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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Der Muschelbläser

In einer Ortschaft lebte ein Landmann, der behütete sein Eigentum so ängstlich, daß er jede Nacht drei Stunden lang auf einem Holzgerüst in der Wiese hinter seinem Hause stand und dort Umschau nach nächtlichen Dieben hielt. Näherte sich jemand, der ihm verdächtig schien, dann blies jener mit vollen Backen in eine große Muschel. Eines Nachts hatten Diebe in der Umgegend eine Viehherde gestohlen und waren im Begriff, sie an der Wiese dieses Landmannes vorbeizutreiben. Da ertönte das Muschelhorn, und die Spitzbuben sprachen zueinander: »Schade, nun haben die Bestohlenen uns dennoch überholt.« Damit ließen sie die Herde im Stich und brachten sich in Sicherheit.

Als der Landmann in der Morgenfrühe hinaustrat, weideten die gestohlenen Rinder auf der Wiese hinter seinem Hause. Zuerst war er ratlos, dann begriff er den Zusammenhang und sprach: »Aha, also waren jene Menschen, die ich diese Nacht verscheucht habe, dennoch Diebe, und dies ist die Beute, die sie im Stich gelassen haben.« Darauf trieb er die Herde in die Ortschaft und machte sie den Dorfbewohnern zum Geschenk mit den Worten: »Nehmt diese Kuhherde; eine Gottheit schenkte sie mir über Nacht, und ich teile sie mit euch.«

Darauf ernannten sie ihn zum Vorsteher der Dorfgemeinde. Er unterließ es nicht, weiterhin nachts drei Stunden auf dem Holzgerüst in seiner Wiese Wache zu stehen. Einige Monate später hatten die gleichen Diebe wiederum nachts eine Viehherde geraubt und waren im Begriff, sie hinter der Wiese jenes Landmannes vorbeizutreiben. Abermals ertönte das Muschelhorn. Da sprachen die Diebe zueinander: »Haben wir nicht das letztemal genau an dieser Stelle den nämlichen Muschelton vernommen? Ei, wir Narren, wenn das nur nicht ein Bauerntölpel ist, der in eine Muschel bläst, um das Wild von seinem Acker fernzuhalten.«

Sie schlichen beherzt hinzu und erblickten ein Holzgerüst und darauf einen Menschen, der mit vollen Backen in eine große Muschel blies. Da rüttelten sie zornig an den Balken des Gerüstes, so daß der Muschelbläser hinunterkollerte. Sie schlugen ihn wund, raubten ihn aus bis aufs Hemd und eilten davon.

Morgens fanden die Nachbarn den neuen Vorsteher der Dorfgemeinde mit verdrießlichem Gesicht vor der Tür seines Hauses sitzen, und sie fragten, wie es komme, daß er so zerbeult und geschunden sei. Er erwiderte ihnen: »Was mir mein Muschelhorn gegeben hat, das hat mir mein Muschelhorn wieder genommen.« Sie verstanden den Sinn dieser Worte nicht und sprachen im Fortgehen: »Er wird in der nächtlichen Dunkelheit von seinem Holzgerüst gefallen sein, ist auf den Kopf gestürzt, und sein Verstand hat darunter gelitten.« Sie bedauerten ihn, waren aber innerlich zufrieden, weil jener an demselben Tage das Holzgerüst in seiner Wiese entfernte und sein Muschelhorn ihren Schlaf nicht mehr störte.

*

 

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