Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Ruland >

Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 58
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
Schließen

Navigation:

Die Zauberquelle

In alten Zeiten lebte ein König, der hatte einen einzigen Sohn, welcher mit der Tochter eines andern Königs verlobt war. Jene Königstochter, die von großer Schönheit war, besaß einen Vetter, der sich um sie beworben hatte, aber abgewiesen worden war. Darauf sandte der verschmähte Freier an den Wesir jenes Königs große Geschenke und verlangte dafür von ihm, er möge den Nebenbuhler töten oder aber zum mindesten die Heirat zwischen den beiden Königskindern vereiteln. Der Wesir willigte ein.

Bald darauf schickte der Vater der Jungfrau Boten zu dem Königssohn, dem seine Tochter versprochen war, und lud ihn ein, an seinen Hof zu kommen, damit die Hochzeit gefeiert werde. Darauf ließ ihn sein Vater gehen, zusammen mit seinem Wesir und begleitet von tausend Reitern.

Als sie die Wüste durchquerten, erinnerte sich der Wesir, daß in der Nähe eine Zauberquelle war, Er Zahra geheißen. Wenn ein Mann von ihrem Wasser trank, wurde er in ein Weib verwandelt. Der Wesir befahl daher den Reitern zu rasten. Den Königssohn aber führte er abseits zu der Quelle und forderte ihn auf, sich dort zu erfrischen. Der Jüngling stieg vom Pferde, wusch sich die Hände und trank von dem Wasser. Und siehe, er wurde alsbald in ein Weib verwandelt. Darüber war er mit Recht verzweifelt und jammerte sehr. Der arglistige Wesir fragte ihn nach der Ursache seines Kummers, und als er ihn erfahren hatte, heuchelte er große Betrübnis. Darauf sandte der Königssohn den Wesir zu seinem Vater zurück. Er möge diesem melden, was ihm zugestoßen sei, und möge hinzufügen: er sei nicht willens, heimzukehren, bevor das Unheil von ihm gewichen; eher möchte er sterben.

So blieb er bei der Quelle drei Tage und drei Nächte, ohne zu essen und zu trinken. In der vierten Nacht erschien ihm ein Reiter mit einer Krone auf dem Haupt gleich einem Fürstensohn, der fragte ihn: »Was führt dich an diesen Ort?« Der verwandelte Jüngling erzählte ihm hierauf seine Geschichte. Als der Reiter diese vernommen hatte, erklärte er: »Der Wesir deines Vaters hat dein Mißgeschick verschuldet; denn nur ein einziger Mensch weiß um die Zauberkraft der Quelle.«

Hierauf befahl ihm der Reiter, aufs Pferd zu steigen. Er tat dies, und der andere fuhr fort: »Komm mit mir in meine Behausung; diese Nacht sollst du mein Gast sein.«

»Sage mir zuvor, wer du bist, teilnehmender Fremdling,« entgegnete der Verwandelte, »dann will ich dir gern folgen.«

Da gestand ihm der Reiter: »Ich bin der Sohn eines Geisterkönigs, und du bist der Sohn eines irdischen Königs. Nun aber sei guten Mutes. Ich gedenke, das Unrecht wieder gutzumachen, das dir zugefügt wurde.« Hierauf überließ der Königssproß die Reiter seines Vaters ihrer Rast und folgte dem Sohn des Geisterkönigs von Tagesanbruch bis Mitternacht. Alsdann fragte dieser ihn: »Weißt du, wieviel Weg wir zurückgelegt haben?« Der Jüngling verneinte es, und der Geist sprach: »Wir haben eine Strecke durchmessen, für die ein galoppierendes Pferd ein volles Jahr benötigt.«

Darüber erstaunte der Königssohn sehr, und er fragte: »Wie werde ich wohl zu meiner Familie zurückkehren?«

»Laß das meine Sorge sein«, beruhigte ihn jener. »Wenn dein Mißgeschick von dir genommen sein wird, wirst du im Zeitraum eines Augenaufschlages wieder bei den Deinen sein.« Da belebte den Verwandelten eine herzliche Freude, und er rief: »Gelobt sei die Weisheit dessen, der Leid in Freude verkehrt!«

Im Morgengrauen erreichten sie eine Landschaft, die war schön wie ein Paradies. Paläste ragten mit schimmernden Zinnen empor, in blühende Gärten gebettet. Hier stieg der Sohn des Geisterkönigs vom Pferde. Der Jüngling tat auf sein Geheiß das gleiche. Dann nahm sein Begleiter ihn bei der Hand und führte ihn in einen der Paläste. Dort erwartete sie der König des Landes, ein gütiger Greis, der sie mit auserlesenen Speisen bewirtete. Sie verblieben bis zum Anbruch der Nacht; dann bestieg der Sohn des Geisterkönigs abermals sein Pferd; dasselbe tat der verwandelte Jüngling, und sie ritten von dannen bis zur Morgenröte.

Dann erblickten sie vor sich eine menschenleere Landschaft, die war unheimlich wie die Hölle. »Wie heißt diese wüste Gegend?« fragte der Verwandelte.

Sein Begleiter belehrte ihn: »Diese Gegend heißt das Land der Finsternis. Es gehört einem der Geisterkönige mit Namen Zu-l-Jenaheyn. Niemand darf es ohne seinen Willen betreten.« Er hieß ihn warten und entfernte sich. Zurückgekehrt, winkte er ernst und schweigend, und der Jüngling folgte ihm. Sie wanderten landeinwärts und gelangten endlich zu einer Quelle, die aus einem schwarzen Gestein in eine Vertiefung rieselte. Der Geist befahl dem Jüngling: »Steige hinab und trinke von dem Wasser.«

Er tat, wie ihm geheißen, und siehe, er wurde in einen Mann verwandelt. Er war außer sich vor Freude und fragte den Geist: »Mein Bruder, wie heißt diese Wunderquelle?«

»Es ist die Frauenquelle«, belehrte ihn dieser. »Jegliches weibliche Wesen, das davon trinkt, wird in einen Mann verwandelt. Darum danke Gott für deine Verwandlung und besteige dein Pferd.« Der Jüngling kniete nieder und lobte Gott, dessen Name gepriesen sei. Dann ritten beide zurück tagsüber, bis sie wieder im Reich des Geisterkönigs angelangt waren. Dort stärkten sie sich in dem Palast des gastlichen Königs mit Speise und Trank, worauf der Sohn des Geisterkönigs fragte: »Möchtest du diese Nacht zu deiner Familie heimkehren?« Als der Jüngling es freudig bejahte, rief er einen Sklaven und befahl ihm: »Nimm diesen Menschen in deine Obhut und laß ihn nicht zur Erde niedergleiten, bevor er nicht im Hause seines Schwiegervaters und der ihm versprochenen Braut angelangt ist.« Der Sklave erwiderte: »Ich habe verstanden, Herr, und dein Befehl wird treulich vollzogen werden.« Er entfernte sich, und als er nach einer Weile zurückkehrte, war er in einen geflügelten Drachen verwandelt. Mit bestürztem Staunen betrachtete ihn der Jüngling; der Geist aber beruhigte ihn: »Dir wird kein Leid zustoßen. Besteige dein Pferd und schwinge dich mit diesem auf seinen Rücken.«

Der Jüngling aber erwiderte: »Lieber möchte ich allein seinen Rücken besteigen und dir mein Pferd überlassen.« Und schon hatte er sich auf den Drachen hinaufgeschwungen. Der Geist befahl ihm, die Augen zu schließen. Er tat also, und der Drache flog mit ihm zwischen Himmel und Erde. Vor Sonnenaufgang landeten sie auf dem Dach des Palastes, wo die Königstochter wohnte.

»Öffne die Augen,« befahl der geflügelte Drache, »diesen Palast bewohnt deine künftige Gemahlin.« Mit diesen Worten ließ er ihn absteigen und flog von dannen. Als der Tag anbrach, stieg der Königssohn vom Dach, und als der Vater seiner Braut ihn erblickte, wunderte er sich und rief: »Die andern Menschen sehen wir durch die Tür ins Haus kommen; du aber kommst vom First des Hauses.«

Der Königssohn antwortete: »So wollte es Gott, dessen Allmacht unendlich ist.« Und als die Sonne aufgegangen war, befahl der König, ein großes Fest zu veranstalten. Dann wurde die Hochzeit fröhlich gefeiert. Der Königssohn verweilte zwei Monate am Hofe seines Schwiegervaters und kehrte dann mit seiner jungen Gemahlin in die Stadt seines Vaters zurück. Man sagt, daß der Vetter seiner Braut vor Neid und Eifersucht gestorben sei.

*

 

 << Kapitel 57  Kapitel 59 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.