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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 67
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Stadt des Paradieses

In Arabien lebte vor vielen Jahrhunderten ein mächtiger König, der gern in alten Schriften las. Einst fand er in einer vergilbten Handschrift eine gar schöne Beschreibung der jenseitigen Welt, die den Gerechten nach ihrem Tode verheißen ist. Immer wieder versenkte er sich in die verlockenden Schilderungen des Paradieses, und eines Tages sprach er zu sich selber: »Fürwahr, mich gelüstet, hier auf Erden eine Stadt zu bauen, deren paradiesische Bauten und Gartenanlagen meinen Untertanen das wirkliche Paradies vortäuschen sollen.«

Jener Herrscher hatte unter seiner Botmäßigkeit hundert Statthalter, ein jeder von diesen verfügte über hundert Hauptleute, und ein jeder von diesen befehligte tausend Krieger. Er ließ die Statthalter und deren Hauptleute zu sich kommen und sprach zu ihnen: »Ich fand in alten Schriften eine gar schöne Beschreibung des Paradieses, das uns in der andern Welt verheißen ist, und ich wünsche, seinesgleichen hier auf Erden zu errichten, so daß meine Stadt des Paradieses meinen Untertanen das himmlische Paradies vorzutäuschen und zu ersetzen vermag. Gehet darum hin bis über die Grenzen meines Reiches und sammelt Gold und Silber, Marmorsteine und kostbare Edelhölzer in Fülle; traget alles, was zu prunkvollen Bauten und zu herrlichen Gartenanlagen erforderlich ist, an dem Platz zusammen, den ich für die Stadt des Paradieses ausersehen habe, und helft mir mit allen Kräften, die Wunderstadt auszuführen, deren himmlische Schönheit die späteren Geschlechter noch bewundern sollen.«

Und die ihm zuhörten, ließen ihm antworten: »Wie sollen wir uns all der Kostbarkeiten bemächtigen, die notwendig sind, um jene Stadt in der vollen Pracht aufzuführen, die sie des Paradieses würdig macht?«

Der König aber entgegnete: »Wisset ihr nicht, daß die Könige der Erde mir Gehorsam schulden und kein Fürst dieser Welt sich unterstehen darf, mir einen Wunsch abzuschlagen?«

Sie antworteten: »Wir wissen es.«

»Alsdann gehet hin und tut, wie ich befohlen habe. Ein jeglicher spende seine Kostbarkeiten, soviel er deren besitzt, und wehe jenen, die sich weigern, mit vollen Händen und freudigem Herzen abzuliefern, wessen meine Baumeister und Gärtner für die Stadt des Paradieses bedürfen.«

Dann entließ er sie alle und verfaßte ein Sendschreiben an die Könige in allen Gebieten des Erdkreises, worin er sie aufforderte, mit allen Mitteln beizusteuern zu dem Bau des von ihm geplanten irdischen Paradieses.

Die Stadt aber begann langsam gleich einer Wunderblume inmitten der Wüste emporzuwachsen. Ungezählte Spender aus allen Teilen der Erde beteiligten sich mit reichlichen Gaben an dem stolzen Werk, und mit den Gebern wetteiferten die Baumeister und Gärtner, etwas zu schaffen, was die Welt noch nicht gesehen. Das Machtwort eines Einzelnen bewegte Jahr um Jahr viele tausend fleißige Sklavenhände. Es entstanden Gärten, wie man sie schöner im Paradiese nicht ausdenken konnte; aus Palmengruppen, die sich in silbernen Teichen spiegelten, ragten goldene Kuppeldächer in den blauen Wüstenhimmel, und hinter den farbigen Außenwänden der bald zierlichen, bald mächtigen Bauten offenbarte sich ein Innenschmuck an edelsten Metallen und Gesteinen und kostbaren Holzarten, der auch die verwöhntesten irdischen Augen zur höchsten Bewunderung hinreißen mußte.

Als zehn Jahre verflossen waren, stand die Wunderstadt vollendet da. Wie ein wirkliches Paradies schimmerte sie aus dem gelben Wüstensand empor. Der königliche Bauherr ließ alle seine Wesire und sonstigen Würdenträger sowie die hundert Statthalter mit ihren Hauptleuten vor seinem Palast sich an einem bestimmten Tage versammeln. Dann zeigte er sich, hoch zu Roß und geschmückt mit allen Zeichen seiner königlichen Würde, dem versammelten Volke. Die Herolde stießen in die Posaunen und verkündeten mit tönender Stimme: »Dieser Tag sei ein Tag der Freude auf der ganzen Erde! Denn vollendet ist die Stadt, wie unser erhabener Herrscher, der Mächtigste der Mächtigen, nach den Schilderungen uralter, gelehrter Schriften zu seinem bleibenden Ruhme sie aus dem Nichts als irdisches Paradies herzustellen befohlen hat. Ihm, der die Stadt des Paradieses für ewige Zeiten gegründet hat, sei die Ehre!«

Und die Statthalter und ihre Hauptleute sowie alle Großen des Reiches beugten vor dem Herrscher das Knie, das ganze Volk aber warf sich ihm zu Füßen und küßte den Staub der Erde vor dem Göttlichen.

Dann ertönten wiederum laut die Tuben, und der gewaltige Zug setzte sich in Bewegung nach der Stadt des Paradieses. Es war ein herrliches Schauspiel, und alle, die gewürdigt wurden, an dem Triumphzug teilzunehmen, erschöpften sich unausgesetzt in Lobpreisungen auf die geheiligte Person des königlichen Bauherrn, dessen stolzer Wille überirdisches verwirklicht hatte.

So war die ungeheure Menschenschlange bereits sieben Stunden unterwegs, und immer höher gingen die Wogen der Begeisterung. Denn schon hoben in der Ferne die glitzernden Zinnen der Wunderstadt sich von dem blaßblauen Seidenvorhang des Mittaghimmels ab. Dann geschah etwas Unerwartetes und Furchtbares: ein fernes Rauschen und Brausen erfüllte mit einem Male die Luft. – »Der Khamsin!« schrie alles, und lähmendes Entsetzen packte Menschen und Tiere. Die herantosenden Sandwirbel ließen jegliches lebende Wesen erzittern. Das Tagesgestirn hatte sich in eine flammenrote Scheibe gewandelt. Der Todesengel flog mit glühendem Atem über die Unseligen dahin, und entseelt sanken sie alle in den heißen Sand.

Auch der Mächtigste der Mächtigen war unter seinen Opfern. Weder er noch irgend jemand aus seinem Gefolge ist in der Stadt des Paradieses eingetroffen. Die versandete Stadt soll auf Gottes Geheiß verborgen bleiben bis zum Tag des Jüngsten Gerichtes.

*

 

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