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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 69
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Das Preislied Fatmas

Es lebte ein König, der war in seine schöne Frau so heftig verliebt, daß er ihr jeden Tag ein neues Gedicht zum Preis ihrer Anmut versprach. Weil er hierzu die Dichter nötig hatte, erließ er einen Aufruf, worin er fünfzig Denare jedem Untertan versprach, der ein Loblied zum Preis Fatmas überreichte, das er selber gedichtet hatte und das der schönen Frau gefiel. Aber die verwöhnte Fatma fand nur an wenigen Gedichten Gefallen.

In der Stadt lebte ein Dichter, den reizten die fünfzig Denare sehr; denn die Summe langte gerade, um den schönen, blauwollenen Burnus zu kaufen, den er neulich im Basar so sehr bewundert hatte und der sein zerschlissenes Gewand trefflich ersetzt hätte. Da aber dieser Mensch ein Weiser war, der die Frauen immer geringgeschätzt hatte, verstand er nicht die Kunst, Liebeslieder zu dichten, und das verdroß ihn sehr.

Als er eines Tages vor der Stadtmauer lustwandelte, um neue Lehrgedichte und Weisheitssprüche zu ersinnen und am Fuß eines Hügels ausruhte, gewahrte er einen Ziegenhirten, der unter einer schattigen Sykomore lang ausgestreckt lag und unverwandt in den blauen Himmel starrte.

»Junger Müßiggänger,« sprach der Dichter zu sich selbst, »du solltest zum mindesten auf deine Ziegen besser achtgeben, daß sie von dieser schönen Sykomore nicht die letzten Blätter wegfressen.«

Der Hirtenknabe, der den andern nicht bemerkt hatte, fing mit einem Male zu singen an, und der Dichter hörte neugierig zu. Sieh an, das war ja ein Liebesgedicht. »Wie mag nur der Junge zu den Versen kommen?« fragte sich der Dichter. Doch es war keine Zeit, hierüber nachzudenken. Gescheiter war, die Gelegenheit auszunützen. Der blauwollene Burnus schwebte dem Dichter verlockend vor Augen. Rasch nahm er ein Täfelchen, das Dichter stets bei sich tragen, und kritzelte eilends nieder, was nebenan der zerlumpte Knabe sang:

Höre mir zu, o Traute,
ich will Verse auf dich machen:
Wie schlank bist du und von zierlichem Gang,
du meine milchweiße Freundin!
Ein Tanz ist das Spiel deiner Glieder,
du anmutige Tochter Arabiens.
Laß dein Köpfchen streicheln,
Sproß von berühmtem Stamm!

»Nicht übel,« raunte der Dichter, »kein schlechtes Liebeslied!« Der Knabe sang weiter:

Genügsam bist du wie kein anderes Wesen,
das Allah uns zur Lust erschuf.
Du lächelst und tanzt, wenn ich singe;
denn du liebst gleich mir den Gesang;
heiter stimmt dich die schlichte Rohrflöte.

»Ein echtes Hirtenlied«, urteilte der kritzelnde Dichter. Weiter sang der Knabe:

Deine Augen sind sanft und groß
und ebenso schön wie schmachtende Gazellenaugen.
Palmenschlank sind deine Beine.

»Hör' einer diesen Schlingel«, sagte der Dichter. »Beim Bart des Propheten, die Ziegenhirten sind eine verdorbene Gesellschaft.« Der Knabe sang weiter:

Du bist mir teurer als ein silbergeschirrtes Pferd.
Friede dir und dem, der dich besitzt!

Hier schwieg der Knabe. Das Lied war offenbar zu Ende. Der Dichter aber schmunzelte. Wie eine reife Frucht vom Feigenbaum war ihm unerwartet ein Liebeslied zugefallen, das ihm sicherlich die fünfzig Denare und damit den schönen, blauwollenen Burnus aus dem Basar verhieß. Er erhob sich, ging auf den Knaben zu, der immer noch lang ausgestreckt unter der Sykomore lag und in den blauen Himmel starrte, und sprach zu ihm: »Ich habe deinem Gesang zugehört, und er hat mir gefallen. Hier nimm dafür diese drei Geldstücke.« Und er schenkte ihm großherzig drei Kupfermünzen. Es war sein ganzer Besitz.

Da sprang der Hirtenknabe mit einem Satz auf seine nackten Füße, ergriff mit einem jauchzenden Schrei die drei Kupfermünzen, tanzte einige Male um sich selber im Kreise herum und sprach dann freudestrahlend zu dem Geber: »Allah vermehre deinen Reichtum, großmütiger Herr!«

Der Dichter ging alsbald nach Haus, schrieb das Preislied säuberlich ab und begab sich damit an den Hof des Königs. Nach einer Weile erschien der Schatzmeister, winkte gnädig zum Zeichen, daß das überreichte Gedicht der schönen Fatma gefallen habe, und händigte dem Dichter fünfzig Denare aus. Dieser lief eiligst in den bunten Basar und erhandelte dort den blauwollenen Burnus und dankte Allah, der ihm auf so wunderbare Weise zu einem neuen Gewand verholfen hatte.

Am Abend, als der König der schönen Freundin das neueste Preislied vorlas, sprach die geliebte Fatma: »Das ist das schönste unter allen Liedern, welche die Dichter deines Landes mir bisher gewidmet haben.« Am andern Tage besuchte ein angesehener Emir den König, um ihm seine Huldigung zu bezeigen. Nach dem Gastmahl sprach der König zu seinem Gast: »Vernimm das jüngste Preislied, das ein Dichter meines Landes der schönen Fatma gewidmet hat.«

»Allah segne die Vielbesungene«, sprach der Gast, und der König begann zu lesen:

Höre mir zu, o Traute,
ich will Verse auf dich machen:
Wie schlank bist du und von zierlichem Gang,
du meine milchweiße Freundin!
Ein Tanz ist das Spiel deiner Glieder,
du anmutige Tochter Arabiens.

Hier unterbrach ihn der Gast.

»Erlaube mir, fortzufahren, edler Fürst.« Und er sprach also:

Laß dein Köpfchen streicheln,
Sproß von berühmtem Stamm!
Genügsam bist du wie kein anderes Wesen,
das Allah uns zur Lust erschuf.

Der König erstaunte und fragte: »Woher kennst du das Gedicht?«

»Meine Beduinen singen es«, erwiderte der Emir.

»Dann sage mir die Schlußverse.«

Und der Emir sprach also:

Deine Augen sind sanft und groß
und ebenso schön wie schmachtende Gazellenaugen.
Palmenschlank sind deine Beine.
Du bist mir teurer als ein silbergeschirrtes Pferd.
Friede dir und dem, der dich erschuf!

»Fürwahr, es ist das gleiche Gedicht«, bestätigte der König enttäuscht. Der Emir aber sprach: »Versprich mir, deine gerühmte Großmut nicht zu verlieren, und ich will dich weiter aufklären.«

»Tue es, du wirst mich neugierig, doch nicht zornig finden.«

»So wisse, es ist ein Lobgedicht auf unsere Hedschine, die treue Gefährtin des Wüstenwanderers, die an Schnelligkeit und Ausdauer das feuerigste Araberpferd überflügelt.«

»Ein Lobgesang der Beduinen auf das weiße Reitkamel!« sagte der König betroffen. Schon wollte er aufbrausen; aber er verstand seinen Unmut hinter einem nachsichtigen Lächeln zu verbergen.

»Jener Dichter war ein arger Schelm,« rief er lachend; denn er hielt es für das beste, jetzt heiter dreinzublicken.

»Und ein armer Schlucker war er auch,« ergänzte der Emir mit verstehender Milde, »denn sonst hätte er den gefährlichen Scherz nicht gewagt.«

Am andern Tag machte der König bekannt, die schöne Fatma wünsche keine weiteren Preislieder zum Lob ihrer Anmut mehr zu empfangen.

*

 

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