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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 48
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Der freigebige Arme

Unter den Söhnen Israels war ein Mann, der beschäftigte seine Familie mit Baumwollspinnerei. Er war befleißigt, jeden Tag das Garn zu verkaufen, das die Familie gesponnen hatte. Dann erhandelte er neue Baumwolle zum Spinnen, und von dem Gewinst, den er hierbei übrigbehielt, kaufte er täglich Nahrung für seine Familie. Eines Morgens, als er ausgegangen war, um neue Baumwolle zu kaufen, begegnete er einem seines Stammes. Der jammerte ihm sein Elend vor, und der Israelit gab ihm den Erlös des verkauften Garns und kehrte zu seiner Familie zurück, ohne Baumwolle und ohne Speise. Und als die Seinigen ihn sahen, fragten sie: »Wo ist die Baumwolle und wo ist die Nahrung?« Und er erzählte ihnen, was sich zugetragen hatte, und sie sprachen: »Was fangen wir an, wenn wir nichts zu verkaufen haben?«

Aber sie hatten einen geflickten Korb und einen irdenen Krug, und der Familienvater trug beides hin zum Verkauf. Niemand indessen wollte ihm die Sachen abkaufen; als er aber über den Markt schritt, begegnete ihm ein Mann mit einem mageren und schlechten Fisch und fragte ihn: »Möchtest du deine unverkäuflichen Waren mit der meinigen vertauschen?« Er antwortete: »Ja.« Und er gab dem andern Korb und Krug, nahm den Fisch und trug ihn zu seiner Familie.

Und die Seinigen sprachen: »Was machen wir mit dem Fisch?« Der Familienvater entgegnete: »Wir werden ihn rösten und werden uns davon nähren, bis es Gott, dessen Name gepriesen sei, gefällt, uns das Nötige zu schicken.« Und sie nahmen den Fisch, öffneten ihn und fanden in seinem Bauch eine Perle. Da gingen sie hin und befrugen den Scheich. Der sprach: »Schauet nach, ob die Perle durchlöchert ist; denn in diesem Falle will es sagen, daß sie jemand in diesem Land gehört; aber wenn sie nicht durchlöchert ist, dann ist sie ein Geschenk Gottes, der sie euch gesandt hat.« Und sie betrachteten die Perle und sahen, daß sie nicht durchlöchert war.

Am andern Morgen ging der Familienvater zu einem Israeliten, der dergleichen kaufte, und dieser fragte ihm: »O du meines Stammes, wo hast du diese Perle gefunden?« »Sie ist ein Geschenk Gottes,« entgegnete der andere, »der sie mir gesandt hat im Bauch eines Fisches.« Und der andere rief aus: »Wahrhaftig, sie hat den Wert von tausend Silberstücken, und ich möchte dir diese Summe geben; aber trage die Perle zu einem andern, der reicher ist als ich.«

Und der Mann trug sie zu einem andern, der dergleichen kaufte, und dieser sagte: »Wahrhaftig, sie hat den Wert von sechstausend Silberstücken, nicht mehr und nicht weniger.« Und er gab ihm sechstausend Geldstücke in Silber. Und als der Familienvater damit nach Hause zurückkehrte, näherte sich ihm ein Bettler und sprach: »Gib auch mir etwas von dem, was Gott, dessen Name gepriesen sei, dir gesandt hat.« Und er sprach zum Bettler: »Gestern noch waren die Meinigen und ich in deiner Lage; nimm die Hälfte dieses Geldes.« Und als sie den Geldhaufen in zwei Hälften geteilt hatten und jeder seine Hälfte genommen, sprach der Bettler: »Behalte dein Geld und bewahre es, und möge Gott dich segnen; denn ich bin sein Bote, von ihm gesandt, dein gutes Herz zu erproben.« Und der Israelit sagte: »Gelobt und gepriesen sei Gott!« Und er lebte glücklich mit seiner Familie bis an sein seliges Ende.

*

 

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