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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 57
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Hatim der Gütige

Als Hatim-El-Zai, mit dem Beinamen der Gütige, gestorben war, wurde er seinem Willen gemäß draußen in der Wüste am Fuß einer Anhöhe bestattet. Zur Seite des Grabes waren zwei steinerne Tröge errichtet als Tränke für die Kamele, und ein Wasser rieselte dort aus der Quelle, von schattigen Palmen umstanden, als Labung für die Menschen. Wenn die Wanderer, wie es häufig geschah, diesen Platz als Nachtlager wählten, hörten sie mitunter in der Stille der Nacht leises Wehklagen. Wenn sie dann aufstanden und Umschau hielten, war niemand zu sehen.

Einmal kam Zu-l-Kelan, der Fürst von Hemyer, des Weges, und als er sein Nachtlager an jenem Palmhügel aufschlug, hörte auch er in der Nacht dieses Wehklagen. Da rief er in die nächtliche Stille: »Was bedeuten diese Klagelaute, die von der Höhe dieses Hügels erklingen?« Und einer aus seinem Gefolge belehrte ihn: »Herr, wir weilen am Grab Hatims des Gütigen, der wegen seiner Gastfreundschaft berühmt war. Manche, die gleich dir hier nächtigten, haben diese Totenklage vernommen.«

Und übermütig scherzte Zu-l-Kelan: »Diese Nacht sind wir deine Gäste, gütiger Hatim, und zwar recht hungrige.« Während er dann weiterschlief, rief plötzlich einer aus seinem Gefolge: »Araber, kommet zu mir und meinem Reittier!« Als alles hinzulief, fanden sie das Reittier des Zu-l-Kelan am Verenden. Da töteten sie es vollends, brieten das Fleisch und aßen davon. Dann befragten sie den, der den Ruf ausgestoßen hatte, und dieser verkündete: »Ich schlief und sah im Traum Hatim-El-Zai, der sich mit gezücktem Schwert mir näherte und dabei sprach: ›Ihr seid meine Gäste, und zwar recht hungrige; ich aber habe nichts euch vorzusetzen.‹ Darauf tötete er mein Kamel mit seiner Waffe.«

Als der Morgen anbrach, bestieg Zu-l-Kelan das Reittier eines seiner Begleiter. Gegen Mittag kam ihnen ein Kamelreiter entgegen, der führte ein zweites Kamel am Halfter. Als sie ihn fragten, wer er sei, antwortete er: »Ich bin Adi, der Sohn Hatims-El-Zai. Wo ist Zu-l-Kelan, der Fürst von Hemyer?« Jener sprach: »Ich bin es.« Darauf sprach Adi zu ihm: »Besteige dieses Reittier hier an Stelle des deinigen; denn jenes hat mein Vater getötet um deinetwillen.«

»Wer hat dir das berichtet?« fragte Zu-l-Kelan. Der andere gab ihm darauf diese Auskunft: »Mein Vater ist mir diese Nacht im Traum erschienen, und dies hat er zu mir gesprochen: ›Zu-l-Kelan, der Fürst von Hemyer, hat mich um Gastfreundschaft gebeten, und ich habe um seinetwillen sein Reittier getötet. Darum, Adi, gehe ihm entgegen und übergib ihm in meinem Namen ein neues Kamel an Stelle des andern, das ihm und seinem Gefolge von mir als Nachtmahl zugedacht war.‹« Darauf nahm Zu-l-Kelan das Reittier in Empfang, und alles bewunderte die Freigebigkeit, die Hatim der Gütige sowohl im Leben als im Tode bekundete.

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