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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 28
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Das Knabenopfer

Es lebte einst ein König, der war von allen erdenklichen Leiden geplagt. Obwohl er viel Gutes tat, wollte sein Zustand sich nicht bessern. Deshalb begann er mit der Gottheit, die den Menschen Gesundheit verleiht, zu hadern. Eines Nachts wurde ihm im Traum folgender Rat zuteil: »Lasse ein goldenes Bildnis anfertigen und auf der Landstraße aufstellen mit der Inschrift: Wer seinen Körper für den König aufopfert, dem soll dieses goldene Standbild gehören!«

Der König ließ alsbald ein Bildnis aus purem Golde anfertigen, wohl zehn Lasten schwer, und ließ es an einem Kreuzpunkt der Landstraße aufstellen. Zwei Tage vergingen, und niemand meldete sich, der das Opfer seines Lebens um diesen Preis bringen wollte. Am dritten Tage schritt ein armer Landmann aus der Umgebung an der Stelle vorbei, und der Wärter, der neben dem Bildnis stand, erklärte ihm auf Befragen, was das Standbild und seine Inschrift bedeute.

Der Bauer ging heim, nahm sein Weib beiseite und sprach zu ihr: »Wir haben kaum für uns beide zu essen; laß uns einen unserer drei Knaben opfern, dann erhalten wir das goldene Bildnis und sind aller Sorgen zeitlebens enthoben.« Die Frau entgegnete ihm: »Tue, wie du willst; aber den jüngsten will ich nicht hergeben.« Ihr Mann erwiderte: »Ich will den ältesten nicht opfern.«

Der mittlere Sohn hatte draußen das Zwiegespräch mit angehört, trat hinzu und sprach zu seinen Eltern: »So lasset mich das Opfer sein!« Dann rief er seine beiden Brüder herein, und Eltern und Geschwister umarmten ihn und weinten. Als er auf seiner Opferung fest bestand, übergab der Vater ihn dem Wärter und brachte das Standbild nach Hause.

Der König, dessen Schmerzen immer stärker geworden waren, hörte von dem Entschluß des Knaben und ließ ihn herbeiführen. Er nahm Sandelholz, ungebrochenen Reis, Blumen, Spezereien, Kerzen, geweihte Speisen und Früchte, betete und erhob sich sodann von seinem Schmerzenslager, um das Opfer zu vollbringen. Da begann der Knabe zu lachen; denn er konnte es nicht fassen, daß ein Mensch und sei er ein König, von einem seiner Mitmenschen ein derartiges Opfer verlange. Das Lachen des Knaben aber verwirrte den König, so daß das Schwert seinen schwachen Händen entglitt und ihn selber tödlich verletzte. So wurde er dennoch durch diesen Knaben von seinen Leiden befreit. Der Opferwille des Knaben aber war erwiesen, und nach einmütigem Richterspruch verblieb das goldene Bildnis im Besitz seiner Eltern.

*

 

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