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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 72
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Der Geist der Wüste

Das endlose Wüstenland, das heute das Niltal begleitet, hatte in uralten Zeiten ein anderes, schöneres Antlitz. Damals war es ein weites, fruchtbares Tal, in welchem heitere Menschen in blühenden Wohnstätten ein glückliches Leben führten. Die gesegnete Erde lohnte den Fleiß der Bewohner mit dreifacher Ernte; auf den Wiesen weideten ungezählte Herden, und die Wälder bevölkerten friedlich alle Arten von Vierfüßlern, darunter jene, die heute als wilde Tiere von den Menschen und ihresgleichen gefürchtet sind. Jene Menschen kannten nämlich keine Waffen. Sie waren von solcher Friedfertigkeit, daß ihnen die Empfindung, einander ein Leid zuzufügen, unbekannt blieb. So lebten sie Jahrhunderte hindurch dahin, ein glückseliges Volk von Hirten und Landleuten, und erfreuten sich dankbar der Segnungen des allgütigen Sonnengottes.

An den Quellen des mächtigen Stromes, dessen schwarzer Schlamm alljährlich ihre Felder befruchtete, wohnte ein dunkelhäutiger Volksstamm, der war von ganz anderer Art. Seine rauhen Männer stellten als eifrige Jäger den Tieren des Feldes und Waldes nach, und da sie verschmähten, die Erde mit Feldfrüchten zu bestellen, litten sie mit ihren Frauen und Kindern oft arge Not. Da berichteten eines Tages jagende Männer, die sich verirrt hatten, daheim von den Grenznachbarn, die stromabwärts wohnten. Sie schilderten verlockend den Wohlstand dieses Landes, und die Führer des schwarzen Volkes entschieden: »Laßt uns die Wohnstätten jener erschlafften Nachbarn in Besitz nehmen und jene Pflüger uns zu Sklaven machen; denn allezeit war der Schwache dem Starken untertan!« Alles stimmte ihnen zu, und so geschah es, daß jenes kriegerische Volk unerwartet über die friedlichen Nachbarn herfiel.

Zuerst entsetzten diese sich derart über den heimtückischen Frevel, daß sie tatenlos den unerhörten Raub und Mord an ihren Volksgenossen gewähren ließen. Dann aber trat ein, was in der menschlichen Natur tief begründet ist: der Anblick der wehrlos Hingeschlachteten rief die dunklen Urtriebe, die in jedem von uns schlummern, mächtig wach, und ein vieltausendstimmiger Racheschrei ging durch das ganze Land.

Die Überfallenen bewaffneten sich mit den Lanzen und Pfeilen der erschlagenen Feinde, marterten in grausamer Weise alle, die in ihre Hände fielen, und die Zahl der getöteten Eindringlinge wurde größer als die des überfallenen Hirtenvolkes. So wurde für jede begangene Bluttat hundertfache Vergeltung geübt. An die rauchenden Trümmerstätten der Bewohner reihten sich zerstampfte Fluren und brennende Wälder. Deren Anblick entfachte die Rachegefühle der Überfallenen nur noch heftiger. Jeder Flecken Erde war von Blut getränkt. Das gegenseitige Morden ergriff zuletzt die Frauen, Greise und Kinder; selbst die Tiere des Feldes und Waldes wurden von einer unersättlichen Mordlust erfaßt.

Da erfüllte sich das Geschick dieses unseligen Landes: der Geist der Wüste kam vom Meer im Osten daher, im wehenden gelben Mantel. Sein heißer Atem schnob gleich einem gewaltigen Sturmwind über die entweihte Erde, und seine brennenden Augen suchten strafend die letzten Überlebenden der entarteten menschlichen Zwerge. Zu spät kam diesen die Erkenntnis, wie schwer sie sich an ihrem Geschlecht versündigt hatten.

Unerbittlich hielt der erzürnte Wüstengeist sein schreckliches Strafgericht ab: unerschöpflich wälzten die gelben Sandwellen vom Meer sich an die zerstörten menschlichen Niederlassungen heran. Sie schoben sich unaufhaltsam hoch und höher, häuften sich vor den Häusern an, krochen über die Dächer und begruben unter ihrer glühenden Decke die Toten und die letzten Lebendigen sowie das von ihnen verwüstete Land.

Als die zum Tod verurteilten Landstriche endlich ihrem Schicksal verfallen waren, da begann die Sandflut sich zu beruhigen. Seit vielen Jahrtausenden ist nunmehr die geheimnisvolle Wüste in erhabener Trauer ausgebreitet über einer versunkenen Welt.

Das wird aber nicht immer so bleiben. Wenn eines Tages alle Menschen auf Erden wieder friedfertig geworden sind, wie es voreinst jenes untergegangene Hirtenvolk gewesen ist, und wenn tausend Jahre hindurch auf dem ganzen Erdball alle Kriege für immer einem überlebten Zeitalter angehören, dann wird der Bann von jenem Wüstenland genommen werden. Die gelben Sandwellen werden alsdann zum Meer zurückfluten, die Fluren werden wieder grünen, von dunklen Wäldern umsäumt und von freien und frohen Menschen besiedelt, und die Nachkommen der im Sand Begrabenen, die heute die grünen Oasen der Wüste bewohnen, werden die Herren des Landes sein auf dem erlösten Grund.

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