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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 34
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Die Pforten der Hölle

Ein Mensch, der als ein Gerechter galt, starb, und der Sendbote des Totengottes erschien, um ihn in die Unterwelt zu geleiten. Nach zwölf Tagen erreichten sie das Haus des Totenrichters, und der schweigende Bote sprach: »Mache dich bereit, die sieben Höllen mit mir zu durchwandern.« »Ich habe nur Gutes getan und Böses stets gemieden,« erwiderte der Tote, »und ich dachte, daß ich ohne Sünde gestorben sei.«

Der Bote aber entgegnete: »Wohl weiß dies der Totenrichter; einmal indessen warst du lieblos gegen dein Weib, als sie dir zärtlich nahte, um deine geschäftlichen Sorgen zu verscheuchen. Dafür mußt du eine Stunde in der Hölle verweilen.« Und er führte ihn den Pforten der Hölle entgegen.

Nach wenigen Schritten standen sie vor einer qualmenden Höhle, die von wimmernden Menschen angefüllt war, und der Führer sprach: »Sieh hier die Hölle des Wimmerns und in ihr alle diejenigen, die sich im Leben gegen ihre Eltern versündigten. Zur Strafe müssen sie auf glühenden Kohlen umherlaufen.«

Sie kamen vor die Pforten der zweiten Hölle, deren Boden war mit glühenden Erzplatten bedeckt, und schwefeliger Rauch erfüllte das Innere, das mit schreienden Menschen angefüllt war. Der Führer sprach: »Sieh hier die Hölle des Wehklagens und in ihr alle diejenigen, die durch Lästerungen ihren Mitmenschen Böses zufügten.«

Sie kamen vor die Pforten der dritten Hölle, und Schnee, Eis und Hagel peitschte ihnen aus dem Dunkel entgegen. Der Führer zündete eine Fackel an und sprach, auf die weinenden Menschen im Innern weisend: »Sieh hier die Hölle des Weinens und in ihr alle diejenigen, die sich in ihrem heißen Geblüt den Ausschweifungen ergeben haben.«

Sie kamen vor die Pforten der vierten Hölle und erblickten in einem Höhleninnern ein mächtiges Rad, das sich drehte, darauf lagen Gefesselte, die gerädert wurden, und immer neue Verdammte wurden von stummen Gehilfen des Totenrichters langsam gerädert. »Sieh hier die Hölle des Stöhnens«, sprach der Führer, »und in ihr alle, die durch Verleumdung den Frieden ihrer Mitmenschen vernichtet haben.«

Dann zog der Führer den toten Gerechten hinab in eine gähnende Tiefe, und droben standen die stummen Gehilfen des Totenrichters und schleuderten die Verdammten in die Finsternis und zogen sie wieder zu gleichem Tun hinauf. »Sieh hier die Hölle des Abgrundes«, sprach der Führer, »und in ihr alle, die ihre Mitmenschen unterdrückt haben.«

Alsdann kamen sie zu einem brennenden Wald und sahen die Verdammten, wie sie in den Flammen umherliefen, gepeinigt von Raubtieren und Raubvögeln, die nach ihrem gebratenen Fleisch lechzten. »Sieh hier die Hölle des feurigen Waldes«, sprach der Führer, »und in ihr alle diejenigen, die zu Lebzeiten der Weisheit und Wahrheit widersprochen haben.«

Endlich gelangten sie vor die Pforten der siebenten Hölle: in einer schauerlichen Höhle brodelte in riesigen Kesseln siedendes Öl, das war mit glühenden Eisensplittern gemischt, und die finstern Gehilfen des Totenrichters tauchten die Verdammten sekundenlang schweigend in die kochende Glut. Über dieses Schauspiel entsetzte sich der Gerechte, so daß er nicht verstand, wer diejenigen waren, die hier weilten.

Als er sich schaudernd zum Gehen wandte, schrien die Verdammten hinter ihm her, er möge bleiben und ihre Qualen lindern. Ratlos blickte der Gerechte auf seinen Begleiter, und dieser sprach: »Die Anwesenheit eines Gerechten vermag die Qualen der Verdammten zu lindern. Doch verweile nicht; denn die Stunde, die du vor den Pforten der sieben Höllen zubringen mußtest, ist vorüber, und der Himmel erwartet dich!«

Da überkam den Gerechten ein grenzenloses Mitleid mit den Verdammten, und er rief aus: »Allerbarmer, laß mich auf ewig vor den Pforten der Hölle verweilen, wenn dadurch die Qualen der armen Sünder gelindert werden!«

Diese große Barmherzigkeit erregte das Wohlgefallen des Totengottes. Er zeigte sich dem Gerechten im Glanz seiner Herrlichkeit und sprach zu ihm: »Dein Erbarmen macht dich meiner besondern Gnade würdig.« Der Gerechte aber erwiderte: »Bin ich wirklich deiner besondern Gnade würdig, dann, du Herr der Lebendigen und der Toten, laß einen Teil davon den Verdammten hier zugute kommen.«

»Es sei!« sprach der Totengott, und in demselben Augenblick sprangen die ehernen Pforten der sieben Höllen klirrend auf, und mit lautem Dank gegen Gott und den Gerechten eilten die Verdammten hinaus von der Stätte des Grauens. Dann schwebte in einer lichten Wolke ein goldener Wagen hernieder und führte den barmherzigen Gerechten hinauf in den Himmel.

*

 

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