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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 68
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der blinde Scheich

Es lebte in einer Ortschaft ein Händler, der hatte in Erfahrung gebracht, daß in einer gewissen Stadt das Sandalenholz mit den höchsten Preisen bezahlt werde. Deshalb kaufte er für eine große Summe Geldes schönes Sandalenholz zusammen, belud damit einen Esel und begab sich nach der angegebenen Stadt. Als er gegen Abend auf der Landstraße ihre weißen Häuser erblickte, begegnete ihm eine alte Frau, die etliche Schafe stadtwärts trieb. Er entbot ihr den Friedensgruß. Sie tat desgleichen und fragte ihn, wer er sei. Der Händler antwortete: »Ich bin ein Fremdling und möchte in dieser Stadt Geschäfte abschließen.«

Da sprach die Alte: »Sei gewarnt vor den Bewohnern dieser Stadt; denn es sind Schelme eigener Art. Gerade auf die ankommenden Fremden haben sie es in deren Unkenntnis und Einfalt mit ihren Listen abgesehen. Allahs Segen sei mit dir!« Sie schritt voraus, und der Händler folgte ihr nachdenklich, nachdem er ihr für den guten Rat gedankt hatte.

Als er am Abend in einer Herberge übernachtete und vor der Haustür saß, gesellte ein Bürger der Stadt sich zu ihm und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein. Der Ankömmling erzählte ihm, daß er mit Sandalenholz handle; dann fügte er hinzu: »Ich habe mir sagen lassen, daß in eurer Stadt hierfür die höchsten Preise gezahlt werden.«

»Wer dir dies sagte, der hat sich geirrt«, belehrte ihn der Bürger. »Wir nehmen hier für unser Herdfeuer niemals ein anderes Holz als Sandalenholz, und sein Wert ist daher bei uns nicht höher als der, den gewöhnliches Brennholz hat.«

Als der Händler von diesem Menschen solche Erklärung erhalten hatte, seufzte er. Immerhin schwankte er zwischen Glauben und Zweifel. Der Bürger bemerkte die Enttäuschung, die sich in den Zügen des Händlers widerspiegelte, und er sprach: »Wenn es dir recht ist, magst du mir deinen ganzen Vorrat an Sandalenholz verkaufen, und zwar biete ich dir dafür unser übliches Maß, das ist die Halbkugel beider hohlen Hände, angefüllt mit etwas, was du hierfür haben willst.«

»Ich gehe auf den Handel ein«, entgegnete der Holzhändler. Der Bürger ließ am andern Morgen das Sandalenholz nach seiner Wohnung bringen, und der Holzhändler schlug ihm vor, als Kaufpreis möge das angegebene Hohlmaß gelten, angefüllt mit Goldstücken. Der Käufer erbat sich Bedenkzeit bis zum andern Tag.

Inzwischen wollte der Händler sich die Stadt näher ansehen. Da kam ein Einäugiger des Weges; kaum hatte der den Fremdling erblickt, so lief er hinter ihm her, packte ihn bei der Schulter und schrie: »Habe ich dich endlich? Du bist derjenige, der mich meines Auges beraubt hat, und nun lasse ich dich nicht mehr los.« Der Händler leugnete es ab und sagte: »Das wirst du nicht beweisen können.« Das Volk, das inzwischen sich angesammelt hatte, bestimmte hierauf, der Einäugige möge dem Fremden bis zum nächsten Tage Zeit lassen, für das Auge Schadenersatz zu leisten. Nachdem der Händler einen Menschen gefunden hatte, der gewillt war, für ihn Bürgschaft zu übernehmen, beließ man ihm vorläufig seine Freiheit.

Der Händler ging davon. Da gewahrte er, daß sein Schuhzeug zerrissen war. Deshalb trat er in eine Schusterwerkstätte ein und sprach zu dem Schuhmacher: »Flicke mir meine Schuhe, und ich zahle dir morgen, wenn sie ausgebessert sind, was du verlangst.« Als er dann weiterschritt, bemerkte er zwei Männer, die sich mit einem Brettspiel die Zeit vertrieben, und um auf andere Gedanken zu kommen, schaute er ihnen zu. Die Spieler luden ihn ein, nach den Regeln des Spieles mitzuspielen. Er tat dies und verlor das Spiel. Darauf stellten die Mitspieler ihn vor die Wahl, entweder möge er alles Wasser des Stadtbaches austrinken oder seine ganze Barschaft mit ihnen teilen. Beides seien sie berechtigt, nach den Spielregeln von ihm zu verlangen. Er erhob sich und erwiderte: »Laßt mir Zeit bis morgen, über eure Forderung nachzudenken.« Dann schritt er in gedrückter Stimmung weiter. Er war in Sorge darüber, wie sein Abenteuer ausgehen werde. So kam er bis vor das Stadttor und setzte sich müde und traurig unter dem Laubdach leise rauschender Eukalypten nieder. Da kam die Alte vorbei, die ihm tags zuvor an derselben Stelle mit ihren Schafen begegnet war. Sie erkannte ihn wieder und redete ihn an: »Ich lese aus deinen Mienen, daß die arglistigen Bewohner dieser Stadt dir eine Falle gestellt haben.« Darauf erzählte er ihr, was ihm inzwischen alles widerfahren war. Da grübelte die Alte eine Weile nach; dann hub sie an: »Sei guten Mutes! Warte bis Sonnenuntergang; dann gehe unauffällig in ein Haus, das ich dir näher bezeichnen werde. Dort wirst du einen blinden Scheich antreffen, der gelähmt ist; aber er ist schlau wie ein Fuchs und berühmt wegen seiner Schalkheit. Alle in dieser Stadt fragen ihn gleich einem Schiedsrichter um Rat, wenn sie einen solchen gebrauchen. Denn er kennt sich in allen Schlichen gründlich aus; ist er doch ebensosehr ein Schelm wie ein jeglicher hierzulande. Die Gauner, die gegen Arglose etwas im Schilde führen, schleichen sich meist zur Nachtzeit in sein Haus, um ihn zu befragen. Ohne Zweifel werden auch jene heute nacht sich bei ihm einfinden, die dich benachteiligen möchten. Darum lausche unbemerkt ihren Beratungen; vielleicht vermagst du sie zu überlisten.«

Nach Sonnenuntergang schlich der Händler sich unbemerkt in das Haus des blinden Scheichs. Als es ganz dunkel geworden, erschienen verhüllte Gestalten, die den Scheich begrüßten und sich zu ihm lagerten. Der Händler erkannte in ihnen dieselben Männer wieder, mit denen er untertags zusammengekommen war. Alsbald begannen sie der Reihe nach ihre Angelegenheit vorzutragen.

Als erster erzählte der Käufer des Sandalenholzes, daß er von einem Fremdling sehr vorteilhaft Sandalenholz erworben habe. Der vereinbarte Preis sei das Hohlmaß der beiden Handflächen, angefüllt mit irgend etwas, was der Verkäufer sich ausbedinge.

Der Scheich sprach: »Du wirst überlistet werden.« Und als der andere fragte: »Wieso?« entgegnete ihm der Scheich: »Wenn nun der Verkäufer sagen wird: ›Ich wünsche das Hohlmaß mit Gold und Silber angefüllt‹, wirst du es ihm geben?«

»Ich werde es ihm geben«, erwiderte der andere, »und dabei noch einen großen Gewinn herausschlagen.«

Der Scheich aber fragte weiter: »Und wenn er dir sagt: ›Ich wünsche das Hohlmaß zur Hälfte mit männlichen, zur Hälfte mit weiblichen Flöhen angefüllt‹, wirst du es ihm geben?« Da erkannte der andere, daß er sich selbst eine Grube gegraben hatte.

Sodann begann der Einäugige zu sprechen: »Höre, Scheich, ich bin heute einem Menschen begegnet, der ein Fremdling war. Ich bin hinter ihm hergelaufen und habe geschrien: ›Du bist derjenige, der mich meines Auges beraubt hat; ich lasse dich nicht los, bevor nicht jemand sich für dich verbürgt, daß du morgen dich bei mir einfindest und mir mein Auge ersetzt.‹«

Der blinde Scheich überlegte und antwortete dies: »Wenn er will, vermag jener Fremdling dir leicht eine Falle zu stellen.«

»Wie vermöchte er das?« fragte der Einäugige.

»Er kann dir folgendes erwidern: ›Nimm das andere Auge heraus, das du noch besitzest, und ich werde eines meiner beiden Augen herausnehmen. Dann werden wir beide Augen abwägen, und wenn mein Auge genau soviel wiegt wie das deinige, dann sollst du beide für dich behalten.‹ Wenn aber die beiden Augen nicht das gleiche Gewicht ergeben, dann mußt du dem andern für sein Auge eine Geldbuße entrichten, und du wirst künftig auf beiden Augen blind sein, während jener auf dem andern Auge noch sehend ist.«

Da erkannte der Einäugige, daß seine Schelmerei ihn nichts nützen werde. Hierauf begann der Schuster zu reden:

»Höre, Scheich, heute übergab ein Fremdling mir seine Schuhe zum Ausbessern, wobei der Tölpel sprach: ›Flicke mir bis morgen meine zerrissenen Schuhe, und ich zahle dir dafür, was du hierfür verlangst.‹ Nunwohl, ich gedenke den Dummkopf beim Wort zu nehmen und sein ganzes Vermögen zu verlangen.«

Und der blinde Scheich sprach dies: »Jener Mensch kann dir entgegenhalten: ›Vernimm, die Feinde des Kalifen sind überwältigt, seine Gegner alle zuschanden worden. Seine Söhne werden wachsen, seine Nachkommen sich mehren: freut dich solches!‹ Wenn du es bejahst, dann ist jener berechtigt, um Gotteslohn seine Schuhe zu nehmen und damit weiterzuziehen. Antwortest du aber nein, dann kann der andere die beiden Sohlen über deine beiden Backen ziehen, weil du die geheiligte Person des Kalifen beleidigt hast.«

Da erkannte der Schuhflicker, daß er den harmlosen Fremdling nicht hintergehen könne. Zuletzt kam die Reihe an jenen, der mit dem Händler gespielt hatte.

»Höre, Scheich, mein Freund und ich haben heute vor meiner Haustür mit einem Fremdling ohne festen Einsatz gespielt. Ich habe das Spiel gewonnen und dies zu dem Fremden gesprochen: ›Wenn du alles Wasser unseres Stadtbaches austrinkst, gebe ich dir meine ganze Barschaft; vermagst du es nicht, dann gehört mir die deinige.‹«

Der Scheich sprach darauf also: »Wenn jener Mensch will, vermag er deiner Pfiffigkeit auszuweichen. Er kann dir antworten: ›Staue mit der einen Hand das Gewässer und mit der andern gib mir zu trinken; und ich will tun nach deinem Begehr.‹ Das wird dir nicht möglich sein, und du bist der Geprellte.«

Der Lauscher prägte all das Gehörte seinem Gedächtnis ein. Bald verabschiedeten sich die Gäste mit verwirrten Köpfen von dem blinden Scheich, und auch der Händler kehrte in gehobener Stimmung in seine Herberge zurück. Am andern Morgen erschien zunächst der Spieler. Der Händler schlug ihm vor, was der Scheich gesagt hatte, und der andere zahlte ihm hundert Goldstücke, um sich von der getroffenen Vereinbarung loszukaufen. Bald darauf erschien der Schuhflicker, und der Händler erhielt seine ausgebesserten Schuhe, ohne etwas zu zahlen. Dann kam der Einäugige, und der sah sich genötigt, um ein Sühnegeld von hundert Goldstücken sich mit dem verleumdeten Händler zu einigen. Als letzter erschien der Käufer des Sandalenholzes, und als er betroffen den Vorschlag vernahm, das Hohlmaß zur Hälfte mit männlichen, zur Hälfte mit weiblichen Flöhen anzufüllen, da erkannte er sich für überlistet und sah sich gezwungen, dem witzigen Fremdling das Sandalenholz zurückzuerstatten und ihm obendrein noch eine Entschädigung von hundert Goldstücken zu entrichten.

Darauf ging der Holzhändler hin, verkaufte das Holz um einen hohen Preis an einen rechtschaffenen Sandalenschnitzer, den der Herbergswirt ihm empfohlen hatte, und kehrte dann mit Dank gegen Gott in seine Heimat zurück.

*

 

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