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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 80
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die schöne Semrude

Fadlallah, ein Königssohn von Mossul, war mit seinem Gefolge auf einer Reise nach Bagdad begriffen, als die Karawane eines Nachts von einer Beduinenhorde überfallen wurde. Die Räuber metzelten alle nieder und raubten die Kamele mit ihren Lasten. Als sie auch den Jüngling umbringen wollten, gab er sich zu erkennen, und sie begnügten sich damit, ihm sein Gewand zu rauben.

Er kam nach Bagdad; aber aus Scham über die erlittene Schändung seiner Ehre verriet er niemand seinen Stand. Als ihn hungerte, stellte er sich vor ein Haus und bettelte. Da sah er durch ein niedriges Fenster dieses Hauses ein Mädchen, und er war wie geblendet von ihrer Schönheit. Er erfuhr, daß das Haus dem Muaffak, Sohn des Adban, gehöre, der früher Statthalter gewesen war, bis er sich mit dem Stadtrichter entzweite, und dieser ihn um seinen Posten brachte.

Es begab sich, daß Fadlallah, als er abends ein Obdach suchte, von Häschern mit andern, die man für Einbrecher hielt, ergriffen wurde. Als der Stadtrichter am nächsten Morgen die Gefangenen verhörte, beteuerte der Jüngling, daß er kein Dieb, sondern nur ein Bettler sei. Die Tochter Muaffaks, vor dessen Haus er tagsüber gestanden, könne es bezeugen.

»Kennst du jenes Mädchen?« fragte der Richter.

»Nie werde ich eine schönere Jungfrau sehen«, erwiderte der Jüngling.

Arglistig lächelte der Stadtrichter.

»Du gefällst mir, und ich will dir jenes schöne Mädchen als Frau verschaffen.«

Sodann ließ er Fadlallah baden und in reiche Gewänder kleiden. Hierauf ließ er Muaffak rufen. Er umarmte den Angekommenen und sprach: »Ein Fürstensohn von Basra ist bei mir eingetroffen und bittet durch mich um die Hand deiner Tochter Semrude.«

»Ich bin gerührt über das unverhoffte Glück«, erwiderte der Vater, und er begrüßte den soeben eingetretenen Jüngling mit den Worten:

»Erhabener Königssohn, meine Tochter wird sich glücklich preisen, wenn du sie zur Gemahlin erheben willst.«

Fadlallah war erstaunt über diese Worte; aber er verharrte über seine Herkunft weiter in Schweigen. Der Stadtrichter ließ den Heiratsvertrag sogleich vollziehen, und Fadlallah begab sich mit Muaffak in dessen Haus, und am gleichen Tage wurde die Hochzeit gefeiert.

Da erschien am nächsten Morgen ein Bote des Stadtrichters, der Fadlallah befahl, ihm das kostbare Gewand auszuliefern, das der Richter ihm gestern geliehen habe, damit er den Prinzen von Basra vortäuschen solle. Jetzt erst durchschaute Fadlallah die Bosheit des Stadtrichters. Wortlos händigte er das Gewand aus.

Die weinende Semrude, die hinter dem Vorhang der Keuschheit alles vernommen hatte, tröstete er mit den Worten: »Der Bösewicht frohlockt vergebens über dich und deinen hintergangenen Vater; denn der Ruhm des Fürsten von Basra ist nicht größer als der des Fürsten von Mossul.« Und er erzählte ihr seine Geschichte. Da umarmte Semrude ihn unter Freudentränen.

Dann ließ sie durch ihre Dienerin eilends ein neues kostbares Gewand besorgen und sprach: »Überlasse es mir, mich an dem Richter zu rächen.«

Fadlallah willigte ein.

Eine Stunde darauf begab sich die tiefverschleierte Semrude in einfacher Kleidung nach dem Gerichtssaal und bat, den Stadtrichter allein sprechen zu dürfen. Er erwartete sie in dem Nebengemach. Als sie beim Eintreten ihren Schleier ein wenig lüftete, erstaunte der Richter über ihre auffallende Schönheit. Er fragte nach ihrem Begehr, und sie begann: »Ich bin die Tochter des Färbers Omar auf dem östlichen Tigrisufer. Mein Vater verweigert mich jedem Bewerber, indem er behauptet, ich sei schielend, hinkend und bucklig. Dadurch bin ich zur Ehelosigkeit verurteilt. Entscheide du!«

Bei diesen Worten hatte sie ihren Schleier abgenommen und schritt vor ihm auf und ab, wobei sie vom Haupthaar bis zu den Füßen ihre Schönheit zur Schau stellte.

Darüber entbrannte der Richter in heftiger Liebe und beteuerte: »Du Abbild der Jungfrauen des Paradieses, ich heirate dich auf der Stelle; denn ein schöneres Wesen sah ich niemals!«

Semrude verließ ihn, und in der nämlichen Stunde ließ der Richter den Färber rufen und sprach:

»Gib mir deine Tochter zur Frau!«

»Herr, Ihr beliebt zu scherzen,« erwiderte Omar, »meine Tochter ist hinkend, bucklig und schielend und verdient ihren Namen Kayfakattaddahri d. i. großes Scheusal.«

Der Richter winkte ab. »Genug! Ich liebe Kayfakattaddahri und wünsche sie noch heute zu heiraten.«

Jetzt wurde dem Färber klar, daß ein Schelm sich den Scherz erlaubt hatte, den Stadtrichter durch ein falsches Bild in seine häßliche Tochter verliebt zu machen. Er überlegte nicht lange und gab gegen ein Heiratsgut von tausend Denaren seine Einwilligung zur alsbaldigen Ehe. Der Richter ließ ihm sofort die Summe auszahlen und zugleich den Heiratsvertrag aufsetzen. Der Färber unterzeichnete ihn in Gegenwart von drei gesetzkundigen Zeugen und verabschiedete sich mit dem Versprechen, die Braut sogleich zu senden.

Die Frau des Richters hatte das Gespräch im Nebenzimmer mit angehört. Sie trat herein und sprach zu ihrem Mann: »Ich bin die Tochter des reichsten Juwelenhändlers in Bagdad und verschmähe zwei Köpfe in einer Haube und zwei Hände in einem Handschuh. Damm verstoße mich und gib mir meine Aussteuer zurück, damit ich zu meinen Eltern heimkehre.«

Er mußte ihrem Verlangen willfahren. Dann ließ er rasch das Brautgemach herrichten. Ungeduldig wollte er soeben zum Färber Omar schicken, als ein Lastträger ankam, der einen teppichbelegten Kasten aus Weidenholz aufgeladen hatte.

»Was bringst du mir, mein Freund?« fragte der gutgelaunte Richter.

»Eure Gemahlin, Herr,« entgegnete der Lastträger, »Ihr dürft nur den Teppich lüften.«

Rasch zog der verliebte Richter den Teppich fort und erblickte ein buckliges Geschöpf, dessen schielende Augen ihn verwundert anglotzten. Unter einer aufgestülpten Nase verzog sich ein breiter Mund.

»Herr, hier ist meine Tochter«, sprach der soeben angekommene Färber. Der entsetzte Richter überschüttete ihn mit Flüchen und Verwünschungen; doch der Meister Omar beteuerte: »Herr, ich habe Euch eindringlich gewarnt.«

Der Richter aber rief: »Und wer war jenes herrliche Mädchen, die sich diesen Morgen bei mir für Eure Tochter ausgegeben hat?«

»Es war gewiß eine Schelmin, die Euch genarrt hat«, erwiderte der Färber.

Der Richter versank in Nachdenken. Dann verstieß er die Färberstochter in aller Form, wobei er dem Vater das Heiratsgut unter der Bedingung beließ, daß er über das Vorgefallene Stillschweigen bewahre. Trotzdem erfuhr bald die ganze Stadt davon.

Auch der Kalif vernahm die Geschichte sowie den Namen der schönen Frau, die den Stadtrichter überlistet hatte. Er ließ Fadlallah und Semrude zu sich kommen, lobte die Klugheit der letzteren und entließ die Neuvermählten mit sieben Kamellasten in die Heimat des fürstlichen Ehemannes.

Den Vater der schönen Semrude ernannte er wiederum zum Statthalter von Bagdad. Dagegen gebot er dem Stadtrichter zur Strafe dafür, daß er Semrude und ihren geachteten Vater Muaffak hatte erniedrigen wollen, die häßliche Färberstochter ein zweites Mal zu seiner rechtmäßigen Gattin zu erheben.

*

 

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