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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 23
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Königserbe

Ein Kaufmann in einer Stadt war gestorben, und es kamen seine Anverwandten, nahmen seine gesamte Habe in Besitz und geboten der Witwe mit ihrer fünfjährigen Tochter in das Haus ihrer Eltern zurückzukehren. Da ging die Frau mit ihrem Kind viele Meilen weit bedrückt ihrer Heimat zu. Eines Abends überschritt sie, ohne es zu wissen, eine Richtstätte; dort hing ein Dieb an einem Holzpfahl. Die Hand der Frau berührte im Dunkeln seine Füße, und der Verurteilte rief: »Wer hat mir im Finstern wehgetan?«

Da bat sie, er möge ihr verzeihen, wenn sie ihn gestoßen habe, und sie fragte, wer er sei. Jener erwiderte: »Ich bin ein Dieb und hänge an diesem Pfahl schon drei Tage, ohne sterben zu können. Gib mir zu trinken!« Sie tränkte ihn aus dem Krug, den sie bei sich trug, und der Schächer sprach: »Vernimm dies zum Dank: nach Osten findest du einen Feigenbaum und nebenan einen ausgetrockneten Brunnen; hebe dort den Schatz, der darin versteckt liegt, und verheirate später mit dem Geld dein Kind an einen rechtschaffenen und klugen Mann.« Nachdem er dies gesagt hatte, starb er.

Die Frau ging hin, fand in dem Brunnen fünftausend Goldmünzen und lebte daheim wieder sorgenlos wie zuvor. Sie tat viel Gutes im Hause ihrer betagten Eltern. Diese starben bald, ihre Tochter aber wuchs heran und wurde die Frau eines angesehenen Brahmanen. Sie liebte ihre Mutter zärtlich bis zu deren Tode. Lange Zeit blieb ihrer Ehe ein Kind versagt; dann aber wurde sie Mutter eines Sohnes. Am siebenten Tage nach dessen Geburt vernahm die Mutter im Traum eine Stimme, die also zu ihr sprach: »Lege morgen um Mitternacht dein Kindlein in einen Binsenkorb, lege tausend Goldstücke hinzu und stelle den Korb vor den Eingang des Königshauses.« Am Morgen erzählte sie den Traum ihrem Manne, und dieser sprach: »Niemand erforscht die geheimen Absichten der Gottheit; dem Weisen aber sind alle ihre Winke heilig. Darum wollen wir uns jenem Gebot fügen.«

Vor Sonnenaufgang des nächsten Tages vernahm der König, dessen Ehe kinderlos war, im Traum eine Stimme, die also sprach: »Vor dem Tor deines Palastes steht ein Binsenkorb mit einem neugeborenen Knäblein; nimm dieses Kind an Sohnes Statt an, und dein Reich wird nicht untergehen.« Sogleich erhob der König sich von seinem Lager, schritt hinaus und fand das Kind in dem Binsenkorb. Er trug es selber in die Frauengemächer und überreichte es seiner Gemahlin. Am Morgen ließ er die Sterndeuter und Wahrsager kommen und befragte sie über seinen Traum. Und der Älteste der Weisen sprach also: »Der Knabe hat eine breite Brust, eine hohe Stirn und ein großes Gesicht, zudem alle zweiunddreißig Merkmale des Mannes: er wird deine Herrschaft aufrechterhalten.« Der König überreichte dem Weisen die Perlenkette von seinem Halse, beschenkte die anderen Greise, welche die Aussage des Ältesten bestätigten, und ließ alsbald ein großes Freudenfest veranstalten, bei dem Gaukler und Musikanten das Volk ergötzten.

Der Knabe wuchs heran, an Körper und Geist wohlgebildet, und als der König starb, bestieg er nach dessen Willen den Thron, wie wenn er sein leiblicher Sohn gewesen wäre. Er wurde ein weiser und gütiger Fürst, der viel Gutes tat bis an sein Lebensende. So wurde er ein Werkzeug in der Hand der Gottheit, der es gefallen hat, daß eine arme Witwe einem Schächer am Pfahl in seiner Todesstunde Barmherzigkeit erwies.

*

 

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