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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 25
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der goldene Baum im Meere

Ein König sandte einst seinen Schatzmeister in die Städte seines Landes, damit er von seinen Untertanen neue Steuern erheben solle. »Ich hoffe,« so sprach er, »daß du mit reichen Abgaben und zufriedenem Antlitz wieder vor mir erscheinen wirst.« Nach drei Monaten erschien der Schatzmeister wiederum vor seinem Herrn mit reichlichen Abgaben, aber mit bedrückten Mienen. Jener fragte ihn: »Was ist die Ursache deiner Kümmernis?« Und der Schatzmeister sprach also: »Vernimm, o Fürst, was mir widerfahren ist. Ich kam auf meiner Dienstreise bis zur Küste, und meine Ohren lauschten der ewigen Sprache des Meeres. Dann wurden meine Augen auf eine Stelle im Wasser gelenkt; aus dieser sah ich einen goldenen Baum aufsteigen, dessen Blätter waren Smaragden, seine Blüten Topase und seine Früchte Korallen. In den Zweigen saß eine Jungfrau, deren Lotusaugen waren wie klares Mondlicht. Sie hielt eine Harfe in der Hand und sang eine leise, feierliche Weise. Als das Lied zu Ende war, versank der Goldbaum sacht in die Tiefen des Meeres. Seitdem ich diese wundersame Frau gesehen habe, vergehe ich vor Sehnsucht, sie wiederzusehen. Das ist es, was ich dir zu berichten habe.«

Der König schwieg eine Weile sinnend, dann sprach er ernst: »Es ziemte sich für einen Weisen, nach den Vorschriften Buddhas den Fallstricken der Frauen auszuweichen.« Hierauf entließ er den Schatzmeister gnädig. Allein seit diesem Tage fand der Fürst keine Ruhe mehr. Am siebenten Tage übergab er seinem ersten Hofbeamten die Regierung und machte sich ohne Begleitung auf nach der Meeresküste zu dem Ort, den der Schatzmeister ihm beschrieben hatte.

Dort angelangt, harrte er der Erscheinung. Und er sah mit einem Male, wie der goldene Baum mit der Jungfrau aus der Meerestiefe emporstieg. Und er hörte sie zu der Harfe leise ein Lied singen, das seine Seele mächtig bewegte. Er stürzte sich in die Fluten, schwamm zu dem Baum und erkletterte ihn. Die Jungfrau blickte ihn erstaunt an und fragte: »Warum bist du zu mir gekommen, du kühner Mann?« Er antwortete: »Deine Schönheit und dein Gesang haben mich bezwungen. Komm mit mir und werde mein Weib!« Da antwortete die Jungfrau: »Wohl möchte ich dies tun, doch kann es nur unter der Bedingung geschehen, daß du am vierzehnten Tage der dunklen Hälfte des Mondes mich in meinem Frauengemach den Tag und die Nacht hindurch allein lässest.« Damit war der König einverstanden, und sie ging mit ihm und wurde seine Gemahlin.

Es kam der vierzehnte Tag der dunklen Hälfte des Mondlichtes, und die neue Königin bat den König, der in ihren Gemächern war: »Herr, verweile heute nicht in meiner Nähe, wie du es gelobt hast!« Er gab seine Zustimmung, eingedenk seines Versprechens, und weil er sie mehr liebte als zuvor. Er hieß die Dienerinnen hinausgehen, erhob sich dann selber, nahm sein Schwert in die Hand und schritt hinaus. Draußen aber verbarg er sich hinter einem Vorhang und wartete voll Besorgnis ab, was nun geschehen würde. Allein die Müdigkeit übermannte ihn, und er begann einzuschlafen.

Als er um Mitternacht erwachte, gewahrte er aus seinem Versteck drinnen im Frauengemach, in dem niemand als seine Gemahlin weilte, einen Spukgeist, der peinigte die klaglos duldende Königin auf alle erdenkliche Weise. Da stürzte der König hervor und tötete den schlimmen Geist mit einem einzigen Schwertstreich, so daß sein Haupt am Boden kollerte.

Da rief die Gattin frohlockend aus: »Sei bedankt, du wahrhaft kühner Mann; denn du hast mich von dem Fluch befreit, der auf mir lastete!« Auf seine Frage erzählte sie folgendes: »Mein erhabener Vater war gewohnt, keine Mahlzeit ohne mich einzunehmen. Eines Tages aber versäumte ich unbesonnenes Kind die gewohnte Essenszeit. Darüber geriet mein Vater in heftigen Zorn, und er fluchte mir mit den Worten: am vierzehnten Tage des Monddunkels möge alle Male ein böser Dämon kommen und zur Strafe für meine Unachtsamkeit mich peinigen auf alle erdenkliche Art. Ich flehte seine Nachsicht an, und er fügte hinzu: Sollte einmal ein Mann erscheinen, der ohne dein Zutun den Dämon tötet, dann sei der Fluch von dir genommen.«

Der König sprach hierauf wohlgemut: »Doppelt freut mich, was ich getan. Nun aber laß uns hingehen, deinen Vater begrüßen und es ihm vermelden.« Da schimmerten die Lotusaugen der Königin, und sie erwiderte langsam und feierlich: »Wisse, o Herr, nachdem ich die Gattin eines Sterblichen geworden bin, wird die Gottheit mich nicht mehr achten. Zudem ist alle Zauberkunst, die du an dem goldenen Baum im Meere gewahrt hast, von mir genommen, weil ich mein Herz einem Menschen geschenkt habe.« Bei diesen Worten neigte die Königin das Haupt in Erwartung seiner Gegenrede. Der König aber war über dieses Geständnis hocherfreut und gelobte der Gottheit reiche Opfer. Um sich ihr Wohlgefallen für sein Haus und sein Land noch mehr zu sichern, tat er, vereint mit der Königin, zeitlebens viel Gutes, so daß das Lob dieses königlichen Paares bis in ferne Zeiten erklang.

*

 

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