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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 81
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Königin von Saba

Über die Sabäer regierte einst eine Königin, die erließ folgende Botschaft: »Es gefällt mir, wenn meine Untertanen als Seefahrer mit den Völkern im Mohrenland und Fünfströmeland Handel treiben, der die Wohlfahrt meines Landes vermehrt. Es mißfällt mir aber, daß etliche von diesen sich mit Frauen jener Völker verbunden haben und sich zum Dienst ihrer Götter verführen ließen. Der Sterndienst, der von ihren Priesterfürsten überliefert wurde, sei meinen Untertanen heilig. Jeder Abtrünnige soll mit dem Tode bestraft werden.«

Am Tage darauf erschien ein angesehener Kaufmann vor der Königin und bat um Gehör. Die Königin fragte ihn nach Namen und Begehr. Der Mann, dessen Haupt- und Barthaar ergraut war, nahm das Wort und sprach:

»Ich heiße Ibrahim, stamme aus dem Lande nördlich der großen Wüste und habe es in deinem Land, aus dessen Töchtern ich eine heiratete, durch Fleiß zu Wohlstand gebracht. Dem Gott meiner Väter bin ich treu geblieben bis zum heutigen Tag. Dein gestriges Gebot läßt mir nur die Wahl, dir oder ihm nicht mehr zu gehorchen.«

Die Königin fragte:

»Warum erkühnst du dich, dem erhabenen Dienst der Gestirne zu widerstehen?«

»Weil ich dem Herrn der Gestirne diene«, erwiderte der Gefragte.

»Wen heißt du den Herrn der Gestirne?«

»Wir nennen ihn Zebaoth. Der Name bedeutet Herr der himmlischen Heerscharen, das sind die Gestirne.«

Die Königin senkte nachdenklich das Haupt. Dann fragte sie weiter:

»Wem hat euer Gott sich geoffenbart?«

»Unserm Stammvater, dessen Name ich führe.« Die Augen des Sprechers leuchteten. »Heute besitzen wir das ihm verheißene Land unter dem weisen Zepter Salomons, den die Wüstensöhne Soliman nennen.«

»Er soll an Weisheit alle Könige der Erde übertreffen«, sprach die Königin sinnend, mehr zu sich selbst. »Fürwahr, dann mag sein Gottesdienst an Vollkommenheit wohl unserm Sterndienst überlegen sein. Ich werde den Priestern und Sterndeutern befehlen, alle Schriften zu durchforschen, die hierüber Aufschluß geben können.«

»Und ich darf den Herrn der himmlischen Heerscharen weiter bekennen?« fragte Ibrahim.

»So lange, bis die Priester und Sterndeuter festgestellt haben, daß ihr Sterndienst vollkommener ist als Euer Gottesdienst.«

»O Königin, du bist weise wie Salomen!« sprach Ibrahim und küßte den Saum ihres Gewandes.

Seitdem suchten die sabäischen Schriftgelehrten auf Geheiß ihrer Königin aus den heiligen Schriften, die über den uralten Sterndienst Auskunft geben, zu erforschen, ob es richtig sei, die ewigen, unwandelbaren Gestirne wie bisher als göttlich zu verehren oder den unsichtbaren Herrn dieser himmlischen Heerscharen als alleinigen Gott zu bekennen.

Nach einer Reihe von Jahren waren sie mit ihren Forschungen nicht weiter als zu Anbeginn, und zum Schluß entschieden sie, daß es für die Wohlfahrt des Landes besser sei, wenn alles beim alten bliebe, was die Königin in ihrer Weisheit durch ihr Verbot des fremden Götzendienstes schon damals kundgegeben habe. Zudem würde es dem königlichen Ansehen schaden, wenn dieses Verbot widerrufen und eine fremde Gottheit eingeführt würde.

Darauf befahl die Königin den Schriftgelehrten, ihre Forschungen einzustellen. Zu ihren ersten Ratgebern sprach sie: »Ich bin entschlossen, den berühmten König Soliman aufzusuchen, um ihn zu sehen und seine Weisheit zu hören.«

Alsbald machte sie sich mit einem großen Gefolge auf den Weg. Sie zog durch die Wüste, begrüßte unterwegs viele befreundete Kalifen, die in herrlichen Palästen wohnten, und gelangte nach vielen Tagesmärschen in die Hauptstadt des Landes, wo der weise König Soliman regierte.

Er empfing die Königin mit hohen Ehren. Beide verbrachten eine Reihe von Tagen in lehrreichen Gesprächen. Hierbei erfuhr die Königin aus dem Munde Solimans in einer Stunde mehr über den Herrn der himmlischen Heerscharen, als die sabäischen Schriftgelehrten in sieben Jahren aus ihren Schriften gedeutet hatten.

Als sie dann in ihr Land zurückgekehrt war, eiferte die Königin von Saba, ganz im Geiste Solimans zu regieren. Sein Name hieß soviel wie der Friedreiche, und er hatte Frieden mit allen Völkern. Jedermann wohnte ohne Furcht unter seinem Weinstock und Feigenbaum. »Also soll es auch im Lande Saba sein, solange ich lebe«, erklärte die Königin bei ihrer Heimkehr, und sie regierte in diesem Geiste noch dreißig Jahre. Dann nahte das Alter.

Ihre Söhne waren inzwischen zu wohlgeratenen Männern herangereift.

Eines Tages sprach die Königin zu ihrem Erstgeborenen:

»Du bist zu meinem Nachfolger bestimmt, und ich möchte, daß du ein König würdest, weise wie Soliman der Friedreiche.«

Der Erstgeborene erwiderte: »Wenn es dir recht ist, will ich jenen weisen König ebenfalls aufsuchen und in deinem Namen ihn bitten, daß er mich in Frömmigkeit und Gerechtigkeit unterweise.«

Über diesen Entschluß war die Königin hocherfreut. Dann zog der Prinz von Saba aus dem mittäglichen Arabien durch die Wüste, und er konnte den Tag nicht erwarten, da er dem gefeierten König Soliman die Geschenke und Segenswünsche seiner Mutter überbringen dürfe.

Als der Zug endlich den letzten Kalksteinfelsen der weißen Wüste erreicht hatte und die Stadt auf den sieben Hügeln im Sonnenglanz vor ihnen lag, rief der königliche Jüngling die beiden würdigen Greise, die seine Berater waren, zu sich und sprach:

»Ich kann es nicht erwarten, den berühmten König Soliman zu sehen. Lasset unsere Reit- und Lasttiere hier rasten, und wir wollen vorauseilen!«

Sie schritten die Anhöhe hinunter, umgingen einen Berg, der mit Ölbäumen bepflanzt war, und schritten sodann auf den Hügel zu, den ein Palast und ein Tempel krönte. Da erblickten sie in dem einsamen Tal eine Anzahl vergrämter Greise in härenem Gewand, die fragten sie, welcher von den beiden Bauten das Haus des Königs wäre. Sie seien aus dem fernen Arabien gekommen, um dem weisen König Soliman zu huldigen.

Da begannen die alten Männer zu wehklagen und sprachen:

»Kommt, ihr Fremdlinge, und seht mit eigenen Augen, warum wir Ältesten des Volkes zwischen den Grabruinen in diesem Tal des Weltgerichts für die Sünden unseres Fürsten Buße tun.« Sie führten sie den Hügel hinan, und als sie sich dem Haus des Königs näherten, erblickten sie auf dem Dach einen bekränzten goldenen Stier, dessen glänzender Leib im Sonnenlicht glühte. Da es um die neunte Stunde war, erschienen droben viele schöne Frauen mit Blumen im Haar und in den Händen, angetan mit weißen, wallenden Gewändern. In einer Sänfte wurde der König auf das Dach seines Hauses getragen. Die Frauen umtanzten den goldenen Stier, während der König anbetend ihm huldigte. Dann umringten sie zärtlich den lächelnden Greis und überschütteten ihn singend mit Blumen.

Die drei Sabäer standen stumm in bestürztem Staunen. Ringsum war außer den seufzenden Büßern niemand zu sehen; denn das Volk mied diese heidnischen Greuel.

»Sehet da unsern betörten König, der im weißen Haar fremde Weiber an seinen Hof nahm und ein Götzendiener wurde!« sprach einer der Büßer zu den Fremden.

Da gelüstete es den Jüngling nicht mehr, den weisen König Soliman von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Er winkte seinen Begleitern, und sie schritten zu ihrem Gefolge zurück. Noch in derselben Stunde zog der königliche Jüngling aus Saba heimwärts. Unterwegs besuchte er in der Wüste eine Stadt mit Namen Mekka. Dort fand er die Kaaba, umschritt siebenmal dieses uralte Heiligtum, und dabei wurde ihm geoffenbart, daß eines Tages den Völkern des Morgenlandes hier ein Mann aufstehen werde, welcher der alleinige Prophet des wahren Gottes sei.

Was der Jüngling bei der Heimkehr seiner Mutter von dem König Soliman erzählte, der aus einem Weisen ein Tor geworden, das betrübte die fromme Königin. Was ihr aber der Jüngling aus Mekka berichtete, das erfüllte ihr Herz mit großer Freude. Die Königin von Saba ist bald darauf gestorben, und die Sabäer betrauerten sie dreißig Tage lang.

* * *

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