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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 37
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Die Schwestern

Ein reicher Kaufmann, der viele Jahre auf Reisen gewesen war, kehrte in seine Heimat zurück. Er hatte zwei anmutige Schwestern mitgebracht. Nachdem er von einem Teil seines draußen erworbenen Vermögens ein Haus mit einem schönen Garten gekauft hatte, übergab er dessen Verwaltung den beiden Schwestern. Er hatte aber die ältere der beiden liebgewonnen und machte sie zu seiner Frau. Dies erfüllte die jüngere Schwester mit Neid, und beide wurden unfreundlich zueinander.

Als einst der Mann in einer nahen Stadt war, um Geschäfte abzuschließen, gerieten die Schwestern in Streit, und die jüngere sagte der älteren böse Worte. Diese drohte ihr, sie werde ihren Mann, wenn er morgen heimkehre, auffordern, sie in die Heimat zurückzuschicken. Darüber geriet das Mädchen in Bestürzung. In der Nacht schlich es in das Zimmer der Schwester und erstickte sie mit einem Kissen. Wohl bereute sie sogleich ihre schlimme Tat, aber es war zu spät.

Der Mann betrauerte seine Frau, ohne die Todesursache zu ahnen. Als die Trauerzeit vorüber war, nahm er die jüngere Schwester zur Frau. Unter den Geschenken, die ihnen zur Hochzeit überreicht wurden, war ein Papagei. Als die junge Frau einst allein im Zimmer war, rief der Vogel sie plötzlich mit Namen. Sie war freudig überrascht und wollte ihn liebkosen; aber er sträubte die Federn und rief: »Ich bin die Wiedergeburt deiner Schwester.« Da wurde die Frau von solchem Schrecken erfaßt, daß sie dem Tier die Kehle zuschnürte.

Ihrem heimkehrenden Mann erzählte sie, der Papagei sei plötzlich tot von der Stange gefallen. Der Mann versprach ihr einen neuen Papagei; aber sie bat ihn, dies zu unterlassen, da sie bald als werdende Mutter sich lieber mit ihrem Kindlein als mit einem Papagei unterhalten wolle.

Einige Monate später brachte sie ein Kind zur Welt; aber in der dritten Nacht erdrückte sie, ohne es zu wissen, im Schlaf das eigene Kind. Darüber befiel sie ein heftiges Fieber, und in ihren wirren Reden verriet sie, daß sie selber auf ähnliche Art ihre Schwester umgebracht hatte. Ihr Mann, der an ihrem Lager weilte und solches hörte, war entsetzt. Er überlegte lange, ging dann zum Stadtrichter und überbrachte ihm das Geständnis.

Der Richter sprach: »Sobald deine Frau genesen ist, muß sie am Pfahl die verdiente Strafe erleiden.« Als der Ehemann zu Hause ankam, war die Kranke inzwischen gestorben. Ein zweites Mal suchte der Mann den Stadtrichter auf, übergab ihm zur Sühne sein Hab und Gut und kehrte nach der Bestattung seiner Frau in das fremde Land zurück, in dem er den größten Teil seines Lebens verbracht hatte.

Nach vielen Jahren vermählte sich der Königssohn dieses Landes mit einem schönen Mädchen aus edlem Geschlecht. Dieses träumte einst alles, was sich mit den Schwestern zugetragen hatte, und sie sprach weinend:

»Ich bin jene wiedergeborene ältere Schwester!« Ihr Gatte versuchte, es ihr auszureden und sagte: »Sicher hat eine Märchenerzählerin dir einmal das traurige Märchen von den beiden Schwestern erzählt.« Heimlich ließ er aber Nachforschungen anstellen und erfuhr, daß der Traum einmal Wirklichkeit gewesen war. Er pries die Gottheit, die jener beweinenswerten Schwester eine schöne Wiedergeburt gewährt hatte und wurde seiner Frau ein zärtlicher Gatte.

*

 

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