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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 77
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Holzwurm

Ein König des Nillandes versammelte, als er zur Regierung kam, die Großen des Reiches um sich und sprach zu ihnen: »Es hat meinen Vorfahren gefallen, Götter und Göttinnen anzubeten. Mein Wille ist, daß nur einem höchsten Wesen göttliche Ehren erwiesen werden, und dieses ist die Sonne. Von heute an darf in allen Tempeln meines Reiches nur mehr dem Sonnengott geopfert werden!«

Und es geschah, wie der König befohlen hatte. Er selber begann alsbald dem Sonnengott einen Tempel zu bauen, der sollte das schönste und größte Heiligtum des Erdkreises werden. Jahre vergingen darüber. Dann wuchs mitten in der erhabenen Einsamkeit der Wüste hinter mächtigen Mauern ein Säulenwald empor, wie er gewaltiger vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne nicht zu sehen war. Von nah und fern kamen die Menschen und bestaunten den Säulentempel des Sonnengottes.

Schon waren dreimal sieben Jahre verflossen, und die Vollendung des Tempels stand bevor. Da erkrankte der König, und sein Zustand verschlimmerte sich. Als er sein Ende nahen fühlte, überkam ihn eine große Betrübnis. Er fürchtete den Tod nicht, wohl aber fürchtete er, sein Nachfolger werde den Tempel nicht in jener Pracht vollenden, wie er es bestimmt hatte. Deshalb versprach er seinem Leibarzt die höchste Belohnung, wenn seine Kunst es vermöchte, sein Leben zu verlängern, bis der Tempel vollendet sei. Wohl tat der Arzt sein Bestes; aber eines Tages erklärte er dem König: »Herr, wenn du die Wahrheit wissen willst, dann vernimm, daß deine Tage an den Fingern einer Hand zu zählen sind.«

Sogleich berief der König den Ersten seiner Würdenträger und den Führer seines Feldheeres zu sich und sprach:

»Meine Tage sind an den Fingern einer Hand zu zählen. Ich will aber nicht sterben, bevor dem Sonnengott in seinem neuen Heiligtum das erste Opfer dargebracht wird. Das soll morgen geschehen. Ihr aber verbürgt euch mit einem Eid, daß nach meinem Tode der Tempel vollendet wird.«

Die beiden erklärten feierlich: »Herr, es soll geschehen.«

Am andern Tage war der Tempel mit Menschen angefüllt. Als die Posaunen ertönten, zogen die Priester die Vorhänge zum Allerheiligsten zusammen. Auf einer silbernen Sänfte wurde der König hineingetragen. Links und rechts von ihm schritten der Erste seiner Würdenträger und der Führer seines Feldheeres. Alles Volk küßte den Staub der Erde. Der Hohepriester und seine Gehilfen, die allein das Allerheiligste betreten durften, hatten sich zu Boden geworfen.

Als sie ihre Häupter erhoben, stand im erhöhten Hintergrund des Altares der König aufrecht vor seinem Thron. Er stützte sich mit beiden Händen auf sein Schwert. Hierauf brachte der Hohepriester dem Sonnengott in seinem Heiligtum das erste Opfer dar. Dann wurde der König unter Posaunenklängen in einer goldenen Sänfte nach dem Palast zurückgebracht. Dort angekommen, starb er. Niemand außer dem Leibarzt und den beiden Getreuen war zugegen.

Alsbald nahmen die beiden den Arzt beiseite und sprachen:

»Es darf nicht ruchbar werden, daß unser mächtiger Herrscher nicht mehr unter den Lebenden weilt: der Tempel würde unvollendet bleiben, und wir könnten unsern Schwur nicht halten; das Reich aber, das er mit starker Hand zusammengehalten hat, würde zerfallen. Das muß verhütet werden.«

Der Arzt entgegnete: »Ich bin euer Knecht und tue, was euch gefällt.«

Darauf sprach der erste Würdenträger:

»Ich befehle dir, den königlichen Leichnam ungesäumt derart einzubalsamieren, daß er nach drei Tagen, vor dem Thron aufrecht stehend, im Allerheiligsten des Tempels aufgestellt wird. Dort soll er als lebend erscheinen, bis es ratsam ist, seinen Tod bekanntzugeben.«

Also geschah es.

Nach drei Tagen verkündete der erste Würdenträger dem Volk die folgende Botschaft: »Der König will nicht mehr aus dem Tempel kommen und wird dem neuen Gott dort dienen Tag und Nacht.«

Alles Volk pries die Frömmigkeit des Königs. Die ehemaligen Priester der abgesetzten Götter aber raunten einander zu: »Die alten Götter, die dieser Abtrünnige verleugnet, haben seinen Geist getrübt; denn wer wird Tag und Nacht ohne Unterlaß im Tempel zubringen, wenn er der König des Landes ist?«

Die neuen Priester und ebenso die Bauleute waren über die königliche Botschaft nicht sonderlich erfreut und sprachen untereinander:

»Offenbar will der König mit eigenen Augen feststellen, ob wir ebenso eifrig im Dienst des neuen Gottes tätig sind, wie er es selber ist.«

Es zeigte sich, daß die Bauleute nunmehr fleißiger arbeiteten als zuvor, und der Tag rückte heran, wo der letzte Hammerschlag an dem gewaltigen Bauwerk ertönen sollte. Darüber freuten sich die beiden Getreuen des toten Königs; denn obwohl sie das Reich zum allgemeinen Besten verwaltet hatten, fürchteten sie, eingedenk des geleisteten Schwurs, den Fluch des Verstorbenen, wenn der Tempel unvollendet geblieben wäre.

Nur waren sie darüber noch nicht klar, wie es anzustellen sei, wenn sie eines Tages das Hinscheiden des Königs dem Volke bekanntgeben mußten. Täglich suchten sie ihn im Tempel auf und konnten sich dort überzeugen, daß er in dem weihevollen Halbdunkel des Allerheiligsten wie lebend erschien. Aufrecht stand er vor seinem Thron, die Hände auf das Schwert gekreuzt. Die Last des Körpers stützte rückwärts ein Stab, der durch den Leib verdeckt wurde.

So hielt der König nach seinem Tode noch alle Untertanen durch die bloße Meinung, daß er noch lebe, in seiner Gewalt!

Dennoch gab es ein winziges Geschöpf, das von dem Tode des Königs wußte und ihm die schuldige Ehrfurcht versagte. Seit der Stunde, da er in dem Tempel aufgestellt wurde, hatte ein Holzwurm begonnen, den Stab anzunagen, der den Leib des Königs stützte. Er nagte Tag um Tag, Monat um Monat, endlich zwölf Monate lang – da brach der Stab entzwei. Dies geschah an dem Tage, da der letzte Hammerschlag ertönte, und zu der Stunde, da der Hohepriester ein Opfer darbrachte. Dieser sah plötzlich, wie der Körper des Königs zu schwanken begann und dann der Länge nach hinstürzte.

In seiner Aufregung gedachte er nicht des Verbotes, daß niemand dem Thron des Königs sich nahen dürfe. So entdeckte er, daß der König schon lange als ein Toter aufrecht droben gestanden hatte. Dieser Hohepriester war ein ehemaliger Diener der alten Götter, und sein Herz hing noch an den Gottheiten, die er früher verehrt hatte. Es war ihm wohl bekannt, daß viele Priester der alten Götter genau so dachten wie er.

Er faßte einen kühnen Entschluß, eilte hinaus und wiegelte das Volk auf. Als die abgesetzten Priester erfuhren, was geschehen war, rotteten sie sich zusammen und redeten zu allem Volk über den begangenen Betrug. Die Massen strömten nach dem Königspalast, und die Krieger lehnten sich auf wider ihren Feldherrn. Dieser wurde getötet, und der oberste Würdenträger mit ihm.

Dann bestieg ein Verwandter des toten Königs den Thron. Er schaffte den Dienst des alleinigen Sonnengottes ab und ließ die alten Götter wieder einsetzen samt deren Priester. Das erste, was diese beschäftigte, war, festzustellen, wie lange eigentlich der König schon tot sei. Sie verstanden es, dies mit voller Bestimmtheit auszurechnen. Sie hoben den Stab auf, an den der Tote angelehnt war und den der Holzwurm entzweigefressen hatte. Sie fanden das Würmchen und beobachteten sorgfältig einen Monat hindurch, wieviel es von dem Holz fraß. Aus der Menge, die es in dieser Zeit gefressen hatte, berechneten die Priester nunmehr, daß der Holzwurm gerade ein Jahr gebraucht habe, um den Stab durchzumessen. Der König mußte demnach schon seit Jahresfrist gestorben sein. So ergab sich, daß jener König, der den noch heute erhaltenen Sonnentempel in der Wüste erbaute, nach seinem Tode noch ein volles Jahr regiert hatte. Die dies herausgerechnet hatten, bildeten sich auf ihre Klugheit viel ein, und der neue König lobte sie sehr.

*

 

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