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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 51
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Der Diener der ausgleichenden Gerechtigkeit

Zur Zeit des Kalif Soliman, Sohn des Abdel Melik, lebte ein reicher Mann namens Kuzeymek, Sohn des Bisr, vom Stamm der Beni Asas, der zeichnete sich durch große Freigebigkeit aus, nicht minder durch seine Wohltaten und seine Güte gegen seinesgleichen. So lebte er dahin, bis eines Tages das Unglück ihn heimsuchte, so daß er jene um Unterstützung angehen mußte, denen er bisher geholfen hatte.

Eine Zeitlang liehen ihm wohl jene ihren Beistand. Dann aber erlahmten sie, und als er ihr verändertes Benehmen gewahrte, ging er zu seinem Weib, das zugleich seine Verwandte war, und sprach: »Tochter meines Oheims, ich habe bemerkt, wie meine Brüder ihr Verhalten gegen mich ändern, und ich habe beschlossen, mich in unserm Haus von der Welt abzuschließen, bis der Tod kommt, um mich mitzunehmen.«

Hierauf schloß er die Tür hinter sich zu und nährte sich nur notdürftig von den Resten der vorhandenen Speisen in Erwartung eines baldigen Todes. Er war aber dem Statthalter von Gezireh bekannt, der Ehrimek el Zayad Er Rahay hieß. Als dieser eines Tages im Beratungssaal saß, wurde der Name des Kuzeymek genannt, und Ehrimek fragte seine Umgebung: »Was treibt jener?«

Man antwortete ihm: »Er ist völlig verarmt. Er hat sich in sein Haus eingeschlossen und erwartet den Hungertod.«

Da rief der Statthalter aus: »Das ist die Folge seiner grenzenlosen Freigebigkeit und verschwenderischen Güte. Warum hat er niemand, der ihm zu Hilfe eilt?« Die Gefragten wußten hierauf nichts zu erwidern.

Als es Nacht geworden war, nahm der Statthalter vierhundert Goldstücke, füllte sie in seine Börse und verließ heimlich sein Haus. Begleitet von einem Sklaven, der das Geld trug, ritt er davon. Als die Wohnung des Kuzeymek sichtbar wurde, entließ er den Diener. Dann klopfte er an die Pforte, und als Kuzeymek erschien, überreichte er ihm das Geld und sprach: »Tue damit nach deinem Gutdünken.«

Dieser gab dem fremden Reiter die schwere Börse zurück und sprach: »Wer bist du? Meine Seele steht dir zur Verfügung.«

Ehrimek erwiderte: »Ich komme zur Nachtzeit, von keinem andern Wunsch beseelt, als daß du mich nicht erkennen mögest.«

Kuzeymek aber rief: »Ich lasse dich nicht, bevor du mir nicht gesagt hast, wer du seiest.«

Hierauf antwortete der Reiter: »Ich bin der Diener der ausgleichenden Gerechtigkeit.«

»Sprich weiter!« bat Kuzeymek.

»Nein«, entschied der andere. »Hier nimm!« Er übergab ihm die Börse und ritt eilig davon.

Hierauf begab sich Kuzeymek zur Tochter seines Oheims und rief: »Freue dich über die frohe Botschaft, die ich bringe. Siehe dies Geld. Gott hat es uns gesandt. Sein Name sei gelobt. Erhebe dich, zünde ein Licht an und laß uns den neuen Reichtum zählen.«

Sein Weib entgegnete: »Ich habe kein Licht mehr zum Anzünden.« So verbrachten sie die Nacht, indem sie die Geldstücke mit den Händen betasteten und ihr Gewicht prüften, wohl vermeinend, es müßten alles Goldmünzen sein, obgleich sie nichts sehen konnten.

Als der Statthalter nach Hause zurückkehrte, erwartete ihn sein Weib, die ihn daheim überall hatte suchen lassen, und sie sprach zu ihm: »Der Statthalter von Gezireh entfernt sich zur Nachtzeit nicht ohne Wissen der Gattin und ohne Begleitung eines Dieners, es sei denn, sein Tun scheut das Licht.«

Er antwortete: »Gott weiß, daß ich nicht in schlimmer Absicht mein Haus verlassen habe.«

Sie: »Dann sage mir, aus welchem Grunde du heimlich fortgegangen bist.«

Er: »Ich wählte die Nachtzeit, damit niemand von meinem Vorhaben etwas erfahren soll.«

Sie: »Ich als dein Weib sollte es aber wissen.«

Er: »Wenn ich es dir anvertraue, wirst du es für dich behalten?«

»Ja«, beteuerte die Gattin. Darauf erzählte Ehrimek ihr, was vorgefallen war. Er schloß seine Rede: »Willst du, dann schwöre ich, daß es sich so verhält.«

»Nein, nein,« rief sie, »mein Herz ist erleichtert, und ich glaube, was du mir erzählt hast.«

Als Kuzeymek am andern Morgen sich erhob, bezahlte er sofort seine Gläubiger und brachte seine Geschäfte in Ordnung. Nachdem er wieder zu Ansehen und Reichtum gelangt war, drängte es ihn, den Kalif Soliman, Sohn des Abdel Melik, aufzusuchen, um ihm seine Ergebenheit zu bekunden. Als er am Hofe des Fürsten angelangt war, meldete ihn der Kämmerer seinem Herrn. Der Ruf seines Edelmutes war bis zu den Ohren des Kalif gedrungen, und gern gab Soliman den Befehl, ihn vorzulassen. Kuzeymek bezeugte ihm seine Ergebenheit mit jener Begrüßung, die allein dem Fürsten der Gläubigen zusteht.

Dann fragte ihn Soliman: »Kuzeymek, welche Umstände hielten dich so lange fern von meinem Hof?«

»Der üble Stand meiner Geschäfte«, entgegnete dieser.

»Und was hat dich gehindert, dich mir anzuvertrauen?«

»Meine Unwürdigkeit, Herr!«

»Und wie hat dein Unheil sich wieder in Heil verkehrt?« fragte der Kalif weiter.

»Wisse, o Fürst, zur Nachtzeit erschien vor meinem Hause ...« Und Kuzeymek erzählte, was wir schon wissen.

»Kennst du jenen fremden Reiter?« fragte der Kalif.

»Ich kenne ihn nicht. Er war hoheitsvoll und sagte nur dieses: ›Ich bin der Diener der ausgleichenden Gerechtigkeit.‹« Und Soliman war begierig, den Fremdling kennenzulernen. Es drängte ihn, gleichfalls einen Beweis seiner Großmut abzulegen. Daher ließ er sein Banner herausbringen, die Höflinge sich um ihn sammeln, und er ernannte zur selben Stunde Kuzeymek zum Statthalter von Gezireh an Stelle des Ehrimek.

Kuzeymek nahm die Straße gegen El-Gezireh, und als er sich der Stadt näherte, kam ihm Ehrimek entgegen. Viel Volk begleitete ihn. Sie begrüßten einander und betraten zusammen die Stadt. Kuzeymek stieg im Palast des Statthalters ab, und die Menge draußen begrüßte ihn. Dann entbot er Ehrimek zu sich und trug ihm auf, abzurechnen über die Geschäfte, die er ihm abgetreten hatte. Es ergab sich, daß eine große Summe Geldes fehlte. Der neue Statthalter lud ihn ein, die Schuld zu bezahlen. Er aber entgegnete: »Mir fehlen die Mittel hierzu.«

»Du mußt sie bezahlen«, entschied Kuzeymek, und jener erwiderte: »Ich habe nicht die Summe. Tue, was dir beliebt.« Da ließ ihn Kuzeymek ins Gefängnis bringen.

Die Kunde hiervon wurde seinem Weibe überbracht, welche die Tochter seines Oheims war. Sie betrübte sich sehr. Dann rief sie die treueste ihrer Sklavinnen und sagte zu ihr: »Eile in den Palast des Emirs Kuzeymek und versuche, sein Angesicht zu erreichen. Alsdann richte ihm folgendes aus, daß niemand es höre als er allein: Was hast du getan? Hast du für den Diener der ausgleichenden Gerechtigkeit keine andere Dankbarkeit, als daß du ihn ins Gefängnis setzen läßt?«

Die Dienerin tat, wie ihr befohlen war. Als der Statthalter ihre Worte vernommen hatte, rief er bestürzt: »Weh mir, was habe ich getan! Ist das der fremde Reiter, den ich vergebens gesucht habe?« Die Sklavin antwortete: »Ja.« Und sogleich gab er den Befehl, sein Pferd zu satteln. Begleitet von den Vornehmsten der Stadt ritt er eilends zum Gefängnis. Dort sah er und mit ihm alle, die um ihn waren, Ehrimek, im Antlitz die Spuren des Leides, das ihm widerfahren war. Als er Kuzeymek erblickte, seufzte er und senkte das Haupt. Der Statthalter trat auf ihn zu und küßte seine Stirn. Da hob Ehrimek das Haupt und fragte: »Welches ist der Grund, daß dein Verhalten gegen mich sich verändert hat?«

»Deine Großherzigkeit und mein schlechter Dank«, antwortete Kuzeymek, und der Gefangene rief aus: »Möge Gott uns beiden wohlgesinnt bleiben!« Der Statthalter aber rief: »Gehe in die Freiheit, mein Bruder; ich aber wünsche hier abzubüßen, was du schweigend auf dich genommen hast.« Der andere aber rief: »Möge Allah verhüten, daß dies geschieht!«

Dann schritten sie hinaus, und im Palast des Emirs wurde Ehrimek festlich gekleidet und fürstlich beschenkt. Dann begleitete Kuzeymek seinen Vorgänger nach Hause und bat dessen Weib um Vergebung für den ihr zugefügten Kummer. Am andern Morgen erschien er wiederum bei Ehrimek und lud ihn ein, mit ihm zu Soliman zu reiten, der damals in Ramleh Hof hielt.

Als die beiden den Palast des Kalifen erreicht hatten und der Kämmerer Kuzeymek anmeldete, rief Soliman: »Der neue Statthalter von Gezireh erscheint ohne unsern ausdrücklichen Befehl? Das muß einen besondern Grund haben.« Er hieß ihn eintreten. Noch ehe sie sich begrüßt hatten, rief Soliman: »Was führt dich zu mir, Kuzeymek?« »Nur Gutes, Fürst der Gläubigen«, erwiderte dieser. »Und was ist es?« fragte der Kalif. »Ich habe ihn gefunden,« sprach Kuzeymek, »den Diener der ausgleichenden Gerechtigkeit. Und da du sehnlichst gewünscht hast, ihn kennenzulernen, habe ich ihn veranlaßt, mitzukommen.« Der Kalif fragte: »Wer ist es?« Jener erwiderte: »Es ist Ehrimek el Ferjad.«

Und als dieser die Erlaubnis erhielt, sich zu nähern, begrüßte ihn der Kalif und sagte ihm viele angenehme Worte. Dann hieß er ihn an seiner Seite Platz nehmen und sprach: »Deine gute Handlung hat dir schlimme Früchte eingetragen. Darum schreibe alles auf, was dir mangelt, und überreiche mir das Schriftstück.« Er tat, wie ihm geheißen, und der Kalif befahl, ihm alles zu geben, wessen er bedürfe. Dann ließ er ihm noch zehntausend Goldstücke aushändigen außer der Summe, die er bereits aufgezeichnet hatte. Weiter schenkte er ihm zwanzig Truhen, angefüllt mit wertvollen Gewändern. Hierauf übergab er ihm einen kostbaren Säbel und ernannte ihn zum Statthalter von Arabien. Dann sprach er: »Das Schicksal des Kuzeymek liegt in deiner Hand: Wenn du es willst, soll er abgesetzt werden. Wenn du es wünschest, werde ich ihm sein Amt belassen.« Und Ehrimek bat jenen, er möge in seiner Stellung bleiben. Dann zogen sie beide von dannen und blieben Statthalter unter Soliman, solange er das Kalifat ausgeübt hat.

*

 

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