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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Der verkleidete Jüngling

Ein greiser Brahmane, der einen Bittgang zu einem Heiligtum gemacht hatte, betrat auf der Heimreise einen Garten, der berühmt war als Garten der tausend Palmen. Als er auf einem der verschwiegenen Wege umherwandelte und sich an der reichen Blütenpracht ringsum ergötzte, die süße Düfte verhauchte, da gewahrte er hinter einem Busch einen schöngekleideten Jüngling, der leblos am Boden lag. Er hob ihn auf, trug ihn auf einen Ruhesitz in der Nähe und rief seine Lebensgeister zurück, indem er ihn mit Wasser besprengte. Dabei betrachtete er die zierliche Gestalt und die zarten Gesichtszüge des Ohnmächtigen und sprach zu sich selber: »Man möchte diesen Jüngling eher für ein Mädchen halten.«

Als der Jüngling das Bewußtsein wiedererlangt hatte und von dem Dienst erfuhr, den der Greis ihm erwiesen hatte, senkte er die Augen und wollte sich mit leisen Dankesworten entfernen. Der Alte aber forderte ihn auf zu verweilen und fügte mit mildem Ernst hinzu: »Vergebens verbirgst du vor mir den geheimen Kummer, der deine Augen beschattet; darum gestehe mir als einem silberhaarigen Mann, warum vorher dir die Sinne schwanden.«

Da neigte der Jüngling ein andermal das Haupt und murmelte: »Freudiger Schreck machte mich bewußtlos, und ich schäme mich meiner törichten Verliebtheit und mädchenhaften Weichheit.« Über dieses Geständnis lächelte der Greis in verstehender Nachsicht; dann ergriff er die Hand des Jünglings, sah ihn forschend an und sprach: »Wenn deine Liebe rein ist wie weißer Lotus, dann ist sie eine Eingebung der Gottheit, und du brauchst dich ihrer nicht zu schämen.« »Sie ist so rein wie das klare Mondlicht,« beteuerte der Jüngling; »aber trotzdem werde ich den Gegenstand meiner Liebe niemals gewinnen.«

»Wer ist sie?« fragte hierauf der Greis, und der Jüngling gestand ihm Folgendes: »Sie ist die Tochter des reichen Mannes, dem dieser Garten der tausend Palmen gehört, der seinen Mitbürgern offen steht. Während der beiden Stunden, da der Garten geschlossen bleibt, wandelt sie täglich mit ihren Freundinnen oder Dienerinnen hier umher. Ich sah sie das erstemal, ohne es zu wollen. Seitdem konnte ich dem Zwang nicht widerstehen, sie täglich unbemerkt hinter diesen Büschen zu beobachten. Heute begegneten sich unsere Blicke, und da verließen mich die Lebensgeister.« Er schwieg und wandte verschämt das Antlitz ab.

Der Greis sann eine Weile nach; dann begann er: »Wenn ich recht sehe, bist du von edler Herkunft und meines Beistandes nicht unwürdig. Wohlan, wenn du reinen Herzens bist und es bleibst, dann bin ich bereit, dir jene Jungfrau als Gattin zu gewinnen. Allerdings müßt ihr beide mir helfen, ihren Vater zu überlisten.« Der Jüngling dankte dem Greise und fügte hinzu: »Ich verspreche dir, reinen Herzens zu bleiben und werde allen deinen Anordnungen folgen wie ein williges Kind.«

Hierauf gingen sie zusammen in einen Basar. Dort kaufte der Alte ein Mädchengewand und forderte den Jüngling auf, es anzulegen. Dann begab er sich mit dem verkleideten Jüngling in das Haus des reichen Mannes, dem der Garten der tausend Palmen gehörte. Dieser begrüßte den Greis voll Ehrfurcht als Brahmanen und Pilger, und jener segnete ihn mit den Worten: »Die Gottheit, die eine Brücke über das Meer baute und einen Berg in die Hand nahm, möge ständig dein Beschützer sein!«

Der Reiche dankte ihm für den Segensspruch und fragte: »Woher kommst du, ehrwürdiger Vater?« Der Greis erwiderte: »Ich komme von den heiligen Ufern des Ganges. Dort ist meine Heimat. Wegen Hungersnot ist mein Sohn mit seinem Weib und seinem Knaben ausgewandert. Dies Mädchen blieb bei mir. Nun möchte ich die Meinigen suchen und bitte dich, das Mädchen zu hüten, bis ich zurückkehre.«

Der Reiche überlegte bei sich: Wenn ich dieses Mädchen nicht behüte, dann könnte der Greis mir fluchen und mein Besitz möchte mir verlorengehen, weil er ein heiligmäßiger Mann ist, dem die Gottheit alles erfüllt. Darum sprach er: »Es sei.« Er rief seine Tochter und übergab ihr das Mädchen als Gespielin, und der Greis entfernte sich mit herzlichen Dankesworten.

Die Tochter des reichen Mannes gewann die neue Gespielin um ihrer Anmut und Artigkeit willen bald lieb. Eines Tages sprach die neue Gespielin zu ihr: »Du hast einen geheimen Kummer; möchtest du ihn mir wohl anvertrauen?« Darauf entgegnete die Tochter des Reichen: »Laß mich dir gestehen, was mein Inneres bewegt. Als ich vor einiger Zeit im Garten meines Vaters mit meinen Freundinnen umherwandelte, beobachtete mich mehrmals hinter den Büschen verstohlen ein Jüngling. An ihn muß ich immer denken, und ich möchte ihn wiedersehen.« Da sprach die neue Gespielin: »Soll ich dir dazu behilflich sein?« Jene erwiderte: »Tue es.«

Da ergriff das fremde Mädchen ihre Hand und sprach: »Sieh mich näher an; ich bin jener Jüngling.« Da weiteten ihre kindlichen Augen sich erschreckt; aber der verkleidete Jüngling kniete vor ihr nieder und sprach mit gesenktem Haupt: »Tue mit mir, was dir beliebt. Um deinetwillen ertrage ich den Tod.« Da faßte sich die Tochter des reichen Mannes, und sie fragte leise und furchtsam: »Was soll mit uns geschehen?« Der Jüngling erhob sich und rief: »Sei guten Mutes!« Dann überredete er sie, mit ihm heimlich zu fliehen; denn der gütige Greis, auf dessen Anordnung er sich verkleidet habe, erwarte sie beide, und er habe ihm versprochen, alles zu einem guten Ende zu führen.

Am andern Morgen war die Tochter des Reichen und ebenfalls ihre Gespielin nirgendwo im Hause zu finden. Vor dem Vater aber erschien der greise Brahmane, begleitet von einem Jüngling, und sprach: »Herr, ich habe den Sohn meines Sohnes wiedergefunden. Gib mir nun seine Schwester zurück, die ich dir anvertraut habe.« Der Angeredete war ratlos und erwiderte ihm: »Meine Tochter und jenes Mädchen sind verschwunden. Ich lasse überall nach ihnen forschen. Komme nach Sonnenuntergang wieder.«

Darauf entfernte sich der Greis mit dem Jüngling. Eine Stunde darauf fanden die suchenden Dienerinnen die Tochter schlafend und wohlbehalten im Garten. Sie erzählte, was nach ihrer Erinnerung sich zugetragen hatte: sie sei am Abend mit ihrer Gespielin im Garten umhergewandelt, habe jene aus den Augen verloren und bis zur Stunde zwischen Wachen und Träumen auf ihre Rückkehr gewartet. Und sie schloß also ihre Rede: »Mir ist keine weitere Erinnerung geblieben von dem, was inzwischen geschehen ist.« Der Vater herzte zärtlich die wiedergefundene Tochter und gedachte sodann nicht ohne Besorgnis des greisen Brahmanen.

Vor Sonnenuntergang erschien dieser ein zweites Mal, begleitet von dem Sohn seines Sohnes und sprach: »Herr, gib mir das artige Mädchen zurück, das ich deiner Obhut anvertraut habe.« Und der Reiche mußte ihm eingestehen, daß das Mädchen spurlos verschwunden sei und niemand ihren Aufenthalt wisse. Wie er dann den Jüngling näher betrachtete, fand er Gefallen an ihm und gab ihm zum Ersatz für das verschwundene Mädchen seine Tochter zur Frau. Mit dieser Lösung waren alle drei einverstanden.

*

 

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