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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 60
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Der Edelsinn Jafars

Ein Beduine der Wüste verfaßte alljährlich einen Lobgesang auf Jafar El-Barmeki. Wenn er ihn dem Fürsten überreicht hatte, ließ dieser ihm zur Belohnung fünfhundert Goldstücke aushändigen. Der Beduine ritt mit dem Geld heimwärts und ernährte seine Familie damit ein Jahr hindurch. Nach Ablauf eines Jahres fand er sich wiederum mit einem Lobgedicht ein, und er erfuhr, daß Jafar gestorben sei. Da ritt er zu dessen Grabhügel hinaus, stieg dort von seinem Reittier, rang die Hände, sagte sein Lobgedicht auf und schlief ermüdet ein.

Da erschien ihm im Traum Jafar und sprach zu ihm: »Du bist müde; denn du bist weit hergekommen um meinetwillen, hast mich aber nicht mehr unter den Lebenden gefunden. Nun aber stehe auf und reite hinein nach Kahira. Im Viertel der Basare suche in der schönsten Straße den größten der Kaufherrn auf und sprich zu ihm: Jafar El-Barmeki entbietet dir den Friedensgruß und läßt dir sagen: Gib mir vollgezählt fünfhundert Golddenare im Zeichen der Bohne.«

Als der Beduine am Morgen erwachte, begab er sich nach Kahira und suchte den Kaufherrn auf. Nachdem er ihn gefunden hatte, berichtete er ihm, was Jafar im Traum zu ihm gesprochen. Da begann der Kaufmann zu weinen. Dann lud er den Beduinen in sein Haus ein, bewirtete ihn reichlich und behielt ihn als seinen Gast drei Tage. Als jener hierauf wünschte, den Heimweg anzutreten, überreichte ihm sein Gastfreund tausend Denare und sprach dabei: »Fünfhundert Denare sind diejenigen, die mir aufgetragen worden sind, dir auszuzahlen; die weiteren fünfhundert sind ein Geschenk, das ich dir mache. Komme alljährlich, und du wirst von mir die gleiche Summe erhalten.«

Da küßte der Wüstenbewohner den Rücken seiner Hand und rief: »Allah sei gepriesen!« Dann aber fuhr er fort: »Ich beschwöre dich, erzähle mir zuvor die Geschichte von der Bohne.«

Und der Kaufherr erzählte ihm die folgende Geschichte: »Ich habe den ersten Teil meines Lebens in großer Dürftigkeit verbracht. Damals ging ich mit einem Korb angewärmter Bohnen umher und fristete mit dem Verkauf mein Leben. Eines Tages war ich wieder mit meiner Ware unterwegs. Es war kalt und regnerisch, und ich saß frierend am Straßenrand. Da kam Jafar El-Barmeki, der Freund der Armen und Notleidenden, in einer Sänfte des Weges, begleitet von seiner Familie und seinem Gefolge. Seine gütigen Augen ruhten auf mir, und er winkte einem seiner Diener, daß er mich zu ihm führe. Dann redete er mich also an: ›Verkaufe die Bohnen, die du im Korbe hast, mir und den Meinigen.‹

Darauf begann ich mit dem Maß, das ich hatte, die Bohnen zu verteilen, und ein jeglicher aus dem erlauchten Kreis Jafars füllte das leere Maß mit Gold. So ging es weiter, bis mein Korb leer war. Ich raffte das Gold zusammen, das mir zugeflossen war, und Jafar sprach: ›Hast du keine Bohne mehr übrig?‹ Ich verneinte es, und er hieß mich den Korb nochmals gründlich durchsuchen. Da fand sich noch eine einzige Bohne im Korb. Jafar nahm sie, teilte sie in zwei Hälften und fragte eine der schönen Frauen seiner Umgebung: ›Um welche Summe möchtest du die Hälfte dieser Bohne kaufen?‹

Die Liebliche (gepriesen sei, der sie schuf) wies auf meinen Korb, der mit Gold gefüllt war: ›Um die doppelte Menge dieses Goldes.‹ Ich aber sagte zu mir selbst in ungläubigem Staunen: ›Beim Licht der Sonne, das ist unmöglich.‹ Da winkte die schöne Frau eine ihrer Sklavinnen herbei, und diese überreichte mir eine Menge Goldes, die doppelt soviel war als jene, die ich bereits eingenommen hatte.

Darauf rief Jafar: ›Und ich kaufe dir die andere Hälfte um das Doppelte der Gesamtsumme ab.‹ Und der Edelmütige gab seinem Schatzmeister den Auftrag, mir die Summe vollausgezählt in den Korb zu füllen. Hierauf zog ich nach Kahira und begann mit meinem Geld zu arbeiten. So bin ich durch meine armseligen Bohnen zu großem Reichtum gelangt. Wenn ich hiervon jährlich tausend Denare dir überlasse, werde ich es nicht verspüren; wohl aber ehre ich damit das Andenken Jafars, dessen Edelsinn Gott belohnen möge.«

*

 

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