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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 64
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Agha der Barmakide

Ein mächtiger König erhob sich nach einer schlaflosen Nacht von seinem Lager, ließ den Hauptmann seiner Leibwache rufen und sprach zu ihm: »Saleph, gehe zu meinem Statthalter Mesrur und überbringe ihm diese Botschaft: Du schuldest meinem Herrn eine halbe Million Silberlinge, und er fordert durch meinen Mund dich auf, diese Summe alsbald zu entrichten. Ich befehle dir, Saleph, wenn die Schuldsumme dir nicht ausgehändigt wird, dem Schuldner das Haupt vom Rumpfe zu trennen und es mir zu überbringen.«

Der Hauptmann sprach: »Herr, es soll geschehen, wie du mir anbefohlen hast.« Sogleich brach er auf. Noch ehe er den Wohnsitz Mesrurs erreicht hatte, traf er mit diesem zusammen und richtete den Befehl aus, den der Fürst der Gläubigen ihm übertragen hatte. Da rief der Statthalter aus: »Ich bin dem Tode verfallen; denn wenn ich alles verkaufe, was ich mein eigen nenne, wird der Erlös die Schuldsumme nicht erreichen.«

Der Befehlshaber der Leibwache entgegnete ihm: »Ich bemitleide dich; doch mir bleibt nichts zu tun, als den Befehl meines Königs auszuführen.«

»Dann bitte ich dich um eins,« sprach der Statthalter, »begleite mich in mein Haus, damit ich von meiner Familie Abschied nehme und meinen Kindern die letzten Ratschläge erteilen kann.«

Als beide die Wohnung Mesrurs betraten und dieser von den Seinen sich verabschiedete, erhob sich ein großes Weinen und Wehklagen. Es erschütterte den Hauptmann sehr, so daß er sprach: »Vernimm, Mesrur, mir kommt ein Gedanke: vielleicht könnte durch die Barmakiden dir Hilfe in deiner Bedrängnis kommen. Laß uns den Sohn des Khalid aufsuchen.«

Und sie begaben sich zu Agha, dem Sohn des Khalid, und teilten ihm mit, welch harten Befehl der Hauptmann der Leibwache auszuführen habe. Agha stützte das graue Haupt in die Hand, grübelte eine Weile nach, erhob sich dann, rief seinen Schatzmeister herein und fragte ihn: »Wieviel Geld ist in unserm Besitz?« Jener antwortete: »Zehntausend Silberlinge.« Agha ließ sie hereinbringen. Dann sandte er berittene Boten zu seinem Sohn El-Jade und ließ ihm sagen: »Man hat mir Ländereien von hohem Wert angeboten; schicke mir einen Beitrag zu der Kaufsumme.« Jener sandte dem Vater durch die Boten zweihunderttausend Silberlinge.

Dann schickte er berittene Boten zu seinem Sohne Djafar und ließ ihm sagen: »Ich habe ein wichtiges Handelsgeschäft abgeschlossen und bedarf hierzu erheblicher Geldmittel.« Und Djafar sandte dem Vater durch die Boten zweihunderttausend Silberlinge. Agha sandte noch weitere Boten zu den Barmakiden, und beträchtliche Geldsummen liefen alsbald von seinen Getreuen ein. Saleph und Mesrur gerieten darob in wachsendes Erstaunen. Und Mesrur beugte vor Agha das Knie, küßte den Saum seines Gewandes und murmelte: »Siehe, ich bin dein Sklave; tue mit mir, was dir beliebt.«

Agha senkte sinnend das Haupt. Dann rief er einen Edelknaben herbei. »Der Beherrscher der Gläubigen schenkte einst meiner Sklavin Denanir ein wertvolles Kleinod. Gehe hin und sage ihr, sie möge es dir aushändigen.« Der Knabe brachte den Schmuck, und Agha wandte sich an Mesrur: »Höre, ich kaufte deinem Gebieter von einem Juwelenhändler dieses Kleinod um den Preis von hunderttausend Golddenaren. Der Fürst der Gläubigen machte es meiner Sklavin Denanir, der lieblichen Lautenspielerin, zum Geschenk. Wenn er es heute in deinen Händen erblickt, wird er es wiedererkennen und dadurch begütigt werden. Dein Leben wird dir geschenkt werden um meinetwillen. Die Schuldsumme liegt dort vollgezählt für dich bereit. Allahs Segen sei mit dir!«

Saleph und Mesrur schieden von dannen. Dann begab sich etwas Unerwartetes. Mesrur konnte sich nicht enthalten, folgendes einzugestehen: »Fürwahr, nicht Liebe lenkte meine Schritte zu den verstoßenen Barmakiden, vielmehr die Furcht vor dem drohenden Schwert über meinem Haupt.«

Der Hauptmann der Leibwache war betroffen über diese Gesinnung, und als beide vor dem Kalif erschienen, vermochte er nicht, den Undank des Statthalters mit Schweigen zu übergehen. Stirnrunzelnd hieß der Herrscher den Statthalter gehen. Dann befahl er Saleph: »Bringe Geld und Geschmeide dem Enkel des Barmak zurück; denn es ziemt sich nicht, dem Edelmütigen auch nur einen Tag das zu entziehen, was ihm gebührt.«

Darauf kehrte der Befehlshaber der Leibwache zu Agha zurück und zögerte nicht, den undankbaren Statthalter mit harten Worten zu verurteilen. Aber der Sohn des Khalid bewegte abweisend das ergraute Haupt. »Wisse, Saleph, wenn ein Mensch in unerwartete große Bedrängnis gerät, dann ist seine Seele erregt und sein Kopf verwirrt, und was er in diesem Zustand sagt oder tut, darüber soll man nicht allzu streng mit ihm rechten; denn, glaube mir, es kommt nicht von Herzen.«

Saleph erstaunte über solche verstehende Nachsicht, und er bekannte mit erhobener Stimme vor allen Versammelten: »Bei meiner Seele, deine Milde ist ebenso groß wie deine Freigebigkeit. O, möchten auf Erden viele deinesgleichen wandeln, du Stolz des gedemütigten Geschlechtes der Barmakiden!«

*

 

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