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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 47
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Der Heilkünstler

Ein reiches Ehepaar saß mit der Tochter zu Tische, und es begab sich, daß dem Mägdlein beim Sprechen eine Fischgräte im Halse steckenblieb. Vergeblich versuchte sie, die Gräte zu entfernen. Eilends ließ der Vater die geschicktesten Ärzte der Stadt herbeirufen, damit sie dem Kinde, das heftige Beschwerden erduldete, helfen sollten. Keiner vermochte die Fischgräte zu fassen. Der berühmteste Heilkünstler der Stadt beteuerte: »Ich bin derselben Ansicht, wie alle anderen von dir gerufenen Meister der Heilkunst, daß nämlich dein Kind gar keine Gräte im Schlund hat. Sei daher unbesorgt, in weniger als einer Stunde werden die Beschwerden aufhören.«

Die Eltern beruhigten sich; aber die Schmerzen ließen nicht nach. Das Kind jammerte, der Vater war ratlos, die Mutter aber sprach zu ihm: »Laß durch Boten in der ganzen Stadt ausrufen: Wer unserm Kind hilft, dem sollen tausend Denare ausgezahlt werden!« Der Vater befolgte diesen Rat. Die Mitbürger aber schüttelten die Köpfe und sprachen: »Es wird ihm nichts nutzen, nachdem die geschicktesten Ärzte der Stadt nichts gefunden haben.«

Nun lebte in der Stadt in einer armseligen Hütte ein armer Mensch, dessen Frau kam vom Marktplatz heim und redete dies zu ihm: »Jetzt hat Allah dir Gelegenheit gegeben, mit einem Schlag ein reicher Mann zu werden.« Und als er sie erstaunt ansah, erzählte sie ihm, was die Ausrufer verkündet hatten, und raunte ihm gleichzeitig ihren Plan zu. Der Mann überlegte und sprach dann entschlossen: »Es sei.« Bald darauf erschien vor dem Reichen in seltsamem Aufputz ein Mensch, der angab, ein fremder Heilkünstler zu sein und der sich erbot, die verschluckte Gräte herauszuholen. Das Kind wurde hereingeführt. Alsbald besprengte der Heilkünstler es mit Wasser, pustete es an, raufte sich die struppigen Haare, schnitt die drolligsten Gesichter und begann einen solchen Schwall unverständlicher Worte daherzureden, daß das Mädchen in ein schallendes Gelächter ausbrach. Dadurch löste sich die Gräte im Schlund und kam zum Vorschein. Und der Heilkünstler erhielt die versprochene Belohnung.

*

 

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