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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 35
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Brautgeschenke

Der mächtige König in einem Lande des Aufganges betrauerte das Hinscheiden seiner Gemahlin. Eines Tages traten die Edlen des Reiches vor ihn hin und sprachen:

»Herr, es ist nicht gut, daß dir die Gattin fehlt.«

Der König erwiderte: »Welche Frau wäre würdig, Nachfolgerin der Toten zu werden?«

Da ergriff der Älteste das Wort und sprach:

»Über das Land des Niederganges regiert eine jugendliche Königin. Wenn Ihr einander angehören würdet, könnte euer Bund zugleich der Bund beider Völker werden.«

»Möchten diese Worte sich erfüllen!« erwiderte der König.

Am anderen Tage machten drei Abgesandte sich auf den Weg nach der Hauptstadt jenes Landes und verlangten, bei der Königin vorgelassen zu werden. Als sie von dieser empfangen wurden, entbot der Sprecher unter ihnen der Königin den Friedensgruß seines Herrn und begehrte in dessen Namen sie für den König zur Frau.

Die Königin zog sich mit ihren Ratgebern zurück. Nach einer Weile erschien sie wieder, umgeben von ihren Frauen und Höflingen, und ließ durch ihren ersten Würdenträger folgendes verkünden:

»Die Königin im Lande des Niederganges erinnert sich, daß ihre Ahnen mit den Vorfahren des Königs im Lande des Aufganges um die Landesgrenzen gestritten haben und hierbei auf beiden Seiten Blut und Tränen geflossen sind. Sie wünscht aber gleich eurem Gebieter, daß die Zwietracht der Völker sich in Eintracht und der Haß der Fürsten sich in Liebe wandle. Darum ist sie bereit, dem König im Lande des Aufganges als Gattin anzugehören, wenn er ihr diese drei Brautgeschenke überbringen läßt: das Herz einer Motte, einen Becher voll Tränen sowie einen Becher mit seinem eigenen Blut.«

Darauf wurden die Abgesandten reichlich bewirtet und entlassen. Als die Abgesandten zu Hause anlangten und dem König die Forderungen nannten, lächelte dieser. Dann versank er in Nachdenken. Nach drei Tagen berief er die Edlen seines Reiches und sprach:

»Ich bin gewillt, selbst in das Land des Niederganges zu reiten und um dessen Königin zu werben. Macht euch inzwischen bereit, sie an der Landesgrenze zu empfangen.«

Die Edlen staunten über seine Zuversicht; denn es war bekannt, daß der Stolz dieser Königin größer sei als ihre Schönheit, und sie war sehr schön.

Wiederum erschienen drei Abgesandte im Lande des Niederganges vor der Königin. Der Sprecher ergriff das Wort und sprach:

»Wir sind gekommen, die verlangten Geschenke des königlichen Brautwerbers zu überbringen.«

Da blickten die Augen der Königin erwartungsvoll, und sie fragte: »Wo ist der Becher voll Tränen?«

Der Abgesandte langte einen goldenen Becher hervor; in diesem lag eine schimmernde Perlenkette. Er überreichte ihn der Königin mit den Worten:

»Siebzigmal sieben Tränen, die der König über die ehemalige Feindschaft zwischen beiden Ländern vergossen hat, erstarrten zu siebzig Perlen. Der König reihte sie an eine Seidenschnur und bittet dich, sie um deinen Hals zu legen.«

Die Königin ließ die Perlenkette durch ihre Finger gleiten. Dann fragte sie: »Wo ist der Becher mit des Königs eigenem Blut?«

Der Abgesandte langte einen silbernen Becher hervor, in diesem lag eine leuchtende Korallenkette. Er überreichte ihn der Königin mit den Worten:

»Siebzigmal sieben Blutstropfen, die der König sich entzogen hat als Sühne für das Blut, das um unserer Länder willen geflossen ist, erstarrten zu Korallen. Der König reihte sie an eine Seidenschnur und bittet dich, sie um deinen Hals zu legen.«

Die Königin ließ die Korallenkette durch ihre Finger gleiten. Dann fragte sie: »Und wo ist das Herz der Motte?«

Da langte der Abgesandte einen funkelnden Diamant hervor, der war mit einem Goldreifen gefaßt, und er sprach:

»Sind deine Augen so scharf als sie schön sind, dann wirst du, wenn du den Stein gegen das Licht hältst, im Innern das Herz der Motte als ein winziges, gelbliches Pünktchen erkennen.«

Die Königin ergriff den Ring, betrachtete den funkelnden Stein und begann zu lächeln. Hierauf sprach sie zu dem Abgesandten: »Deine Rede hat mir gefallen.«

»Dann gewähre mir die Gnade, dir im Namen des Königs die beiden Ketten umlegen zu dürfen.«

Sie ließ es gewähren. Alsdann steckte sie den Ring an ihren Finger und sprach: »Dein König ist klug. Sage ihm meinen Gruß und ich sei bereit, seine Gemahlin zu werden.«

Da straffte sich die hohe Gestalt des Abgesandten, und er erwiderte: »Ich bin der König.«

Die Königin reichte ihm beide Hände und sprach: »Dir will ich gern angehören.«

In derselben Stunde verkündeten in beiden Reichen reitende Boten, daß der König im Lande des Aufganges und die Königin im Lande des Niederganges beschlossen hatten, ein Paar zu werden. Überall wurden Freudenfeste gefeiert.

*

 

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