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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 41
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zweiter Teil. Arabische Märchen

Dichterlohn

Es lebte einst ein König, der die Gewohnheit hatte, die Dichter um jenen Ehrensold zu schmälern, auf den sie, der Sitte gemäß, ein Anrecht haben. Dieser König, dessen Name nicht erhalten blieb, war mit der Fähigkeit ausgestattet, ein Lobgedicht aus dem Gedächtnis zu wiederholen, wenn er es ein einziges Mal gehört hatte. Er besaß einen weißen Sklaven, der vermochte das Gedicht zu wiederholen, wenn er es zweimal vernommen hatte, und dann hatte er noch eine Sklavin, die verstand ein Gedicht nach dreimaligem Anhören zu wiederholen.

Allemal, wenn ein Dichter vor ihm erschien, um ihn mit einem Lobgedicht zu erfreuen, versprach ihm der König eine Summe Goldes, entsprechend dem Gewicht dessen, worauf das Gedicht geschrieben war. Er knüpfte indessen an das Geschenk die Bedingung, daß die Ode neu sei. Wenn nun der Dichter sein Gedicht aufgesagt hatte, begann der König: »Die Verse sind nicht neu. Ich habe sie alle im Gedächtnis.« Und er wiederholte das Gedicht von Anfang bis zu Ende, wie es der Dichter vorgetragen hatte.

Dann fuhr er fort: »Auch dieser Sklave hat sie im Gedächtnis.« Und er befahl dem weißen Sklaven, sie zu wiederholen. Dieser brachte es zustande, nachdem er sie zweimal, nämlich von dem Dichter und dem König gehört hatte. Der König aber sprach weiter: »Ich habe eine Sklavin, die ebenfalls die Verse kennt.« Und er befahl der Sklavin, die hinter dem Vorhang gestanden hatte, das Gedicht zu wiederholen. Sie tat dies, nachdem sie es dreimal, nämlich von dem Dichter, dem König und dem Sklaven gehört hatte.

Auf diese Weise gingen die Dichter immer mit leeren Händen von bannen. Der berühmte Dichter El-Asmai erfuhr davon. Er erriet die List des Königs und beschloß, ihn zu übertrumpfen. Zu diesem Zweck verfaßte er ein Lobgedicht, das aus den schwierigsten Wörtern und Wendungen zusammengesetzt war. Dann kleidete er sich in die Tracht eines Beduinen und bedeckte das Gesicht mit einem Tuch, das nur die obere Hälfte frei ließ, wie dies bei den Arabern der Wüste vielfach der Brauch ist. So unkenntlich gemacht, begab er sich in den Palast des Königs. Nachdem er die Erlaubnis erhalten hatte, vor dessen Angesicht zu erscheinen, fragte ihn der Herrscher: »Woher bist du, Sohn der Wüste, und welcher Wunsch führt dich zu mir?«

Der Dichter antwortete: Ruhmreicher Fürst, möge Allah deine Macht vermehren! Ich bin ein Dichter vom Stamme der Kaudiek und habe ein Loblied auf dich verfaßt. Erlaube, es dir vortragen zu dürfen.«

»Kennst du auch meine Bedingungen, Sohn der Wüste?« fragte der König. Als jener verneinte, belehrte er ihn: »Wenn das Gedicht nicht von dir stammt, erhältst du nichts. Ist es aber von dir, dann beschenke ich dich mit Golddenaren im Gewicht dessen, worauf es geschrieben ist.«

»Beim Heil meiner Seele,« beteuerte der Dichter, »wer möchte es wagen, sich das anzueignen, was eines andern geistiges Eigentum ist! Noch mehr aber würde es das Gebot der Sitte verletzen, derartiges vor einem großen König auszuführen. Ich erkenne also gern deine Bedingung an, gnädiger Fürst.«

Und er begann sein Lobgedicht aufzusagen. Der König war betroffen und unfähig, das schwierige Gedicht mit seinen wunderlichen Wortformen zu wiederholen. Er machte dem weißen Sklaven ein Zeichen; der aber hatte auch nichts behalten. Man winkte die Sklavin herbei; aber auch diese war nicht fähig, eine einzige Zeile zu wiederholen.

»O Sohn der Wüste,« rief der König aus, »du hast die Wahrheit gesagt, diese Lobhymne ist unbestreitbar von dir. Ich habe sie bisher niemals gehört. Zeige, wo du sie aufgezeichnet hast. Ich werde dir, wie versprochen, dessen Gewicht in Gold auszahlen lassen.«

Darauf entgegnete der Dichter: »Möchtest du deinen Sklaven hinausschicken, es aufzuheben?«

»Es aufzuheben?« fragte der König erstaunt. »Hast du das Gedicht nicht auf einem Streifen Papier niedergeschrieben?«

»Verzeihe, hoher Sultan,« erwiderte der Dichter, »als mir die Eingebung zu meiner Ode kam, war es mir unmöglich, mir ein Stück Papier zu verschaffen, worauf ich sie hätte niederschreiben können. Da mir nichts anderes zur Hand war, habe ich sie in den Stumpf einer Marmorsäule eingegraben, nachdem mein Vater mich in der Kunst des Steinmetzen unterrichtet hat. Ich habe den Stein mitgebracht; er liegt draußen im Hof neben meinem Kamel.«

»Bei der Asche meiner Vorfahren, nie sah ich einen größern Schelm«, sprach der König zu sich selbst, und er befahl seinem Schatzmeister, dem Beduinen das Gewicht des Marmors in Gold auszuzahlen. Später erfuhr er, daß es der berühmte Dichter El-Asmai gewesen war, der ihn überlistet hatte. Um eine Wiederholung dieser List zu verhüten, belohnte er künftig die Dichter, die zu seinem Lobe dichteten, so wie es Königen geziemt.

*

 

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