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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 75
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Der Schatzesel

Zu einem reichen Geldwechsler kam eines Talges ein Fremdling, der auf einem Esel ritt. Er fragte ihn, ob er einen Haufen Silbermünzen in Kleingeld umwechseln möge. Der Wechsler tat es, und der andere gewährte ihm einen hohen Gewinn. Wohlgelaunt begleitete der Wechsler den Fremdling bis zur Haustür, wo der Esel angebunden stand.

Dort erblickten sie drei Männer, die den Esel prüfend betrachteten, und sie vernahmen folgendes Gespräch:

»Er ist ein solcher, von dem ich euch sprach«, erklärte der erste.

»Ich möchte dies nicht behaupten«, warf der zweite ein und strich dem Tier über den Rücken.

»Ich glaube bestimmt, er ist es«, erklärte der dritte.

Der Geldwechsler nahm den Besitzer des Esels beiseite und fragte ihn leise: »Was sagst du zu diesem sonderbaren Gespräch?«

Dieser schüttelte nur den Kopf und antwortete nichts. Doch schon trat einer der drei Männer an ihn heran mit den Worten: »Wenn du gewillt bist, den Esel zu verkaufen, dann nenne den Preis.«

Der Fremdling überlegte und erwiderte dann: »Unter zehntausend Denaren gebe ich ihn nicht her.«

Wie aus einem Munde riefen da die drei Männer:

»Du bist wohl von Sinnen. Für diesen Preis können wir fünfzig junge Esel kaufen.«

»Aber nicht einen solchen, der die Eigenschaften dieses Esels hat«, entgegnete der Besitzer.

Hierauf begannen die drei Männer zu handeln, und zum Schluß boten sie dem Fremdling die Hälfte; dieser aber bestand auf dem geforderten Preis. Verdrießlich gingen die drei Männer davon. Der Fremdling ritt in die nächste Herberge. Dann aber kehrten die drei Männer heimlich zu dem Geldwechsler zurück und sprachen: »Wenn du uns den Esel für fünftausend Denare verschaffst, schenken wir dir obendrein ein Drittel dieser Summe.«

Alsbald begab sich der Geldwechsler in die Herberge und redete dem Fremdling zu, daß es eine große Torheit gewesen sei, den Esel nicht verkauft zu haben. Immerhin wolle er ihm den gebotenen Preis von fünftausend Denaren ebenfalls zahlen.

Nun begannen die beiden zu handeln und einigten sich endlich auf fünftausendfünfhundert Denare. Der Fremdling erhielt das Geld, der Wechsler den Esel. Vor der Haustür gab der Fremde dem Wechsler den Rat, er möge den dreien, falls sie wiederkommen sollten, den Esel nicht billiger als um zehntausend Denare überlassen. Dabei vertraute er ihm an, daß der Esel ein Schatzesel sei, der zu gewissen Zeiten die Gabe habe, seinen Reiter zu vergrabenen Schätzen zu führen.

Vor Sonnenuntergang stellten die drei Männer sich wieder bei dem Wechsler ein. Sie erblickten den Esel, dankten dem Wechsler für seine Besorgung und fragten, was sie ihm schuldig seien. Der Wechsler antwortete mit festem Ton:

»Zehntausend Denare. Unter diesem Preis gebe ich dieses seltene Tier nicht her.« Dabei schaute er sie lauernd an, als wolle er die Wirkung seiner Worte auf ihren Gesichtern ablesen. Wider Erwarten zeigten die drei Männer keinerlei Erregung. Sie antworteten vorläufig nichts, betasteten den Esel nochmals gründlich von allen Seiten, schüttelten die Köpfe, machten enttäuschte Gesichter und erklärten dann zum Schluß mit gleichgültigen Mienen:

»Wir haben uns doch geirrt. Der Esel taugt nicht für unseren Zweck und ist uns keine fünfzig Denare wert.«

Damit gingen sie weiter.

In heller Angst lief der Wechsler ihnen nach und rief:

»Auf euren Wunsch habe ich doch den Esel für ungeheures Geld erworben, und jetzt ist er euch keine fünfzig Denare wert?«

Sie erwiderten im Weitergehen:

»Hätte nur der Esel die Eigenschaften, die wir wünschten! Leider hat er sie nicht. Wir wissen es nunmehr bestimmt. Im übrigen ist auch sein Rücken viel zu kurz.«

Der Wechsler glaubte noch immer, die Männer wollten nur zum Schein allerlei an dem Esel aussetzen, um von dem verlangten hohen Preis möglichst viel abhandeln zu können. Als sie um die Ecke bogen, winkte er ihnen lächelnd mit der Hand, daß sie umkehren möchten. Sie zuckten bedauernd die Achseln. Er blickte unverwandt nach der Straßenecke. Dann ging ihm plötzlich ein Licht auf, und er merkte, daß vier Schelme ihn überlistet hatten.

Eilends rannte er in die Herberge in der Hoffnung, dort den vierten noch zu erwischen. Wer dieser war, nachdem er seinen Esel losgeworden, alsbald weitergezogen, und weder der Wirt noch die Gäste kannten ihn. Der Geldwechsler gebärdete sich wie verzweifelt; weil er aber ein vermögender Mann war, der in vielen Fällen auch Wucherzinsen erhob, empfand niemand Mitleid mit ihm, und alle, die er übervorteilt hatte, lachten in richtiger Schadenfreude.

*

 

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