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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 46
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der sterbende König

Ein König, der wegen seiner Grausamkeit bekannt war, saß eines Tages auf seinem Thron, als ein Fremdling seinen Palast betrat und geradenwegs auf den Herrscher zuschritt. Er hatte ein feindliches und furchtbares Aussehen. Der König sprang bei dieser ungewohnten Erscheinung auf seine Füße, und erschreckt über den Anblick dieses Menschen rief er: »Wer bist du und wer hat dir erlaubt, hier ungerufen zu erscheinen?«

Jener antwortete: »Der Herr der Welt hat mir den Auftrag erteilt. Niemand kann sich ihm widersetzen. Ich brauche keine Erlaubnis, um in den Häusern der Könige zu erscheinen und fürchte weder den Zorn der Fürsten dieser Welt noch die Zahl ihrer Wächter und Krieger. Kein Tyrann vermag mich zu töten. Ich bin derjenige, vor dem aller Herzschlag stockt.«

Da erblaßte der König und murmelte: »Dann bist du der Todesengel.«

»Du sagst es«, entgegnete der andere, und der König rief: »Ich beschwöre dich beim Schöpfer alles Lebendigen, gewähre mir noch einen einzigen Tag, damit ich alle meine Vergehen bereuen und von meinem Richter Vergebung erbitten kann: damit ich ihren Eigentümern die Schätze zurückerstatten kann, die ungerechterweise in meinem Besitz sind. Erspare mir die Strafen, die ich verdient habe.«

Der Todesengel erwiderte: »Es ist zu spät, begangenes Unrecht wieder gutzumachen; denn deine Tage sind gezählt, und deine letzten Minuten werden bald abgelaufen sein.«

»Dann gewähre mir zum mindesten eine Stunde Aufschub!« flehte der König.

Der Engel aber antwortete: »Diese Stunde ist bereits eingeschlossen in der Abrechnung, und sie wird verfließen, während du bewußtlos von mir hinübergeholt wirst. Die Zahl deiner Atemzüge ist zu Ende, und dir verbleiben nur noch deren sieben.«

»Was rettet mich dann vor dem Zorn Gottes?« rief entsetzt der König.

»Die guten Werke«, sprach der Engel.

»Ich tat nie Gutes«, murmelte der Sterbende, und schon hatte der Bote Gottes seine Seele genommen und führte sie ihrer Bestimmung entgegen.

Als die Höflinge nach einer Weile den König entseelt vor den Stufen des Thrones liegen sahen, erhoben sie ein großes Geschrei, und viel Weinen und Wehklagen ging durch das Land, obwohl jener König hartherzig und grausam gewesen war. Wenn die Menschen gewußt hätten, welches Los dem finstern Tyrannen von dem König der Könige in der andern Welt bereitet wurde, dann wäre ihr Wehklagen wohl noch größer gewesen.

*

 

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