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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 45
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Menschen, die das Lachen verlernten

Es war ein Mensch von der Klasse derjenigen, die mit Gütern gesegnet sind. Er besaß ein schönes Haus mit Dienern und Sklaven, und ihm mangelte nichts. Als er starb, hinterließ er sein Vermögen dem einzigen Sohn. Dieser lebte noch mehr als sein Vater herrlich und in Freuden. Er aß und trank und ergötzte sich nach der Art der Reichen und war dabei freigebig. So wurde das Geld, das er ererbt hatte, bald alle. Da verkaufte er erst die schwarzen Sklaven und Sklavinnen, dann sein sonstiges Hab und Gut, und zum Schluß verblieb ihm gar nichts mehr. Nun mußte er von seiner Hände Arbeit leben.

Als einfacher Arbeiter verbrachte er eine Reihe von Jahren. Eines Tages ruhte er von seiner Beschäftigung aus im Schatten einer zerfallenen Mauer; da ging ein bejahrter Mann in wohlhabender Tracht vorüber, der ihn anschaute und ihn begrüßte. Der Jüngling fragte erstaunt: »Sage mir, Herr, hast du mich etwa früher gekannt?«

»Nein, mein Sohn,« erwiderte dieser, »wohl aber erkenne ich aus deinen Zügen, daß du früher bessere Tage gesehen hast.«

Der junge Mensch antwortete mit gesenktem Haupt: »Es ist so; doch ich bin selber schuldig an der üblen Wendung. Vielleicht hast du, teilnehmender Vater, irgendeine Tätigkeit für mich.«

Hierauf sprach der andere: »Ich bewohne mit zehn Greisen gemeinsam ein Haus, und uns fehlt der Diener. Willst du uns bedienen, dann erhältst du Nahrung, Kleidung sowie angemessene Bezahlung. Vielleicht auch gibt dir Allah durch uns deine frühere Wohlhabenheit wieder.«

»Ich bin gern bereit, den Dienst anzutreten«, erklärte der junge Mensch; der Greis aber fuhr fort: »Eine Bedingung knüpfe ich an deinen Eintritt.«

»Und die wäre, mein Vater?« fragte jener.

»Es ist diese: Du sollst Stillschweigen bewahren gegen jedermann über alles, was du in unserm Hause siehst. Du wirst mich und meine Hausgenossen jederzeit freundlich, wenn auch schweigsam, wohl nie aber heiter sehen. Dagegen wirst du uns manchmal weinen sehen, die wir das Lachen für immer verlernt haben. Das sollst du allemal schweigend übersehen und nicht nach den Gründen fragen. Willst du das versprechen?«

»Ich verspreche es«, beteuerte der Jüngling, und der Greis lud ihn ein, ihm zu folgen. Er geleitete ihn zuerst in ein Bad, ließ ihn sodann beim Kaufmann ein neues Gewand anlegen und führte ihn hierauf zu seinen Hausgenossen. Beim Eintreten erblickte der Jüngling eine Reihe von herrlichen Gemächern mit blühenden Blumen, singenden Vögeln und plätschernden Springbrunnen. Hohe Fenster mündeten in einen wundervollen, großen Garten.

Dann führte er ihn in den schönsten und größten der Räume, dessen Wände waren mit blauer Seide bespannt, Silberampeln hingen von der verzierten Decke nieder, die von zierlichen Säulen getragen wurde. Auf bunte Teppiche waren schwellende Polster gelegt. Darauf saßen zehn Greise, einer das Antlitz zum andern gewendet. Einige seufzten, andere weinten bitterlich.

Hierüber erstaunte der Jüngling so sehr, daß er beinahe das Schweigegebot vergessen hätte; aber noch rechtzeitig zügelte er seine Neugier. Dann übergab ihm sein Führer eine Truhe, die mit dreißigtausend Goldstücken angefüllt war und sprach: »Verfüge hierüber für unsere und deine Bedürfnisse und vergiß nicht das dir auferlegte Stillschweigen.« Der Jüngling gelobte ihm nochmals zu gehorchen.

So besorgte er fortan getreulich den Haushalt der Elfe. Eines Tages starb einer der Greise, und die Hausgenossen wuschen ihn, kleideten ihn um und begruben ihn im Garten nach den Vorschriften des Korans. Im Lauf dreier Jahre starb einer nach dem andern, bis zuletzt nur jener übrigblieb, der den jungen Menschen aufgenommen hatte. Beide verbrachten noch zehn Jahre miteinander. Da erkrankte auch der Überlebende. Als der Jüngling dessen Lebensende kommen sah, wandte er sich zärtlich zu ihm und begann: »Mein Vater, dreizehn Jahre habe ich dir und deinen Freunden treu gedient und euer Vertrauen erworben.«

»Ich danke dir dafür, mein Sohn«, begann der Greis. »Allah, der meine Gefährten zu sich genommen hat und auch mich wohl noch in dieser Stunde abberufen wird, möge dich für deine Treue segnen.«

Der Jüngling aber fuhr fort mit verhaltener Bewegung: »Ich bitte dich, Vater, verstumme nicht für immer, bevor du mir nicht gesagt hast, warum du und deine Freunde euer Leben mit Weinen und Wehklagen ausgefüllt habt.«

Ernsthaft erwiderte der Sterbende: »Mein Sohn, ich darf dir die Gründe unserer ständigen Traurigkeit nicht enthüllen, weil ich und meine Gefährten Allah gelobt haben, keinen Sterblichen mit der Bürde zu belasten, die uns zeitlebens bedrückt hat. Wenn du daher unser Los nicht teilen willst, dann hüte dich, jene versteckte Pforte am äußersten Ende unseres Gartens zu öffnen, die von einem wuchernden Rosenbusch umwachsen ist. Möchtest du aber, daß dir geschehe, was uns widerfahren ist, dann magst du sie getrost öffnen, und die Ursache unserer immerwährenden Schwermut wird dir offenbar werden.«

Hierauf starb er, und der Jüngling wusch ihn, bekleidete ihn und begrub ihn im Garten neben seinen Gefährten. Er verblieb in dem Hause, das nunmehr ihm allein gehörte. Aber das Schicksal der verstorbenen Greise erfüllte mehr als zuvor all sein Denken bei Tage und bei Nacht. Als er eines Tages wieder lange über die Worte des Sterbenden nachgegrübelt hatte, konnte er der Versuchung nicht widerstehen: er schritt zum äußersten Ende des Gartens, teilte den Rosenbusch und stand vor der Tür, die mit vier silbernen Riegeln versperrt war. Er erinnerte sich der erhaltenen Mahnung und kehrte ins Haus zurück. Allein er wußte die in ihm aufzüngelnde Erregung nicht zu meistern. Er erinnerte sich, daß kein Mensch seinem Verhängnis ausweichen kann und eines jeden Los von dem, der uns erschaffen hat, vorausbestimmt ist. Darum schritt er nochmals hin und schob entschlossen die Riegel zurück.

Draußen sah er nichts als eine schnurgerade Straße. Dieser folgte er während dreier Stunden und gelangte dann an das Ufer eines großen Flusses. Er verfolgte dessen Lauf, der von menschenleeren Fluren umsäumt war. Dann gewahrte er einen mächtigen Adler, der glitt zu ihm nieder, ergriff ihn mit den Fängen und flog mit ihm zwischen Himmel und Erde. Dann setzte er ihn ab auf einer Insel mitten im Meer und flog davon.

Der Mann aber verbrachte staunend die nächsten Stunden und wagte nicht, sich vom Platz zu rühren. Da tauchte gleich einem Stern am nächtlichen Himmel ein Boot auf, das sich langsam der Insel näherte. Sein Herz klopfte schneller. Als das Fahrzeug landete, sah er, daß es eine bewimpelte Barke war, aus edelstem Holz gebaut, mit Gold und Silber verziert, mit kostbaren Stoffen behangen und mit seidenen Kissen ausgefüllt. Ihr entstiegen zehn Mädchen von hohem Liebreiz, die verneigten sich vor ihm und sprachen: »Sei gegrüßt! Du bist unser König und der Bräutigam.« Und die schönste unter ihnen setzte ihm eine goldene Krone aufs Haupt. Dann führten sie ihn in das Schifflein, das dorthin zurückfuhr, von wo es gekommen war.

Er aber glaubte zu träumen, während das Folgende sich zutrug. Am Land erwartete eine große Menge Volkes die königliche Barke, die begleitete die Angekommenen unter freudigen Zurufen in das Königsschloß. Dort nahm ihn ein würdiger Greis an der Hand und geleitete ihn auf einen goldenen Thron. Dann öffnete sich gegenüber eine weite Tür, und in einem Kreis von geschmückten Mädchen nahte eine Jungfrau, wie er sie schöner nie gesehen, die redete ihn also an: »Wisse, o König, ich bin die Herrin dieses Landes, in dem stets die Frauen regieren; ich habe dich zu meinem Gemahl ausersehen. Wenn es dir gefällt, werden wir getraut. Bist du einverstanden, daß ich deine Gattin werde?«

Jener aber rief: »Herrin, laß mich der geringste deiner Diener sein!«

Sie fragte weiter: »Siehst du dieses Schloß mit all seinen Reichtümern, mit seinen Dienern und Wächtern und Kriegern?«

Als er bejahte, sprach sie weiter: »Dies alles steht zu deiner Verfügung.«

Dann führte sie ihn in die verschiedenen Gemächer und sprach: »Mache Gebrauch von allem, was du hier siehst.«

Im letzten Raum des Schlosses zeigte sie ihm eine Tür, die mit vier goldenen Riegeln versperrt war, und sie sprach: »Diese Tür darfst du nicht öffnen. Wenn du sie dennoch einmal öffnen solltest, wirst du es zu spät bereuen.«

Nach diesen Worten erschienen der Wesir und der Kadi mit ihrem Gefolge. Sie führten beide in den Thronsaal, und dort wurden sie feierlich vermählt. Es folgte ein Hochzeitsfest, wie man es schöner nicht ausdenken kann. Also heiratete jener die jungfräuliche Königin dieses reichen Landes und verbrachte mit ihr in gegenseitiger zärtlicher Zuneigung sieben Jahre seines Lebens.

Da kam ihm eines Tages der Gedanke, die verbotene Tür zu öffnen. Denn, sagte er sich, wenn dahinter nicht größere Reichtümer wären als solche, die mich umgeben, hätte sie mir nicht verboten, die Tür zu öffnen. Mit diesen Worten erhob er sich und öffnete sie. Und siehe, der Riesenvogel, der ihn von den Ufern des Stromes nach der einsamen Insel getragen hatte, wurde sichtbar, und eine Stimme rief: »Weh dir, weil du für immer das Lachen verlernt hast!« Da erschrak er und gedachte zu fliehen. Aber der mächtige Vogel packte ihn und trug ihn zwischen Himmel und Erde in einer Stunde Dauer von dannen, bis sie an den Ort kamen, wo er ihn damals aufgegriffen hatte. Dann flog er von dannen.

Jener aber saß dort in tiefster Niedergeschlagenheit, und als er der verlorenen Gattin gedachte sowie der Ehren und Reichtümer, die er für immer verscherzt hatte, jammerte er sehr. Er verweilte an der Uferstätte, wo der Vogel ihn abgesetzt hatte, drei Tage und drei Nächte und gab die Hoffnung erst auf, als in der dritten Nacht eine Stimme ertönte: »Wie groß waren deine Freuden! Wie unnütz ist dein Hoffen und Harren! Wie groß wird deine Betrübnis werden!«

Da hoffte er nicht länger, in das Wunderland zurückkehren zu dürfen, und bekümmert trat er den Heimweg an. Vor dem Hause, in dem er mit den elf Greisen gewohnt hatte, saß ein alter Mann und empfing ihn mit den Worten: »Herr, man hat mich zum Hüter deines Hauses bestellt. Sieben Jahre sitze ich hier und warte auf deine Heimkehr. Niemand hat inzwischen deine Schwelle betreten. Allah sei gesegnet, der dich gesund zurückkehren ließ. Nun kann ich gehen.«

Er aber sprach zu ihm: »Bleibe und sei mein Gast auf Lebenszeit. Denn meine Tage sind gezählt.« Als er den säulengetragenen Saal betrat, erkannte er mit einem Male, was den Lebensabend der grüblerischen Greise verdüstert hatte. Er hatte ihr Los geteilt. Ein tiefes Mitleid überkam ihn und milderte vorübergehend seinen Schmerz. Er schritt hinaus in den verwilderten Garten und vermauerte die Pforte hinter dem wuchernden Rosenbusch mit zitternden Händen. Seitdem hat er sein Haus nicht mehr verlassen. Die Sehnsucht nach den verlorenen Glücksgütern und die Reue über sein Tun brannten in seinen Adern und verzehrten seine Lebenskraft. Er starb in demselben Jahre und wurde an der Seite seiner Schicksalsgenossen begraben.

*

 

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