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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 71
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Der hinkende Hassan

In der Nähe der breiten Brücke, die über den Strom in die Hauptstraße der Stadt mündete, saß tagsüber Hassan der Lastträger und wartete auf Beschäftigung. Man kannte ihn allgemein unter dem Namen der hinkende Hassan; denn er hatte in seiner Jugend ein Bein gebrochen, und dieses war verkürzt geblieben. Das hinderte indessen nicht, daß Hassan seinen dreißig Jahren entsprechend und seinen starken Knochen angemessen es mit jedem andern Lastträger aufnehmen konnte. Von den Fuhrleuten und Kameltreibern wurde er gern zur Arbeit gedungen; denn neben seiner Körperkraft besaß er eine ruhige, schweigsame Sinnesart.

Arbeitete er, dann schaffte er für zwei; arbeitete er nicht, dann war es gewiß, ihn an zwei bestimmten Stellen seines Standplatzes anzutreffen: entweder saß er mit übergeschlagenen Beinen an der Uferböschung bei der Brücke und verfolgte das Hin und Her nebenan sowie abwechselnd den unermüdlichen Strom zu seinen Füßen, oder er lag lang ausgestreckt an der weißen Mauer, die den Uferweg an der Brücke eine Strecke begleitete, und blickte in den hohen, blauen Himmel, falls er nicht gerade schlief.

Jene lange, weiße Mauer umschloß in der Mitte die Rückwand eines Hauses, und aus dieser blickten, einem Augenpaar gleich, zwei Fensterchen nach dem Strom. Darin lag wohl nichts Außergewöhnliches. Dem hinkenden Hassan wäre es niemals eingefallen, über den Besitzer jenes Hauses Betrachtungen anzustellen; denn an Nachdenken war er nicht gewöhnt. Er hatte herausgefunden, wenn er mit geizigen Fuhrleuten um den verdienten Tagelohn feilschen mußte, daß er mit den Händen leichter als mit dem Kopf arbeitete.

Es begab sich, als Hassan eines schönen Tages wiederum seinen schattigen Ruheplatz an der weißen Mauer eingenommen hatte, daß er gedankenlos seine Augen auf eines der beiden Fenster jenes Hauses richtete, und siehe da, plötzlich erschien in der Öffnung ein weiblicher Kopf, der mochte einem Mädchen von zwanzig Jahren angehören und war von solch erlesener Schönheit, daß Hassan vermeinte, eine der holden Huris vor sich zu sehen, die der Prophet seinen Gläubigen in dem künftigen Paradies versprochen hat. Vielleicht verschönte das freundliche Lächeln ihre edlen Züge. Jedenfalls durchschauerte in den wenigen Sekunden, da sie ihre großen Augen verwundert auf den scheinbar schlafenden Menschen drunten richtete, den hinkenden Hassan zum erstenmal ein niegekanntes Glücksgefühl.

Während er noch mit verzücktem Staunen hinaufstarrte, hörte er eine rauhe, schimpfende Männerstimme in der Höhe; blitzschnell war der schlanke Mädchenkopf verschwunden, und gleichzeitig wurde ein Fenster klirrend geschlossen. Über diese gesamten Vorgänge machte Hassan sich kein weiteres Kopfzerbrechen. Hingegen das fremdartige Glücksgefühl, das ihn so unversehens ergriffen hatte, vermochte er lange Zeit nicht loszuwerden.

Von jenem Tag an blickte Hassan von dem Platz an der weißen Mauer nicht mehr zum blauen Himmel, wohl aber alle Male zu jenem kleinen Fenster hinauf, und wenn er an der Uferböschung saß, verfolgten seine Augen nicht mehr das Hin und Her auf der Brücke und den rauschenden Strom zu seinen Füßen, wohl aber blinzelten sie unausgesetzt zu jenem kleinen Fenster hinüber. Dabei war ihm entgangen, daß seit jenem Geschehnis beide Fenster vergittert worden.

Lange Zeit hindurch, wo beide Fenster wie zwei leere Augenhöhlen leblos nach dem Strom blickten, wunderte sich Hassan, wieso es komme, daß jener schöne Mädchenkopf sich nicht ein einziges Mal mehr zeige. Dann unterließ er auch hierüber, wie über alle sonstigen Angelegenheiten seines Lebens, weiteres Nachdenken. Seiner alten Gewohnheit, nach jenem Fenster hinaufzublicken, blieb er allerdings treu, wie dies in der menschlichen Natur begründet ist.

Es mochten wohl zehn Jahre vergangen sein, vielleicht etliche mehr oder eines weniger, als Hassan eines Tages, wo er ausgestreckt an der schattigen, weißen Mauer lag, vermeinte, daß jener holde Mädchenkopf wiederum lächelnd aus dem kleinen Fenster zu ihm herunterschaute. Aber er hatte es nur geträumt, wie er beim Aufwachen feststellen mußte. Immerhin hatte der schöne Traum wiederum jenes unbekannte Lustgefühl in ihm geweckt, das wir Liebe nennen.

Als es Abend geworden war, hatte Hassan einen Entschluß gefaßt, den er im Grunde schon viel früher hätte ausführen können: Gegenüber jenem Fenster stand ein alter Feigenbaum, dessen Krone hatte im Lauf der Jahre sich breit verzweigt, also, daß sie beinahe jenes Fenster berührte. Wie es ganz dunkel geworden, erkletterte Hassan vorsichtig den Feigenbaum bis zum Wipfel, bog dann dessen Zweige auseinander und erblickte dicht vor sich das erleuchtete Fenster, das ihn mit seinem Lichtschein grüßte.

Hassan beugte sich vor und blickte in ein Frauengemach, und in diesem sah er auf einem Ruhebett ausgestreckt eine rundliche Frau, die spielte mit sieben Kinderchen, die auf ihrer Lagerstätte herumkrabbelten. Hassan lächelte und sagte sich, ohne ihre Rundungen möchte jene Mutter wohl schwerlich die munteren sieben Kleinen ertragen, wie sie um sie balgten.

Wie er dann die scherzende Mutter schärfer betrachtete, da erkannte er an ihren Augen jenes schöne Mädchen wieder, dessen schmales Köpfchen damals in jenem Fenster erschienen war. Nachdem er diese Feststellung gemacht hatte, kletterte Hassan so vorsichtig, als er gekommen war, von dem alten Feigenbaum herunter. Seitdem blickte er nicht mehr zu jenem Fenster, sondern zum blauen Himmel hinauf, wenn er sich an der weißen, schattigen Mauer ausstreckte, und er verfolgte wieder den murmelnden Strom, wenn er neben der breiten Brücke an der Uferböschung kauerte und auf Beschäftigung wartete.

*

 

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