin zu haben? Pah, der alte Narr, der Coutts, mit dieser Person! Mich ärgert es nur, daß der alte Esel das Geld in den Schoß der Aristokraten warf. Hätte er nur ein wenig gesunden Menschenverstand gehabt, so konnte er wohl voraussehen, daß irgendein bettelhafter Lord oder Herzog den sündhaften Leib dieser preziosen Personnage als Zugabe zu ihrem Gelde nehmen würde. No Sir! Mein Geld ist zu höhern Dingen bestimmt.«

Und indem er so sprach, nippte er wieder an seinem Glase.

»›Wer ist dieser Mann?‹ sprach der eintretende alte Lord barsch, indem er mich vom Kopfe zu den Füßen maß.

›Mein – mein – mein Gott! Du weißt doch, daß wir ein neues Ameublement brauchen.‹

Die Stirne der Dame begann sich in Falten zu legen. Sie zitterte vor Zorn und Ungeduld.

Der Lord maß mich mit einem zweiten Blick; er schien sich meiner dunkel zu erinnern; denn auch er war bereits in meinen vier Pfählen gewesen. Nach einem dritten Messen vom Kopfe zu den Füßen trat er zum Fenster und dann ins Schlafkabinett der Dame. Der Wechsel war noch in meiner Hand, die arme Lady unbarmherzig anstarrend. Sie stierte ihn wieder ihrerseits an. Auf einmal haschte sie nach etwas auf ihrer Toilette, rannte auf mich zu, und mit einem unterdrückten Seufzer preßte sie mir einen Solitär in die Hand. ›Nehmen und gehen Sie ums Himmels willen.‹

Ich warf einen Blick auf den Solitär. Er war seine fünfhundert Pfunde unter Brüdern wert. Natürlich ging ich.

Als ich vor der Haustüre angelangt war, fand ich davor zwei glänzende Equipagen auf die Herrlichkeiten warten, die eine mit den berühmten schneeweißen Ponies bespannt, ein paar breitschulterige, gepuderte Faulenzer mit Flachsperücken und spanischen Rohren zur Seite und auf den Kutschböcken, andere die goldbordierten Livreen sich ausbürstend, aber so träge, daß ich ordentlich eine Freude daran hatte; alle lachend und pfiffig einem Paar um die Augen bronzierten Kammerzofen zunickend. Siehst du nun, dachte ich so bei mir, was den Herzog und den Marquis und die Marchioneß und den Grafen und die Viscounts als Supplikanten vor deine Türe bringt, was die Weiber zu Buhlerinnen und endlich zu –, die Thronbesitzer zu Landesflüchtigen, die Staatsmänner zu Verrätern ihres Vaterlandes macht! Aber heutzutage, lieber Mister Morton, gibt es keine Staatsverräter mehr, weil es kein Vaterland, keine Religion mehr für Große gibt. Diese existieren bloß für die Kanaille; für Große gibt es nur Interessen. Das ist die Kette, die die Aristokratien der Geburt und des Geldes, nämlich uns, die Herrscher der Erde, umschlingt. Nur der Pöbel hat heutzutage ein Vaterland, eine Religion. Wir Große haben nur Interessen, die uns verbinden und aneinander knüpfen, Franzosen und Briten, und Amerikaner und Deutsche, und selbst die Russen.«

Der Jüngling sah den Mann erstaunt an. Seine Miene, ganz verändert, hatte einen Ausdruck von Hoheit angenommen. Er fuhr fort:

»Und so meditierend schlenderte ich wieder hinab zum Palaste des Herzogs of – Wieder zog ein halbes Dutzend goldbordierter Lakaien vor mir her, und ich trat in das Sanktuarium Seiner Gnaden ein. Alles prachtvoll, königlich, kaiserlich; mehr als kaiserlich, aber strenge, wie der Besitzer, und bei alledem ein starker Widerschein von Verschwendung, Ausschweifung.

Seine Gnaden blieben diesmal sitzen und präsentierten mir einen Scheck auf – Nein, ich kann es nicht sagen, aber dieser Scheck! – Während sein starres Auge auf mir ruhte, sah ich diesen Scheck trocken an.

›Sie verstehen, Mister Lomond. Vielleicht bedarf ich Ihrer bald wieder.‹ Seine Gnaden legten den Zeigefinger auf die Lippen. ›Können Sie schweigen?‹

Ich wußte, aus welcher Himmelsgegend der Wind blies. Ich wußte, was passiert war. Was kommen sollte, mußte kommen. Sie wissen es ohnedem, Mister Morton. Die hohen und mächtigen Köpfe auf einer gewissen Seite des Kanals haben einiges Interesse für ein gewisses Land. Ei, ein sehr bedeutendes Interesse. Zu viel Interesse nehmen sie an diesem Lande. Sie verstehen mich ohnedem. Sie schießen Böcke zu unserem Vorteile. Und – – – – – – – – – – – – – –«

»Mister Lomond!« unterbrach ihn der Jüngling kopfschüttelnd.

»Sagte ich Ihnen nicht soeben,« verwies ihn der Alte, »daß es heutzutage für Große weder eine Religion noch ein Vaterland gibt; daß der amerikanische Unitarier und der russische Grieche, der bischöfliche Engländer und der protestantische Deutsche, der atheistisch-materialistische Franzose und der presbyterianische Schotte nur Interessen haben, die sie verbinden?

Ah, Seine Gnaden waren und sind noch immer in unserer Gewalt. Dieser Scheck soll Interessen tragen. Seine Gnaden sind hellsehend, tiefblickend. Ich liebe Seine Gnaden. Sie haben mehr für unser künftiges Reich getan als alle Tories seit der Thronbesteigung Williams III. Ah, der Bock, den Seine Gnaden soeben geschossen, diese sogenannte Katholiken-Emanzipation –!«

»Nicht der erste«, meinte Morton. »Ich wundere mich nur, wie man ihn Napoleon zur Seite stellen kann oder ihn gar über ihn erheben.«

»Darüber wundere ich mich nicht«, versetzte der Alte.

Morton schien frappiert.

»Der Franzose hatte mehr Genie, einen helleren, durchdringenderen Verstand; der nüchterne Brite übertrifft ihn an richtiger Urteilskraft. Der große Fehler jenes war, daß er seine Zeit nicht richtig beurteilte, die Menschen nicht richtig beurteilte, und daher regierte er achtzehn Jahre und schlug doch keine Wurzeln – sonst wäre er nicht gefallen. Bei ihm war alles Ruhm, Blüte. Die letzten Bourbonen, so elendiglich sie waren, hinterließen Wurzel; die Republik, so jung sie starb, schlug Wurzel; Napoleon keine. Er lebte isoliert, starb isoliert. Schade um ihn! Er war das größte schaffende Genie, das je die Schicksale einer Nation leitete, ein wahrer Nachhall der Römerzeit und ihrer ungeheuren, großartigen Selbstsucht. Gegen diese Selbstsucht ist die des Herzogs kleinlich, aber sie ist solider, reeller. Beide nehmen eine Prise Tabak, während Hunderttausenden die Gedärme aus dem Leibe geschossen werden; aber der Herzog, ein so engherziger Egoist er auch ist, arbeitet für seinen König, seine Mitaristokratie, er arbeitet in Verbindung mit beiden; und sehen Sie, ein Mann, der nicht allein und für sich allein, sondern für und mit anderen arbeitet, und wären es nur zwei, hat schon unendlich viel vor dem Isoliertstehenden voraus. Darin liegt das Geheimnis des Sieges des Herzogs. Er gilt für einen unschätzbaren Diener, für einen unschätzbaren Aristokraten; wogegen Napoleon als Feind des ganzen Menschengeschlechts dastand, als Feind der Republik, die er zerstörte, als Feind der Monarchie, die er aufrichtete, ohne dafür den Dank eines einzigen seiner Mitmonarchen zu gewinnen. Sehen Sie, daß der Herzog Geistesstärke hat, nichts als Diener sein zu wollen, mit und für die Aristokratie zu kämpfen, statt sich über sie zu erheben, das zeigt, daß er kein gewöhnlicher, sondern ein fester, besonnener Charakter ist. Übrigens ist er als geborener Aristokrat verpflichtet, für die Rechte seiner Mitaristokraten zu kämpfen; seine Stellung ist nicht falsch, sie ist natürlich. Es gibt Narren, die da meinen, er sollte, um recht groß zu sein, liberal und weiß der Himmel was alles werden; ja, die sich recht naiv wundern, daß er es nicht ist und ihn einen Tyrannen schelten und tausenderlei Ehrennamen geben, weil er dem Volke nicht seine angeborenen Rechte, wie sie es nennen, zurückgibt, ihnen, den rasenden Jakobinern, mit einem Worte, nicht die Macht in die Hände gibt, auf daß – sie ihm dafür den Kopf nehmen. Ihr Esel, wenn ihr wartet, bis euch der Herzog oder irgendein Regent die Macht in die Hände gibt, müßt ihr lange warten, vorausgesetzt, er ist bei vollen Sinnen und nicht vom Sonnenstiche irgendeiner genialen teutonischen Tollhäusleridee angezapft. Just so gibt es Menschen, die da glauben, wir großen Geldleute sind von Stein oder geschmolzenem Metalle, weil wir unser Geld nicht mit vollen Händen unter sie auswerfen. Ihr Narren, verdient es euch, erwerbt es euch, legt eure Hände nicht in den Schoß, stellt euer Licht nicht unter den Scheffel! Wir kämpfen für unser Eigentum, andere mögen für das ihrige kämpfen; und so tut der Herzog, er kämpft für seine und seiner Mitaristokraten Rechte, und hat recht daran, und nur Kinder und Toren werden ihn deshalb tadeln.

Die französischen Windbeutel«, fuhr er fort, »plappern das bon mot nach, das ein superkluges altes Weib von sich gegeben – er habe bloß eine Idee im Kopfe. Ei, die Französin hat ihm da, ohne es selbst zu wissen, ein Kompliment gemacht; denn ich schätze einen Mann, der Geisteskräfte genug hat, eine Idee festzuhalten und sie durch sein ganzes Leben zu verfolgen. Sie wird ein Grundstein, auf dem sich ein Prachtgebäude aufführen läßt. So hatte die römische Kirche bloß eine Idee, so hat die Legitimität bloß eine Idee; aber diese Ideen haben Jahrhunderte bestanden und Wurzeln für Jahrtausende geschlagen, die nicht ausgerottet werden können. Es kommt mir nur lächerlich vor, mit ihrem Republikenwesen in Europa. Als die Reformation unter Luther ausbrach – hier liegt ein Buch darüber – glaubte die ganze Welt, die Römische Kirche würde in acht Wochen über den Haufen sein. War sie es? Ist sie es? Und sind die protestantischen Völker weiter? Pah, sie sind in so argen Geistesfesseln wie die Katholiken; dürfen so wenig ihrem eigenen Kopfe folgen wie diese. Wissen Sie, was die Römische Kirche emporhielt? Die Mönche? Nein, die Dummheit, die Beschränktheit, der Aberglaube – die unzertrennlich vom Menschengeschlecht sind; denn sonst gäbe es keine Aufklärung, keine Weisheit, keine Frei- und Helldenker. Wissen Sie, wer die Stützen der Monarchien, der Aristokratien sind? Die Kroaten, die Kosacken, der Londoner Pöbel, die Pariser Kanaille. Solange sie den russischen Leibeigenen nicht zu einem aufgeklärten Amerikaner, die Pariser Kanaille zu rechtlichen Bürgern, den Londoner Pöbel nicht zu Freisassen umwandeln können, müssen sie starke Regierungen haben, zum Schutze guter Bürger; und diese guten Bürger werden ihre Regierungen unterstützen, nolentes volentes – denn ihre eigene Existenz hängt davon ab. Solange es Menschen geben wird, die Trüffelpasteten den Kartoffeln vorziehen, Eiderdaunen einem Brette und Castindia-Madeira schlammigem Wasser, wird es Aristokraten, gleichviel ob des Geldes oder der Geburt, geben – Stützen der Monarchien; und wenn sie sich um das Ihrige wehren, so haben sie recht. Sehen Sie, dieses sind Erfahrungssätze – ewige Wahrheiten, die sich zu allen Zeiten, unter allen Völkern bewährt haben und bewähren werden. Erfahrungssätze, auf die herabzublicken der Herzog bei all seinem Stolze nicht stolz genug ist; die aber eben, weil sie gemein sind und stets sich bewährt haben, von sogenannten Universalgenies übersehen werden. Glauben Sie mir, nichts Schlimmeres, als ein sogenanntes Universalgenie zum Herrscher, zum Leiter der Menschheit zu haben. Er sieht wie der Dichter durch eine verklärende Linse und erkennt in die Länge weder sich noch seine Umgebungen. Napoleon war ein solches Universalgenie, und was war das Ende? Er ist auf einem nackten Felsen verdorben und mit ihm sein System.«

Und der Mann hielt nach dieser sonderbaren, grob praktischen, aber im Tone der bestimmtesten Zuversicht vorgebrachten Abschweifung inne und nahm dann sein Glas, aus dem er einen langen Zug tat. Bisher hatte er abgebrochen, kurzatmend gesprochen, und bei jeder Periode eine längere oder kürzere Pause gemacht, sichtlich um seinen Atem zu schonen. Jetzt hob er mit stärkerer Stimme an:

»Und begreifen Sie nun, mein junger Freund, warum und worüber ich sann?«

Er sah Morton starr an, und indem er die grünen Augengläser auf den Tisch legte, schwollen seine mumienartigen Züge zusehends, seine scharfen, rotgrünen Augen funkelten wie phosphorische Kugeln; sein ganzes Wesen begann etwas unnennbar Unheimliches anzunehmen.

»Ahnen Sie nun«, hob er wieder an, »etwas von meinem, von unserem Vergnügen? Denn der große Stephy genießt es in demselben, in noch höherem Grade, weil er der Stützpunkt, das Fundament von uns allen ist – unser Kaiser. Das ist der genialste Franzose, den ich kenne.

Ahnen Sie etwas?« fragte er mit bedeutungsvoll betonter Stimme. »Ahnen Sie etwas von der Seelenfreude, die wir sogenannten Geldleute genießen? Rechnen Sie es für nichts, in das innerste Heiligtum, in die tiefsten Winkel des menschlichen Herzens zu dringen, die gekrümmten Schleichwege der Staatsmänner zu erforschen, die verborgensten Falten der bürgerlichen Gesellschaft zu enthüllen, den Königssohn, den stolzen Herzog, den hochadeligen Baron, den Tapferen, den Listigen, die Schönste der Schönen in ihrer ganzen Nacktheit, in ihrer hoffnungslosen, hilflosen Ohnmacht vor sich auf den Knien liegend zu schauen? Diese Szenen immer und immer wechselnd und immer wieder sich erneuernd, diese schrecklichen Spiele, diese verzweiflungsvollen Gelüste, diese rasenden Freuden, die zum Schafott führen, diese hysterischen Gelächter der Verzweifelnden, bereits auf dieser Erde Verdammten, diese schwelgerischen Gelage, die das grünste Leben in wenigen Jahren – was sage ich Jahren – Monaten grau machen! Hier ein Staatsmann, dem seine Gurgel zu lange ist, – dort ein Vater, der nicht länger den gebrochenen Stolz des Failliten ertragen mag; wieder ein Weib, das in der Verzweiflung das einzige Kleinod darbietet, aufdringt, das ihr sonst um keinen Preis feil gewesen wäre! O, diese Schauspiele, diese herrlichen Schauspiele!«

Und wie der Alte so sprach, entfuhr ihm ein heiseres, aber entsetzliches Kichern.

»O, diese Schauspiele und Schauspieler!« kicherte er wieder, »diese unnachahmlichen Schauspieler! Hier könnten Garrick und Kemble und Kean in die Schule gegangen sein; aber an uns ist ihre Kunst verloren. Wenn so ein liebekrankes Mädchen, ein alter Handelsmann, der mit grauen Haaren an den Bettelstab gebracht worden, eine Mutter, die ihr unglückliches Kind vom Verderben retten wollte, ein edler Lord an der Schwelle der ewigen und zeitlichen Verdammnis, wenn sie kamen und ihnen die Haare gen Berg standen, wie einem geschreckten Rosse die Mähne gen Berg steht, da ward mir anfangs wohl ein wenig seltsam zumute. Aber alles ist vergangen, sowie der Geist Gottes – des unterirdischen Gottes – mich durchdrungen. Jetzt bin ich einer derer, die nichts mehr täuscht, die hell sehen, die diese Szenen recht gemütlich anschauen können. Ich kann sagen, junger Mann, nichts täuscht mich mehr, nichts kann es. Ich durchdringe Herzen und Nieren, besitze den Schlüssel zu allem. Wir können Armeen und Soldaten kaufen – Staatsgeheimnisse – und die Werkzeuge, sie zu unseren Endzwecken zu lenken. Was die Bourbonen einst in ihrem Stolze von sich sagten: kein Kanonenschuß dürfe ohne ihre Einstimmung fallen – das, junger Mann, können wir mit mehr Wahrheit sagen; denn wir sind zehn, die unsichtbaren Dezemviri, die nun die Welt regieren.

Ja, junger Mann! Die schönsten Weiber sinken vor mir auf die Knie und beten mich an, brünstiger, als sie je die Gottheit anbeteten. Hier in diesem Zimmer, Morton!« er deutete auf die Türe der ersten Pièce, »hier haben Schönheiten sich gekrümmt, vor denen Könige sich auf die Knie niedergeworfen haben würden; hier haben sie ihr Teuerstes, ihr Bestes angeboten, aufgedrungen, Schönheiten, deren Reize das kälteste Männerherz hätte rasend machen können. – Und Lomond? Lomond stand kalt und unerschüttert, hohnlachend in seinem Innern. Diese Rasereien haben für ihn längst ihre Reize verloren. Meine Aufgabe ist die der Rache, diese ist meine Ehrenschuld, die ich abtragen muß; habe ich sie abgetragen, dann gehe ich gerne hinüber. Rache und Gewalt und Herrschaft, das ist meine, unsere Aufgabe. Ah, diese Großen – jetzt stoßen sie mich nicht mehr zurück; aber einst taten sie es. Wie auf einem Wurme traten sie auf mir herum, als ich noch jung war und kräftig – aber hilflos, pfenniglos, ohne Obdach, mich zu schützen; ohne Freund, mich zu trösten; ohne eine mitleidige Seele, mir eine Träne zu weihen. Wäre das nicht die Rache, beim lebendigen Gott!« rief der Mann mit entsetzlich funkelnden Augen, »ich würde mein Gold glühend werden lassen und es in meine eigene Kehle hinabgießen; denn was wäre es mir jetzt nütze, nachdem ich allen Freuden des Lebens abgestorben bin? Eine Höllenqual wäre es.«

Der Alte hielt wieder inne und fuhr dann fort:

»Ei, ich habe die Milde der christlichen Liebe, die Sanftmut der hohen Welt empfunden, und sie sollen sie sicherlich wiederempfinden.«

Wieder hielt er inne und fuhr nach einer Weile in einem leiseren, aber erschütternd schneidendem Tone fort:

»Vom Trödler bin ich zum Mäkler, vom Mäkler zum Wucherer, vom Wucherer zum Großhändler, vom Großhändler zum Staatspapierhändler gestiegen, und durch alle diese Lebenswege hat mich, wie den alten Stephy, nur ein Gedanke begleitet – der der Rache, der Herrschaft. Aber die Zeit unserer Herrschaft war noch nicht gekommen; die Fesseln der Geburt, des Aberglaubens waren noch nicht gebrochen; für den Reichen gab es in der Welt noch keine sichere Zufluchtsstätte, die Willkür konnte ihn selbst in diesem Lande erreichen. Nun aber kann sie es nicht mehr. Auf Eurem Boden, junger Mann, ist die Zitadelle, die den Hafen verteidigt, in dessen Busen die Reichtümer der ganzen Welt in Sicherheit liegen können. Auf Eurem Boden ist der mächtigste Selbstherrscher schwächer als der winzigste Großhändler; dort ist der Damm, an welchem sich die Willkür bricht; dort der Fokus, wo sich die Strahlen vereinigen und von wo sie wieder ausgehen; dort der Fels, an welchem sich alle Herrscher die Schädel zerstoßen würden, von wo aus die Freiheit der Welt, die Sicherheit des Eigentums ausgehen muß. Nicht jene jakobinische Freiheit von Narren und Bluthunden – die Freiheit der Person und Sicherheit des Eigentums; und diese sind die Grundlagen aller wahren Freiheit.

Zehn sind wir,« sprach der Mann mit erhabener Stimme; »über die ganze Welt zerstreut und doch täglich, ja stündlich beisammen; durch keine Bande und doch wieder durch die innigsten Bande verschlungen, die des gemeinschaftlichen Interesses, das der Welt eine neue Gestaltung geben soll, früher oder später geben soll, wird, muß. In London sind wir fünf. Alle Wochen versammeln wir uns, vergleichen Noten und bestimmen den Gang der Weltverhältnisse. Die Mysterien der Finanzen dieses und aller Reiche und ihrer Existenz liegen klar vor unseren Augen. Kein Reich, keine Familie, kein Stand, der je mit uns in Berührung gekommen, ist unserem anatomischen Messer entgangen. Wir halten die Bindungsfäden der Existenz jedes Staates, jeder Familie, von der allerhöchsten bis zur niedrigsten, in unserer Hand. In unserem Soll stehen Milliarden, stehen Staaten und Familien, Könige und Kaiser; es sind Noten, wie die in dem Buche des ewigen Richters. Der öffentliche Kredit und das häusliche Wohl, die Wohlfahrt der drei Königreiche und aller Reiche der zivilisierten, das heißt der schuldenden Welt, des Handels und Wandels, hängen von unserem Winke und Willen ab. Was ist die erbärmliche geheime Polizei des ganzen Kontinentes gegen die unserige, die wir bezahlen wie die Herren der Welt? Denn das werden wir sein, früher oder später; früher oder später werden wir die Stelle dieser Aristokraten ganz und gar einnehmen, wir die nächsten an den Thronen sein, Mister Morton! Und nicht weniger fest sollen deshalb diese Throne stehen. Und das tanzende und in seinen Fesseln knirschende Frankreich, und das phlegmatisch mondsüchtige Deutschland, und das träg bigotte Spanien, und das elendigliche, an den Knochen seines dreitausendjährigen Ruhmes nagende Italien müssen sich beugen und fügen, und alle Länder der Erde müssen folgen; denn unsere Mineurs sind tätig. Wir senden unsere Botschafter täglich, stündlich; jeder Sack Kaffee, jede Büchse Tee, jeder Warenballen, jede Anleihe gründet unser Reich fester. Pah! Und es gibt Narren, die da sagen, wir lieben das Gold um des Goldes willen. Ei, wir lieben das Gold, aber die Herrschaft lieben wir noch mehr, denn sie ist süßer noch als Gold; an ihr verdirbt man sich den Magen nimmermehr, und wäre er auch noch so blöde. Andere meinen gar, wir arbeiten für das Volk, den schweinischen Haufen – pah!«

Und der Alte brach wieder in sein unheimliches Kichern aus.

»Wir? Der monied interest Geldinteresse, Kapitalisten, Staatspapierhändler., die moneycracy Die Aristokratie des Geldes. für den schweinischen Haufen kämpfen! Wir kämpfen gegen die Aristokratie der Geburt; aber wir kämpfen für uns. Immer aber gewinnt die Menschheit dabei, junger Mann! Denn aus dieser manus mortua der Aristokratie, dem toten Meere des Bürgertums, in dem alle Flüsse und Fische ersterben, zu gelangen, ist für die Welt ein Gewinn, mit dem sie schon einstweilen zufrieden sein kann. Es gibt keinen Sprung in der Natur. Alles geht langsam.«

Und wieder hielt er inne und fuhr erst nach einer geraumen Weile, rings umher auf die Wände deutend, fort:

»Hier,« sprach der verwitterte Greis, »innerhalb dieser armselig trostlosen Mauern ist der größte Held, der Schlachten zu Dutzenden gefochten, weich und sanft geworden wie der arme Sünder, der auf dem Punkte steht, in die Ewigkeit hinübergeschnellt zu werden. Hier ist oft der tollste Liebhaber, den ein Wort von den Lippen seiner Schönen in Entzücken und wieder in Raserei versetzt, auf seinen Knien gelegen; hier hat sich der hochfahrende Staatsmann, der Millionen auf den Nacken tritt, gekrümmt; hier der Kaufmann, der Millionen gebietet. Hier haben Atheisten, die den Namen Gottes nie anders als höhnend über ihre Lippen gebracht, zu dem ewigen Gott beten gelernt. Hier werden noch Königssöhne und Herzoge beten lernen, junger Mann, und das auf das schönste; denn hier«, er fuhr mit der Hand über die Stirne, »ist die Wagschale, die das Schicksal von Millionen und abermals Millionen aufwiegt.

Und Sie glauben,« sprach er lächelnd, »daß wir keine Freuden haben, keine Poesie, keine hohen Empfindungen? Daß unter unseren kalten, verschrumpften Außenseiten keine großen Herzen schlagen, kein warmes Blut fließe? Sie glauben, daß Byrons Poesie kühner war als die meine, des alten Stephy Phantasie – seine Aussichten glänzender? Pah! Er gründete bei Narren einen Namen. Wir gründen in der Wirklichkeit ein Reich – eine Kirche, die glänzender als die römische Kirche werden soll, herrlicher und dauerhafter als die des römischen Vatikans, die die Pforten der Hölle nicht überwältigen sollen; denn auf ihren Fundamenten ist sie ja errichtet.«

Und nachdem der Alte so gesprochen, erhob er sich und richtete sich auf lang und langsam, und legte seine Hand auf des Jünglings Schulter, und sein durchdringendes Auge ruhte einen Augenblick prüfend auf ihm; dann, ohne ein Wort weiter zu sagen, verschwand er in sein anstoßendes Schlafkabinett.

Von Mortons Zügen aber war das ironisch-höhnische Lächeln ganz gewichen. Seine Augen kreisten sich, indem er sich nach dem Bilde des Alten wandte; er taumelte der Türe zu wie ein vor dem Bösen Fliehender. Ihm war Hören und Sehen vergangen. Der verwitterte graue Mann war vor ihm aufgeschwollen zum Ungeheuer, zum Riesen, zum irdisch-höllischen Gespenst. Er war verwandelt in ein horribles, phantastisches Zerrbild, der eingefleischte Repräsentant des Fürsten der Finsternis, des Gottes der Hölle, der auf die Erde gestiegen. Existenz, Schönheit, selbst die Freiheit und Zukunft des Menschengeschlechtes erschienen ihm schauderhaft abschreckend; denn alles war ja oder sollte ihm zinsbar werden, dem Höllenfürsten.

Indem schlug die Glocke elf.

Der Alte erschien nochmals an der Tür.

»Morton, Morton, eilen Sie mit dem Ankleiden; Sie sind ja noch auf den Ball in D–ehouse geladen.«

»Diesen habe ich ganz vergessen,« murmelte der Jüngling in die Tür.

»Aber unsere Nobility nicht; denn die ist erst jetzt in ihren lichten Intervallen,« lächelte der Alte. »Gute Nacht! Sie fahren in Ihrer eigenen neuen Equipage.«

Erst als er in seinem Ankleidezimmer vor seinem Spiegel stand, verließ ihn einigermaßen der Taumel, in den ihn die unbeschreiblich ergreifende Nachtszene versetzt hatte; immer noch stand jedoch der verwitterte, funkelnde Alte vor seinem Blicke.

»Pah!« sprach er, sich rüttelnd, »haben heute Neumond, und der wirkt immer auf derlei Köpfe. Der – und die alte Aristokratie Englands über den Haufen werfen! Ich wenigstens will nicht die Hand dazu bieten.«

Es wurde das entfernte Rasseln einer Karosse gehört, und bald darauf verkündeten ein halbes Dutzend Schläge, die die Grundfesten des Hauses erschütterten, einen späten und hohen Besuch.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.