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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 65
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Achmed der Träumer

In einer Stadt des obern Nillandes lebte einst ein Goldschmied mit Namen Achmed. Er besaß zwar nur eine winzige Werkstätte in einem winkligen Gäßchen des fleißigen Handwerkerviertels, aber er galt als geschickt, und wäre er nicht ein gar so träumerischer und träger Geselle gewesen, der seine Kunden überaus lange warten ließ und die erteilten Aufträge am liebsten hinausschob, dann hätte er zu Wohlstand und Ansehen gelangen können.

Einer der angesehensten Kaufleute des Basars, der Juwelenhändler Ibrahim, bewahrte Achmed trotz allem seine wertvolle Kundschaft; denn niemand in der Stadt vermochte die Goldreifen und Armbänder, die Gürtelschließen und Halsketten nach den seltenen, aufgefundenen uralten Vorbildern so kunstvoll herzustellen wie der verträumte Achmed. Wenn gar der verschmitzte Ibrahim mitunter kam und also begann: »Höre, Achmed, diesmal mußt du dein Bestes schaffen; denn das bestellte Geschmeide soll die schönste Frau des Niltales schmücken«, dann wußte er, daß Achmed wirklich das Höchste leisten würde. Dann arbeitete sein Herz gemeinsam mit den Händen. Er sah im Geist eine unverschleierte Emir- oder Kalifenfrau, im duftigen Frauengemach herrlich gekleidet auf weichen Polstern ruhen, von geschäftigen Sklavinnen bedient, wie sie sich an dem Armband oder der Halskette lächelnd erfreute. Er hätte alles darum gegeben, einmal einer dieser schönen Frauen selber den angefertigten Schmuck um das Finger- oder Handgelenk oder gar um den Hals legen zu dürfen.

Als er dies einmal dem alten Ibrahim als größten Wunsch seines Lebens anvertraute, lachte der Juwelenhändler zuerst hell auf. Dann, wie er das verdutzte Gesicht des Goldschmiedes erblickte, wurde er nachdenklich und sprach nach einigem Besinnen: »Vernimm denn, Achmed, ich will dir ein Geheimnis anvertrauen: Sieben Tagereisen südlich von hier liegen halbversandet in der Wüste die Überreste des riesenhaften Tempels, den die ältesten Bewohner dieses Landes dem Sonnengott geweiht haben. Unter den dortigen Fellachen geht die Sage: wen der Sonnengott in seinem Heiligtum einmal den Wunschring finden läßt, der sein Bildnis, die geflügelte Sonnenscheibe trägt, der darf diesen Goldreifen in seinem Leben ein einziges Mal am Finger drehen, und der größte Wunsch seines Lebens wird ihm erfüllt werden. Wenn du eines Tages den Ring findest, kannst du nicht nur das schönste Weib auf Erden mit deinem Schmuck behangen, sondern kannst es auch besitzen.«

Von der Stunde an fand der Goldschmied daheim keine Ruhe mehr. Tag und Nacht grübelte er über das Gehörte nach. Er wurde träumerischer und träger als zuvor, einsilbig und verschlossen dazu. Kunden blieben aus. Es störte ihn nicht. Die Nachbarn konnten sich die plötzliche Veränderung in seinem Wesen nicht erklären. Eines Morgens fanden sie die Tür und Fenster seiner Werkstatt verriegelt, über Nacht hatte er sich, ohne ein Wort zu hinterlassen, davon gemacht. Die Nachbarn schüttelten die Köpfe.

Achmed aber, ein Bündel auf dem Rücken, wanderte stromaufwärts, wo die Tempelminen des Sonnengottes liegen sollten. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, so lange nach dem Wunschring zu suchen, bis er ihn gefunden. Als er sechs Tage in Staub und Sonnenbrand marschiert war, leuchteten vor ihm die weißen Zinnen eines Schlosses im Morgenlicht auf. Ein Kamelreiter bedeutete ihm auf seine Frage, jenes Gebäude sei der Wohnsitz des Sultans, dem dieses Land gehöre. Als der Wanderer weiter nach den Trümmerresten des gesuchten Tempels fragte, erhielt er die Auskunft, daß diese noch eine Tagereise südlich lägen.

Wie Achmed an der Sultansresidenz vorbeischritt, vernahm er hinter der langgestreckten, hohen Gartenmauer gleich Vogelzwitschern zarte, heitere Stimmen. »Das sind die schönen Frauen des Fürsten, die jetzt drinnen lustwandeln«, sagte er sich, und jäh und heiß durchzuckte ihn der vermessene Gedanke: wenn ich den Wunschring finde, dann wünsche ich mir die schönste der Sultansfrauen! Dieser Einfall belebte seine ermatteten Füße. Bald hatte er die Stadt hinter sich, und nach etlichen Stunden, die er mit beschleunigten Schritten durchmessen, erblickte er in der Wüsteneinsamkeit die verschütteten Überreste mächtiger Tempelbauten.

Angesichts der ungeheuren Verwüstung ringsum befiel ihn eine begreifliche Verzagtheit. Zwischen diesem Steingeröll konnte ein Mensch sein ganzes Leben verbringen und würde dennoch den Ring nicht finden, wenn kein Wunder geschehe. Ratlos schlich er zwischen den gestürzten Standbildern, zerborstenen Säulen und den zerstörten Mauern einher, und ließ sich endlich, nachdem es ganz finster geworden, erschöpft zu Boden fallen. Von seinem Eßvorrat hatte er die letzten Datteln noch nicht verzehrt, als er schon eingeschlafen war. Wie vermag ich nur in diesem Meer von Schutt den Ring zu finden! war sein letzter Gedanke, bevor er entschlummerte. Da erschien Achmed im Traum der Sonnengott, den die Alten Horos nannten, und sprach zu ihm: »Umschreite siebenmal die zerstörte Umfassungsmauer; dann stelle dich vor dem erhaltenen Tempeltor auf, in dessen Quergestein das Zeichen der geflügelten Sonnenscheibe eingegraben ist; wirf von dort einen Stein in den Säulensaal, und wo er zur Erde fällt, da liegt der Wunschring begraben.«

* * *

Als das Frühlicht den Schläfer weckte, schmerzten ihn wohl seine Glieder von dem harten Nachtlager. Aber kaum erwacht, sprang er fröhlich auf seine Füße; denn der Traum galt ihm als eine wirkliche Erscheinung der gütigen Gottheit, dem die ältesten Bewohner des Niltales diesen Riesentempel errichtet hatten. Er umschritt alsbald nach dem Geheiß im Traum siebenmal die zerstörte Umfassungsmauer, stellte sich dann vor dem erhaltenen Tempeltor auf, in dessen Quergestein das Zeichen der geflügelten Sonnenscheibe eingegraben war, hob dort einen Stein empor, schleuderte ihn in den gewaltigen Säulensaal und eilte nach der Stelle in der Mitte, wo er niedergefallen, und begann mit klopfendem Herzen in dem angehäuften Schutt zu graben. Sieben Stunden wühlte er in der weichen Erde, stieß dann einen Freudenschrei aus, küßte den Rücken seiner Hand und rief: »Allah sei gepriesen; ich habe den Ring gefunden!« Und es war so.

Man hätte denken sollen, Achmed sei nun der glücklichste Mensch auf Erden gewesen. Das war aber keineswegs der Fall. Da saß nun der Träumer erschöpft und ratlos inmitten der unübersehbaren Steintrümmer und zermarterte seinen Kopf. Ein einziges Mal durfte er den Ring am Finger drehen; dann wurde ihm sein größter Wunsch erfüllt. Welches aber war der tiefste geheime Wunsch, der ihn beseelte? Darauf wußte er sich selber keine Antwort zu geben. Da fiel ihm die Sultansresidenz ein, die er tags zuvor gesehen hatte. In seinem Ohr klangen mit einem Male die zarten Stimmen wieder, die er hinter der hohen, weißen Mauer vernommen hatte. Im Geist erblickte er die schönen Frauen, wie sie in jenem Teil des Gartens entschleiert lustwandelten, und der Wunsch, die schönste dieser Frauen zu besitzen, war der größte seines Herzens.

Als am andern Tage die Sultansfrauen in dem verschwiegenen Teil des Gartens, der ihnen vorbehalten ist, sich ergingen und mit Scherz und Spiel sich die Morgenstunden vertrieben, saß droben in den Ästen eines alten Feigenbaumes, dessen Krone über die Gartenmauer hinüberragte, ein Mensch namens Achmed, und seine Blicke verschlangen all die Frauenschönheit, die sich drunten vor ihm ausbreitete. Und als er die schönste der Sultansfrauen erblickte, wie sie ihren schwarzen Sklavinnen winkte, sie zu dem gewohnten Morgenbad in dem silberhellen Teich zu entkleiden, da hielt es den Lauscher nicht länger in seinem Versteck: entschlossen griff er nach dem Ring, um ihn zu drehen – und vergriff sich in der Hast und Erregung. Äste und Zweige knackten, weibliche Stimmen kreischten auf, die erschreckten Frauen und ihre Dienerinnen huschten eilends in die Innengemächer. Die herbeigeeilten Wächter aber hatten einen Menschen gepackt, der samt einem morschen Ast des Feigenbaumes in den Garten gefallen war, und sie mißhandelten ihn grausam. Lautlos ertrug der Unselige die verdiente Züchtigung.

In seinem gerechten Zorn befahl der Sultan, den Frevler zu enthaupten; auf die Bitten der schönen Frauen, denen Gott ein verzeihendes Herz verliehen, schenkte er ihm dann das Leben. Ein Beduine fand am Abend den Verprügelten, an die Gartenmauer des Palastes gekauert, wie er vor Schmerzen leise wimmerte. Er hob ihn auf sein Lasttier und nahm ihn mit in sein Zelt draußen am Wüstensaum, etliche Stunden westwärts. Mitleidig pflegte die Beduinenfrau den Fremdling. Sein Körper war arg zerschunden, aber, was weit schlimmer war, sein rechter Schenkel von dem Sturz gebrochen. Wochenlang lag er, unfähig zu gehen, in dem gastlichen Beduinenzelt. Als er wieder auf seinen Füßen stehen und, auf zwei Stecken gestützt, auszuschreiten vermochte, stellte sich heraus, daß sein rechtes Bein verkürzt war. So blieb er hinkend, auch dann, als er später den einen der beiden Krückstöcke entbehren konnte. Achmed beklagte sich nicht, rief Allahs Segen auf seine edlen Gastfreunde herab und humpelte, begleitet von deren Segenswünschen, zurück in seine Heimat.

Als er in dem winkeligen Gäßchen eintraf, wo er jahrelang gearbeitet hatte, saß in seiner Werkstätte ein fremder Goldschmied, den er nicht kannte. Er hatte seine Kundschaft übernommen und war nicht gewillt, den Platz zu räumen. Die Nachbarn, noch ungehalten über sein damaliges Verschwinden, zuckten teilnahmlos die Achseln, und Achmed erkannte, wie er trotz seines Gebrechens ihnen ein Fremder geworden war. Er ging davon, ohne einen Vorwurf oder eine Klage. Das Leid hatte ihn geläutert. Nachdenklich setzte er sich neben dem Eingang einer Moschee auf eine Steinbank. »Wenn ich jetzt den Ring einmal drehen wollte, dann würde ich alsbald sterben, sprach er zu sich selbst; denn das ist in diesem Augenblick der größte Wunsch meines Lebens.« Da ertönte über ihm die Stimme des Muezzins, der vom Minarett die Gläubigen zum Gebet aufrief, und alle Mutlosigkeit wich von ihm. Gleichzeitig gab der Allerbarmer dem Gedemütigten einen Gedanken ein, der ihm zum Heile ward.

* * *

Wo der Nilstrom sich breit ins offene Meer ergießt, liegt eine alte, berühmte Stadt, und vor ihren Toren am Wüstenrand liegt ein uraltes Derwischkloster. Vor dessen Pforte erschien eines Abends ein Fremdling, der sein verkürztes Bein auf einen Krückstock stützte, und bat, die Mönche möchten als ihresgleichen einen Menschen aufnehmen, der die Nichtigkeit der irdischen Dinge erkannt habe. Während die Brüder berieten, ob man dem Hinkenden sein Begehren erfüllen oder verweigern solle, hatte dieser einen letzten, glücklichen Einfall. Er drehte den Ring an seinem Finger, und siehe, sein Stock verwandelte sich in lauteres Gold. »Ich heiße Achmed der Goldschmied,« sprach der Fremde ruhig zu dem Pförtner, »und mache mit diesem goldenen Stab mein Hab und Gut dem Kloster zum Geschenk. Überbringe die Gabe dem Obern.«

Als die Brüder das kostbare Geschenk erblickten, gewährten sie ihm bereitwilligst Aufnahme, und Achmed lebte als Derwisch wunschlos und zufrieden bis an sein Lebensende. Den Ring hat er vor seinem Hinscheiden im Strom versenkt.

*

 

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