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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 32
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Tochter des Froschkönigs

Ein jugendlicher König wandelte ohne Begleitung in dem großen Garten seines Palastes umher. Müde vom Gehen, legte er sich an einer entlegenen Stelle unter einen schattigen Baum und schlief ein. Als er erwachte, erblickte er auf dem Wiesengrund vor sich ein Mägdlein, das tanzte einen Reigen und lächelte ihn dabei an. Der junge Fürst trat näher; er erstaunte über den Liebreiz der fremden Jungfrau und redete sie also an: »Tanze doch den Reigen zu Ende; denn noch niemals sah ich bei einem weiblichen Wesen solche Anmut der Bewegungen.«

Das Mädchen willfahrte seinem Begehr, und als sie den Tanz beendet hatte, ergriff der König ihre Hand und sprach: »Wenn du willst, dann möchte ich dich zu meiner Gemahlin erheben.« Da lächelte die Jungfrau schelmisch und entgegnete dann: »Ich möchte wohl gern eine Königin sein; aber nur unter einer Bedingung.« Und als der König nach dieser Bedingung fragte, sprach sie: »Du darfst mich niemals in die Nähe einer Wasserfläche bringen. Wenn du mir das versprechen willst, dann werde ich dir gern als treue Gattin angehören.« Der König versprach es, und sie wurde seine Frau, die ihm in zärtlicher Liebe ergeben war.

Der jugendliche Fürst wurde von einer so heftigen Neigung zu seiner jungen Frau beseelt, daß er darüber seine Regierungsgeschäfte vergaß. Dies beunruhigte seine Räte, und sie überlegten, wie sie den König dem Einfluß seiner verführerischen Frau entziehen könnten. Einer von ihnen hatte eine Vertraute unter den Dienerinnen der Königin, und von dieser erfuhr er die seltsame Bedingung, die die Königin an ihren Gemahl gestellt hatte.

Als die Räte solches vernahmen, erklärten sie einstimmig: »Die Königin ist eine Zauberin!« und beschlossen, sie auf die Probe zu stellen. Sie ließen in einer der herrlichsten Gegenden des Landes ein kleines Lustschloß erbauen. Dieses war von einem großen Park eingeschlossen, und ein kleiner See lag drinnen inmitten einer schattigen Baumgruppe. Dieser See war mit einem zarten Silbergewebe bedeckt, wie es in wasserarmen Gegenden üblich ist, wenn Teiche in den Gärten der Vornehmen angelegt werden sollen. Dann traten die Räte vor ihren jugendlichen Herrn und boten ihm das Lustschlößchen im Namen des Volkes als Hochzeitsgabe an. Der König ließ allem Volk seinen Dank entbieten und begab sich dann mit seiner Gemahlin nach dem neuen Wohnsitz.

Als beide allein, ohne Gefolge, den Garten durchwandelten, kamen sie auch zu dem kleinen See, dessen Silbergewebe in der Sonne glitzerte, und sie erschraken. Der König hatte sich zuerst gefaßt und beruhigte seine Gemahlin mit den Worten: »Sieh nur näher hin; weil dies eine wasserarme Gegend ist, hat man zur Augenweide einen künstlichen See geschaffen und damit, ohne zu wissen, deinem Willen entsprechend verfahren.«

Darauf trat die Königin neugierig an den Teich heran, und mit einem Male schwang sie sich über die Brüstung, zerriß das feine Silbergewebe mit ihrem geschmeidigen Körper und tauchte in dem Wasser unter. Der bestürzte König stand zuerst ratlos da; jeden Augenblick erwartete er, daß die Königin wieder auftauchen werde; aber nur ein Fröschlein kroch aus dem Teich und hüpfte abseits ins Gras. Da sprang der König selber in das Wasser, das ihm nur bis zu den Knien reichte, und suchte ringsum; aber die verschwundene Königin fand sich nirgendwo. Eilends rief der König Diener und Dienerinnen herbei und ließ den Teich bis auf den letzten Tropfen entleeren; aber von der Königin war keine Spur zu entdecken.

Der König gebärdete sich wie verzweifelt über den Verlust der stets heitern Gattin, und zornig rief er aus: »Es ist keine andere Lösung denkbar: die schändlichen Frösche müssen meine Gemahlin aufgegessen haben!« Er erließ den Befehl, alle Frösche umzubringen, wo immer man ihrer habhaft werde. Wer eine Schuld an dem König zu zahlen hatte, mußte seitdem sie in toten Fröschen begleichen. Auf diese Weise wurden in dem Reiche jenes Königs nahezu alle Frösche vertilgt. In ihrer Verzweiflung wandten sich die verfolgten Frösche an den Gott der Gerechtigkeit. Darauf erschien eines Tages ein würdiger Greis vor dem König und redete ihn also an: »Warum läßt du die harmlosen Frösche vom Erdboden vertilgen? Weißt du nicht, daß jedes erschaffene Lebewesen göttlichen Schutz genießt?« Der jugendliche König war beschämt und entgegnete: »Ich sehe mein Unrecht ein; aber meine abscheuliche Handlungsweise ist gerechtfertigt durch die Trauer um meine verlorene Gattin.« Da lächelte der Greis, und der junge Fürst faßte den Mut, ihn zu fragen: »Warum lächelst du, ehrwürdiger Vater, weil ich meine verlorene Gattin betrauere?«

»Weil deine Liebe mich rührt,« antwortete milde der Greis. »Wer bist du?« fragte weiter der König, und da sprach der Greis zu ihm: »So wisse, ich bin der Froschkönig, und deine verlorene Gattin ist meine Tochter, die in einer heitern Laune menschliche Gestalt annahm und dann deine Gattin geworden ist.« Da wußte der König anfangs keine Worte zu finden, dann aber rief er: »Ich bitte dich, schenke mir die Heitere und Liebliche wieder!« »Obwohl sie dich kalten Herzens verlassen hat?« fragte prüfend der Froschkönig. »Trotz alledem!« rief der König, und der Greis schritt hinaus und kam bald darauf mit seiner verschämten Tochter wieder. Zärtlich schloß der junge König die Wiedergefundene in seine Arme und lauschte ihrem entzückenden Lachen.

Die junge Königin bewahrte ihren Frohsinn ihr Leben lang. Das Märchen ihres Lebens aber ist noch nicht zu Ende. Sie wurde Mutter von drei Söhnen, und in diesen wurde der leichte Sinn ihrer Mutter bestraft, deren Heimat das kalte Wasser war. Die drei heißblütigen Königssöhne sind streitbare Männer geworden und später durch das Schwert umgekommen.

*

 

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