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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Erster Teil. Altindische Märchen

Der königliche Einsiedler

Ein König saß eines Tages am Fenster seines Palastes, als seine Gemahlin hinzutrat, um eigenhändig seine Haare zu ordnen. Da bemerkte sie bei ihm das erste graue Haar und sprach: »Herr, ein Sendbote ist für dich angekommen.« Der König befahl, er möge erscheinen. Die Königin zeigte ihm das graue Haar und sprach: »Siehe hier dieses ehrwürdige Haar! Es mag als König unter den anderen gelten; denn ist es nicht ein Sendbote der Gottheit?«

Der König betrachtete es nachdenklich und entgegnete: »Das erste graue Haar ist wie ein Schwert des Greisenalters, das mit der Jugend und dem Mannesalter aufräumt.« Hierauf versank er in Sinnen und wurde niedergeschlagen. Da redete die Königin, welche jünger war, ihm also zu: »Wenn du um deiner vorgerückten Jahre willen beschämt und bekümmert bist, dann laß durch Trommelschlag verkünden, daß niemand in Gesprächen oder Reden dein Alter erwähnen darf.«

Dieser Vorschlag mißfiel dem König, und er erwiderte: »Ich schäme mich meines Alters nicht, wohl aber bin ich bedrückt, wenn ich an folgendes denke: Sobald bei meinen Ahnen die ersten Sendboten des Alters auf ihrem Scheitel sich zeigten, stiegen sie herab vom Thron und überließen ihren Platz der Jugend. Sie selber zogen sich als fromme Büßer in die Waldeinsamkeit zurück. Mich muß erst ein anderer an diesen heiligen Brauch meiner Vorfahren erinnern. Darum will ich noch heute der Königswürde entsagen. Weil unser Sohn aber noch Milch am Munde hat, werde ich dich, die du ein kluges Weib bist, dazu ausersehen, daß du den Knaben zu meinem würdigen Nachfolger erziehst.«

Die Königin erwiderte: »Dies sei fern von mir. Ich werde wie dein Schatten an deiner Seite bleiben, wohin du auch immer pilgern magst. Unser Kind soll unter deinen erprobten Ratgebern heranwachsen wie ein junger Baum des Waldes.« Alsdann übergab der König seinem Sohn die Herrschaft über die Stadt, welche Potana genannt ward, und ging als Einsiedler in die Wälder, begleitet von der Königin und deren Amme. Sie errichteten eine Hütte aus Schilf und führten ein gottgefälliges Leben. Es begab sich, daß die Königin nochmals Mutter eines zweiten Sohnes wurde. Das Kind glich jenen Waldkräutern, die im Dunkel derart leuchten, daß sie Lampen ähneln, die kein Öl bedürfen. Neun Tage nach der Geburt des Knaben starb dessen Mutter, und bald darauf starb auch die Amme, wie wenn sie den Wunsch gehabt hätte, ihrer Herrin zu folgen.

Seitdem nährte der Vater das Kindlein mit Büffelmilch, und er behütete es mit erhöhter Zärtlichkeit. Vater und Sohn verbrachten den Kreislauf der Jahre in der Lebensweise frommer Einsiedler. Ihre Speise waren Früchte, Getreide und wilde Reiskörner sowie die Milch der Kühe.

Einst wurde dem jugendlichen König die Nachricht überbracht, seinem Vater sei während seines Waldlebens ein zweiter Sohn geboren worden, und er überlegte lange: Wie könnte ich meinen jüngern Bruder, nach dessen Anblick mein Herz sich sehnt, ständig in meine Nähe bringen? Auch grämte er sich, weil sein Bruder schon in frühester Jugend die Beschwerden des Büßerlebens auf sich nehmen mußte. Er beschloß, ihn mit List an seinen Hof zu bringen. Er ließ seine Tochter kommen und sprach: »Kleide dich in ein männliches Büßergewand und begib dich in den Büßerwald zu meinem Vater und meinem jüngern Bruder. Errege seine Weltlust und verleite ihn, zu mir zu kommen; denn ich sehne mich nach ihm.«

Die Tochter machte sich auf den Weg und traf im Walde mit dem Jüngling zusammen. Weil er einfältigen Herzens war, hielt er sie für einen jungen Mann und bot ihr die Waldfrüchte an, die er soeben gesammelt hatte. Sie aber verschmähte die wenig schmackhafte Kost und gab ihm von ihrem mitgebrachten süßen Obst zu kosten. Da fand er zum erstenmal die gewohnten Waldfrüchte ungenießbar. Während sie im Grase lagerten, strich er über ihre Hände und fragte: »Wie kommt es, Fremdling, daß deine Hände zierlicher und zarter sind als die meinigen?« Sie antwortete: »Das kommt von den süßen Früchten, die wir drüben in dem anderen Büßerwald in Hülle und Fülle genießen. Würdest du statt der herben Waldfrüchte unsere Zuckerfrüchte essen, dann wären deine Hände zart und zierlich wie die meinigen. Darum folge mir in unsere Einsiedelei, welche Potana genannt wird.« Wie sie dies geredet hatten, sahen sie von fern den Vater des Jünglings herankommen. Da floh sie wie eine Gazelle davon; denn sie fürchtete sich vor dem Fluch eines Büßers, der stets in Erfüllung geht. Während der Vater seiner Hütte zuschritt, irrte der Knabe wie ein Wild im Walde umher, um den jugendlichen Fremdling mit den zierlichen und zarten Händen wiederzufinden. Unterwegs traf er mit einem Menschen zusammen, der einen Wagen mit zwei Pferden lenkte. Seine Frau saß drinnen im Wagen. Der Büßerknabe grüßte die beiden, und die Frau fragte ihn, wohin er wolle. Er antwortete ihr: »Väterchen, ich suche den Weg nach einer Einsiedelei, die Potana genannt wird.« Da hieß ihn die Frau in den Wagen einsteigen, weil auch sie beide dorthin wollten.

Ihren Mann aber hatte sie vorher heimlich gefragt, warum wohl der Knabe sie Väterchen nenne. Jener gab ihr leise den Bescheid: »In diesem Wald, aus dem jener stammt, gibt es keine Frauen; darum hält er dich für einen Mann.« Während der Fahrt fragte der Knabe den Fuhrmann, warum er Gazellen an sein Gefährt spanne. Das sei doch wohl einem Einsiedler nicht erlaubt. Jener erwiderte: »Ei, das ist nun einmal das Los dieser Gazellenart.« Dann gab ihm die Frau Obst zu kosten, und er erinnerte sich sogleich der süßen Früchte, die der verschwundene Fremdling ihm geschenkt hatte, und sein Verlangen, in dessen Einsiedelei zu kommen, wuchs.

So erreichten sie die Stadt, und als sie am Königspalast vorbeifuhren, erblickte die Königstochter den Jüngling. Sie erkannte ihn sogleich wieder, eilte zu ihrem Vater und rief: »Der Knabe, zu dem du mich ausgesandt hast, ist angekommen.« Darüber war der König hocherfreut. Er ließ den Fuhrmann reichlich beschenken, den Knaben aber ließ er auf einem geschmückten Elefanten in den Palast führen. Dort versammelte er seinen Hofstaat und sprach: »Sehet hier meinen jüngern Bruder!« Dann ließ er den Einfältigen durch weise Männer unterrichten und teilte später mit ihm den Thron, nachdem er zuvor eine würdige Gattin für ihn ausgesucht hatte.

Der königliche Einsiedler verbrachte unterdessen kummervolle Jahre. Über die Trennung von seinem Sohn weinte er so viel, daß seine Augen erblindeten. Er wollte nicht, daß es die Menschen draußen in der Welt erführen. Die Bewohner des Büßerwaldes sorgten um sein Wohlergehen.

Einst erwachte der jüngere der beiden Könige um Mitternacht und gedachte seines Vaters. Er fand keinen Schlaf mehr; denn die Reue über seine Undankbarkeit kroch wie eine Schlange über sein Herz. Frühmorgens begab er sich zu seinem Bruder und sprach: »Erlaube mir, zu meinem Vater zu gehen und seine Füße zu küssen.« Der König erwiderte: »Laß mich mit dir gehen; denn mich beseelt das gleiche Verlangen.«

Alsbald begaben die beiden Brüder sich mit einem großen Gefolge in den Wald und fanden den Vater, wie er vor seiner Schilfhütte saß. Der Greis hörte die Stimmen vieler Menschen, die ehrfürchtig seinen Namen aussprachen, dazwischen das Stampfen und Wiehern von Pferden. Dann vernahm er die Stimmen seiner Söhne, die angesichts des ganzen Gefolges zu ihm sprachen: »Vater, siehe deine beiden Kinder, die gekommen sind, um deine Füße und den Saum deines Gewandes zu küssen!«

Der Greis betastete sie beide und zog sie dann weinend an sein Herz. Und siehe, seine Tränen heilten seine Blindheit. Alle, die es sahen, erstaunten und neigten sich vor der geheiligten Person dieses erhabenen Mannes. Sein Name, welcher Somacandra lautet, lebte seitdem unvergänglich im Gedächtnis der Nachwelt.

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