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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Der entsagende Landesfürst

Ein wohlhabender Kaufmann erschien eines Tages vor dem Fürsten des Landes und sprach: »Hoher Gebieter, ich habe daheim eine Tochter in jungfräulichem Alter, deren Schönheit gerühmt wird. Wenn sie dir gefällt, so magst du sie zur Gattin nehmen; wenn du verzichtest, werde ich ihr einen andern Gatten erwählen.«

Darauf schickte der Landesfürst zwei Höflinge in jene Stadt und befahl, ihm das Mädchen zu beschreiben. Sie kamen, erblickten die Jungfrau, und der eine der beiden Abgesandten sprach: »Fürwahr, die Nymphen Indras würden bei dem Anblick solcher Schönheit erröten.« Der andere aber erwiderte: »Wenn diese Frau in das Haus unseres Fürsten gelangt, wird er um ihretwillen seine Herrscherpflichten vernachlässigen, weil er an nichts anderes denken wird, als dieser Frau das Leben zu verschönen. Darum laß uns melden, sie sei häßlich und für unsern Herrn nicht geeignet.«

Sie taten also, und der Landesfürst verzichtete auf die Heirat. Darauf gab der Kaufmann seine Tochter einem Hauptmann der fürstlichen Leibwache zur Frau. Eines Tages ritt der Fürst an dem Hause des Hauptmanns vorbei und sah eine Frau auf dem Dache lustwandeln. Er sprach zu sich: »Ist dieses Weib die Tochter einer Gottheit, eine Jungfrau des Paradieses oder ein sterbliches Wesen?«

Er erkundigte sich, woher jene Frau stamme, und erfuhr, daß sie die Tochter des Kaufmanns sei, die er zurückgewiesen hatte. Er befahl, die beiden Sendboten vorzuführen, und redete sie mit gerunzelter Stirn also an: »Euer Bericht ist unwahr gewesen. Ich habe heute mit eigenen Augen die Kaufmannstochter gesehen, die ihr mir beschrieben habt, und sie ist so schön, daß ihresgleichen nicht zu finden ist.«

Die Höflinge erwiderten: »Herr, wir fürchteten, unter dem Einfluß dieser schönen Frau würdest du die Staatsgeschäfte vernachlässigen und dein Reich müßte dabei zugrunde gehen. Darum haben wir diese Unwahrheit ersonnen. Haben wir unrecht gehandelt, dann bestrafe uns, wie du es für angebracht hältst.«

Der Fürst vermochte ihren Besorgnissen nicht zu widersprechen. Aber ein geheimer Kummer nagte seitdem an dem Mark seines Lebens. Da erschien jener Hauptmann eines Tages vor ihm und sprach: »Herr, jedermann weiß, welcher Gram dich verzehrt. Siehe, ich bin dein Sklave; befiehl, daß mein Weib vor dir erscheint!«

Darüber erzürnte der Landesfürst und erwiderte: »Wie kannst du solches sprechen! Weißt du nicht, daß es Sünde ist, der Frau eines andern sich zu nähern?«

Seit jenem Tage verschloß der Fürst sich in seine Gemächer, und er starb nach zehn Tagen. Als die Frau des Hauptmanns die Todesnachricht erfuhr, ging sie zu ihrem geistlichen Lehrer und fragte ihn: »Der edelmütige Fürst ist um meinetwillen gestorben; sage mir, was ich tun soll!« Der Greis antwortete ihr: »Wenn eine Frau auf dem Scheiterhaufen des Mannes, der sie liebte, ihr Leben opfert, dann bewirkt ihr dies dieselben Verdienste wie hundert Pferdeopfer, die das Recht begründen, im Himmel zu herrschen.«

Darauf dankte die Frau dem Lehrer und begab sich zu dem Platz, auf dem der Landesfürst soeben verbrannt wurde. Sie beschrieb den vorgeschriebenen Kreis um die Feuerstätte, kreuzte die Hände auf der Brust und verrichtete, der Sonne zugewendet, ihre letzten Gebete. Demütig sprach sie alsdann zu dem Verstorbenen: »Herr, ich bin deine Sklavin in jedem künftigen Leben!« Dann verhüllte sie das Haupt und sprang in den Scheiterhaufen.

*

 

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