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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 74
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Blume des ewigen Lebens

Es lebte einst ein König, dem hatte sein Vater blühendes Land hinterlassen. Die Weisheit dieses Herrschers vermehrte den Ruhm seiner Vorfahren, und über die Grenzen seines Reiches war er geehrt und geachtet. Aus weiter Ferne kamen Könige oder deren Abgeordnete, um dem Herrscher zu huldigen. Als der König dann alt wurde, änderte sich sein Wesen; es schien, als ob er nicht vollkommen glücklich sei. Keiner aus seiner Umgebung konnte herausfinden, welch geheimer Kummer ihn wohl drückte. Dieser Kummer aber war seltsamer Art: der Fürst grämte sich, daß jeden Tag die Stunde schlagen könne, wo er all seine Pracht und Herrlichkeit verlassen müsse, um sie einzutauschen mit einer winzigen letzten Ruhestätte an der Seite seiner Ahnen. Er aber liebte das Leben und hätte sein halbes Königreich dafür gegeben, es um die Zahl der gelebten Jahre vermehren zu können. Aber unaufhaltsam rannen die Jahre dahin, und die Gebrechen des Alters erinnerten ihn mehr und mehr an das unabwendbare Lebensende.

Als der alternde König eines Tages seiner Gewohnheit gemäß unerkannt draußen lustwandelte, traf er einen alten Hirten mit seinen Schafen, und er fragte den rüstigen Alten nach seinem Alter. Als er erfuhr, daß er schon über siebzig Jahre zählte, fragte er ihn, wie lange er wohl noch zu leben hoffe. Darauf erwiderte der Schäfer heiter: »Wenn ich zufällig das Kräutlein des ewigen Lebens fände, würde ich wohl niemals sterben.« Da horchte der König auf und erfuhr folgendes: Irgendwo in diesem Lande wachse verborgen das Kraut des ewigen Lebens. Wer es fände, der bliebe vom Tod verschont.

Der Fürst beschenkte den Hirten und ging nachdenklich nach Hause. Als er das Gehörte seinem Kämmerer erzählte, lächelte dieser und sprach: »Herr, das sind kindliche Hirtenmärchen. Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen.« Dennoch ließ der König heimlich nach dem Kräutlein forschen; aber ohne Erfolg, und weitere Jahre seines Lebens flossen dahin. Immer deutlicher wurden die Zeichen des Alters. Da überkam den königlichen Greis eine tiefe Traurigkeit; denn seine Weisheit reichte nicht so weit, daß er nach einem langen, glücklichen Leben seinen Würden und Reichtümern gelassen entsagt hätte.

Dann begab es sich, daß eines Nachts der König im Traum eine Stimme vernahm, die zu ihm sprach: »Der Wunsch, daß dein Leben verlängert werde, sei dir erfüllt. Besteige vor dem ersten Hahnenschrei das älteste deiner Reitkamele, und es wird dich zu der Blume des ewigen Lebens bringen.« Der König erhob sich alsbald von seinem Lager, dankte dem Allerbarmer, ließ das Reittier satteln, und noch ehe die Hähne zum erstenmal krähten, ritt er schwertumgürtet ohne Begleitung zur Stadt hinaus. Das kluge Tier schritt südwärts der endlosen Wüste entgegen, auf Wegen, die der Reiter niemals geritten war.

Als die Sonne schon tief stand, erblickte der Reiter einen Hügel, der von schattigen Feigenbäumen umstanden war. Auf diesen schritt das Reittier zu. Mit einem Male öffnete sich der Hügel, und das Tier blieb wie angewurzelt stehen und streckte sich zum Ausruhen aus. Der König stieg sogleich ab und betrat klopfenden Herzens das Innere der Höhle, die sich vor ihm auftat. Da vernahm er verhaltenes Seufzen, und in dem matterhellten Raum gewahrte er auf einem Lager einen hageren Greis, der winkte ihm mühsam mit der Linken und sprach mit kaum hörbarer Stimme: »Edler Fremdling, sei gegrüßt, und wenn du gekommen bist, damit ich mein Leben endlich beenden kann, dann sei bedankt!«

»Wer bist du?« fragte der König erstaunt.

»Ich bin der König dieses Landes«, erwiderte der andere, und als er das Erstaunen auf dem Gesicht des Ankömmlings sah, fügte er hinzu: »Vernimm meine Geschichte: Einst war ich Herrscher in diesem Land, und die höchsten Würden und Reichtümer waren mein. Ich vermochte nicht, ihnen für immer zu entsagen, als meine letzte Stunde schlagen sollte, und da gewährte die Gottheit, die über Leben und Tod gebietet, dem heißesten meiner Wünsche Gewährung. Siehe hier in meiner Rechten die Blume des ewigen Lebens! Solange kein anderer Sterblicher sie mir abnimmt, wird mein flackerndes Lebenslicht nicht erlöschen, und ich muß weiter Jahrhunderte oder auch Jahrtausende, von den Gebrechen des Alters gepeinigt, einsam auf diesem Lager verseufzen.«

Der erstaunte König fragte: »Sage mir, wovon du dich nährst während all der ungezählten Jahre.«

Da antwortete der Daliegende: »Der belebende Duft dieser Blume hält allemal meine Lebensgeister wach, wenn sie zu verflüchtigen scheinen. In solchen Augenblicken zwingt eine unsichtbare Macht mich, ihre Düfte einzuatmen. So dulde ich hier für den vermessensten Wunsch meines Lebens.«

»Was nennst du vermessen?« fragte scheu der König.

»Ich wollte alt werden, aber nicht altern«, erwiderte der Greis.

Dann schwiegen beide. Den König aber jammerte der Lebensmüde; denn wieder trat einer jener Augenblicke ein, wo er zu verscheiden schien. Sein Antlitz wurde totenbleich, und seine Brust hob sich schwer. Aber wie von einer unsichtbaren Hand geführt, brachte seine Rechte die Blume an Nase und Mund, und gierig sog er ihre Düfte ein. Dann richtete er sich mit letzter Kraftanstrengung auf und flehte mit brechender Stimme: »Habe Erbarmen und nimm diese Blume zu dir, damit ich sterben kann!«

Da griff der König entschlossen nach der Blume. Der Greis aber sank zurück und war tot. Der König schaufelte ihm mit seinem Schwert ein Grab in der Höhle, wälzte zwei schwere Steine darauf und legte zwischen beide die Blume, damit sie verdorre. Dann trat er ins Freie, wo das treue Tier seiner harrte. In demselben Augenblick schloß sich hinter ihm der Hügel. Fern leuchtete am fahlen Wüstenrand die Abendsonne. Im sanften Mondlicht ritt der König heim. Er hegte nicht länger den Wunsch, sein Leben zu verlängern, und erwartete gelassen den Tod.

*

 

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