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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Hirtenkönig

Dem Fürsten eines Landes wurde in hohem Alter noch ein Sohn beschert. Darüber war er hocherfreut, und er gelobte, daß er ein Vorbild seiner Mitmenschen werden solle. Der Jüngling hielt, was der Vater sich von ihm versprochen hatte: er war fromm, tapfer und klug. Als er nach dem Tode seines Vaters die Regierung übernahm, ließ er beim Schall der Trompeten bekanntmachen: »Niemand dürfe sich dem Spiel und den berauschenden Getränken ergeben, welche die Leidenschaften der Menschen erregen. Wer dieser Verordnung zuwiderhandle, der solle sein Vermögen verlieren und zudem verbannt werden.« Darüber freuten sich die Armen des Landes, die Reichen aber murrten heimlich.

Einige Zeit darauf ließ der junge Fürst beim Schall der Trompeten dies bekanntmachen: »Es ziemt dem Menschen nicht, das eigene Fleisch durch den Genuß des Fleisches der anderen lebenden Geschöpfe zu mästen. Wer den Schmerz dieser Geschöpfe nicht mitfühlt, vielmehr sie tötet, um sie zu verspeisen, der wird im andern Leben gelähmt, hinkend, einäugig, blind und verkrüppelt wiedergeboren werden.« Als seine Untertanen solches vernahmen, handelten die einen danach, andere aber spotteten heimlich über den neuen Fürsten.

Nach einiger Zeit ließ der Fürst unter Trompetenschall folgendes bekanntmachen: »Es hat der Gottheit auf mein Gebet gefallen, die Armut von allen meinen Untertanen wegzunehmen: darum sollen die Bewohner meines Landes künftig an Geld und Gut gleichgestellt sein!« Da schüttelten seine Verwandten die Köpfe und sprachen zueinander: »Wenn alle Menschen dieses Landes in ihrem Besitz gleich sein sollen und dabei so unabhängig, daß niemand dem andern mehr gehorchen will und keiner sich findet, der die notwendigen Arbeiten verrichtet, dann wird das ein Ende mit Schrecken werden.« Sie kamen überein, den jugendlichen Fürsten zum Wohl des Landes abzusetzen und einzukerkern.

Als der Fürst erfuhr, daß sie sein Haus umzingelten, trat er im Büßergewand heraus und sprach zu allem Volke: »Es ist nicht recht, daß um meinetwillen Blut vergossen werde. Darum entsage ich aus freien Stücken dem Thron und übergebe die Regierung meinen Verwandten.« Nach diesen Worten schritt er mitten durch die Krieger, die sie gegen ihn angeworben hatten, und verließ allein die Stadt.

Er ging über die Grenze des Landes auf einen heiligen Berg, erbaute sich dort eine Baumhütte und wohnte darin. Täglich schritt er hinab in das Tal und redete zu den Hirten, die drunten wohnten, von gottgefälligen Dingen. Da begab es sich, daß er eines Tages die Hirten des Tales niedergeschlagen vorfand. Auf sein Befragen berichteten sie ihm folgendes: Einer von ihnen hatte im Streit seinen Bruder getötet und zur Strafe war ein Halbgott in Vogelgestalt erschienen und hatte den Frevler zerfleischt. Es war ihnen aber bekannt, daß jener so lange täglich wiederkommen werde, um ein weiteres Opfer zu holen, bis einer aus ihnen sich selbst freiwillig aufopfern würde.

Als der königliche Jüngling dies vernommen hatte, sprach er zu den Hirten: »Ich werde mein Leben für das eure opfern; denn von eurem Leben genießen Frauen und Kinder Vorteile, ob aber ich lebe oder gestorben bin, das ist einerlei.« Er legte ein Hirtengewand um und begab sich zu dem Ort am Bergeshang, wo tags zuvor der Halbgott sein Opfer ergriffen hatte. Nicht lange wartete er, da stieg ein Halbgott mit einem Vogelkopf aus den Wolken nieder. Seine Beine hatten die Länge von vier Bambus, sein Schnabel war lang wie ein Palmbaum und sein Leib groß wie ein Berg.

Er erblickte den Jüngling im Hirtenkleid, schoß mit aufgerissenem Schnabel herab, erfaßte ihn, nahm ihn mit in die Lüfte und begann zu kreisen, damit ein jeglicher das Strafgericht gewahre. Alles hielt sich versteckt, nur eine alte Frau rief kläglich hinauf: »Schone diesen Jüngling; denn er ist keine Speise für dich. Nimm mich statt seiner; denn ich bin ohnedies bald dem Tode verfallen!« Diese Rede rührte den Halbgott, und er fragte den Jüngling: »Warum wolltest du, der du doch eines Königs Sohn bist, für einen dieser Hirten sterben?« Und der Jüngling erwiderte: »Die Bäume spenden Schatten, während sie selber der Sonnenhitze ausgesetzt sind und darin zu unserer Nahrung die Früchte reifen lassen; dies ist die Ähnlichkeit der guten Menschen und der Bäume. Bin ich ein guter Mensch, wenn ich in der höchsten Gefahr nicht bereit wäre, mich für einen meiner Mitmenschen aufzuopfern? Ich weiß, wer zur Rettung eines schwachen Weibes oder eines Fremdlings sein Leben opfert, der wird im Paradiese leben ewiglich.«

Hierauf sprach der Halbgott: »Sprich einen Wunsch aus; denn ich habe Wohlgefallen an dir gefunden.« Der Jüngling antwortete: »Dann bitte ich um das eine: verschlinge keinen dieser Hirten mehr.« Der Halbgott gelobte es ihm und ließ ihn dann sanft zur Erde gleiten. Während der königliche Jüngling das Haupt neigte und, die Hände über der Brust gefaltet, zur Sonne betete, traten die dankbaren Hirten hinzu und baten: »Bleibe bei uns als der Erste unserer Gemeinde und laß uns alles mit dir teilen.«

Der Jüngling tat nach ihrem Willen. Und es geschah, daß die Hirten des einsamen Tales all das willig befolgten, was der königliche Jüngling den Bewohnern seines Vaterlandes weise und warnend anempfohlen hatte. Und es waltete eine wunschlose Ruhe unter den Menschen dieses glücklichen Tales. Alsdann ernannten sie ihn zu ihrem Fürsten, und der Hirtenkönig wirkte unter diesen einfältigen und tugendhaften Menschen viel Gutes bis an sein Lebensende.

*

 

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