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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 54
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Der Esel des Gerechten

Ein Gerechter wanderte des Weges und führte an einem Strick seinen Esel, der hinter ihm herging. Zwei Schelme bemerkten dies, und der eine sagte zu seinem Gefährten: »Ich möchte den Esel dieses Mannes nehmen.« »Wie willst du das anfangen?« fragte der andere. »Folge mir und sieh zu«, sprach der erste.

Der Schelm ging und näherte sich sachte dem Esel, löste den Strick von seinem Hals und übergab das Tier seinem Gefährten, damit er es hinwegführe. Dann legte er sich den Strick um den Hals und wanderte fürbaß hinter dem Gerechten, bis sein Gefährte mit dem Esel sich entfernt hatte. Dann blieb er stehen, und der Gerechte zog, ohne sich umzuwenden, an dem Strick. Er aber rührte sich nicht. Da wandte der Gerechte sich um und erblickte einen Menschen statt eines Esels an seinem Strick.

Er sprach: »Wer bist du?« Der Gefragte antwortete: »Ich bin dein Esel, und also ist meine wunderbare Geschichte: Ich hatte eine Mutter, und eines Tages ging ich hin und betrank mich, und meine Mutter sagte: ›Mein Sohn, möge Gott (dessen Name gelobt sei) dich züchtigen, damit du von deinem Laster abläßt!‹ Ich aber ergriff einen Stock und schlug meine Mutter. Und in derselben Stunde verwandelte mich Gott zur Strafe in einen Esel und ließ mich in deinen Besitz gelangen. Ich bin die ganze Zeit bei dir gewesen. Heute wird sich meine Mutter ihres Kindes erinnert und zu Gott für mich gebetet haben, und Gott hat Mitleid mit mir gehabt und mir meine menschliche Gestalt wiedergegeben.«

Und der Gerechte rief aus: »Es gibt keine Allmacht und Weisheit außer bei Allah! Mein Bruder, verzeih mir alles, was ich in der langen Zeit, wo du mir gedient hast, an dir verbrochen habe.« Darauf ließ er ihn gehen und kehrte bewegt und niedergeschlagen nach Hause zurück. Als sein Weib ihn sah, sprach sie: »Warum bist du so gedrückt und wo ist der Esel?« Er antwortete: »Du kennst nicht die Geschichte jenes Esels; wohlan, ich werde sie dir erzählen.« Und er erzählte ihr alles, und als das Weib solches gehört hatte, rief sie aus: »O wir Unglücklichen! Wer weiß, welche Strafe wir noch von Gott zu erwarten haben, weil wir die ganze Zeit einen Sohn Adams mißbrauchten.« Dann gab sie Almosen und flehte zu Gott, daß er ihnen verzeihe.

Und der Mann blieb lange Zeit zu Hause, ohne zu arbeiten. Eines Tages sagte sein Weib zu ihm: »Weshalb bleibst du zu Hause, ohne zu arbeiten? Gehe zum Markt und kaufe einen anderen Esel und arbeite.« Er ging zum Markt und betrachtete die Esel, die zu verkaufen waren, und er erblickte unter ihnen auch den seinigen. Und als er ihn erkannt hatte, näherte er sich, neigte seinen Mund zu dessen Langohr und raunte: »Du Unseliger, ohne Zweifel hast du dich wiederum betrunken und hast von neuem deine Mutter geschlagen; aber bei Allah, ich werde dich nicht ein zweites Mal kaufen!« Und er ließ ihn stehen und ging davon.

*

 

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