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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Der Schatzgräber

Ein rechtschaffener Mann, der in großer Dürftigkeit lebte, vernahm nachts im Traum eine Stimme, die also sprach: »Umkreise morgen um die sechste Stunde dreimal deinen Acker, von links nach rechts, verweile an der Stelle, richte ein Gebet an die Sonne und beginne dort zu graben, wo der Schatten deines Kopfes ist. Du wirst dort einen Schatz finden.« Der Mann tat, wie ihm geheißen wurde, und fand einen Sack voll Silbermünzen.

Ein Fremdling kam zufällig des Weges, sah den Landmann freudig in dem Geld wühlen und begriff sogleich, wie der Schatzgräber zu dem Geld gekommen war. Deshalb sprach er zu ihm folgendes: »Guter Mann, mir scheint, Ihr wißt nicht, daß dieser Acker vor fünftausend Jahren ein Schlachtfeld gewesen ist, und daß dieser Kriegsschatz, den Ihr soeben gehoben habt, Blutgeld ist, das Euch keinen Segen bringt. Es wird Euch vielmehr um Leib und Habe bringen. Darum folgt meinem wohlgemeinten Rat: legt das Geld in eine Holzkiste, steckt ein Lichtlein darauf und stellt sie diese Nacht drunten ins Schilf dicht ans Ufer des Flusses. Die Kiste wird alsdann stromabwärts treiben und an einer Tempelstätte landen. Dadurch wird dieser Kriegsschatz zum Tempelschatz, und Ihr habt den Segen davon.«

Der Landmann dankte für den erhaltenen Rat, ging mit dem Schatz heim und legte ihn in eine Kiste. Spät abends schritt er zum Fluß hinunter, stellte die Kiste in das Uferschilf, steckte ein Lichtlein darauf und ging nachdenklich nach Hause. Es war ihm aber heimlich ein Nachbar gefolgt, der unbemerkt hinter einem Strauch das Gespräch mit dem Fremdling angehört hatte. Dieser Nachbar trug ebenfalls eine Kiste bei sich; in diese hatte er einen zornigen Affen gesteckt. Als er im Schilf angekommen war, öffnete er die Kiste mit dem Schatz, nahm diesen heraus, sperrte den zornigen Affen hinein und legte dafür das Geld in die mitgebrachte Kiste. Dann stellte er sich auf die Lauer. Nach einiger Zeit schlich ein Mensch, in welchem er trotz des Dunkels jenen Fremdling wiedererkannte, an die Kiste heran, kniete behende nieder und öffnete den Deckel. In diesem Augenblick sprang der stets zornige Affe hervor und biß ihm die Nase ab. Und durch die stille Nacht ertönte das Wut- und Wehgeschrei des überlisteten Schelmes, vereint mit dem Gekreisch des stets zornigen Affen. Am andern Morgen ging der Nachbar zu dem rechtschaffenen Landmann und erzählte ihm, was in der vergangenen Nacht drunten im Schilf des Flusses vorgefallen war. Sodann gab er ihm den gesamten Schatz zurück. Darauf teilte der Landmann mit ihm das Geld. Allen Bewohnern der Ortschaft aber bot das Geschehnis auf lange Zeit Stoff zum Lachen.

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