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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 36
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Der unermüdliche Jüngling

Vor dem Palast eines Königs, der ein gütiger Gebieter war, erschien eines Tages ein hochgewachsener Jüngling, setzte sich am Eingang nieder und verweilte dort. Der Türhüter fragte ihn nach seinem Begehr.

»Ich möchte die Königstochter zur Frau haben«, erklärte der Jüngling.

Der Türhüter, welcher glaubte, daß er einen einfältigen Menschen vor sich habe, lächelte, indem er entgegnete: »Dann warte so lange, bis du sie hast.«

»Das will ich tun«, sprach der Jüngling, und er wartete Stunden, dann Tage und zum Schluß Wochen hindurch. So kam es, daß endlich der König selber auf ihn aufmerksam wurde. Er fragte seinen Kämmerer, was der Jüngling am Eingang des Palastes begehre. Der Kämmerer berichtete, daß dieser ein Narr sei, weil er sich nichts Geringeres in den Kopf gesetzt habe, als die Königstochter zu heiraten. Der König fragte weiter, wie der junge Mensch, der doch gar nicht wie ein Verrückter ausschaue, wohl auf diesen Gedanken gekommen sei.

Darauf erwiderte der Kämmerer:

»Jedermann im Palast weiß es: dieser Tor war der Schüler eines Weisen, der ihn gelehrt hat: ›Wer den festen Willen hat, erreicht alles, was er wünscht.‹ Dann will ich nichts Geringeres als die Königstochter, soll jener Mensch erklärt haben, und seit drei Monaten erscheint er täglich, ohne sich abweisen zu lassen.«

Der König schüttelte den Kopf.

»Das beste Mittel, den Narren loszuwerden, wäre, ihm den Kopf abschlagen zu lassen«, meinte der Kämmerer.

»Es wäre schade um diesen schönen Jünglingskopf«, erklärte der König. Dann befahl er den Menschen mit dem sonderbaren Begehren zu sich. Da er fand, daß er ganz gescheit antwortete, entließ er ihn mit den Worten:

»Ich will dir Gelegenheit geben, meine Tochter zu gewinnen. Hinter diesem Palast liegt inmitten der Gärten ein tiefer See. Auf seinem Grunde liegt mein Siegelring, der meinem Finger entglitt, als ich einmal aus dem Boot nach einer Lotusblume griff. An dem Tage, wo du mir den Ring zurückbringst, gebe ich dir meine Tochter zur Frau.«

Von diesem Tage an wechselte der Jüngling seinen Platz vor dem Palast mit einem andern an jenem See. Täglich begann er dort frühmorgens mit einem Gefäß Wasser auszuschöpfen. Unermüdlich goß er es bis nach Sonnenuntergang am Ufer aus. Dies tat er vierzig Tage lang.

Den Fischen in dem See blieb der Mensch, der droben unaufhörlich Wasser schöpfte, nicht unbemerkt. Als sie sahen, daß er immerzu das gleiche tat, überkam sie eine zunehmende Unruhe. Sie sammelten sich auf dem Grund des Sees und hielten Rat; aber keiner wußte eine Erklärung dafür, warum jener Mensch seit vierzig Tagen von früh bis spät in dem irdenen Gefäß Wasser aus dem See schöpfte und auf dem Rasen entleerte.

Da nahm der älteste von ihnen, der schon über hundert Jahre alt war, das Wort und sprach:

»Ich will euch über das seltsame Gebaren dieses Menschen Auskunft geben: er sucht den Siegelring des Königs, der hier drunten im Schlamme liegt.«

Die Fische erstaunten; der älteste von ihnen aber fuhr fort:

»Glaubet mir, bevor dieser Jüngling von seinem Vorhaben absteht, wird er eher den ganzen See ausschöpfen.«

»Dann kämen wir ja alle ins Trockene!« riefen bestürzt die Fische, und sie beschlossen auf den Rat ihres Ältesten, den Ring im Schlamm aufzustöbern. Nach sieben Tagen wurde er von einem der Fische gefunden. Er warf ihn dem Jüngling in das Gefäß. Jener eilte damit zum König. Dieser erkannte seinen Siegelring wieder und gab ihm seine Tochter zur Frau.

*

 

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