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Morgenrot

Otto Stoeßl: Morgenrot - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleMorgenrot
authorOtto Stoessl
firstpub1912
year1912
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleMorgenrot
pages1-420
created20070425
sendergerd.bouillon
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Otto Stoessl

Morgenrot

Roman

 

 

1912
Georg Müller Verlag München


I.

Es will mir immer unbillig scheinen, von einem Neugeborenen zu sagen, es erblicke das Licht der Welt, denn zu einem, wenn auch zaghaftesten, doch willentlichen Ermessen des ungeheuren erhellten Raumes ist nicht das hilflos dämmernde Geschöpf des ersten Tages, sondern doch nur ein Menschenwesen befähigt, das Eindrücke ordnen und Empfindungen über das Dunkel des Wohlbehagens oder Schmerzes hinaus, fassen und klären kann. Erst ein Keim von Vernunft, Licht, das dem Licht erwidert, mag den Tag erblicken, aufnehmen und mit ihm leben. Nach meinem Sinn war also der junge Held dieser Geschichte etwa drei Jahre alt, als er das Licht der Welt erblickte, das heißt, als er wußte, die Sonne am blanken Himmel sei die große Allgewalt und der Raum seiner Tage sei die Welt.

Dieser Strahl der Erkenntnis drang zum ersten Male durch das Dach eines Hinterhäuschens. Nachdem der Vater, Josef Dieter, der ältere, Hausbesorger bei den »drey Husaren« in der Marktgasse zu Lichtenthal, seit dem frühen Morgen auf einer Leiter von innen, dann unsichtbar von außen mit geheimnisvollen festen Schlägen gehämmert, war plötzlich ein großes Fenster ausgebrochen, durch dessen Viereck ein voller Strom von Glanz überraschend in die ebenerdige, feuchte Stube drang. Dort lag in einer behaglich ausgestatteten Holzlade sein einziger Sohn, Josef Dieter, der jüngere, zu Füßen des elterlichen Ehebetts und streckte jauchzend seine Arme dem neuen warmen Schein entgegen. Das Zimmer und die daran stoßende schmale Küche, die dürftigen Wohnräume der Familie, hatten bisher nur durch die ins Höfchen gehenden Fenster ein gedämpftes Licht erhalten, so daß der Ort, wo das Kind aufwuchs, ebenso lange in jener halben Dämmerung verblieben war, wie es selbst, das nun erst gleichsam erwachte und recht eigentlich zur Welt kam, als sie mit ihrem Schein zu ihm fand. Seit diesem Tage begann es, Häuser, Gassen und Menschen in gewisse Zusammenhänge zu bringen, die Grenzen seiner Schritte, den festen Boden unter ihnen, den Weg über den kleinen, mählich wachsenden Bezirk seines Daseins abzuschätzen. Hier fangen seine Erinnerungen an, obschon manche frühere Ereignisse und Gestalten zuweilen in einem geheimnisvollen Leuchten, gleichsam unterirdisch auftauchen. So entsinnt er sich zum Beispiel an einen chinesischen Pavillon der Wiener Weltausstellung vom Jahre 1873. Name und Anlaß der Erinnerung erfuhr er freilich erst später. An den Wänden standen auf hölzernen Sockeln merkwürdige bunte, porzellanene Halb- und Ganzfiguren aus dem Reiche der Mitte. Der Vater, welcher in diesem Saal als Diener schaltete, führte ihn zuweilen durch den stillen, lichten Raum und stäubte mit einem Flederwisch die stummen Helden ab, worüber sie ernst befriedigt, bejahend die Köpfe schüttelten, was sie dauerhaft fortsetzten. So nickte eine wortlose Reihe dem Knaben zu und sah ihn aus ernsten Augen an. Er entsann sich auch eines lebenden, leibhaftigen Chinesen, welcher sich zu den porzellanenen Figuren etwa verhielt, wie sein Vater zu ihm. Dieser Chinese trug einen rötlich gelben, langen Seidenrock, über welchen ein blauer Umhang zu beiden Seiten der Brust herniederfiel. Unter einem kleinen Käppchen schoß ihm hinten ein langer, schwarzer Zopf hinab, an welchem er sich von dem winzigen Europäer packen und lenken ließ und gehorsam trabte. Er sprach auch ein paar wunderliche deutsche Worte, die aber bald in einer Flut fremder Gurgel-Quetschlaute kläglich untergingen. Was man ihm sagte, verstand er immerhin ganz wohl. Auch er hatte als Diener allerhand Aufträge wahrzunehmen. Die schrieb er mit Kreide auf ein Schiefertäfelchen, welches von einer Halsschnur gehalten, vorne an seiner Brust hing, und wenn es mit Strichen und Zeichen voll bedeckt war, wischte er es an dem blauen Ueberwurf ab. Diese und andere vereinzelten Eindrücke aber entbehrten der Folge, während Dieter nun erkannte, wo er zu Hause war und sacht seine Welt mit tastender Vernunft zu erweitern suchte, um sich keinen Tag, keinen Menschen und keine Sache fürderhin entgehen zu lassen. Zuerst wünschte er sich des neuen willkommenen Lichtes aus der Höhe zu versichern und verlangte, daß seine Bettlade genau unter das Dachfenster geschoben würde. Nun blickte an jedem Morgen beim Erwachen das Auge des hellen Himmels voll in das seinige. Das Gebäu »drey Husaren« war von der heute ausgestorbenen Gattung kleiner Familienhäuser, die zur Zeit des geringeren Bodenwertes und der bescheideneren Verhältnisse in den Vororten allenthalben dicht nebeneinander hockten. Das sogenannte »Lichtenthal« und »Thury«, die beiden benachbarten, noch heute in allen Gassenhauern als letzte überlebende Urwiener Gegenden gepriesenen »Gründe«, führten ein eigenes verschwistertes Kleinleben. Die »drey Husaren« waren von diesen Zwergwesen vielleicht das Kleinste, doch gehörten sie, unbeschadet ihres Namens, friedlichen Leuten. Im vorderen Gebäude hauste im ersten Stocke ein Junggeselle, bei höheren Jahren noch immer ein hilfloses Muttersöhnchen, mit seiner strengen Beschützerin. Der Doktor Zarf hatte zwar irgendeine Wissenschaft studiert, mochte aber nur zu einem geringfügigen Kanzleidienst brauchbar sein, den er sozusagen als standesgemäße Uebung betrieb, während er sein sonstiges amtsfreies Dasein ganz dem Gehorsam gegen seine Mutter widmete. Was die beiden Leutchen dort oben trieben und wie sie das lange Leben verbrachten, ging unsern Dieter wenig an, denn er bekam sie nur selten zu Gesicht, wenn sie vom Höfchen aus über eine schmale Holzstiege den eisengeländerten schmalen Gang erreichten, der in ihre Zimmer führte. Das Haus besaß keine andere Treppe. Der Gang aber, von wildem Wein bewachsen, blickte, wie schmal er war, doch herrschaftlich über den Hof, welcher auf der andern Seite von einer Feuermauer begrenzt wurde. An diesen Namen knüpften sich für Dieter glühende, angenehm schreckhafte Vorstellungen, die der häßlichen, schmutzigen Wand eine schicksalsvolle Großartigkeit verliehen. Im Hintergrunde des nur wenige Quadratmeter umfassenden Höfchens stand das ebenerdige Hausbesorgerquartier, des Knaben engste Heimat. Mit fünf Schritten durchmaß man von ihrer Schwelle das Geviert des Hofes und kam durch die Tür einer Glaswand in den Flur des Vorderhauses, der durch ein tagüber halb offenes braunes Tor von der Gasse geschieden, in seiner Dämmerung einen überaus anziehenden Raum bot, denn von seiner linken Seite ging wiederum eine Tür in die dunkle Küche des Doktor Zarf und zu den Leckerbissen der alten Agnes, von der später die Rede sein wird, während an der ganzen rechten Wand in großen Glasrahmen von Dieters Augenhöhe bis zur Decke Photographieen von Menschen hingen, kleine und große Bilder von Männern, Frauen, Kindern in ganzer oder halber Figur, in städtischer, bäurischer oder Amtskleidung, deren Betrachtung viele Stunden wunderbar ausfüllte. Dieter glaubte, hier seien alle Menschen der Welt abgeschildert, so viele es überhaupt gebe, denn die Zahl der Bildnisse dünkte ihn unermeßlich, zumal er nur die zu tiefst angebrachten deutlich wahrnahm. Vater, Mutter, Doktor Zarf und dessen Mutter, sowie die alte Agnes waren nicht darunter. Dies schien aber nur selbstverständlich, lebten sie doch ohnehin im Hause. Wenn aber eine neue Persönlichkeit auftauchte, suchte er sie an der Wand wieder und glaubte sie da oder dort zu erkennen. Vermochte er dies aber auf keine Weise, dann tröstete er sich, der Unbekannte hinge wohl höher und würde später schon aufgefunden werden, wenn der kleine Betrachter um das nötige Stück gewachsen sei, auch die obern Reihen ordentlich zu mustern.

Die alte Agnes in der Küche des Doktor Zarf war eines jener heute nahezu ausgestorbenen Wesen, welche der Volksmund »Hausmöbel« nennt, als Leute, die einem Hause unverbrüchlich zugehören wie ein Tisch oder Schrank. Dieter war der einzige Freund der alten Agnes, die nur zu ihren Besorgungen auf eine Stunde höchstens aus dem Hause kam, sonst bloß auf einen Augenblick im Hofe erschien, wo sie vom Brunnen Wasser schöpfte oder das Büttel ausgoß. Während jüngere Mägde Sonntags in bunten Kleidern hinausfliegen und allenthalben an Wirtshaustischen wie Reihen schnatternder Vögel sitzen, ließ sie sich in solcher Ruhezeit schwer auf ihrem Küchenstockerl nieder, legte die Hände in den Schoß und wartete. Ihre Züge behielten die unveränderliche Unbestimmtheit eines grauen Stubenalters und verrieten nur beiläufig ihre Jahre, während man aus ihren Reden gelegentlich erfuhr, daß sie noch den Doktor Zarf als einen Wickelknaben getragen hatte. Der Lauf der Welt bestand für sie bloß darin, daß sie stets in der Nachbarschaft Kinder kommen, wachsen und wieder verschwinden sah. Das Sterben und Begrabenwerden spielte in dem kleinen Gedankenkreise der armseligen Person die wichtigste Rolle, denn so oft der Knabe sie feierabends besuchte, holte sie eine Schachtel mit Musterstickereien hervor, welche mit bunter Wolle auf durchstochenen Kärtchen ausgenäht, Kreuze und Kränze auf Gräbern unter Trauerweiden und dergleichen Sinnbilder des Todes zeigten. An diesen Werken ergötzte sich Dieter, indes sie voll Begeisterung erzählte, so schön sehe es einzig auf Friedhöfen aus, so hoffe auch sie einmal bestattet zu werden, und wenn es so weit sei, möchte er sie auch an diesem Ehrenorte besuchen. Doch gab die alte Agnes, derweil ihr Gast einen guten Apfel oder ein Stück Kuchen, Reste ihrer eigenen Mahlzeit angelegentlich verspeiste, noch eine zweite Geschichte zum besten, vom »Agnesbrünnl«, welches in einer grünen Talschlucht des Wienerwaldes bei Sievering quillt. Sein Wasser ist heilsam; wer sich damit die kranken Augen wäscht, wird gesund, und wer mit den gesunden hinabsieht, erkennt glückbringende Lotterienummern in der Tiefe. Dieses »Agnesbrünnl« galt der Erzählerin als Inbegriff der weltlichen Herrlichkeit. In seinem Namen war ihr das Wunder des Waldes und Wassers, der schönen Erde und aller Hoffnungen verkörpert, sie kannte von der ganzen Umgegend ihrer Stadt nichts als diesen Ort, wohin sie einmal, vor weiß Gott wie vielen Jahren gekommen war, als sie noch ausging. Ihr starker Glaube wirkte auf den gehorsamen Dieter, welcher bereitwillig das unbekannte »Agnesbrünnl« verehrte und die Alte für den Geist dieser Wunderquelle hielt, deren Name und Kraft offenbar von dieser gegenwärtigen Agnes stammte. Darum mochte er auch später, als er an die Stelle geführt, mit unbefangenen Augen ganz und gar keine heilsamen Lotterienummern im Wasser wahrnehmen konnte, dieses »Agnesbrünnl« durchaus nicht für das richtige halten. Das wirkliche floß gewiß irgendwo anders, und nur die Agnes konnte es aufzeigen. Aber auch sie bemühte sich nicht weiter, den einzigen Ort der Gnade wiederzufinden, der so vieles verhieß. Das war freilich ein Widerspruch, kam aber weder dem Knaben, noch ihr zu Bewußtsein. Denn ihrer beider Einfalt war weise genug, eben als das einzige wahrhafte Glück den besten Glauben zu würdigen, welcher seine unberührbare Wahrheit und Beseligung in sich trägt, während die Wirklichkeit im Augenblick der Erfüllung ertrinkt.

Indes die alte Agnes in ihrer Küche verharrte, wuchs ihrem Schützling mit jedem Tage die Lust der Bewegung, die bald weiter hinaus verlangte und fand. Jeder Schritt öffnete eine Pforte in die große Welt. Das Haustor wurde aufgetan, die Mutter saß nähend beim Stubenfenster und blickte durch die Glaswand über Hof und Flur auf die Gasse, so konnte sie den Buben immerhin überwachen. Er durfte nun draußen auf dem Bürgersteige der Marktgasse spazierengehen. Doch war ihm eine genaue Grenze vorgeschrieben, die er nicht überschreiten sollte, auf der einen Seite durch den Laden eines Essighändlers, auf der andern durch den eines Selchers bestimmt, so daß er da wie dort an dem starken Geruche erkannte: bis hierher und nicht weiter. Bei aller Lust nach frischen Erfahrungen blieb er doch gehorsam in diesem abgesteckten Bezirk und kehrte getreulich vom sauren Essiggeruche nach dem scharfen Räucherodem der Schinken und Würste um, nicht ohne im Bereich dieser hundert Schritte eine Unzahl neuer Dinge zu entdecken.

Unser junger Held, welcher dergestalt zwischen Essighändler und Selcher die Welt erforschte, fand zufolge dieses natürlichen Gehorsams eine gewisse Beruhigung, nach der kurzen Weile seines selbständigen Wandels wieder an dem heimatlichen Haustore vorbeizukommen, nickend einen Blick durch den Flur und die Glaswand ins Höfchen hineinzuwerfen und dabei einen andern Blick zu treffen, den er suchte. Die Mutter, obgleich emsig arbeitend, hob die Augen unfehlbar von der Näherei, wenn sie ihren Buben vor dem Haustor spürte, und keinmal kam ihr Blick zu spät, wenn ihn der seine erwartete.

In dieser Zeit machte sich der Vater, der, wo immer er war, Tätigkeit und nützliche Neuerungen suchte, an eine Arbeit zur Verbesserung des Hauses. Au dem Schindeldach der »drey Husaren« gab es nämlich nur winzige Lücken, die den Bodenraum im Dunkel und daher unbrauchbar ließen. Er beschloß also, wie in seiner eigenen Wohnung, Dachfenster auszubrechen, stand oben mit seinem Werkzeug, nahm an den richtigen Stellen die Schindeln aus und warf sie auf die Straße hinab, während Dieter der jüngere unten belustigt zusah, wie die Hölzer lärmend ankamen. Diesem Schauspiele wohnte ein älterer Bube an, trat neben den Kleinen, begann, die Schindeln sorgfältig zu schichten und zu einem ordentlichen Haufen aufzubauen, an welcher Arbeit Dieter gleich voll Eifer mittat, wodurch sich eine stumme, doch beifällige Kameradschaft ergab. Erst als der Vater oben auf dem Dach soweit fertig war, daß er nur mehr in die großen Oeffnungen die neuen Fenster mit den gehörigen Blechrahmen einzupassen hatte und hinabkam, um diese Stücke zu holen, fand sich ein Gespräch zwischen dem großen und den kleinen Arbeitsleuten, indem der Vater seinen Knaben hieß, die Schindeln nun geschichtet wie sie waren, in den Hof zu tragen. Dabei sah er auch den Helfer an und fragte ihn um den Namen. Franz hieß er. Also sollte der Franz auch mittragen dürfen, was sich der bloßfüßige, ernst dreinschauende nicht zweimal sagen ließ. Seit dieser gemeinsamen Verrichtung traf Dieter den Franz alltäglich auf der Straße und spielte mit ihm. Der Vater hatte in aller Stille nach diesem Gesellen Erkundigungen eingezogen, und da der Franz das Kind einer fleißigen Mutter war, ließ er die beiden gewähren. Die Unterschiede der menschlichen Gesellschaft an Vermögen, Gesittung und Freiheit reichen tief hinab bis zur grauen Armut, und selbst die in Fetzen gehen, wahren peinlich gewisse Abstufungen des Standes und verraten sie, so daß jeder sich selbst an seine Stelle verweist und der unnachsichtigen vorherbestimmten Ungleichheit der Natur, sei es wider Willen und zähneknirschend, zu ihrem Recht verhilft. Derart stand der kleine Dieter, welcher Vater und Mutter hatte, die in einem bürgerlichen Dienstverhältnis und geordneter, wenn auch kleinster Wirtschaft lebten, welcher bewacht, sorglich geschützt, anständig gekleidet wurde, hoch über dem älteren Franz, der barfuß lief, wohin er wollte und nicht zwischen Essighändler und Selcher sich aufzuhalten brauchte. Aber gerade diese Beschränkung erschien dem ärmeren Knaben als ein Zeichen von Vornehmheit, und er fügte sich ihr freiwillig, ohne Dieter irgendwie zum Ungehorsam zu verleiten. Mithin zogen nun die zwei selbander das kleine Stück der Marktgasse auf und nieder, blieben von Zeit zu Zeit vor dem Haustor der »drey Husaren« stehen, sahen nickend hinein und begegneten dem Blick der Frau Dieter. Derweise konnte sich auch der Franz einbilden, eine Mutter wache über ihm, aber es war freilich nicht anders, als sollte er sich am Geruch einer Speise sättigen, die seinem Gesellen zum Essen bestimmt war. Was Franz an Alter, Erfahrung, Verstand und Weltkenntnis vor Dieter voraushaben mochte, wurde durch dessen höheres Menschentum mehr als ausgeglichen, ja es ergab sich ohne weiteres eine Dienstbarkeit des Aelteren und für Dieter bei allen Spielen ein Vorrang und die selbstverständlichen Erleichterungen, daß er beim Kutschieren immer Lenker, niemals Pferd war, die Peitsche schwang, nicht spürte und befehlen durfte, ohne seinerseits gehorchen zu müssen. Und wie es die Pflicht des Herrschenden ist, den Dienenden zu belohnen, wodurch das natürliche Ungerechtigkeitsverhältnis gleichsam nach außen festgesetzt und unwandelbar gemacht wird, tat dies auch Dieter, indem er ein kupfernes Vierkreuzerstück, das er besaß, seinem Kameraden schenkte und dadurch vollends dessen Seele erkaufte. Leider hatte aber dieses angenehme Verhältnis keinen Bestand und wurde durch das strenge Einschreiten des Vaters für alle Zeit geschieden. Das kam so.

Zu den wenigen Menschenfiguren, die sich durch ihre Besonderheit und dadurch, daß sie regelmäßig erschienen, unserm Dieter damals einprägten, gehörte ein alter Hausierer mit krummem Rücken und schmutzig weißem Barte. Der kleine, gebrechliche Mann führte an einem Riemen vorn ein Tragbrett mit allerhand Verkaufsgegenständen: Hosenträgern, Bändern, Nadeln, Schmucksachen und dergleichen und zog die Marktgasse entlang, ohne, wie andere seines Zeichens, seine Ware laut auszurufen und anzupreisen. Vielmehr begnügte er sich, vor vermutlichen Käufern anzuhalten und sie mit einem demütigen Blick aufzufordern. Er pflegte sich oft mit eigentümlicher Hast umzuschauen und gerade in den Hausflur der »drey Husaren« hinter den Torflügel zu treten, um erst nach geraumer Weile und nach allen Seiten vorsichtig spähend wieder hervorzukommen. Dies geschah, weil er ohne Lizenz hausierte und daher den Wachmann fürchten mußte. So oft dieser Behelmte an der nächsten Straßenecke auftauchte, galt es, sich unsichtbar zu machen. Und der gutmütige Vater Dieter gestattete dem gehetzten Hausierer, gerade das günstig beschützende Versteck der »drey Husaren« als Asyl zu benutzen, nicht ohne streng hinzuzufügen: »Ich weiß von nichts. Mich geht's einen Teufel an, was Sie da treiben und wollen. Aber daß Sie mich nicht ins Spiel mengen.« Auf diese Weise gelang es dem Alten, sein armseliges, gefährliches Gewerbe in der Marktgasse ungehindert zu betreiben, und dafür wollte er sich wohl schon längst irgendwie dankbar erzeigen. Deshalb rief er eines Tages den Dieter, der ihm gerade in den Weg sprang, mit freundlichen Worten zu sich, schenkte ihm ein Stück Bärenzucker und steckte ihm einen gewirkten Schal, grau mit blauen Tupfen, zu: »Das gib deiner Mutter, junger Herr.« Der Knabe tat so. Die Eltern zeigten sich aber gar nicht erfreut über dieses schöne Geschenk, wie der Spender und Dieter gehofft hatten, sondern beauftragten ihr Söhnlein, es augenblicklich dem Franz zu geben, der dem Hausierer nachlaufen und ihm das Tuch einhändigen sollte, denn sie mochten von dem Akten nichts annehmen, noch weiter wissen. Bedauernd gehorchte Dieter und richtete dem Kameraden den Auftrag aus. Dieser enteilte gehorsam. Am nächsten Tage hatte Dieter längst die ganze fremde Sache vergessen und bemerkte gar nicht, daß der Spielgefährte das graue Tuch mit den blauen Tupfen um den Hals trug. Wohl aber staunte der Vater darüber, stellte den Franz und brachte im Verhör bald heraus, daß dieser den Schal behalten hatte, weil es ihm angeblich nicht gelungen sei, den Hausierer einzuholen. Die Versuchung war wohl groß gewesen, ein so schönes und warmes Schmuckstück über dem zerlumpten Gewand zu tragen, sich auch einmal stattlich zu wissen durch eine zierliche Kostbarkeit, wie denn die genaue Unterscheidung von Mein und Dein dem Auge eines Kindes nicht eben gemäß ist. Aber wie immer, der Vater Dieter kannte keine Milderungsgründe, sondern nahm dem Missetäter das Tuch vom Halse, er wolle es dem Hausierer selbst zurückgeben, aber der Franz möge sich schleunig davonmachen und zwischen Selcher und Essighändler auf der Marktgasse fürderhin nicht mehr aufhalten. Derweise wurde dem freien Knaben auch eine Grenze bestimmt, allerdings auf andere Art, als eine verbotene, und Dieter mußte wieder allein seinen Weg gehen. In dem kleinen Viertel konnte er nachmals nicht verfehlen, seinem einstigen Gefährten zu begegnen, der aber wich ihm aus und streifte ihn nur mit scheuen Blicken, denn durch das abgelehnte Tuch schien Dieter noch höher gerückt, während der Franz durch das seiner begehrlichen Armut entsprungene Vergehen noch tiefer hinabgezwungen war. So tun zwischen den Menschen kleine Begebenheiten Klüfte auf, die das spätere Schicksal meist erst recht erweitert, selten schließt. Aber nachmals kommt der Haß hinzu und die schlimme Lust, diese Klüfte zu überspringen, und das gibt böse Blicke, die Menschen schauen über ihre Abgründe einander wie reißende Tiere an, und die eingeborene Demut des niederen vor dem höheren schlägt in Tücke um. Es ist das Glück der Kinder, noch nicht so zu schauen oder angeschaut zu werden. Mit den zunehmenden Tagen nahmen auch die Schritte des Knaben und seine Wege zu, und allmählich lernte er den ganzen Bezirk um sein Heimathaus kennen, die beiden verschwisterten Gründe »Lichtenthal« und »Thury«, welche zueinander gehörten wie zwei paarweis laufende Rosse, zwischen denen die Marktgasse sich etwa als Deichsel streckte. Oestlich lag Lichtenthal, Thury westlich. In der Marktgasse waren die Buden der Lebensmittelhändler aufgeschlagen, und von der Kirche, deren breitaufgepflanzte Barocktürme, wie die vielen in ihrer Zeit gewachsenen, sozusagen ein freundliches Mariatheresiengesicht zeigten, erscholl der Lärm der Verkaufsstände bis zur Alserbachstraße, durch welche das damals offene Wässerlein floß und »Lichtenthal« und »Thury« vom sogenannten Alsergrund schied. In die Morgenträume des Knaben polterte das Bollern der Butten mit Obst und Grünzeug, das Rasseln der anfahrenden kleinen Wagen, und in seine Frühwege lachte die Lockung schön ausgebreiteter Aepfelhaufen oder duftender Lebzeltereien. Rechts und links zweigten enge, alte, dunkle Gassen ab, alle mit den kleinen verschrobenen Häuschen, deren jedes seinen eigenen Namen führte, welcher ein weit zurückliegendes Erlebnis der einstigen Eigentümer, eine vergessene Sage, ein beliebtes Gleichnis oder Wappensymbol vergegenwärtigte, wie »das goldene Einhorn« oder der »silberne Anker« – Edelmetall funkelt von je in den begierigen Vorstellungen des Stadtbürgers – oder »zu den sieben Nußbäumen«, was daran gemahnte, daß dereinst von Nußdorf längs der ganzen Flanke der Stadt bis zum Wienerberg hinüber eine Reihe von Nußbäumen gezogen, von denen wohl sieben in der Gegend des einen Hauses sich vor Zeiten tapfer mochten behauptet haben, während die übrigen von den zunehmenden Bauten längst überrannt worden waren. Einen finsteren, überwölbten, nach Unrat riechenden Durchlaß gab es, wo mit ein paar Efeustöcken eine kleine Gastwirtschaft wie in einem Schachte lag: »der goldene Brunnen«. In einem engen Raum zusammengedrängt, schienen alle Häuser die merkwürdigsten Verrenkungen auszuführen, um ihr bißchen Luft und Licht zu schnappen. Diese Bemühungen waren hauptsächlich an den eisengeländerten Gängen kenntlich, wie auch die »drey Husaren« einen hatten. Aber bei den anderen Gebäuden liefen diese Gänge um den ganzen Hof oder außen an der Front um die Ecke und waren von grünen Topfpflanzen besetzt und hießen »Pablatschen«, ein Ausdruck, der sicher von weither, von Böhmen oder Spanien kommt und so wunderlich entstellt geblieben ist.

Was aber die Lustbarkeiten betrifft, welche hier üblich waren und die eng beisammenhausende Gemeinschaft erheiterten, an denen Frauen und Kinder teilnahmen, während die Männer an Wein und Bier in den Schenken genug hatten, so gab es unter anderm als Sehenswürdigkeit eine mit Glas gedeckte »Pablatschen«, eine Art Gewächshaus, wo ein bescheidener und geduldiger Pflanzenliebhaber viele Geschlechter von Kakteen züchtete, die im Frühjahr aus den warzigen, knolligen, abstoßenden Blättergeschwülsten herrliche glutrote oder violette Blüten trieben. Der glückliche Besitzer empfing um diese Zeit den Zuspruch aller Weiber und Kinder der beiden Gründe, auch Dieter kam mit seiner Mutter mehrmals hin und besah das Blumenwunder.

Ein anderes Vergnügen fand sich im »Pimperltheater«, hoch oben im »Thury«. Dieser Grund stieg nämlich auf hügeligem Boden empor, die meisten Gassen bestanden bloß aus schmalen Steintreppen und erweiterten sich gelegentlich zu kleinen Plätzen, mußte »Thury« sich doch notwendig ducken, denn es wurde vom Linienwall eingezwängt, der damals, eine unbewehrte Schanze, grasbewachsen, die Grenze bildete. Dort, am Walle, an beiden Ufern des Alserbaches, schafften die Wäscherinnen, da ging es lustig zu, und wo heute große Häuserreihen unter dem Lärm der Stadtbahn und der elektrischen Tramway ihre Glieder ausrecken, gab es damals noch freien Himmel, offenes Land, flatternde Schürzen, Hemden, Röcke, Hosen, lachende und scheltende, keifende und rumpelnde Frauenzimmer und jenseits des Walles unbebaute Felder und Wiesen. In einem Winkel der verfallenen Mauer, auf einer hohen überschauenden Stelle lag nun das sogenannte »Pimperltheater«, eine Bretterbude mit einem Zuschauerraum, der etwa fünfzig Leute faßte. Die Reichen bezahlten vier Kreuzer und saßen auf Holzbänken und bekamen sogar Strohmatten vor die Füße, die Armen leisteten nur zwei Kreuzer und standen hinten. Die Sitzplätze wiesen zwar keine Nummern auf, wurden aber von dem Saaldiener und Schauspieldirektor – das war eine Person – nach der Vornehmheit der jeweils Erschienenen verteilt. So oft Dieter mit seiner Mutter kam, durfte er in der ersten Reihe, der Bühne gegenüber sitzen. Gespielt wurden als Puppenspiele lauter ernsthafte Stücke, nicht etwa Kasperliaden, denn das Volk ist keineswegs so sehr auf den niedern Spaß erpicht, welchen es sich aus eigenem und im gemeinen Leben nach Lust zu bereiten Zeit und Witz genug hat, sondern auf den hohen Ernst, auf noble und großartige, tragische, blutige Dinge. Die wurden hier von den steifen Puppen unter Begleitung einer gleichförmigen, hochdeutschen, fremden und gezwungenen, hohlen Rede in der romantischen Szenerie gespielt. Meist trugen sich alle Vorgänge in einem Walde zu, dessen grüne Bäume mächtig staubten, wenn eine der Figuren an sie streifte und an ihrem Draht durch die Luft dem Schauplatze entzogen wurde. Die Mannigfaltigkeit der Eindrücke, die Gleichförmigkeit der Reden und des hölzernen Puppenmaterials und nicht zuletzt das sehr jugendliche Alter des Zuschauers ließen ihn die Fabeln und Gegenstände der Schauspiele bald vergessen, während ihm das Um und Auf: Holzbänke, Publikum, staubiger Wald der Szene, Oellampenlicht über dem murmelnden Raum, dauernd im Gedächtnis blieb. Ueber allen Ereignissen dieser Zeit lag wie ein guter Frühschein der freundliche Blick der Mutter. Von ihr behielt er vor dem Goldgrund der glücklichen Jugend einen rührenden Umriß: wie sich an dem Fenster des dumpfen Wohnzimmers ein zartes Haupt mit blondem Haar über die Näharbeit beugte und zuweilen zwei dunkele Augen aufschlug, welche mild und liebreich blickten. Der Vater, der ihm das ganze weitere Leben gesund und kräftig zur Seite blieb, war ihm allzeit als breitgewachsener, maßvoll heiterer und wieder strenger Mann gewärtig, die Mutter immer in dieser eigentümlichen Haltung, die so sehr dem Fleiß und der Sanftmut zugleich entspricht, eine stete Arbeit in einer gewissen Ruhe und Beschaulichkeit verrichtend. Auch hielten den Vater Geschäfte und Gänge viel außer Hause, der Mutter aber gehörte die kleine Wohnung und der Bube ganz zu. Sie war schwächlich und als einem frühen Tode bestimmt, bösen Ahnungen, bedeutenden Traumbildern und abergläubischen Auslegungen selbst harmloser Ereignisse zugänglich. Ein plötzliches Geräusch, ein unvorhergesehenes Eintreffen konnte sie zittern und nicht selten leise aufschreien machen, bis sich die Angst bei der folgenden Beruhigung in ein liebliches Lachen löste. An diese Schreckhaftigkeit knüpfte sich auch eine Geschichte, welche Dieter nicht oft genug hören konnte, wie ihn, als er eben zur Welt gekommen war, der Wolf mit glühenden Augen durchs Fenster angeschaut habe.

Der Vater Dieter stammte aus der hügeligen Plateaulandschaft des nordöstlichen Böhmens, einem Landstriche, hart an der preußischen Grenze, von rauhem Klima. Ein mächtiger Wind vom Osten her, darum der »Polack« geheißen, weht über das Gebiet, welches vor Zeiten seinen Reichtum hatte, als noch die großen Wälder standen. Da kannten die Leute keinen andern Betrieb und keine andere Arbeitsgelegenheit als den Wald. Der nährte sie, und es ging ihnen auch recht gut, so lange sie draufloswirtschaften und Holz machen konnten. Sie waren dabei gedankenlos fleißig und hieben und fällten mit wildem Eifer. Ueberall schallte und klirrte es von Aexten und Sägen, und an den eiligen Bächen warteten die Schneidemühlen, das Wasser half mit beim Zerkleinern und wechselte die gute große Münze des Forstes behend in die gangbarere kleine von Stamm und Schnittholz, ja es führte diensteifrig die Ware noch talab. Damals gingen die Bauern dort noch in der würdigen Tracht mit ehrbaren, geschweiften langen Röcken, mit silberknöpfigen Tuchwesten und in Schnallenschuhen einher, fuhren mit ihrem beweglich gewordenen Wald auf Flößen und brachten die längsten Mastbäume und die geradesten zu Wasser elbabwärts nach Hamburg, welche der Schiffbau sich mit Vergnügen und um reichliches Geld aneignete. Aber bei dieser gedankenlosen Wirtschaft war allgemach der ganze, große, schöne Wald in die Welt gewandert und davongezogen, und an der Stelle der dunkeln Forste standen jetzt kümmerliche Blößen, Hutweiden, Wiesen; der Wind hatte freie Hand, der Schnee das beste Gelände, und die allenthalben aufspringenden Bäche fanden nichts mehr zu treiben, es sei denn, daß der spielerische Sinn der Dörfler, die mehr Muße hatten, als sie mochten, die hurtige Quelle dazu verwendete, ein Schwungrad zu drehen, welches mittels eines Treibriemens eine Holzwiege schaukelte, in der ein Kind freundlich zur Decke blickte, während der Vater beim Webstuhle saß. Die verarmten Bauern mußten sich nach anderer Arbeit umtun. Die einen gingen traurig ihrem Walde nach in die weite Welt und wanderten aus auf jenen selbigen Schiffen, die von dem Holz ihrer Stämme gezimmert, übers Meer nach Amerika zogen, die andern blieben daheim und mußten, weil ihr Grund nun mit seinem kärglichen Ertrag sie nicht ernähren konnte, von den eigenen Leibeskräften zehren, was für den Landmann eine böse Sache ist, denn die Muskelarbeit ohne sonderliche Kenntnisse schafft wenig und nur trockenes Brot. So wurden aus wohlhabenden Leuten arme geduldige Weber, die in ihren alten Holzhäusern am Stuhl saßen und ein bescheidenes, dichtes Gewebe wirkten, so recht ein Hungertuch. Aus einem solchen Holzhause kam Dieter, der Vater. Sein Erzeuger hieß der Paramentenschneider-Sephe, weil er neben den gemeinen Hosen und Röcken auch Meßkleider für die Kirchenleute nähte; er hatte viele Kinder, Knaben und Mädchen, die nachmals weithin über die Welt zerstreut wurden. Dieter, der Vater unseres Bürschleins, als der vorletzte von Sephes Sprößlingen, war schon in der Not dieses Landes geboren worden, aber noch zur Zeit, als die Erinnerung an die verlorene Waldherrlichkeit mit allem Schmerz lebendig war, so daß er keinen andern Wunsch kannte, als sie. Außer dem notdürftigen Schreiben, Lesen und Rechnen lernte er – aber niemals zünftig – so ziemlich alles Handwerk, welches sich einem Menschen, der, was er braucht, selber machen muß, von ungefähr zwischen die Hände drängt: Tischlerei und Zimmermannsarbeit, Weben und Schneidern, Gartenbau und Sattler- wie Riemergewerbe, als Muß in der Not und als Kurzweil im Glück. So schaute er sich in seiner Landschaft um, wo es gerade was zu tun gab und tat mit, überall zu brauchen, anstellig und guter Dinge, leicht ernährt und bald zufrieden. Aber dies galt nur als Vorbereitung, denn er mußte und wollte einmal aus dem Tal hinaus. Und eh' er sich recht besonnen, war er auch mitten in der Welt, wo sie am wildesten ist, bei Militär. Als bescheidener und genügsamer Mensch lebte er sich recht bald ein und erreichte die hohe Würde eines Offiziersburschen. Darüber gibts nichts zu lachen. Denn Gewehrgriffe schlagen, in strengem Schritt gehen, am Ende Gefreiter und Korporal werden, das bringt auch ein gehorsamer Tropf fertig, aber vermöge besonderer Geschicklichkeit zum Diener eines vornehmen und anspruchsvollen Offiziers taugen, ist etwas anderes, selteneres und höheres, worauf man sich schon was zugutehalten darf. In dieser Eigenschaft entfaltete Dieter alle seine Kenntnisse und Fähigkeiten und war mehr als ein Werkzeug, ein wirklicher Freund seines Herrn. Er hielt nicht bloß die anvertraute Uniform instand, Säbel und Kartusche, Stiefel und Feldbinde, sondern er nähte, schusterte, flickte jeden Schaden, kochte das Essen, ja er verstand sogar russischen Tee zu bereiten. Von seiner Löhnung wußte er nahezu alles zu ersparen, so daß er selbst mit Geld aushelfen konnte, wenn einmal Not daran war, kurz er hielt sich als ein unentbehrlicher Gehilfe. Die Kunde von seiner ehrenvollen Laufbahn war denn auch in die Heimat gedrungen, und siehe da, eines Tages erschien in Pardubitz, wo Dieter stationiert war, sein alter Vater – Paramentenschneider-Sephe auf Besuch. Das machte aber dem Jungen, der sonst ein sehr guter Sohn war, keine Freude, denn er hielt dafür, daß ein Vater sich nicht gleich zu zeigen habe, wo der Sohn in Diensten steht. Dies beweist nämlich entweder ein unangebrachtes Mißtrauen, oder eine gleicherweise unstatthafte Begierde nach Geschenken und Unterstützungen. Zumal bei seinem Ehrenamte konnte eine solche Visite am Ende gar den Eindruck hervorrufen, als hätte der Offiziersbursche sich unrechtmäßig und insgeheim Schätze aus dem Gute seines Herrn zusammengescharrt, die nun der Vater wegtragen wolle oder dergleichen. Nichts kann mißtrauischer sein, als eines Bauern Ehrlichkeit, nichts ängstlicher, als einer stolzen Armut Ehrsucht. Darum begrüßte Dieter seinen Alten, der freilich weder etwas haben, noch seinen Sohn beargwöhnen, sondern sich nur von seiner Herrlichkeit überzeugen mochte, recht kurz und militärisch gemessen. »Es ist ja schön, daß Ihr so weit gewandert seid, Vater, was wollt Ihr hier?« »Nichts, nur dich sehen, denn man wird alt und weiß nicht, was von heut' auf morgen geschieht, und ob man sich noch einmal sehen wird.« »Ja, ja, gut und recht. Da habt ihr was zu rauchen.« Der Alte bekommt eine Pfeife Kommißtabak und ein Kommißbrot, der Sohn führt ihn aber gleich aus seines Herrn unnahbarer Wohnung in ein Wirtshaus, spendiert eine angemessene Mahlzeit, ein Viertel Wein dazu, läßt sich von der Heimat das wichtigste in Kürze berichten, von den Geschwistern – ein Bruder dient wie er, aber in Schlesien –, dann berichtigt er die Zeche und begleitet den Vater unverweilt zum Stadttor, das nach Hause führt, nimmt Abschied, knapp und gut, nicht unbescheiden, und der alte Mann zieht seines Weges. Für den Paramentenschneider-Sephe bedeutete dies die erste und letzte große Reise, und er hat an dem kurzen Aufenthalt bei seinem Sohne sicherlich keinen Anstand genommen, denn der wußte schon, was rechtens war, machte seinerseits Kehrt zu seinem Herrn Leutnant und dachte: »mein Vater ist ein braver Mann, aber er weiß nicht, was sich schickt, es gehört sich doch nicht, daß gleich der Vater dasteht, wenn der Sohn irgendwo warm geworden ist.« Damit begann er wieder seine Offizierskleider zu putzen und den Teekessel aufzustellen. Und als ihn sein Gebieter fragte, wo denn sein Vater geblieben, erwiderte er kurz, der sei schon wieder weg und ließ sich auf weiteres nicht ein.

Der Paramentenschneider-Dieter-Sephe hatte aber einen dunkeln guten Grund gehabt, in seinen alten Tagen noch einmal den Sohn sehen zu wollen, denn er war noch gar nicht droben in Himmlisch-Rybnai, seinem Dorfe wieder angelangt, so wurde wirklich, von heut' auf morgen der Krieg erklärt, und Oesterreich begann sich mit Preußen zu schlagen und zu schießen. Dieter, der Offiziersbursch, mußte zum Regiment zurück und ins Feld marschieren. Um es nur zu sagen, wie brav und zu allen Dingen tauglich der junge Mann geraten war, einen so recht begeisterten Soldaten stellte er nicht ins Feld. Mit der Flinte auf das Wild im Wald anzugehen, mochte schon recht sein, aber auf Menschen zu jagen, gefiel ihm nicht sonderlich, am wenigsten auf die Preußen, die er aus der Nähe kannte. Sie saßen ja keine zwei Stunden von seiner Heimat und waren keine unebenen Leute. Was ging ihn die hohe Politik an und die Vorherrschaft im heiligen Reich? Und für diese fremden Güter fremder Herren seine Haut zu Markte zu tragen, schien ihm unbillig. Aber was will ein gescheiter Mensch unter hunderttausend anderen, als mitmarschieren, sich sein Teil denken und zur Musik der Hornisten und Tamboure leise vor sich hinsingen:

»Das Exerzieren ist wohl recht schön
Mit der Teixelsbüchsa,
Wenn man's nicht erlernen kann,
Tun sie eins brav wichsa, didli, didli, di, di, di.«

An feindliche Kugeln und an das eigene junge Leben denkend weiter:

»Jetzt wär' ich doch schon lang Soldat
Mit der Teixelsbüchsa,
'S wär mir sehr ums Röckla schad,
Wenn's in'r a Loch nei' schießa, didli, didli, di, di, di.«

So ging der Marsch, Pardubitz liegt nicht sehr weit ab von Königgrätz, sie waren bald mitten im Jagen. Ein gewöhnlicher Soldat erblickt sehr wenig von dem großen Schlachtspiele, er wandert schrittweis mit seinen Gefährten, liegt im Gras mit geladenem Gewehr hinter Büschen und lauscht dem Sausen der blauen Bohnen, die wie Hornissen, aber schnell gradaussurrend in den Boden schlagen, so daß Erde oder das Blut aufspritzt, oder in Leiber rechts und links, während in der Luft ein steter Donner hallt. So hörte und sah auch Dieter nicht viel weiter, als die allgemeine Unannehmlichkeit der Sache, und wie sie sich gleich einer peinlichen Nachricht verbreitete, so daß von allen Seiten her Leute liefen, durcheinander in allen Farben von fremden Regimentern, dazwischen herrenlose Rosse und Karren mit Verwundeten, indessen immerzu Salven knatterten, Krume sich aufwühlte, lautes Geschrei, Trommelwirbel, Kommandorufe, schollen, und wie bei dem grauen Himmel ein beständiger Donner gleich einem schweren Wagen über Bohlen hinfuhr. War dies Vorüberlaufen am Ende das Ganze, die Schlacht, was man so nennt? Nun denn, an ihm sollte es nicht liegen! Laufen kann der Dieter auch! Immer neue Menschen rannten querfeldein, fast als gehorchten sie einem unhörbaren Befehl. Und plötzlich erkennt er seinen langen Bruder Ferdinand, der in Schlesien gedient. Ei, der ist auch hier und will gerade vorüberlaufen. »Ferdinand« ruft nun Dieter aus seiner Deckung; der andere hält einen Augenblick inne, erkennt den Bruder und rennt gleich wieder weiter, aber winkt und ruft dabei: »Komm«, und schon läuft Dieter mit, wie auch seine ganze Kameradschaft ringsum ins Laufen gerät. So liefen an diesem Tage viele Tausende durcheinander, wie aufgetriebene Hasen unter den Salven, bis sie sich wieder irgendwo beim Rückzug zusammenfanden und traurig schrittweis marschierten, da die Schlacht verloren war; so liefen viele kräftige Burschen, die Mut und Verstand hatten, wer will sie feige schelten, so gut, wie sie gelaufen sind, wären sie auch stehen geblieben und hätten fest drauflosgeprügelt und geschossen, wenn nicht irgendwo in einer Ecke, vielleicht in des Herzens Herzen der Armee ein Funke von Angst oder Zorn oder Empörung oder Widerwillen oder Verdruß gezündet hätte, der die große Ordnung in die Luft sprengte, alle Tapferkeit, die Nachahmung ist, allen Gehorsam, der Gewohnheit war, alle Zucht, die in den Beinen lag, welche nun ins Laufen kamen und liefen. Unsern Vater Dieter kostete die Schlacht bei Königgrätz kein Loch im Röcklein, vielmehr kam er heil davon und bald nach Wien, wo man die Reste der Armee zum Schutz der Stadt und zu etwaigen neuen Unternehmungen zusammenzog, bis der Friede von Olmütz dem Kriegsspiel ein Ende setzte. Auch Dieter-Sephes Sohn sollte jetzt binnen kurzem frei werden, das Ende seiner Dienstzeit stand bevor, und sei es in der angenehmen Erwartung der baldigen Erlösung, sei es in der Schalkheit, die sich zuweilen bei einem munteren Burschen um jeden Preis aufzutun verlangt, juckte es ihn nach einem letzten Streich, und er vollbrachte ihn. Sein Regiment besaß einen gehorsamen Pudel mit respektabeln Locken, einen wahrhaften Gelehrtenhund, welcher die schwere Trommel auf einem Rädergestell führte. Bei Fischamend an der Donau lag das Regiment auf den Uferwiesen und hatte nichts zu tun, man verübte allerhand Scherze, sang und rauchte und hatte die verlorene Schlacht längst vergessen, wie denn die sogenannte Geschichte dem großen Kinde Volk wenig Sorgen macht, obgleich es allein ihre strengen Folgen zu tragen hat, da kam dem Dieter bei, einmal den Gehorsam und die Tüchtigkeit des Regimentspudels auf die Probe zu stellen, und schon hatte er einen der Trommelschlegel, die neben dem ungefügen Lärmwerkzeuge lagen, vor welchem das gelehrte Tier angeschirrt und sittsam saß, ergriffen und schmiß das Holz ins Wasser. Richtig sprang der Hund, wie er da war, mitsamt der großen Trommel in den Strom und kämpfte mit seiner Last und den Wellen und wäre fast ersoffen. Aber schließlich behielt er doch die Oberhand und gelangte, sehr arg mitgenommen, den Schlegel im Maul, ans Land, während die durchnäßte und verdorbene Trommel mit großer Mühe herausgefischt wurde. Kaum aber war sie zur Stelle, so legte man den Dieter über sie und schlug auf ihm, statt auf der Trommel, eine Reveille von fünfundzwanzig guten Schlägen, womit seine militärische Laufbahn abgeschlossen war. Nun mußte er sich ein bürgerliches Brot suchen und wollte in Erinnerung an den Wald nichts anderes als ein Jäger werden. In der Tat fand er auch bald in einer niederösterreichischen Forstgegend auf einem fürstlichen Gute eine Anstellung und erwies sich als so tüchtig, daß man ihn binnen kurzem in ein einsames Waldhaus als Wächter eines großen Reviers setzte. Da wurde ihm die Weile lang; je besser eine solche Dienstwohnung bestellt ist, desto weniger fühlt man sich als Junggeselle wohl darin; der Herd und die Stube, Holzvorrat und Jagdanteil verlangen eine Hausfrau, auch war der Gehilfe in den Jahren, sich eine zu suchen. Und er dachte auch an eine bestimmte, obgleich er von ihr wenig mehr wußte, als daß sie ihm wohlgefallen hatte. Nach ihr wollte er sich umsehen, denn er meinte nicht hier im Lande zu freien, dessen Mädchen er nicht mochte, trotzdem sein Oberförster deren drei auf Lager hatte. Die aber, welche er wünschte, war ihm zu seiner Offiziersburschenzeit in Pardubitz begegnet, sauber gekleidet, wie ein Fräulein, und von drei Kindern begleitet, denen sie aus einem deutschen Buche vorlas. Im Gespräche, das sich anknüpfte, erfuhr er, daß sie, eine Tschechin aus Chrudim, doch deutsch reden und schreiben könne und als Kindermädchen in einem Bürgerhause diene. Wie weit die Bekanntschaft damals etwa gediehen, und ob es zu irgendwelchen Verabredungen gekommen sein mag, ist unbestimmt, sicher nur, daß Josef Dieter das Mädchen im Gedächtnis behielt: Die wäre mir recht. Nun nahm er also Urlaub und fuhr nach Böhmen, suchte seine Heimat zuerst auf, seinen Vater, seine Geschwister und stellte es dem Schicksal anheim, ob er etwa zu Hause eine andere passende Frau finde. Aber entweder gab es wirklich just keine – was bei dem Kinderreichtum seiner Landsleute billig zu bezweifeln ist – oder es gefiel ihm eben keine, weil er an eine ganz bestimmte Person dachte und eine solche störrische Einbildung sich von der schönsten Wirklichkeit nicht abfinden läßt. Unverrichteter Dinge nahm er von den Seinigen Abschied, um über Pardubitz zurückzukehren. Dort traf er aber keine Franziska mehr, sondern erfuhr bloß nach umständlichen Erkundigungen, sie halte sich gegenwärtig bei ihren Eltern in Chrudim auf, wohl um zu heiraten. Sollte er zu spät gekommen sein? Einerlei, war er ihr nun solange schon nachgegangen, so konnte er sie auch ganz wohl noch in Chrudim suchen. Und siehe da, wie ein leibhaftiges Schicksal trat sie ihm in der kleinen Stadt als das erste junge Frauenzimmer entgegen, grüßte ihn herzlich und sagte nach wenig Worten, sie sei noch ledig, und auf die rasche Frage, ob sie ihn möge, ja. Aber da eine Heirat als ernste Sache auch ordentlich und insbesondere mit den Eltern beredet werden muß, schon wegen der Mitgift und Aussteuer, beschlossen beide, dies gleich zu tun. Es war dem Dieter recht, zu hören, daß seine Franziska Sokal auch ein Stück Geld bekommen sollte und zu Hause ansehnliche Vorräte von gebleichtem Leinen. Daunen und Wäsche hatte, wie es sich für ein Mädchen schickt, das heiraten soll. Alles Nähere erfuhr er bald bei ihrem Vater, dem Ratsherren, Schlossermeister und Bauern Wenzel Sokal. Der war ein stattlicher Weißbart von würdigem Benehmen, der in seiner Jugend noch die übliche Wanderschaft jahrelang mitgemacht hatte, weit hinein nach Deutschland, bis Köln und Bamberg, so daß er die deutsche Sprache nicht nur beherrschte, sondern gleichsam als Zeugnis seiner glücklichen Jugendzeit auch ehrte und nach seinen heimischen Liedern gleich auch »O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter« oder »Es zogen drei Bursche« zu singen verstand. Nach Chrudim zurückgekehrt, das Gewerbe seiner Eltern, das Haus und die zugehörigen Aecker übernehmend, inmitten seiner Landsleute, schloß er sich freilich ihrem Sinnen und Begehren an, aber mit jener Ehrfurcht vor den Deutschen, die damals noch üblich war, denn die einstige herrschende Partei der »Alttschechen« schämte sich jener Achtung noch nicht, welche das ältere und größere Volk dem jüngeren unwillkürlich einflößt und billig auch verlangen darf. Bei dieser Denkart war ihm ein deutscher Freier nicht unwillkommen, der alte Sokal zeigte sich geneigt, die beiden Männer verstanden sich wohl, und bald wurde mit einem guten Mittagessen die Verlobung gefeiert. Noch im Urlaub heiratete Dieter sein Mädchen und kam als Ehemann in den Dienst zurück. Da trat er freilich in die Nesseln, denn er verletzte, ohne es zu ahnen, verschwiegene Gefühle seiner Herrschaft. Diese Güter gehörten nämlich einer alternden Fürstin, welche schöne, stattliche Leute in ihrem Dienst zu sehen liebte, und der Oberförster hatte wohl nach ihrem Geschmack den Dieter ausgewählt, der damals mit seiner breiten Brust und schlanken Figur, mit seinem braunen Bart und Haar und dem leichten, aber militärisch gemessenen Gang ein ansehnlicher Forstgehilfe war. Seine junge Frau, die sich nicht lässig wie Bauernweiber zu Hause, sondern wie eine bescheidene Städterin anmutig kleidete, stand kurz nach ihrer Ankunft vor dem Waldhause, in schönen Stiefelchen und einem feinen Strohhut, um auszugehen, als die Fürstin einhergefahren kam, Franziska grüßte, zwar bescheiden, aber nicht demütig, die Fürstin nickte von oben her und holte sogleich den Oberförster aus, wer diese Person sei. Als sie erfuhr, Dieter habe eigenmächtig geheiratet, schäumte sie, und wußte sich vor Zorn gegen das geputzte freche Frauenzimmer, wie sie schimpfte, nicht zu fassen. Der Vorgesetzte glaubte sogleich diese Wut als Befehl nehmen zu sollen, den Mißliebigen zu entlassen. Dieter aber schied getrost, nicht ohne daß nachher die launische Fürstin wieder Zeter und Mordio schrie, warum man einen so braven Menschen weggegeben. Zufällig suchte ein gräflicher Jagdgast dieses Gutes, den Dieter manchmal auf den Anstand begleitet hatte, gerade damals tüchtige Leute für seine in russisch Polen gelegenen ausgedehnten Reviere. Dieter bot sich an, wurde gern angenommen und reiste schon nach wenigen Tagen mit seiner Frau in das unwirtliche fremde Land.

Dort hatte er einen harten Dienst unter polnischen oder russischen Leuten in schlimmen Verhältnissen, indem bisher unverschämt ausgeholzt und gestohlen und gewüstet worden war, während er strenge Ordnung einführen und halten mußte. Sein Blockhaus stand am Eingange eines abgegrenzten Gebietes. Ein weiter Wald war als Jagdpark eingehütet, trotzdem die Landstraße hindurchführte, um ihn vor den Wölfen abzuschließen die sonst das Wild ganz vertilgt hätten. Dieses Revier zu bewachen, oblag dem Dieter, sowie die Wagen, welche etwa passieren wollten, zu visitieren und einzulassen. Deshalb mußte er oftmals mitten in der Nacht aufstehen. Eben als die Wehen seiner jungen Frau begannen, bei der nur eine russische unverständige Weibsperson zur Hilfe war, schollen draußen im Schnee die Silberglöckchen eines Schlittens, stampften die Pferde schon vor dem Blockhaus und riefen die Reisenden um Durchlaß. Dieter eilte, den schweren Riegel zu öffnen, das Bohlentor tat sich weit auf, der Herr des Schlittens warf ihm, wie es Sitte war, eine Münze hin, die zu Boden fiel. Eben bückte sich Dieter, sie aufzuheben, und sah beim langsam davongleitenden Schein der Laterne ein behendes Tier unter dem Schlitten durchschlüpfen und davonsausen. Ein Wolf im Wildpark! Nichts anderes blieb übrig, als im selben Atem nach den Hegern rufen, die Flinte packen, ein Stück Brot in die Jagdtasche tun und dem Räuber nach, bevor er noch allzuviel Unheil angerichtet. Die Frau mußte einsam ihre Stunde erwarten. Nach drei Tagen erst kam ihr Mann wieder nach Hause, da war indessen der kleine Dieter schon auf der Welt. Aber der Wolf spielte in den Fieberträumen der Wöchnerin seine böse Rolle, so daß sie auch nachmals immer behauptete, er habe in jener Nachtstunde in das niedrige Fenster mit glühenden Augen hineingeschaut. Aber auch in diesen wilden Wäldern war Dieters Bleiben nicht lange, denn bei den zunehmenden Deutschen-Verfolgungen in Rußland konnte sein Dienstherr ihn kaum halten. So übersiedelte wiederum die junge Familie nach Wien, weil Dieter nun doch nach einem dauernden, sicheren, bürgerlichen Berufe Verlangen trug, den er in der Großstadt am ehesten zu finden hoffte. Hier schlug er sich geraume Zeit ordentlich herum und arbeitete da und dort, wo es gerade eine Gelegenheit gab. Er plagte sich schwer, doch gelang es ihm immer, seine kleine Familie rechtschaffen zu ernähren. Diese dürftige Geborgenheit wurde von seiner Frau behaglich gemacht, so daß der kleine Sohn niemals den stürmischen Wellengang des Schicksals spürte, sondern friedlich dahingeschaukelt wurde. Dabei entbehrte seine Mutter, als eine junge und hübsche Frau, keineswegs jenes bescheidenen, aber notwendigen Salzkornes weiblicher Eitelkeit und verstand das wenige, das sie auf ihren Schmuck wenden konnte, doch richtig zu brauchen und durfte sich in Lichtenthal und Thury gar wohl sehen lassen. An der Ecke der Marktgasse und Alserbachstraße, wo die weitere, freiere Stadt sich öffnete, stellte ein Modewarengeschäft Hüte, Kleider und all die Kleinigkeiten des Damenputzes nach Vorortegeschmack und -vermögen zur Schau. Die Frau Dieter hielt sich bei ihren Spaziergängen mit dem kleinen Buben vor den tonangebenden Mustern dieses Ladens lange auf, wenn sie fortging, und beim Rückwege noch länger und prägte sich die wertvollen Lehren dieser Schaustücke getreulich ein, um sie zu Hause mit vielem Fleiße und den bescheidenen Mitteln so gut es ging, zu befolgen. Besondere Vergnügungen, Geselligkeit und Tanz konnten die Eheleute sich nicht gönnen, aber darum mochte die junge Frau doch eine herzliche Neigung zur Musik nicht unterdrücken, und obgleich sie kränkelte, leicht ermüdete und am liebsten ruhig auf ihrem Stuhle saß, erinnerte sich Dieter an sie als eine heitere, nicht an eine schwermütige Mutter, und daß sie gern mit zarter, halber Stimme sang. Und wie sie sich nach der Mode trug, so sang sie auch, was eben damals in der Stadt an Couplets und Gassenhauern im Schwange war, die freilich in diesen Jahren noch nicht gar so zucht- und sinnlos klangen, sondern von einem bessern Empfinden des Volkes belebt, seine natürliche Heiterkeit und Einfalt ausdrückten. Wie die Modewarenhandlung an der einen Ecke der Marktgasse der Frau Dieter zeigte, was in Kleidern rechtens war, lehrte ein kleines Papiergeschäft an der gegenüberliegenden Ecke, von dem Dieter Farben, Pinsel und Mandelbogen mit Rittern, Königen und Soldaten zum Ausmalen bezog, so oft er ein Vierkreuzerstück geschenkt erhielt, was unter den Liedern gerade den Ton angab. Auf Flugblättern prangte das Konterfei des beliebten Volkssängers, darunter der Text und die Noten seines neuesten Schlagers. Die Mutter prägte sich diese Lieder sorgfältig ein, um sie bei den »drey Husaren« daheim über ihrer Näharbeit sitzend, erst ganz leise, dann mit halber Stimme zu singen. Dieter wiederholte getreulich das Gehörte. Es mag immerhin wunderlich genug geklungen haben, wenn der Kleine etwa den damals besonders beliebten Gassenhauer vortrug: »Ja so sind sie, ja so sind sie, ja so sind die Damen vom Ballett.«

Am Sonntag aber gab es nach der Stille der Woche eine muntere Bewegung, indem eine Wanderung in den Wienerwald unternommen wurde, an welcher als lustiger Gesellschafter der Onkel Philipp teilnahm, des Vaters jüngster Bruder, ein gelernter Riemer, aber wie Dieter der Aeltere, in verschiedenen Berufen erprobt, ein quecksilberner, spaßiger Mensch, immer galant, immer Possen im Sinne. Der brachte in einer geschliffenen Glasflasche, deren Stöpsel sorgfältig mit einem Linnen umwickelt wurde, einen oder zwei Liter guten Weines mit, welcher von der Mutter zusamt einer ansehnlichen Portion Fleisch, Brot und Obst in eine Tasche gepackt wurde, die Onkel Philipp geduldig trug. Die beiden Männer marschierten, Pfeifen rauchend, voran, während die Frau mit dem kleinen Dieter langsam folgte. An diesen Tagen schien dem Knaben die Mutter immer gar neu und verwandelt, denn da hieß sie nicht Mutter, sondern »Frau Schwägerin«, wie sie der galante Vaterbruder jeden Augenblick ansprach. Derlei Ausflüge verursachten einem vierjährigen Wandersmann keine geringe Anstrengung, denn es ging stundenweit, niemals wurde Eisenbahn oder Fahrgelegenheit benützt, und der kleine Dieter mußte sich gehörig zusammennehmen, um nicht zu weinen, und manchmal trug ihn der lustige Onkel Philipp das letzte Stück Weges von der Nußdorferlinie bis zu den »drey Husaren« auf dem Rücken. Wenn er aber recht brav war und aushielt, durfte er zu Hause in die Lackkiste riechen oder an die Blumen aus Seidenpapier. Die Lackkiste, innen von bräunlich schimmerndem Goldstaub, außen vom glattesten Schwarz, diente zur Aufbewahrung von Mandeln und Haselnüssen, deren Duft sich mit dem des feinen chinesischen Harzes zu einem unvergeßlichen Wohlgeruch verband. Ein Atemzug aus dieser Herrlichkeit konnte mithin gar wohl eine Belohnung abgeben. Hinwiederum rochen die Seidenpapierblumen, welche die Mutter so geschickt zu schneiden und zu stecken wußte, daß sie in einem weißen Kruge schier lebendigen glichen, nach den herrlichsten Rosen, denn Frau Dieter besprengte sie mit ein paar Tropfen aus einer Flasche, die ein Elixier aus Schiras enthielt.

Dem Onkel Philipp verdankte Dieter übrigens noch ein Lied, das ihn lange Zeit begleitete. Der Junggeselle war bei seiner Munterkeit und seinen höflichen Manieren ein gern gelittener Damenfreund, zumal er offenkundig und unternehmend auf Freiersfüßen wandelte, aber immer gleichsam auf Zehenspitzen, um nicht in eine Falle zu tappen. Er mochte ohne genaue Kunde vom Vermögensstande der etwa zu wählenden Jungfer Braut sich durchaus nicht binden. Ueber diese Aussichten und Heiratsmeinungen unterhielten sich auf den Sonntagsspaziergängen die Erwachsenen recht angelegentlich und eine Zeitlang verlautete der Name »Fini« bei allen solchen Gesprächen. So hieß die Tochter seiner Zimmerfrau, ein, wie er sagte, sehr annehmbares Mädchen. Die Wohnung der Leute in der Rossau war nett eingerichtet, soweit schien alles in der Ordnung, nur konnte er durchaus nicht herausbringen, ob und wieviel Geld diese »Fini« zu gewärtigen hatte, weshalb er wieder die Ehe nur beiläufig und aus der Weite mit Vorsicht betrachtete. Derart zog sich die Angelegenheit schon geraume Zeit in die Länge. Da sang er eines Tages, wie von ungefähr aber mit Absicht das bewußte Lied vor und lachte unter hellen Tränen, als Dieter, sein Neveu, es mit aller Genauigkeit wiederholte. »Den Buben muß ich doch meiner Zimmerfrau zeigen,« rief er einmal ums andere, und nahm ihn richtig eines Tages in seine Wohnung mit, wo Dieter einer alten und einer jungen Person präsentiert, weidlich ausgefragt, gefüttert und geherzt wurde, bis der Onkel ganz leise vor sich hin die Töne des Liedes anzustimmen begann und der gelehrige Schüler ohne weiteres laut folgend, den beiden Damen zu hören gab:

»Frau Schmid, Frau Schmid,
Was kriegt die Fini mit?
A Schleier und a Gitterbett
Wär' für die Fini gar zu nett,
Frau Schmid, Frau Schmid,
Was kriegt die Fini mit?«

Darob brach nun das hellste Gelächter aus, der verdutzte Sänger wurde im Triumph einhergetragen, und namentlich das Fräulein wußte sich vor Bewunderung gar nicht zu lassen. Ob aber der Onkel Philipp durch seinen Gesang die nötige Auskunft herauslockte, oder ob sie ihn nicht befriedigte, blieb im Dunkel, jedenfalls versank allmählich das Gerede über die Familie Schmid und der Name Fini wich anderen Brautgestalten.

Die Wanderungen des jungen Dieter erstreckten sich mit seinem zunehmenden Alter bald über alle Gassen, Winkel, Sandhaufen, Bauplätze von Thury und Lichtenthal, und es konnte nicht fehlen, daß der stärkere Wille des Knaben mit dieser und jener kleinen Uebeltat sein Gewissen belastete und daß die Mutter ihn traurig verwies, denn für ein Kind schien ihr eine kleine Verfehlung gerade groß genug und wurde von ihrer Besorgnis gleich übertrieben, als müßte in kommenden Jahren ein ähnliches Vergehen unheilvoll geraten. Bei solchen Anlässen pflegte sie den Kopf zu schütteln und zu sagen: »Was soll daraus werden, wenn du einmal erwachsen, solche Sachen anstellst, dann bist du auf der Wanderschaft allein und hast keine Mutter mehr.« Da sie sich immer an die Wanderjahre ihres Vaters erinnerte, von deren Kunde wahrscheinlich ihre eigene Kindheit erfüllt gewesen, konnte sie sich das Schicksal eines Sohnes gar nicht anders denken, als daß er früher oder später allein umherziehen müsse, und was er tat und litt, fern dem wachenden und schützenden Auge der Mutter auszufechten hätte. Einstweilen aber ging des jungen Dieter Weg in aller Stille, und als er so weit war, geradewegs in die Schule zum Lehrer Abel. Der erste Unterricht, mehr ein neues Spiel als Ernst, unter lauter verwandten Schicksalsgenossen, bei der Fibel und ihren Bildern: Ast, Nest, Fisch, zeigte wiederum ein unerwartetes und merkwürdiges Stück Welt. Zwischen die gedruckten Erscheinungen des kleinen Büchleins und die mühsam nachgeformten Zeichen auf der Schiefertafel, fielen ein hallender Schulgesang, ein lautes Gebet zu Beginn und Ende der Stunden und die Erzählungen des Lehrers Abel aus der biblischen Geschichte. Und wie ihm die ersten Striche auf der Tafel, Haar und Schatten, die ersten fertigen Buchstaben Wort und Ding in einem vorstellen, ja darüber hinaus ein besonderes, nur ihm eigenes Wissen um Figuren und Abenteuer, zeigen auch die biblischen Geschichten eine Menge von Ereignissen, die ein Kind nicht als Ferne, sondern als unmittelbar wirkende Gegenwart einschätzt. So wuchsen dem jungen Dieter die biblischen Geschichten in seinen Tag, und sein Lehrer hieß nicht nur Abel, sondern war auch der unschuldige, gottgefällige Jüngling, den man lieben muß, obgleich der Namensträger erwachsen war.

Die Schule lag an der Alserbachstraße, einem schönen, damals ringsum freien, großen Garten und seinem Schlosse gegenüber. Der Park war von einem Eisengitter eingefriedet, das auf einem niedrigen gemauerten Grunde ruhte, welcher gerade so viel Platz bot, daß Kinder darauf sitzen und sich an die Stäbe lehnen konnten. Vor und nach der Schule pflegten alle kleinen Leute, Buben und Mädchen durcheinander, lachend, schwirrend über die Gasse zu treiben und wie unruhige Vögel auf einer Stange, gelegentlich sich nebeneinander auf diese Gittermauer zu setzen. Da las man ihnen eines Tages feierlich vor, daß die Frau Fürstin die Herrin dieses Schlosses, dieselbe übrigens, welche vor Jahren den Forstgehilfen Dieter den älteren aus seinem Amt gejagt, unliebsam bemerkt habe, wie ganze Rudel von Kindern an ihrem Parkgitter säßen, was in Hinkunft bestraft werden müßte. So trieb man junge harmlose Vögel von ihrer Stange, und in dem Gewissen einer mächtigen Fürstin gab es keine Stimme, die fragte, ob es denn billig sei, diese Spatzen zu vertreiben, und ob etwa der Gott, dem ihre angestammte und genaue Frömmigkeit so sehr huldigte, nicht auch einmal einen Großen der Erde wie einen lästigen Zaungast von etwas Liebem davonjagen könnte. Aber der Gott ist zuweilen weise und freundlich genug, den armen, wie den reichen Leuten der Welt an dem Gitter der Ewigkeit ein paar ungestörte Augenblicke der Freude zu vergönnen. Bläst er sie aber davon, so mag einem Gotte billig sein, was unter Menschen ein Unrecht bleibt. Doch wird auch diese Dame wohl manches Schlimme erfahren haben, und es ist vielleicht Vergeltung genug, so sein zu müssen wie sie war.

Mitten im ersten Schuljahre gab es einen unerwarteten Umzug in eine neue Heimat. Es begann ein Packen und Räumen in der Hausbesorgerwohnung bei den »drey Husaren«, und eines Morgens früh stand ein Leiterwagen auf der Marktgasse, der wurde vom Vater und von einem Fuhrmann in blauem Kittel, welcher allerhand Unverständliches, aber Lästerliches rief und nach jedem Weg vom Zimmer zur Straße sich aus einem hohen Bierglase stärkte, mit allen Kisten und Kasten beladen. Zuletzt stellte man das gepolsterte Ledersofa auf den Wagen. Darauf nahm Frau Dieter Platz, neben sie mußte sich der Junge hinsetzen, einen Vogelkäfig mit einer wohltönigen Amsel hielt sie in einer, einen Blumenstrauß, der ihr zum Abschied verehrt worden, in der andern Hand. Der Vater ging voraus, in der neuen Wohnung den Empfang zu rüsten, langsam setzte sich das Fahrzeug in Bewegung und bog, von einem Haufen fremder und bekannter Leute umringt, von Grüßen und Winken aus allen »Pablatschen« begleitet, aus der Marktgasse in die Alserbachstraße. Vor den »drey Husaren« stand die alte Agnes mit Tränen in den Augen und schwenkte ein Taschentuch und sah, zum wievielten Male, eine Jugend davonziehen. Als der Wagen um die Ecke gekommen, blickte Dieter schon nicht mehr zurück, sondern vorwärts in die neue, weite Welt.

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