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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 27
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die drei zarten Frauen

Ein Fürst, der unvermählt war, wurde von seinen Hofleuten gebeten, unter den Frauen des Landes eine Gattin zu wählen; denn von den Fürstentöchtern der verschiedenen Länder im Umkreis hatte keine sein Wohlgefallen erregt. Als seine Umgebung einst wieder in ihn drang, er möge dem Lande einen Thronerben schenken, der seinen Namen und sein Geschlecht fortpflanze, sprach der Fürst: »Wohlan, ich bin geneigt, aus den edlen Familien meines Landes eine Gattin zu wählen; aber ihr Wuchs muß sein wie der des Leoparden, ihre Hände und Füße wie weicher Lotus und ihre Augen wie die des Rehes. Dabei muß sie von einer Zartheit des Empfindens sein, die nicht ihresgleichen hat. Findet ihr eine Frau mit all diesen Vorzügen, dann möge sie vor mir erscheinen, und ich werde an dem Tage, den der Sterndeuter bestimmt, meine Auswahl treffen.«

An dem festgesetzten Tage führten die Höflinge dem Fürsten drei Frauen zu, die waren aus edlem Geschlecht und eine jede von hohem Liebreiz. Der Fürst geleitete sie einzeln in seinen Garten. Als er die erste um ihre Herkunft befragte, hielt sie sich die Ohren zu; denn aus der entfernten Wohnung eines Landmannes vernahmen beide das leise Geräusch einer Mörserkeule, das ihr solche Schmerzen bereitete, daß sie zu weinen begann.

Darauf führte der Fürst sie in den Palast zurück und geleitete die zweite Frau in den Garten. Als er sie um ihre Herkunft befragte, fiel sie in Ohnmacht; denn in demselben Augenblick hatte eine Biene sich auf eine der Blumen in ihrem Haar gesetzt. Der Fürst rief ihre Lebensgeister wach und führte sie sodann in den Palast zurück.

Darauf geleitete der Fürst die dritte Frau in den Garten. Sie kamen beide zu einem Teich, auf dem Lotusblumen blühten. Der Fürst bückte sich, um der Jungfrau, die ihm die lieblichste unter den dreien schien, eine Blume zu pflücken. Da entglitt die nasse Blume seiner Hand und fiel auf den Fuß der schönen Dame. Und der Fuß wurde davon gebrochen. Da fing der Fürst die leise Klagende in seine Arme auf und ließ sie durch herbeigerufene Diener so behutsam, als ob sie das Standbild einer Gottheit sei, in seinen Palast tragen. Diese zarte Frau machte er später zu seiner Gattin.

*

 

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