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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 78
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Ameisenkönigin

Es lebte einst ein König, der einen Ring besaß, dessen Zaubermacht ihn die Sprache der Tiere verstehen ließ. Weil es sowohl unter den vierfüßigen Tieren als auch unter den Vögeln sehr kluge Tierarten gibt, so erlauschte dieser König dadurch manches, was den Menschen verborgen bleibt. Seine Ratgeber waren oftmals erstaunt über seine Weisheit; niemand aber hat die Ursache jemals erfahren. Das Merkwürdigste war, daß der König durch einen Zufall zu diesem Zauberring kam.

Er hatte nach einer schlaflosen Nacht sich vor Tagesanbruch von seinem Lager erhoben, um in den weiten Gärten seines Palastes das ewigschöne Schauspiel des Sonnenaufganges zu genießen. Er kam auf entlegene Wege, die er sonst selten betrat. Da hörte er über sich in einem Feigenbaum einen Vogel kläglich schreien und erblickte so nahe über seinem Haupte, daß er mit der ausgestreckten Hand hinreichen konnte, einen Falken, der einer Turteltaube ein Junges aus dem Nest rauben wollte.

Rasch vertrieb der König den Raubvogel. Weil er fürchtete, dieser könne wiederkommen, wenn er sich entfernte, rastete er am Fuße des Feigenbaumes und genoß die ruhige Schönheit des schlummernden Tages. Da flog die Turteltaube auf ihn zu und ließ einen Ring in seinen Schoß fallen. Der König ergriff den schmalen, unscheinbaren Ring, den kein Stein schmückte, und lächelte über die sichtliche Dankbarkeit des Vogels. Prüfend steckte er dann den Goldreif an den Finger.

In demselben Augenblick vernahm der König zu seinem größten Erstaunen, wie die Turteltaube in dem Nest über ihm ihre ängstlichen Jungen mit zärtlichen Worten beruhigte. Doch nicht genug damit: gleichzeitig hörte er vom Erdboden her tausende unendlich zarte Stimmchen, die flüsterten einander kaum hörbar aufmunternde Worte zu. Jetzt erst bemerkte der König auf dem Kiesweg eine lange Kette von ungezählten Ameisen, schnurgerade eine hinter der andern und augenscheinlich alle beschäftigt, irgendeine bestimmte Arbeit auszuführen.

Als der König sich bückte, um aus dem seinen Stimmengewirr etwas herauszuhören, nahte die stärkste der Ameisen, um ihm zu huldigen. Sie hielt ein Strohhälmchen von weniger als Daumengröße im Munde. Der König nahm das zutrauliche Tierchen in die Hand, und aufhorchend vernahm er folgendes:

»Ich bin die Ameisenkönigin. Wohl an tausend getreue Untertanen gehorchen mir. Jeder einzelne ist zwar klein und schwach, doch fleißig und willig, und darum vermögen wir alle mit vereinten Kräften das zu vollbringen, was dem einzelnen unmöglich erscheint. Ich bitte dich um deinen Schutz für unsern Ameisenstaat. Blicke nicht verächtlich auf die geringfügige Gabe, mit der ich deine Huld erflehe.«

Der König ergriff den Strohhalm und erwiderte:

»Ich verachte deine Gabe nicht und verspreche dir, daß keinem von deinen Untertanen, die den meinigen ein Vorbild sind, ein Leid geschehen soll.«

Wie dann der König den Strohhalm näher betrachtete, fand er darin einen winzigen Papierstreifen zusammengerollt. Er entfaltete ihn und las darauf sieben Fragen. Zu der Ameisenkönigin sprach er: »Wohl sehe ich hier sieben Fragen; aber es fehlt die Antwort.«

Die Ameisenkönigin entgegnete: »Lies die einzelnen Fragen, und ich werde sie beantworten.«

Der König las: »Was ist das Kostbarste auf Erden?«

Die Ameisenkönigin antwortete:

»Die Seele ist das Kostbarste.«

Dann beantwortete sie die weiteren Fragen:

»Was ist das Bitterste?« Die Armut.

»Was ist das Süßeste?« Die Liebe.

»Was ist das Häßlichste?« Der Unglaube.

»Was ist das Nächste?« Das andere Leben.

»Was ist das Fernste?« Das Erdenglück.

»Was ist das Edelste?« Die Vernunft.

Der König dankte der Ameisenkönigin für die wertvollen Worte der Weisheit, die das unscheinbare Strohhälmchen enthielt. Die Ameisenkönigin aber sprach zum Abschied:

»Wohl mir, daß du den unscheinbaren Strohhalm nicht verschmähtest und diese geringe Gabe nicht nach ihrem äußeren Wert, sondern nach der Gesinnung des Gebers gewürdigt hast!«

Seit diesem Tage berufen sich die bescheidenen Menschen im Morgenlande, wenn sie höhergestellten Mitmenschen Geschenke darbringen, und insbesondere die Dichter, wenn sie Königen oder Würdenträgern ihre Schriften widmen, allemal auf das Beispiel und die Abschiedsworte der Ameisenkönigin.

*

 

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