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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Der König und sein Diener

Ein König hatte einen Diener, der zwar klein und unansehnlich, aber von großer Treue für seinen Herrn beseelt. Deshalb behielt er ihn um sich, obgleich er seiner Gattin mißfiel. Auch der jugendliche Königssohn hatte den stets gefälligen Diener seines Vaters liebgewonnen; denn jener, der äußerlich noch ein Knabe schien, spielte öfters mit ihm und lehrte ihn manche unterhaltende Spiele.

Eines Tages ging der König auf die Jagd. Als er heimkehrte, war die Königin soeben im Begriff, ein Opfer herzurichten, von dem sie sagte, eine Gottheit habe sie dazu aufgefordert, während ihr Gemahl draußen jagte. Durch dieses Opfer, so behauptete sie, würde der König die Weltherrschaft erlangen, jedoch unter der Bedingung, daß ein Mensch geopfert und sein Herz für das Königspaar zur Opferspeise hergerichtet werde, und zwar habe die Gottheit den Diener des Königs für dieses Opfer ausersehen.

Den König grauste vor diesem Opfer, und er erklärte, um diesen Preis wolle er auf die Weltherrschaft verzichten. Da schalt die Königin ihn einen Schwächling, der nicht würdig sei, den Thron seiner Vorfahren einzunehmen. Dies kränkte den König, und als die Königin fortfuhr, ihm die Herrlichkeit der Weltherrschaft auszumalen, begann er zu schwanken. So wurde die Tat beschlossen. Der König rief seinen Mundkoch heimlich zu sich, beschenkte ihn reichlich und sprach: »Die Gottheit hat mich wissen lassen, ich möge ihr um meines Reiches willen ein Menschenopfer darbringen. Wer daher morgen eine Stunde vor der gewohnten Tischzeit von mir zu dir entsandt wird mit dem Auftrag: ›Bereite deinem Herrn alsbald ein gutes Mahl!‹ den strecke nieder, nimm sein Herz und bereite daraus eine Opferspeise für mich und die Königin!«

Am andern Tage sprach der König eine Stunde vor der gewohnten Tischzeit zu seinem Diener: »Mich hungert; begib dich zum Mundkoch und befiehl ihm: ›Bereite deinem Herrn alsbald ein gutes Mahl!‹ Hurtig eilte der Diener hinaus. Draußen im Schloßhof sprang ihm der Königssohn entgegen und rief ihm zu: »Soeben fand ich beim Spielen im Garten zwischen dem Kies dieses Klümpchen Gold. Ich bitte dich, eile doch sogleich zum Goldschmied und bringe mir dafür einen gleichen Fingerring mit, wie er vor kurzem einen für den König angefertigt hat; ich möchte damit meine Mutter überraschen.«

Der Diener freute sich über die Gesinnung des Knaben und entgegnete: »Gern will ich deinen Auftrag ausführen, wofern du inzwischen zum Mundkoch hinübereilst und an meiner Statt den Befehl des Königs ausrichtest: Bereite deinem Herrn alsbald ein gutes Mahl.« Damit eilte er fort, um den Wunsch des Königssohnes zu erfüllen. Dieser begab sich zu dem Mundkoch, um den Befehl des Königs zu überbringen. Und die grausige Tat geschah, wie das Königspaar sie vorbereitet hatte.

Nach einiger Zeit erschien der Diener vor dem König und suchte den Königssohn. Bei seinem Anblick entsetzte sich das Königspaar. Der Diener sprach: »Hoher Gebieter, vor einer Stunde bat der Königssohn mich drunten im Hofe, als ich im Begriff war, deinen Auftrag dem Mundkoch auszurichten, ich möge für einen Goldkiesel, den er zwischen dem Gartenkies gefunden hatte, bei Eurem Goldschmied diesen Fingerring erstehen, mit dem er die erhabene Königin, seine Mutter, zu erfreuen gedenkt, damit sie den gleichen Goldreifen trage wie Ihr. Ich habe seinen Auftrag ausgeführt, weil er versprach, inzwischen statt meiner Euren Befehl dem Mundkoch zu überbringen, Euch alsbald ein gutes Mahl zu bereiten.«

Da schrie die Königin laut auf, und ihr Schmerz wurde zu Feuer, das sie wie eine Motte versengte. Sie fiel tot zu Boden. Der König aber stand, als sei er zu Stein geworden. Er übergab die Regierung einem Verwandten, ging in die Einsamkeit und verbrachte den Rest seines Lebens als Büßer.

*

 

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